Romain Gary – Du hast Das Leben vor Dir

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Romain Gary – Du hast das Leben noch vor Dir

Wie alt er genau ist, weiß der kleine Mohammed, genannt Momo, nicht. Auch wer seine Eltern sind, hat er nie erfahren. Aber das ist auch nicht so wichtig, denn er hat ja Madame Rosa, die sich in Belleville um eine ganze Reihe von Kindern kümmert, deren Mütter als Prostituierte arbeiten und keine Zeit für den Nachwuchs haben. Mit einer gehörigen Portion Cleverness und einer guten Beobachtungsgabe gesegnet, berichtet er dem Leser in einer kindlich-unbeschwerten Weise vom Leben im Haus, vom Stadtviertel und natürlich von Madame Rosa und deren Vergangenheit im Zweiten Weltkrieg, die bei ihr als polnischer Jüdin deutliche Spuren hinterlassen hat. Zunehmend geht es der alten Frau schlechter und Momo ist mehr auf sich gestellt und muss ihre Fürsorge für die anderen Kinder mittragen. Doktor Katz begleitet ihn beim älter werden ebenso wie Nachbar Hamid. In dem bunten Pariser Stadtteil fällt das seltsame Gespann eines arabischen Jungen und einer alten Jüdin nicht weiter auf, doch sie sind etwas Besonderes in einer Zuneigung und Sorge für einander.

Der Roman „Du hast das Leben noch vor Dir“ wurde von Christoph Roeber neu übersetzt und erscheint nun zum ersten Mal unter dem tatsächlichen Namen des Autors Romain Gary. Bei der Erstveröffentlichung 1975 nutze Gary das Pseudonym Émile Ajar, wie unzählige andere Pseudonyme, was ihn jedoch recht bald in eine schwierige Situation brachte: bereits mit dem renommierten Prix Goncourt ausgezeichnet, konnte er diesen gemäß der Statuten nicht ein zweites Mal erhalten. Émile Ajar lehnte ihn daraufhin ab, die tatsächliche Identität wurde jedoch erst nach Garys Tod bekannt und gilt seither als einer der großen französischen Literaturskandale des 20. Jahrhunderts. Romain Gary als öffentliche Figur hatte ebenso wie seine Bücher einen großen Unterhaltungswert wie François-Henry Désérable in seinem Roman „Un certain M. Piekielny“ beweist und mich so an den kleinen Momo erinnerte.

Auch nach über 40 Jahren und bei der wiederholten Lektüre hat der Roman nichts von seinem Charme eingebüßt. Er lebt vor allem durch die Unbedarftheit seines Ich-Erzählers, der nach und nach versucht, die Welt um ihn herum zu begreifen. Dies führt für den Leser immer wieder zu amüsanten Aussagen, hinter denen jedoch auch tiefe Einblicke in die Französische Gesellschaft zutage treten:

Lange Zeit wusste ich gar nicht, dass ich Araber war, weil mich niemand beleidigte. Erst in der Schule hat man es mir beigebracht. Aber ich hab mich nie geprügelt, es tut immer weh, wenn man jemand schlägt.

Was seine Zukunft angeht, ist er noch unentschlossen:

Wenn ich volljährig bin, werde ich vielleicht Terrorist, mit Flugzeugentführung und Geiselnahme wie im Fernsehn, irgendwas erpressen, ich muss mir nur noch überlegen was, aber es wird sicher nicht nur ein Sonntagsfrühstück sein. Sondern was richtig Großes halt. Im Moment kann ich noch nicht sagen, was man erpressen muss, denn ich hab ja noch keine Ausbildung.

Es zeigt, in welchem Milieu er lebt und was er dort lernt, doch kann man ihm seine Gedanken kaum übelnehmen, in der bezaubernden Naivität, mit der er sie vorträgt. Er ist kein schlechter Junge, aber dass er durch sein Umfeld geprägt wird, versteht sich von selbst.

Seine Herkunft bleibt insgesamt mysteriös, vor allem sein Alter wird später deutlich nach oben korrigiert werden. Bei der Nachfrage, warum Madame Rosa ihm ein falsches Datum genannt hat, wird seine Rolle und Bedeutung für die alte Frau deutlich:

»Warum haben Sie gesagt, ich wär zehn, wo ich doch vierzehn bin?«
Sie werdens kaum glauben, aber da ist sie ein bisschen rot geworden.
»Ich hatte Angst, dass du mich verlässt, Momo, also hab ich dich ein bisschen kleiner gemacht. Du warst immer mein kleiner Mann. Ich hab nie einen andern geliebt. Also hab ich die Jahre gezählt und Schiss gekriegt. Ich wollte nicht, dass du zu schnell erwachsen wirst. Verzeih.«

So wie er auf sie angewiesen ist, braucht sie auch ihn, nicht nur, um den zunehmend schwierigeren Alltag zu bewältigen, sondern auch als emotionale Stütze, denn die Erfahrungen in Ausschwitz sitzen tief und die Angst vor den Deutschen hat sie nie abgelegt. Dass sie das Herz am rechten Fleck hat, beweist sie mit ihrer Pension für Prostituiertenkinder, die nach damals gültiger Gesetzeslage nicht bei ihren Eltern leben durften und so wenigstens vor der Inobhutnahme durch das Amt geschützt waren.

Große Literatur aus dafür ungewöhnlicher Perspektive und immer noch lesenswert.

François-Henri Désérable – Un certain M. Piekielny

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F.-H- Désérable – Un certain M. Piekielny

François-Henri Désérable begibt sich auf Spurensuche. Anlass ist ein gewisser Herr Piekelny, der in Hausnummer 16, der Grande-Pohulanka in Vilnius gelebt haben soll als dort auch ein gewisser Roman Kacew, später Romain Gary, wohnte. In seinen Bemühungen etwas über diesen Mann herauszufinden wälzt er unzählige Archive und durchforstet auch das Werk Garys, fährt wiederholt nach Vilnius und an die anderen Lebensorte Garys. Doch irgendwie scheint der Mann ein Phantom zu sein oder er ist schlichtweg einer der unzähligen Juden, die im Ghetto während des Zweiten Weltkrieges den Tod gefunden haben. Womöglich hat er aber auch nie existiert, sondern bleibt eine Erfindung von Romain Gary alias Roman Kacew alias Émile Ajar alias Fosco Sinibaldi etc. etc. etc.

„Un certain M. Piekielny“, der dritte Roman von François-Henri Désérable ist literarisch schwer zu fassen. In einer Weise ist es eine Art Biographie Romain Garys, und auch jede des ominösen Herr Piekielny. Zugleich ist es die Lebensgeschichte des Autors selbst, der eigentlich eine Karriere als Eishockeyspieler geplant hatte und darin auch recht erfolgreich war. Und es ist die Geschichte der litauischen Juden, des Landes zwischen Nazireich und Sowjetunion. Nicht zuletzt auch die große Frage, was ist Realität, was ist Literatur und inwieweit erfinden wir unsere Realität. Es verwundert nicht, dass der Roman daher den sogenannten „Grand Chelem“ 2017 macht, d.h. er ist für alle sechs großen französischen Literaturpreise nominiert: Prix Renaudot, Prix Goncourt, Prix Médicis, Prix Femina, Prix Interallié und Grand Prix du roman de l’Académie Française.

Der Roman entbehrt nicht einer gewissen Situationskomik, die Désérable in wahrlich unterhaltsamer Weise umzusetzen vermag. Sein erster Aufenthalt in Vilnius, bei dem eine Katastrophe die nächste jagt, ist voller Selbstironie und trockener Schicksalsergebenheit ob der chaotischen Umstände. Das allein lässt den Roman schon all die Beachtung verdienen, die man ihm im Literaturbetrieb schenkt. Viel interessanter wird das Buch jedoch bei den Überlegungen dazu, wie das Leben Piekielnys und auch Garys hätte sein können, was sie womöglich zugetragen hat. Désérable legt ihnen Wörter in den Mund, die vermutlich nie so gesprochen wurden – aber sie hätten so gesagt werden können. Die Vermischung von Wahrheit und Fiktion gelingt ihm auf ganz selbstverständliche Weise als wäre dies das Normalste überhaupt. Genau so war auch Gary der Schöpfer von Figuren und von Menschen – unvergessen das Drama um den doppelt erhalten Prix Goncourt – laut Statuten unmöglich. Es bleibt am Ende zu sagen:

Voilà, dis-je, on est réduit à le croire, ou non. Il se peut qu’il l’ait fait, mais il ne se peut aussi qu’il ait inventé cette histoire. (Pos. 1936)

Désérable müht sich selbst um die Beantwortung der Frage, was real ist und was fiktiv und was man als Schriftsteller darf oder nicht. Sind Lügen nicht auch nur subjektive Varianten der Realität? Wer hat das Recht, darüber zu bestimmen, was die wirkliche Wahrheit und Realität ist? Im Falle des M. Piekielny, den es gab oder auch nicht, ist es vielleicht auch alles ganz anders. Womöglich ist er einfach ein Symbol für all die Juden, die in Vilnius unter der Schreckensherrschaft ums Leben kamen. Und dann ist es letztlich auch egal, ob die Details sich auf diese oder jene Weise zugetragen haben.

Ein in jeder Hinsicht beachtenswerter und außergewöhnlicher Roman, von dem man sich nur wünschen kann, dass er dem deutschen Publikum auch zugänglich gemacht wird.