Anne Weber – Annette, ein Heldinnenepos

Anne Weber – Annette, ein Heldinnenepos

Ärztin, Kämpferin in der Résistance, militante Unterstützerin des Untergrunds. Geboren 1923 in einfachen Verhältnissen in der Bretagne wird Anne Beaumanoir zu einer der interessantesten Frauen Frankreichs des 20. Jahrhunderts. Noch als Studentin hilft sie während des 2. Weltkriegs zahlreiche Juden zu verstecken und zu retten, riskiert dafür nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch ihre Liebe, denn immer sind ihre Ideale wichtiger als sie selbst. So ist es auch nur natürlich, dass der Algerien-Krieg nach den wenigen Jahren der Ruhe in ihr die Wut und Abenteuerlust aufs Neue entfacht und sie sich für die Freiheit der Kolonialisierten einsetzt. Obwohl sie inzwischen Mutter ist, bleibt das übergeordnete Ziel Orientierungspunkt und wichtiger als persönliche Empfindsamkeiten. Als auch diese Schlacht geschlagen ist, widmet sie sich einem neuen Betätigungsfeld, als Ärztin ist sie prädestiniert am Aufbau des nun vermeintlich befreiten Landes mitzuwirken.

„Gott oder wer auch immer hats gemacht, dass sie hier lebt, alleine, klein und krumm. Krumm nur ein bisschen und auch nur von außen; im Innern ist sie gerade. So gerade wie ein Mensch in dieser Welt nur sein und leben kann.“

Die kleine Grande Dame lebt noch immer, fast 100-jährig berichtet sie nach wie vor in Schulen von ihrem zivilen Ungehorsam für das, was sie für richtig hielt. Anne Weber hat ihr ein Denkmal gesetzt, das nicht nur den bemerkenswerten Lebensweg einer unbeirrbaren, aufrechten und mutigen Frau nachzeichnet, sondern auch mit einem lakonisch-amüsanten Ton überzeugt. Ob dies für den diesjährigen Deutschen Buchpreis reicht, wird man sehen. Für mich auf jeden Fall eine unbedingte Leseempfehlung in jeder Hinsicht.

Ein Leben gewidmet dem Widerstand gegen totalitäre, ungerechte Staatsmacht. Nie zweifelt sie an ihren Idealen, auch wenn diese keinen Platz in der Wirklichkeit finden, ein kommunistischer Staat ohne Repression, dafür mit gleicher Freiheit für alle, muss wohl wirklich eine Utopie bleiben. Das heißt jedoch nicht, dass man Unrecht nicht bekämpfen sollte, wenn man es sieht. Rückschläge und immer wieder die Erkenntnis, dass die neuen Herrscher im Grunde auch nicht besser sind als die alten, können sie nicht abschrecken oder gar aufhalten. Die Männer an ihrer Seite müssen entweder ihren Kampf mitkämpfen oder sich verabschieden, ein klassisches Familienidyll gibt es für sie nicht, zu viel ist sie in geheimen Missionen oder auf der Flucht unterwegs. Sie droht sich selbst dazwischen immer wieder zu verlieren, doch sie treibt sich selbst immer wieder an weiterzukämpfen.

„Die Lage ist nicht grade ideal, um zwei jüdische Kinder zu verstecken. Sie tun es trotzdem. Denken womöglich: In idealen Lagen würde man keinen zu verstecken haben.“

Man kennt viele Geschichten von mutigen Helfern, die sich den Nazis und anderen fast übermächtigen Verbrechern couragiert entgegenstellten. Die Rolle der Frau wird dabei oft verschwiegen oder kleingeredet. Reden schwingen, das erlebt auch Anne Beaumanoir in der Partei, das ist es, was die Männer wollen, Reden schwingen und Macht, trotz Medizinstudium und Doktortitel bleibt für sie als Frau nur die Handlangertätigkeit, dabei ist sie es, die beherzt tut, was getan werden muss und das Machen immer vor das Reden stellt.

„Annette weiß: Was sie tat, ist richtig, vielleicht hat sie nicht das Recht, aber sie hat die Gerechtigkeit auf ihrer Seite, daran hat sie nicht die geringsten Zweifel.“

Sie trägt heute den von Yad Vashem verliehenen Titel „Gerechter unter den Völkern“ als Anerkennung für ihre Rettungsaktionen und das Risiko, das sie damit eingegangen ist. Auch wenn nicht alles legal und vielleicht im Nachhinein nicht die beste Entscheidung war, sie kann sicherlich als ein Vorbild für einen altruistischen Kampf für das höhere Gut gelten. Allein dafür, dass sie diese Frau ins öffentliche Bewusstsein außerhalb Frankreichs bringt, gehört der Autorin eine Auszeichnung.