Stefan Slupetzky – Im Netz des Lemming

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Stefan Slupetzky – Im Netz des Lemming

Der Lemming wird langsam alt, was sich darin offenbart, dass er seinen eigenen Junior Ben nicht mehr versteht, wenn der dem Papa mit der gängigen Internetsprache begegnet. Doch dann gerät alles aus den Fugen als der Mario, Freund von Ben, mit dem er in der Straßenbahn fährt plötzlich aus dem Wagen stürmt und sich von der Brücke stürzt. Für die online Community ist klar: der alte Mann aus der Bahn hat sich dem Bub unsittlich genähert und dieser konnte sich nur so befreien; glücklicherweise kann man ihn auch rasch identifizieren und über den Lemming ergeht sich ein Shitstorm aller erster Güte. Gemeinsam mit seinem alten Freund/Feind Inspektor Polivka macht er sich ans Ermitteln, da beide frisch wegen der Sache ihren Job verloren haben, bleibt dafür auch genügend Zeit.

Der Handlung nach ein Kriminalroman, aber Stefan Slupetzlys Geschichte strotzt nur so vor herrlichen Wortspielen und schier unglaublichem Humor, so dass man trotz der Ernsthaftigkeit des Themas immer wieder schmunzeln oder gar laut auflachen muss. Mit ganz viel Liebe sind die beiden Protagonisten gezeichnet und ebenso der Schauplatz, denn so ganz nebenbei erfährt man auch noch das eine oder andere Detail über Wien, das als Stadt, aber vor allem durch seine Bewohner eine wunderbare Kulisse für diesen Roman bietet.

Schnell ist bei dem Todesfall klar, dass der junge Mario Opfer einer anonymen online Hetzkampagne geworden ist. Wie sich bald zeigt ist er damit nicht allein, auch sein Vater sah sich üblen Schmähungen ausgesetzt, weil er mit seinen Sympathien für die Lage der Geflüchteten eine unpopuläre Haltung vertreten hat und Marios Lehrer wurde gar durch Fake News im Internet von seiner alten Schule vertrieben. Ein Phänomen unserer Zeit, das jeden treffen kann und dem man weitgehend hilflos ausgeliefert ist. Psychisch gefestigt mag man es aussitzen können, schon angeschlagen wie der Jugendliche, kann dies der Tropfen sein, der das berühmte Fass zum Überlaufen bringt.

„Wir sind zwar digitale Koryphäen, aber moralische und geistige Amöben; technologisch in der Zukunft, intellektuell im Mittelalter und klimatisch in der Endzeit.“

Ein Lehrstück der modernen Kommunikation und der Gefahren, vor denen es kein Entkommen mehr gibt, denn wer kann heute nur noch offline leben? Mit deutlichen Seitenhieben auf die aktuelle österreichische Politik – die ja bisweilen absurdere Züge annimmt als dies in einem schlechten Film je denkbar wäre – und mit zwei herrlichen Originalen, die man zugleich ins Herz schließt.

Jørn Lier Horst – Wisting und der fensterlose Raum

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Jørn Lier Horst – Wisting und der fensterlose Raum

Kommissar William Wisting wird vom Generalstaatsanwalt zu einem vertraulichen Gespräch gebeten. In der Sommerhütte des kürzlich verstorbenen ehemaligen Außenministers Bernhard Clausen wurden Umzugskisten mit mehreren Millionen Kronen in Fremdwährung gefunden. Der Ermittler soll herausfinden, was es damit auf sich hat, bevor die Öffentlichkeit etwas davon erfährt. Gemeinsam mit seinem Kollegen Mortensen und seiner Tochter Lina beginnt er die geheimen Ermittlungen. Schnell können sie Verbindungen herstellen zu einem Überfall auf einen Geldtransport, offenbar steht auch ein alter Vermisstenfall in Zusammenhang mit dem ehemaligen Minister, der nicht nur allseits beliebt, sondern auch völlig unbescholten war. Als die Hütte in Flammen aufgeht, kurz nachdem Wisting und sein Team alle wichtigen Dokumente herausgeholt haben, wird ihnen klar, dass es hier um eine deutlich größere Sache geht als zunächst vermutet.

Der zweite Fall der Cold Case Reihe für den norwegischen Ermittler führt ihn ebenso in die heiklen Kreise der Politik wie auch ins brutale Osloer Milieu, wo ein Menschenleben nicht viel zählt. Jørn Lier Horst bietet dabei wieder einmal einen ausgesprochen komplexen Fall mit mehreren Unterfällen, die langsam miteinander verwoben werden. Wie auch schon in anderen Fällen kombiniert er dabei geschickt klassische Polizeiarbeit mit der investigativen Arbeit der Journalistin Lina, was schön die Parallelen, aber auch Unterschiede aufzeigt.

Kommissar Wistings aktueller Fall hat mich restlos überzeugen können. Die Arbeit der Ermittler geht strategisch und logisch voran, sie sind nicht auf Kommissar Zufall angewiesen, sondern werten vorhandene Informationen systematisch aus und nähern sich so der Auflösung. Die Figuren erscheinen erfreulich authentisch, Jørn Lier Horst verzichtet auf die typischen Klischees bei deinem Team und dank Enkeltochter Amalie stören auch immer wieder ganz banale Alltagsprobleme wie gesicherte Kinderbetreuung oder Quengelei die Arbeit, was der Handlung seinen sympathisch normalen Touch verleiht.

Der Fall ist spannend angelegt und startet zunächst mit vielen vermeintlichen Sackgassen, was die Ermittler schon fast verzweifeln lässt. Doch dann – um Wistings Metapher zu verwenden – finden sich langsam die Schlüssel und Schlösser und Türen beginnen sich zu öffnen. Das Tempo steigert sich gegen Ende und aus dem sehr klassischen Cold Case wird ein unter hohem Zeitdruck geführter akuter Fall mit realer Bedrohung.

Für mich stimmt bei der Serie einfach alles, daher ganz eindeutig eine Leseempfehlung.

John Marrs – Die gute Seele

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John Marrs – Die gute Seele

Menschen, die sich bei der Telefonseelsorge melden, suchen jemanden, der ihnen zuhört, vielleicht Ratschläge gibt und ihnen hilft, eine schwierige Situation zu meistern. Wenn die Anrufer auf Laura treffen, erwartet sie ein vielfältiges Angebot von Hilfestellungen: sie bietet Trost, macht Mut, gibt nützliche Tipps und begleitet einem auch beim erfolgreichen Suizid. Was?!? Ja, die Menschen, die kurz davor stehen, sich das Leben zu nehmen sind Lauras Spezialität. Doch als sie David und Charlotte auf diesen Weg geführt hat, ahnte sie nicht, dass Charlottes Verlobter sich nicht mit der Erklärung Schwangerschaftsdepression zufrieden stellen lassen würde. Er beginnt nachzuforschen und kommt hinter Lauras Geheimnis. Er muss dieser Frau das Handwerk legen. Der finale Kampf hat begonnen.

John Marrs gehörte 2019 zu meinen Highlights und auch „Die gute Seele“ bietet wieder ein morbides Spiel mit den zentralsten menschlichen Charakterzügen. Dabei steigt er einmal mehr in Abgründe der Seele hinab, die man sich eigentlich gar nicht vorstellen möchte. So einfach die Grundkonstellation zu Beginn scheint, so sehr hat man sich aber als Leser auch getäuscht, denn Marrs hat bei der Anlage seiner Charaktere noch viel mehr auf Lager als man zunächst annehmen würde und eins steht fest: schwarz und weiß bzw. gut und böse sind keine Kategorien, die hier funktionieren würden.

Der Psychothriller kommt mich vor allem dadurch begeistern, dass die Karten immer wieder neu gemischt werden und jede Festlegung und Meinung, die man zu einer Figur entwickelt hat, so auch immer wieder neu justiert werden muss. Geschickt manipulieren die beiden Protagonisten, wobei sie nicht selten selbst die Leidtragenden ihres Tuns sind, was fast schon wieder Mitleid weckt. Scheint Laura zunächst einfach abgrundtief böse zu sein, muss bei ihr das Urteil auch differenzierter ausfallen, was es einerseits schwer macht, da man gerne in Kategorien denkt, aber gleichzeitig wird der Roman so unglaublich authentisch, denn die Realität verweigert sich oftmals ebenfalls den einfachen Zuschreibungen.

Einmal begonnen reißt einem der Roman einfach mit und man folgt das perfide Spiel gebannt ohne die leiseste Ahnung, wie es am Ende ausgehen wird.

Claire McGowan – The Other Wife

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Claire McGowan – The Other Wife

Suzi freut sich, als sie in der abgelegenen Gegend, in die sie kürzlich mit ihrem Mann gezogen ist, endlich eine Nachbarin bekommt. Nora macht einen sympathischen Eindruck, auch wenn sie gerade ihren Ehemann verloren hat und offenkundig trauert. Was Suzi nicht ahnt, ist, dass Nora mit gutem Grund das Nachbarhaus wählte, denn sie weiß, dass Suzi die Frau ist, mit der ihr Mann eine Affäre hatte und die ihn als letzte vor dem Unfall gesehen hat. Auch Suzis Mann weiß von der Untreue seiner Frau und hat ebenfalls so seine Pläne, Suzis Schwangerschaft spielt ihm dabei hervorragend in die Hände. Während die junge Frau ahnungslos versucht sich im neuen Leben zu orientieren, bringen sich die anderen in Position, doch bald schon werden die Karten neu gemischt und die Frage wer Freund und wer Feind ist, muss neu beantwortet werden.

Der Krimi fokussiert abwechselnd auf den Frauenfiguren, wobei es einige Zeit braucht, bis man Suzi, Nora und die ebenfalls vorhandene Elle in den richtigen Zusammenhang bringt. Durch den Perspektivenwechsel hat man mal einen Vorsprung vor den Figuren, mal aber verwirrt dieses auch wieder. Interessant dabei ist, wie man seine Sympathien immer wieder verschiebt, je besser man die Figuren kennenlernt.

Schon bald glaubt man die Verschwörung durchschaut zu haben, doch das tatsächliche Ausmaß entfaltet sich erst spät und lenkt die Aufmerksamkeit nochmals auf eine ganz andere Geschichte. Mit den Figuren habe ich etwas gehadert, Suzis Fremdgehen mag man ja noch neutral betrachten können, aber ihre Naivität und geringe Weitsicht machen es schon schwer wirklich Mitleid mit ihr zu haben. Auch Nora ist ein Opfer, ihre Rachepläne durchaus nachvollziehbar, aber so richtig zum Sympathieträger wird sie auch nicht. Die ganz große Geschichte, die hinter allem steht, ist durchdacht und nachvollziehbar konstruiert, wenn ich auch meine Zweifel hege, dass jemand wirklich einen so großen Coup planen und unentdeckt umsetzen könnte. Das tut der Spannung jedoch keinen Abbruch, denn die Autorin bietet insgesamt so viele bemerkenswerte Details an menschlicher Bösartigkeit, dass man fasziniert davon das Buch kaum aus der Hand legen mag.

Sarah A. Denzil – One For Sorrow

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Sarah A. Denzil – One For Sorrow

Leah und ihr Bruder wollen einfach nur weg aus London und glücklicherweise findet die Krankenschwester schnell eine neue Anstellung im ländlichen Crowmont Hospital, einer Einrichtung für psychisch kranke Straftäterinnen. Leah ist diese Arbeit nicht fremd und ihr Einstieg verläuft besser als erwartet. Die drei Patientinnen, die man ihr zugeteilt hat, scheinen unproblematisch und vor allem mit Isabel Fielding fühlt sie sich schnell verbunden. Dass die junge Frau wegen dem Mord an der 6-jährigen Maisie Earnshaw verurteilt wurde, kommt Leah jedoch zunehmend weniger nachvollziehbar vor. Sie ist eine vorbildliche Bewohnerin, die die meiste Zeit damit verbringt, unglaubliche Bilder von Vögeln zu zeichnen. Leah spürt, dass sie die notwendige professionelle Distanz verliert, glaubt aber noch alles unter Kontrolle zu haben. Bis sie erwacht und ihr klar wird, dass sie diese vollends verloren hat und Isabel fliehen konnte.

„One For Sorrow“ ist der erste Band der Isabel Fielding Reihe, der wahrlich die Bezeichnung Psychothriller verdient. Schon der Handlungsort in einer forensischen Psychiatrie bietet hier einiges an Gänsehaut, auch wenn die Figuren zunächst ausgesprochen sympathisch und harmlos erscheinen. Liegt es bei Isabel noch nahe, dass sie unter extremen psychischen Problemen leidet, wird das Ausmaß an Leahs Alpträumen und Halluzinationen erst im Laufe der Handlung offenkundig.

Das geschickte Spiel mit Wahrheit und Realität gelingt Sarah A. Denzil hervorragend, man weiß als Leser bald schon nicht mehr, was innerhalb der Fiktion tatsächlich geschieht oder nur halluziniert wird, worauf man sich verlassen kann und wer eigentlich von den Figuren krank oder gesund ist. Daneben hat mir das Spiel mit dem Aberglauben gut gefallen, schon der Titel weißt auf den bekannten Kinderreim hin, demzufolge die Anzahl der Elstern, die man sieht, Glück oder Pech bringt. Der mythische Todesvogel wird auch in der Geschichte seinem Ruf als Unheilsbringer gerecht. Der Cliffhanger am Ende für mich nur ein kleines Ärgernis, da Band zwei schon bereitliegt, davon abgesehen, eine überzeugende und vor allem gruselige Lektüre.

William Boyd – Restless [Ruhelos]

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William Boyd – Restless [Ruhelos]

Ruth Gilmartin, alleinerziehende Mutter, die ihr Lebensunterhalt als Fremdsprachenlehrerin für Privatschüler in Oxford verdient, macht sich zunehmend Sorgen um ihre Mutter. Diese verhält sich seltsam und fühlt sich offenbar verfolgt. Ruth nimmt das nicht ernst, bis ihre Mutter ihr Tagebücher zum Lesen gibt, in denen sie eine unglaubliche Geschichte niedergeschrieben hat: Sally Gilmartin ist nicht immer die brave britische Hausfrau und Mutter gewesen, als geborene Eva Delectorskaya wurde sie 1939 von den Briten als Spionin engagiert und hat gleich mehrere Anschläge überlebt. In den Wirren des Zweiten Weltkrieges gelang es ihr unterzutauchen und sich eine neue Identität zu verschaffen, diese, befürchtet sie, ist nun aufgeflogen und mit ihrem ehemaligen Liebhaber Lucas Romer ist noch eine Rechnung offen. Um diese zu begleichen, benötigt sie die Hilfe ihrer Tochter.

William Boyds neunter Roman gewann 2006 den renommierten Costa Book Award, der eher die populären Romane und weniger die hohe Literatur honoriert. Nichtsdestotrotz reiht er sich damit in eine beachtliche Anzahl bekannter Autoren wie Ali Smith, Hilary Mantel, Kate Atkinson, Colm Tóibin, A.L. Kennedy, Ian McEwan oder Salman Rushdie ein. Mit der Spionagegeschichte erfüllt er auch wieder genau das, was ich von ihm erwartet hatte: eine spannende Geschichte mit interessanten Figuren und einer Hintergrundstory, die durchaus einiges zum Nachdenken liefert.

Sally/Evas Spionagevergangenheit wird in Rückblenden durch die Tagebücher erzählt, die die Handlung der Gegenwart unterbrechen, diese aber unweigerlich in einem gewissen Licht erscheinen lassen. Ihre Tochter Ruth hatte eine Affäre mit einem Deutschen, aus der ihr Sohn Jochen hervorgegangen ist. Unerwartet nistet sich ein anderer Deutscher bei ihr ein, vorgeblicher Onkel des Jungen, und kurz danach sucht auch noch eine zwielichtige junge Frau Unterschlupf. Im Oxford des Jahres 1976 sind die Ereignisse der RAF in Deutschland durchaus bekannt und je tiefer sich Ruth in die schmutzigen Angelegenheiten der Agenten vertieft, desto naheliegender ist es auch, dass ihre beiden ungebetenen Gäste nicht ohne Grund nach England geflüchtet sind. Das Auftauchen der Polizei und deren vage Fragen schüren nur noch ihren Verdacht.

Das Spiel mit Identitäten und Wahrheiten gelingt Boyd meisterhaft. Die Spannung – die gleich in beiden Handlungssträngen vorhanden ist – dosiert er wohlüberlegt bis zum Höhepunkt und der unausweichlichen Konfrontation. Dem großen Erzähler von Spionageromanen John Le Carré steht er meines Erachtens in nichts nach. Auch wenn der Plot durchaus gewisse Ähnlichkeiten zu anderen Romanen wie Jennie Rooneys „Red Joan“ [dt. Geheimnis eines Lebens] oder Kate Atkinsons „Transcription“ [dt. Deckname Flamingo] aufweist – wobei Boyd seinen bereits 2006 verfasste und damit vor den anderen genannten lag – kann mich das Setting immer wieder faszinieren, vor allem wissend, dass es zahlreiche dieser Geschichten real gab und gibt und viele Spione des Zweiten Weltkrieges später ein  unbehelligtes Leben mitten unter uns führten.

Karen M. McManus – Two can keep a secret

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Karen M. McManus – Two can keep a secret

Schon immer war Ellery fasziniert von True Crime Stories, vermutlich, weil ihre Tante Sarah als junge Frau spurlos verschwand. Als ihre Mutter einen längeren Klinikaufenthalt antreten muss, zieht sie zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Ezra nach Echo Ridge zu ihrer Großmutter, der Ort des Verbrechens, der kein gutes Pflaster für junge Frauen zu sein scheint. Just als sie dort ankommen wird nämlich der fünfjährige Todestag der hübschen Lacey begangen. Kurz darauf wird die Stadt durch diffuse Morddrohungen alarmiert und es dauert nicht lange, bis wieder ein Mädchen verschwindet. Ellery ist verschreckt und fasziniert zugleich und beginnt wildeste Theorien über den möglichen Mörder zu spinnen. Dieser ist womöglich näher als sie ahnt, denn Malcolm, mit dem sie sich in der neuen Schule anfreundet, ist der Bruder des Hauptverdächtigen.

Karen McManus konnte mich mit ihrem ersten Roman „One of Us is Lying“ restlos begeistern. Der Nachfolger reicht leider nicht ganz an diesen heran, wenn auch die Geschichte überzeugend konstruiert ist und man lange Zeit völlig im Dunkeln tappt. Gefallen hat mir die Protagonistin mit ihrem Spleen für True Crime Geschichten, der sie zur engagierten Detektivin macht und immer wieder neue Theorien über die Geschehnisse in der Kleinstadt entwickeln lässt.

Gleich mehrere Verbrechen werfen große Fragen auf, ob und wie diese im Zusammenhang stehen, bleibt lange unklar. Mit Ellery und Ezra kommen zwei Außenseiten in die Kleinstadt, die sich die Verbindungen der Bewohner untereinander erst erarbeiten müssen und so gemeinsam mit dem Leser ein Bild von Echo Ridge entwickeln. Dass sie selbst unmittelbar mit den Geheimnissen verbunden sind und gefühlt jede Figur auch etwas zu verheimlichen hat, hält sie Spannung konstant hoch, auch wenn ich mir bisweilen etwas mehr Tempo gewünscht hätte. Die einzelnen Fälle werden am Ende insgesamt glaubhaft gelöst, wobei mein persönliches Highlight – Achtung Spoiler! – der Schlusssatz war. Ich mag es, wenn irgendwie alles vorbei ist und dann aus dem Nichts nochmals ein Akzent, oder eher ein heftiger Schlag, gesetzt wird.

Mark Johnson – Die schlichte Wahrheit

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Mark Johnson – Die schlichte Wahrheit

Dass er einmal in der Politik landen würde, hatte sich Jonatan Stark nicht vorstellen können. Neue Technologien entwickeln, um umweltfreundlich die erforderliche Energie herzustellen, war sein großer Traum. Doch als ein ehemaliger Studienkollege ihm den Job offerierte, schlug er zu. Nun aber läuft die Sache aus dem Ruder, der Ministerpräsident persönlich bittet ihn als Experten um einen Gefallen, er soll bei der Beraterfirma Lionshare spionieren und deren revolutionäre Technik auskundschaften. Alles zum Wohl des schwedischen Volkes – und um die Haut des Politikers zu retten, dessen Umfragewerte eine deutliche Sprache sprechen. Jonatan spielt notgedrungen mit und gerät in ein unglaubliches Geflecht von rücksichtslosen Politikern, geldbesessenen Interessen von Wirtschaftsbossen und brutalen russischen Oligarchen.

Mark Johnson bedient sich in seinem Debutroman „Die schlichet Wahrheit“ gängiger Versatzstücke guter Politthriller: eine aufgeheizte politische Stimmung; ehrgeizige Individuen, die bereit sind über Leichen zu gehen; Journalisten, die noch an höhere Ideale glauben und für diese viel riskieren; russische Oligarchen, die sich über den heimlichen Besitz an Energieunternehmen nicht nur ein Einkommen sichern, sondern westliche Staaten von sich abhängig und erpressbar machen. Dazu noch ein paar Mordanschläge und vor allem ein unbescholtener, sympathischer Bürger, der zwischen die Fronten gerät. Das kann in einem spannenden und rasanten Thriller münden – oder eben sensationell danebengehen. So wie hier.

Das ganze Konstrukt ist so aberwitzig, dass es jeder Glaubwürdigkeit entbehrt. Die beiden Politiker versuchen sich mit absurdesten Spielchen, die zu nicht mehr als Kopfschütteln taugen, gegenseitig reinzulegen. Die ganze Handlung wird auf wenige Stunden komprimiert, was allein schon große Fragen nach dem Realitätsgehalt aufreißt. Es gibt quasi kein Klischee, das Johnson auslässt, im Gegenteil, alle werden maximal bedient, großes Highlight: der folternde russische Oligarch – platter geht es kaum. Freund und Feind sind irgendwie einerlei und dem guten Jonatan können Folter, Verfolgungsjagden und brenzligste Situationen nichts anhaben. „Die schlichte Wahrheit“ ist schlicht ganz großer Unfug, der maximal als fürs Actionkino taugt, wo auf glaubwürdige und logische Handlung nicht viel Wert gelegt wird.

Anne Nørdby – Kalter Strand

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Anne Nørdby – Kalter Strand

Eine Frauenleiche wird am Strand von Ringkøbing angespült. Alles deutet darauf hin, dass die Unbekannte eine Deutsche war, weshalb die Dänen Jette Vestergaard und Tom Skagen von Skanpol in Hamburg zur Unterstützung anfordern. Vor Ort bestätigt sich die Annahme bald, das Opfer Elena lebte seit einiger Zeit in Dänemark und arbeitete in einem Supermarkt. Weshalb sie Drogen bei sich hatte, bleibt jedoch unklar und bald schon zeigt sich, dass die Würgemale an ihrem Hals nicht die Todesursache waren. Während Jette und Tom mit den Kollegen ermitteln, geschehen in der nahegelegenen Ferienhaussiedlung seltsame Dinge. Das Ehepaar Wagner erhält verdächtige Pakete, dann verschwindet Hoffmanns Hund, bevor dann auch noch die Ehefrau von Markus Schneider und Mutter der beiden Kinder entführt wird. Kann das alles Zufall sein? Die Dänen wollen eine schnelle Aufklärung des Todes der Wasserleiche, doch Tom setzt auf sein Bauchgefühl, das ihn nicht im Stich lassen wird.

Teil eins der Serie um den Ermittler Tom Skagen verbreitet das bekannte skandinavische Flair düsterer Thriller. Die Autorin Anne Nørdby, Pseudonym der deutschen Anette Strohmeyer, die in Dänemark lebt und arbeitet, hat mit ihrem Protagonisten eine interessante Figur geschaffen, die durchaus das Potenzial für eine starke Reihe hat, denn nicht nur ist er ein scharfer Beobachter, der die klassische Polizeiarbeit akribisch verfolgt, sondern er hat auch eine Vorgeschichte, die im ersten Band nur angerissen wird, aber für seinen Charakter ganz entscheidend zu sein scheint.

Der Thriller kombiniert zwei unterschiedliche Fälle, die zunächst nur durch die räumliche Nähe in Zusammenhang zu stehen scheinen. Der Fall um die tote Elena geht dabei nur langsam voran, bietet aber den roten Faden und die Begründung für die binationale Zusammenarbeit. Spannender ist der zweite Handlungsstrang, der sich parallel entfaltet und die Mieter der Ferienwohnungen betrifft. Ein unheimlicher Erpresser setzt die Familien unter Druck und ist offenbar bereit, bis zum Äußersten zu gehen. Man hadert mit den Opfern und fragt sich unweigerlich, wie weit man selbst gehen würde. Beide Fälle werden am Ende sauber gelöst und sind überzeugend motiviert. Je näher man der Auflösung kommt, desto mehr steigert sich auch der Thrill und somit bleibt nur das Fazit: gerne mehr davon.

Holly Jackson – A Good Girl’s Guide to Murder

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Holly Jackson – A Good Girl’s Guide to Murder

Pippa Fitz-Amobi hat sich ein ganz besonderes Thema für ihre abschließende Projektarbeit in der Schule gesucht:  fünf Jahre zuvor verschwand in ihrer Kleinstadt Little Kilton die 17-jährige Andie Bell. Ihr Freund Sal Singh wurde des Mordes verdächtigt, was sein Selbstmord nur wenige Tage später zu bestätigen schien. Doch Pippa hat Zweifel daran, dass die Geschehnisse am 20. April 2012 wirklich so waren, wie man sie sich erzählt, vor allem, da Andies Leiche nie gefunden wurde. Sie beginnt Fragen zu stellen und dokumentiert akribisch ihre Erkenntnisse. In Ravi, Sals jüngerem Bruder, findet sie schnell einen Verbündeten und je tiefer sie in die Geschichte einsteigen, desto größer werden die Lücken, die sich in der Erzählung auftun und desto länger wird die Liste der Verdächtigen. Sie scheinen auf der richtigen Spur zu sein, denn bald schon erhält Pippa Warnungen: sie soll aufhören mit ihren Nachforschungen, sonst wird sie dies böse bereuen.

Holly Jacksons Debut Roman ist eine gelungene Mischung aus Jugendbuch und Thriller und stellt den Auftakt einer Serie dar, von der inzwischen vier Bücher auf Englisch veröffentlicht wurden. Mich hatte zunächst der Titel angesprochen, den ich witzig fand, die Geschichte versprach auch spannend zu werden und meine Erwartungen wurden voll erfüllt: die Krimihandlung wird nachvollziehbar aufgebaut und am Ende sauber gelöst, wenn ich hier auch ein paar Abstriche dafür machen würde, dass es mir ein Tick zu viel des Guten war. Die Protagonistin ist dafür eine charmante Mischung aus cleverem Mädchen mit durchaus auch humorvollen Zügen.

Die gesamte Handlung lebt letztlich von Pippas Nachforschungen. Die Mischung aus erzählender Handlung, ihren Notizen und Transkripten ihrer „Verhöre“ lockert dabei die Erzählung immer wieder auf. Akribisch verfolgt Pippa kleinste Spuren, die Tatsache, dass sie mit zahlreichen Jugendlichen befreundet ist oder wegen ihres Alters gar nicht ernst genommen wird, erlauben ihr den Zugang zu wichtigen Informationen. Dass sie bisweilen etwas naiv vorgeht, passt dabei stimmig ins Bild. Die Autorin verzichtet auf typische Klischees, die man in diesem Genre leider häufig findet, ebenso müssen die beiden jugendlichen Ermittler nicht auch noch für eine Liebesgeschichte herhalten, was den Roman auch für Erwachsene unterhaltsam macht. Eine rundum überzeugende und unterhaltsame Geschichte.