William Melvin Kelley – Ein anderer Takt

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William Melvin Kelley – Ein anderer Takt

Juni 1957 in den amerikanischen Südstaaten. Seit Tagen schon beobachten die Einheimischen, dass sich die Schwarzen aufmachen und in Scharen die Stadt Sutton verlassen. Busse, Züge, alle Verkehrsmöglichkeiten sind überfüllt, die gesamte schwarze Bevölkerung ist mit ihrem Hab und Gut auf den Beinen. Die Weißen schauen zu, verwundert, belustigt. Das größte Gesprächsthema ist jedoch Tucker Caliban, der seinem Herrn wenige Monate zuvor ein Stück Land abgekauft hatte, auf das er nun Salz gestreut und das zugehörige Wohnhaus niedergebrannt hat. Was bringt die Menschen dazu, einfach aufzubrechen und wegzugehen? Und wie soll man das finden? Gut, dass sie endlich weg sind oder wird das doch unangenehme Folgen haben?

William Melvin Kelley wuchs in der Bronx auf und studierte in New York und Harvard. Bis zu seinem Tod 2017 lehrte er an verschiedenen Colleges. Selbst hat er nur vier Romane und ein Band mit Kurzgeschichten veröffentlicht. „Ein anderer Takt“ hat er mit nur 24 Jahren bereits 1962 geschrieben – Mitten in der heißesten Phase der Rassendiskussion. Lange Jahre war der Text vergessen, die Journalistin Kathryn Schultz, die u.a. für den New Yorker schreibt, entdeckte das Buch zufällig und hat ihm so den Weg zurück ins öffentliche Bewusstsein geöffnet.

In elf Kapiteln berichten die Einwohner der Kleinstadt von den merkwürdigen Vorgängen. Es ist keine gewalttätige Revolte, sondern ein stummer Protest. Im Zentrum steht die Familie Willson, Nachfahren des Konföderierten Generals Dewey Willson, der einst vehement für die Erhaltung der Sklaverei kämpfte. Ab den 1930er Jahren jedoch mehren sich neue Gedanken und die Kinder Dewey III und Dymphna wuchsen mit den Calibans schon eher wie Geschwister auf. Nur so war es auch möglich, dass Tucker Caliban Land erwerben kann, um sein eigener Herr zu werden.

Neben dieser Selbstbefreiung und kritischen Haltung gegenüber der Rassentrennung jedoch – eher ungewöhnlich zu jener Zeit an jenem Ort – kommen auch die anderen Stimmen zu Wort, die vermutlich eher die Meinung der weißen Mehrheit repräsentieren dürften:

„Wir haben sie nie gewollt, wir haben sie nie gebraucht, und wir werden sehr gut ohne sie zurechtkommen; der Süden wird sehr gut ohne sie zurechtkommen.“

Endlich sind die Schwarzen weg, die ihr Land besetzen und ihnen die Arbeit wegnehmen und außerdem können sie dann auch keine Aufstände wie in den Nachbarstaaten anzetteln. Doch bald mehren sich auch die Bedenken, womöglich gibt es plötzlich zu viel Arbeit für zu wenig Arbeiter und wenn das Land nicht ordentlich bestellt werden kann, wird auch die Ernste notgedrungen schrumpfen und die Lebensmittel knapp werden. Die Stimmung schlägt um und verkehrt sich in Hass, offenbar wollen die einstigen Sklaven ihnen auch noch in ihrer Abwesenheit schaden. Ein Schuldiger muss her und dieser wird gefunden und zur Rechenschaft gezogen – auch wenn er unschuldig ist, aber solche Details sind unerheblich, wenn die Massen in Rage geraten.

Wie einst Moses das Volk Israel aus der Sklaverei Ägyptens führte, befreit nun Caliban – in Anlehnung an Shakespeares Kannibale aus „Der Sturm“ – sein Volk. Es bedarf jedoch keiner Plagen, sondern schlicht der Erkenntnis, dass man die Ketten abstreifen kann und der nötige Mut, dies auch wirklich zu tun.

Sollte Literatur die Kraft haben, die man ihr bisweilen zuschreibt, hat der Text das Potenzial nicht nur Augen zu öffnen, sondern Menschen den Mut zu schenken, aktiv zu werden und ihr Schicksal zu bestimmen. Bei der aktuellen politischen Lage in den USA, wäre dies mehr als wünschenswert, wenn sich Geschichte nicht rückwärts bewegen soll.

Arthur Rundt – Marylin

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Arthur Rundt – Marylin

Als er sie zum ersten Mal in der Hochbahn sieht, ist es sofort um Philip Garrett geschehen. Sie ist die Frau seines Lebens, sie wird er heiraten. Er beobachtet er sie nur, verfolgt sie unauffällig, nähert sich langsam. Dann spricht er sie an. Doch die Unbekannte hält ihn auf Distanz, flieht gar vor ihm in eine andere Stadt. Doch Philip bleibt hartnäckig: er wird Marylin erobern. Und so kommt es auch. Eine ungewöhnliche Liebe verbindet die beiden, voller tiefer inniger Zweisamkeit, die auch harte Zeiten übersteht. Nur ein Kind fehlt der kleinen Familie noch zum Glück. Doch als Marylin ein Mädchen zur Welt bringt, bricht das zarte Glück brachial auseinander.

Marylin ist kein historischer Roman, der das bitterste Kapitel der US-amerikanischen Geschichte aufgreift, sondern ein Zeugnis seiner Zeit. Arthur Rundt schriebt ihn 1928 in seiner Zeit als Korrespondent als Fortsetzungsroman, der nun erstmals in Buchform veröffentlicht wurde. Man spürt den Geist der Zeit, der Autor war ein scharfer Beobachter und das, was er Ende der 20er Jahre bereits ahnte, wurde kurz danach für viele Realität: der amerikanische Traum ist ausgeträumt und für die Schwarzen hat es ihn ohnehin nie gegeben.

Zunächst scheint der Roman eine große Liebesgeschichte zu erzählen, wie sie nur in einer Stadt wie Chicago und später New York zu finden ist. Philip weiß einfach, dass sie nicht nur die Richtige, sondern die Einzige für ihn ist:

Für seine Beziehung zu Marylin wäre es nicht ganz treffend, das Wort »Liebe« zu gebrauchen. Was in ihm vorging, war frei von jedem Konflikt. Er hatte sich für dieses Mädchen entschieden, ohne mehr von ihr zu wissen.

Wie eine Frau so eine offen zur Schau getragene Zuneigung ablehnen kann, bleibt zunächst rätselhaft. Dass ihr dies nicht leicht fällt und dass mehr dahinter steckt, ist offenkundig:

So schwankte Marylin von der Schwäche und Hingabe zu Trotz und Auflehnung. Niemand sah diesen Kampf, am sorgfältigsten wurde er vor Philip verborgen.

 Dennoch ist ihre Liebe zunächst augenscheinlich frei von Sorge, geradezu kindlich ergötzen sie sich an dem jeweiligen anderen, fahren Karussell und drehen sich um sich selbst. Die nahende Geburt des Kindes lässt jedoch Schlimmes befürchten und so kommt es auch. Doch die Wahrheit bleibt weiterhin Marylins Geheimnis und nun beginnt der tragische, aus heutiger Sicht unsägliche Teil ihrer Geschichte. Sie verleugnet die eigene Mutter, denn das ist es, was die Gesellschaft hören und sehen will. Sie versucht gar nicht erst sich zu erklären oder zu entschuldigen – wozu auch: hat sie etwas falsch gemacht? Einzig dass es ihr nie gelungen ist, ihrem Mann die Wahrheit zu sagen, eine Wahrheit, die eigentlich irrelevant sein sollte.

Arthur Rundt findet harte Worte, um dem heutigen Leser eindrücklich Marylins Lage vor Augen zu führen:

Der Richter Stevenson hatte wohl alles andere eher erwartet als das, was er sah. Er sprang auf und fuhr Marylin an: »Nehmen Sie’s weg! Nehmen Sie’s sofort wieder weg! Wenn die Dinge so stehen, kann ich Ihnen nicht helfen.«

Marylin gab ebenso laut und hefig zurück: »Ich hab’ nicht verlangt, Richter, daß Sie mir helfen! Ich will die Sache in Ordnung haben, sonst nichts!«

Der Richter trat hinter seinen Stuhl und machte eine Grimasse des Abscheus. »Wozu haben Sie dann das Zeug hierher mitgebracht? Wozu? Sind Sie vielleicht besonders stolz darauf?«

Da beugte Marylin sich vor und schrie so, daß die Adern an ihrem Hals anschwollen und ihre Stimme sich überschlug: »Es ist kein Zeug! Es ist kein Zeug! Es ist mein Kind, mein, mein, mein Kind, das niemanden etwas angeht, nie – manden, nie – manden!«

 An diesem fiktiven, sehr persönlichen Schicksal zeichnet Rundt das nach, was bittere Realität für viele war. Man zweifelt nicht daran, dass dies genauso hätte geschehen können und fragt sich, ob heute, fast 90 Jahre später, die Toleranz größer wäre und die Akzeptanz eine Offenheit ermöglichen würde.

Ein unbestritten lesenswertes Zeitzeugnis, dass nicht nur inhaltlich relevant ist, sondern auch noch sprachlich überzeugen kann.

Toni Morrison – Heimkehr

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Toni Morrison – Heimkehr

USA, 1950er Jahre. Der Soldat Frank Money ist aus dem Krieg in Korea zurückgekehrt. Allein, seine Freunde, mit denen er voller Erwartung zur Army ging, hat er auf dem Schlachtfeld verloren. Die Erlebnisse des Krieges haben ihre Spuren hinterlassen und die Illusion, dass man als Schwarzer, der für das Land sein Leben riskiert hat, nun gesellschaftlich anerkannt wird, muss er schon bald ebenfalls begraben. Ziellos zieht er umher bis ihn die Nachricht erreicht, dass seine Schwester Cee schwerkrank ist. Zum ersten Mal seit Jahren wird er zurück nach Lotus in Georgia gehen, dem Ort, vor dem er einst flüchtete.

Nachdem ich mit großer Begeisterung Toni Morrisons letztes Buch „Gott, hilf dem Kind“ gehört hatte, war ich gespannt auf frühere Werke, die dieselbe Thematik zu anderen Zeitpunkten in der Geschichte der USA thematisieren. Jedoch konnte mich „Heimkehr“ nicht im selben Maße überzeugen, wie dies ihr aktueller Roman getan hat.

Die Geschichte erzählt die aktuelle Situation der beiden Geschwisterkinder parallel im steten Wechsel. Unterbrochen werden beide durch Kindheitserinnerungen, die auch wesentliche Erfahrungen, die für bestimmte Entscheidungen in ihrem Leben relevant waren, aufdecken. Franks Schwierigkeiten, die Kriegserlebnisse zu verarbeiten, die fehlende medizinische Unterstützung und dadurch ausgelöst immer wieder Zusammen- oder Ausbrüche, zeigen besonders gut, wie traumatisiert Soldaten zurückkehren und eine Integration in die Zivilgesellschaft für sie fast unmöglich ist. Cee wiederum, von der Stief-Großmutter von klein auf psychisch wie physisch gequält, wählt die erste Möglichkeit zur Flucht und sieht sich schon bald mann- und mittellos auf sich alleingestellt. Ohne Schutz wird sie als Schwarze, der auch niemand zu Hilfe kommen kann und will, Opfer böser Machenschaften, was sie beinahe ihr Leben kostet.

Die Erfahrungen, die die beiden Geschwister wie auch ihre Freunde aufgrund ihrer Hautfarbe machen, sind vielfältig. Vorurteile und Beleidigungen sind noch das geringste Übel; man versagt ihnen Wohnungen, da man sie in bestimmten Gegenden nicht wünscht. In der Armee, wenn sie ihr Leben riskieren, sind Schwarze wie Weiße gleich, aber im normalen Leben ist in den 1950er ist Segregation nach wie vor eine Realität.

Thematisch interessant mit vielen unschönen Einblicken hätte ich gerne mehr von Cee gehört; mit Frank kann man sich als Leser schwerlich identifizieren, was vermutlich zu dem nicht ganz begeisterten Eindruck beigetragen hat.

Harper Lee – Go Set A Watchman

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Harper Lee – Go Set a Watchman

Die junge Jean Louise Finch kehrt aus New York in ihre Heimatstadt Maycomb, Alabama, zurück, um ihre Familie zu besuchen. Für ihren Vater ist sie immer noch das kleine Mädchen, das jeder nur Scout nannte und auch ihre Tante Alexandra wartet nur darauf, dass aus dem Freigeist endlich eine ordentliche Dame wird. Henry, ihr Jugendfreund, könnte dabei entscheidend sein, war Scout doch schon immer das Mädchen, das er bewunderte und liebte, doch diese zunächst erwiderte Liebe bekommt einen jähen Riss, als Jean Louise mit der politischen Realität konfrontiert wird und erkennt, das ihr idealisierter Vater nicht der Mann ist, zu dem sie ihn in ihren Gedanken gemacht hat.

Das lange erwartete und noch viel länger verschollene Buch der Pulitzer Prize Gewinnerin Harper Lee stellt ein Gegengewicht zum Klassiker „To Kill A Mockingbird“ dar, in dem die Figuren sich in der amerikanischen Rassenfrage ganz deutlich positionieren und für die gleichen Rechte Schwarzer wie Weißer einstehen. Nun, 20 Jahre später ist vieles nicht mehr so einfach und die Realität erlaubt keine so klare Positionierung mehr. Wie die Protagonistin mit zunehmendem Alter lernen muss, gibt es oftmals keine einfachen Antworten auf komplexe Sachverhalte und nicht alles ist so, wie es auf den ersten Blick zu sein scheint.

Was mir an diesem Roman besonders gefallen hat, waren Scouts Kindheitserinnerungen, die Episoden zeigen Harper Lees Sprachfähigkeit und sind ein lebendiges Beispiel für eine sehr differenzierte Figurenzeichnung. Mal traurig, mal clever, manchmal auch einfach zum Schmunzeln bieten sie ein wirklich tolles Lesevergnügen, dem die theoretisierenden Auseinandersetzungen zwischen Vater bzw. Onkel und Tochter gegenüber stehen. Hier merkt man, dass die Idee noch nicht ganz ausgereift war, denn der Bruch ist enorm, wenngleich die Absicht, die sich im späteren Werk verdeutlichen wird, bereits erkennbar ist.