Rabih Alameddine – The Wrong End of the Telescope

Rabih Alameddine – The Wrong End of the Telescope

When her friend calls her, Mina Simpson comes to Lesbos to help. The doctor can assist the refugees who land on the island not only physically but, since she is of Lebanese descent, she also speaks the language of the Syrians who risk their life to flee the war raging in their home country. For Mina, the Greek island is the closest she has been to her family for decades, as a trans woman, she never found her place there, only when she came to the USA could she live freely. With the first boat she sees lands the family of Sumaiya who first refuses to be examined by the doctor. But somehow, there is a spark of understanding between the two and Mina quickly understands why the other woman refuses any treatment: she knows already that she is terminally ill and the only thing she wanted to make sure was to bring her family to a save place.

“The Wrong End of the Telescope” is the third book I read of the author and again, he did not disappoint my high expectations even though it took me some time to figure out who the narrator is talking to. Just like in “An Unnecessary Woman”, we find a strong heroine who follows her ideas and yet is not totally stubborn and ignorant but sensitive to what her actions do to others. The plot centres around the refugee crisis which has been the top news for some years now and cleverly mixes fact and fiction by also integrating actual incidents.

Mina comes to the island with a clear aim: she wants to help. She is trained and thus qualified to do the work. Apart from her, there are many young people who have been attracted by the news, their situation is a bit different. Most of them arrived well-meaning, yet, taking photos of themselves helping and documenting the disastrous situation in the refugee camps seems to be their top priority, actually helping only comes second. Most of them seem to be unaware of their inadequate behaviour; the sensation seeking journalists, on the contrary, know exactly why they are there and that they prof from other people’s sufferance.

The protagonist differs strongly here, well, she differs from most people and her personal story is also not without traumatic experiences having grown up in the wrong body in a country where such a concept simply does not exist. She, like the refugees, knows what it means to lose home, to lose the people you love and to start anew in a different country, a different culture not knowing what the future might bring. She is well respected and her knowledge of both cultures allows her to critically comment on the flaws that both exhibit. As an outsider here and there, she is like an unrelated observer who thus can also highlight common traits members might not see.

Depending on the side of the telescope you use, you can get a closer or a more distant view of what you are looking at. Alameddine does both in his novel, on the one hand, he closely portrays the fate of one family, one mother, on the other hand, he also widens the frame of the refugee crisis. In addressing Mina’s narration to an unnamed and disillusioned writer, we also get both perspectives: looking at the world’s state on a wide you, you can simply despair, on the other hand, on a more personal level, there is still hope and so much good the single person can do.

Without a doubt, Rabih Alameddine is a wonderful narrator with a genius for integrating food for thought into brilliant narration.

Rabih Alameddine – Eine überflüssige Frau

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Rabih Alameddine – Eine überflüssige Frau

Ein einziger Tag, ein ganzes Leben. Mit einem Unglück startet Aaliya in diesen Morgen: ihre Haare sind blau, viel blauer als sie sein sollten. Aber warum sich aufregen, mit 72 Jahren spielt das auch keine Rolle mehr. Noch dazu lebt sie allein in ihrer kleinen Beiruter Wohnung; zu den anderen Bewohnern des Hauses hatte sie nie viel Kontakt, man kennt sich, weiß das Nötigste und fertig. Lieber hat sich Aaliya mit Büchern umgeben, in der Buchhandlung, in der sie viele Jahrzehnte gearbeitet hat, oder zu Hause, wo sie in den letzten 50 Jahren jährlich ein Werk der Weltliteratur übersetzt hat. Das neue Jahr steht an, eine Entscheidung für ein neues Buch muss getroffen werden. Wie viel Zeit bleibt ihr noch, kann sie sich an einen dicken Wälzer wagen? Immer wieder wird diese Überlegung unterbrochen, durch ein Klopfen an ihrer Tür, durch eine Erinnerung an die Vergangenheit, an die Geschichte ihrer geliebten Heimat und an Hannah, ihre einzige Freundin. Die blauen Haare waren nur der Anfang, das Schicksal hat noch mehr große Erschütterungen für Aaliya an diesem Tag vorgesehen.

Rabih Alameddine entführt seine Leser einmal mehr in den von ihm so sehr geliebten Nahen Osten, in den Libanon, seine Heimat. Das Schicksal dieser Stadt, das ihn offenbar schwer getroffen und beeindruckt hat, findet sich auch in diesem Roman wieder. Aaliyas Leben ist eng verbunden mit den Geschehnissen der Metropole zwischen Mittelmeer und Gebirge, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von zahlreichen Kriegen gezeichnet, immer wieder zerstört und wieder aufgebaut wurde und es schafft, unterschiedlichste Konfessionen und Lebensweisen zu beheimaten.

Das Leben Aaliyas verläuft nicht nach Plan, jung verheiratet wird sie doch nie zur echten Ehefrau und Mutter, als Geschiedene lehnt sie eine weitere Hochzeit ab und bleibt so allein, wenn auch nicht einsam, denn die Literatur begleitet sie. Für jede Lebenslage findet sie Trost bei einem Dichter, alles lässt sich erklären, denn es wurde bereits niedergeschrieben; auch die Philosophen und Maler, ebenso die klassischen Musiker haben es ihr angetan und ihr ferne Länder eröffnet. Aaliya macht einen zufriedenen Eindruck und scheint mit sich und der Welt im Reinen zu sein, nach all den Jahren, in denen sie auf sich allein gestellt war und auch schon einmal mit der Kalaschnikow im Bett schlafen musste. Und dennoch tut sich ein Riss auf. Dies wird an einer Stelle besonders offenkundig:

Henri Matisse hat einst gesagt: „Es hat mich mein ganzes Leben lang beschäftigt, dass ich nicht male wie jeder andere.“ Ich liebe dieses Zitat, liebe die Tatsache, dass der strahlendste Maler des 20. Jahrhunderts so gedacht hat.

Nein, sie ist keine typische Frau ihrer Zeit. Sie ist eigensinnig und durchsetzungsstark, beweist Rückgrat und Bildung. Als Autodidaktin wurde sie zur Übersetzerin, eine Arbeit für ein nicht vorhandenes Publikum. Aber sie sagt selbst, dass nicht das Ergebnis zählt, sondern der Weg dahin. Vielleicht ist das das Geheimnis ihres Lebens: nicht was sie am Ende erreicht hat, sondern die Zufriedenheit und Freude auf dem Weg dahin ist das, was wirklich zählt.

Rabih Alameddine zeichnet eine Figur, die nicht auffällt und doch heraussticht. Eine starke Frauengestalt, die sich in einer patriarchalischen Gesellschaft ihren Weg bahnt und eigene Maßstäbe zu setzen weiß. Dabei wirkt sich ein wenig schrullig, aber immer liebenswert. Und wer große Literatur liebt, muss unweigerlich auch Aaliya lieben.