Ian McEwan – Die Kakerlake

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Ian McEwan – Die Kakerlake

Eine gefährliche Reise für das Insekt über die vollen Straßen Londons, doch es erreicht das Ziel heile und am nächsten Morgen die große Überraschung: statt des gepanzerten Körpers findet er sich plötzlich in jenem eines Homo sapiens wieder. Nicht irgendeines Homo sapiens, sondern jenem von Jim Sams, dem britischen Premierminister. Dieser hat das größte Projekt des Landes seit Kriegsende vor sich, den Reversalismus, ein unglaublicher Vorgang, den noch kein Land gewagt hat und den er nun mit dem Intellekt einer Kakerlake durchführen muss.

Ian McEwans literarischer Beitrag zu den politischen Vorgängen, die seit über drei Jahren den öffentlichen Diskurs im Vereinigten Königreich bestimmen. Die Parallelen zu Kafkas absurdem Text überraschen nicht wirklich, man kann seit Langem nur noch mit Verwunderung zusehen, was sich auf der Insel tut und wie das Land sehenden Auges in die Katastrophe rennt und sich dabei ein immer tieferer Riss in der Gesellschaft bildet.

Es hat einen gewissen Charme anzunehmen, dass es Kakerlaken zu verantworten haben, was sich in Großbritannien tut. Die Vermenschlichung mit all ihren Einschränkungen wie dem begrenzten Blick, gelingt McEwan erwartungsgemäß überzeugend. Auch braucht es nicht viel, um die Analogie zwischen den Figuren und den realen Politikern zu erkennen, allen voran natürlich dem amerikanischen Präsidenten mit seiner Twitter-Politik.

„In schwierigen Zeiten wie diesen braucht das Land einen verlässlichen Feind.“

Würde man sich in anderen Werken an reduzierten und simplifizierten Aussagen stören, passen sie in diesem Roman perfekt. Es gibt nicht mehr viel Meinung zum Brexit auszuhandeln, es benötigt auch keine besondere Subtilität, um sich zur Gegenmeinung zu bekennen. Es fehlen einem die Worte und es braucht ein kafkaeskes Szenario, um einen Sinn darin zu erkennen, was gerade geschieht.

„Warum? Weil. Weil wir das nun mal tun. Weil es das ist, woran wir glauben. Weil wir uns an unser Wort halten. Weil das Volk es so will. Weil ich als Retter aufgetaucht bin. Weil. So lautet letztlich die einzige Antwort: weil.“

Auch wenn nicht daran zu glauben ist, dass es noch eine Umkehr geben wird, vielleicht hilft aber der berühmte Spiegel, den man vorhält, und die drastische Darstellung, die Augen zu öffnen.

Ein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Titel und Autor finden sich auf der Verlagsseite.

Michael Dobbs – House of Cards

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Michael Dobbs – House of Cards

Nachdem die große Premierministerin Margaret Thatcher abgedankt hat, werden die Conservatives von Henry Collingridge angeführt. Ein katastrophales Wahlergebnis mit nur knappem Sieg stürzt die Parteimitglieder in ein tiefes Loch, hinzu kommen die üblichen Enttäuschungen nach den Wahlen, wenn man den erhofften Posten nicht bekommen hat. So ergeht es auch Francis Urquhart, Chief Whip, der auf die Leitung eines Ministeriums gehofft hatte und jetzt zusehen soll, wie unfähige Dumpfbacken an ihm vorbeiziehen. Doch das wird er nicht so einfach auf sich sitzen lassen und Schritt für Schritt nimmt sein Plan Formen an. Es beginnt mit kleinen Leaks und führt letztlich zum Sturz des Premierministers. Der Weg für parteiinterne Neuwahlen ist geöffnet, aber es gibt Gegenkandidaten – diese ahnen jedoch nicht, was Urquhart in den Jahren zuvor alles über sie gesammelt hat und jetzt einzusetzen bereit ist.

Michael Dobbs kennt den innersten Kreis der Conservatives, hat selbst ab 1977 für die Partei gearbeitet und war unter Thatcher ein hoher Parteifunktionär. Der Rausschmiss durch die Eiserne Lady hat in seinem eigentlich als Erholung gedachten Urlaub zu dem schier unglaublichen Politthriller geführt, der mehrfach verfilmt wurde und als Netflix Serie große Erfolge feierte.

Im Zentrum der Handlung steht Francis Urquhart, dessen Machenschaften vor dem Hintergrund von Dobbs realen Erfahrungen noch erschreckender wirken als sie es schon sind. Es wird mit harten Bandagen gekämpft und vor nichts Halt gemacht. Jede noch so kleine Verfehlung kann den großen Sturz auslösen und ein cleverer und intelligenter Strippenzieher wie Urquhart weiß die Schwächen seiner Gegner zu nutzen. Er hat Geduld und Überblick, agiert nie hastig, sondern wartet geschickt seine Chancen ab, die er mal herbeiführt und mal einfach nutzen kann. Für die Macht geht er bis zum Äußersten und man hat nicht den geringsten Zweifel daran, dass dies alles genau so geschehen könnte. Seine einzige ernstzunehmende Gegenspielerin ist die junge Journalistin Mattie, die jedoch ebenfalls geschickt kaltgestellt werden kann, was sie jedoch nicht daran hindert, weiterhin Nachforschungen anzustellen und dem wahren Täter der Verschwörung auf die Schliche zu kommen.

Nicht nur die Handlung ist überzeugend konstruiert und bietet genau die Spannung, die man von einem Buch in diesem Genre erwarten würde. Auch Dobbs Schreibstil zwischen süffisanter Ironie und kaltherziger Abrechnung konnte mich schnell packen. Besonders die kurzen Zitate, die jedem Kapitel vorangestellt sind, zeigen nicht nur, dass der Autor genau weiß, wovon er schreibt, sondern dass er seine Worte auch punktgenau platzieren kann:

Kapitel 18: The world of Westminster is driven by ambition and exhaustion and alcohol. And lust. Especially lust.

Kapitel 27: A politician should never spend too much time thinking. It distracts attention from guarding his back.

Die Motti stimmen hervorragend ein und Dobbs folgt ihnen dann nur noch konsequenterweise. Beste Unterhaltung, die keine Wünsche offen lässt und auch nach fast 30 Jahren nichts an Relevanz und Überzeugungskraft verloren hat.