Christoph Schulte-Richtering – 32 Tage Juli

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Christoph Schulte-Richtering – 32 Tage Juli

Die Schule ist beendet, endlich die große Freiheit! Mit einem Interraiticket wollen Jayjay und Tiggy die europäische Welt erobern oder zumindest mal schauen, wie weit sie reicht. Bis in den Süden Portugals, nach Lagos, zieht es sie, wo sie einen alkohol- wie erlebnisreichen Sommer verbringen werden. Dreißig Jahre später werden sie zurückkehren, denn es gibt da noch eine Sache, die damals unerledigt blieb, etwas, das sie klären müssen. Mit Mitte 40, gerade im Job gescheitert, machen sie sich wieder auf und suchen nach den Spuren ihrer Jugend.

Christoph Schulte-Richtering erzählt die Geschichte um die beiden Freunde im Wechsel zwischen den naiven Welteroberern, die voller Tatendrang losfahren und sich unbekümmert in ihr Abenteuer stürzen und den beiden Männern, die Beziehungen haben scheitern sehen, beruflich an einem Wendepunkt stehen und sich fragen, ob sie in den drei Jahrzehnten zwischen damals und heute das Leben gelebt haben, von dem sie als Jugendliche geträumt hatten. Beide Perspektiven sind dem Autor hervorragend gelungen. Mich konnten sowohl die unbekümmerten Abiturienten überzeugen, die so manche Lektion auf die harte Tour lernen, wie auch die deutlich nachdenklicheren Mittvierziger, die erbarmungslos auf ihr Scheitern blicken.

Die Atmosphäre des sommerlichen Portugals, wo sich eine bunt gemischte Gruppe an Aussteigern und Sommerurlauben zusammenfindet, aus unterschiedlichsten Gründen aus ihren Ländern geflohen und nun eher unwillkürlich zusammengewürfelt, kommt durch jede Zeile durch und macht das Buch zur perfekten Sommerlektüre. Man kann das Salz des Meerwassers zwar nicht schmecken, aber großer Vorstellungskraft bedarf es keiner mehr, um sich die sonnenverwöhnten Strände und die nächtlichen Partys vorzustellen.

So wie der Sommer irgendwann zu Ende geht, hat Schulte-Richtering auch einen sehr melancholischen Schluss gefunden, der zwar nicht ganz den Weltschmerz des portugiesischen Saudade wiedergibt, aber doch eine gewisse Wehmut zum Ausdruck bringt: Die Briefe an die Geliebte jenes Sommers, deren Abstände immer größer werden und in denen es Jahr um Jahr einen anderen guten Grund gibt, weshalb man doch nicht zurückkehren kann. Das Leben holt Jayjay und Tiggy ein, die „32 Tage Juli“ gehören der Vergangenheit an und spielen im Leben im Jetzt zunehmend keine Rolle mehr. So spielt das Leben, es geht immer weiter und der Blick wird nach vorne gerichtet und nur manchmal wehmütig zurück.

Julia Sutton – A Sea of Straw

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Julia Sutton – A Sea of Straw

1966, Jody, a Manchester designer, and her baby girl Anna come to Lisbon to enjoy themselves far away from her estranged husband. When she meets the Portuguese painter Zé, she immediately falls for him. Soon they are making plans even though Zé is supposed to join the military, but he is positive that his father can bail him out. Jody and Anna need to return to England, but this is only meant for leaving her husband finally and packing her belongings before she can ultimately settle in Lisbon. Zé is waiting for her, but she never embarks the ferry she is supposed to take. Zé is desperate, not only because of longing for Jody but also for wanting to escape from the approaching date of his marching order. He does not want to become a supporter of the Salazar system; thus he decides the risky way across the border to join Jody in England.

Julia Sutton’s novel is set against the complicate political situation in Portugal at the end of the 1960s. Even though the protagonist Zé seems to be a bit naive and not a leader of any underground movement to overthrow the oppressive system, you get an insight in how the rulers and especially the secret service worked at the time. Even though the love story is the main motor to drive the story, the political aspects dominate over large parts of the story.

It is especially the moment when Zé is captured by PIDE that the novel becomes most interesting and convincing. What he experiences in prison, the treatment and methods of making prisoners not only betray their friends and comrades but also how they are tricked and how little a human life is worth – repellent and disgusting. However, this is neither unusual nor especially brutal, it is just how these kind of systems work.

On the other hand, I found the societal or rather familial pressure which Jody experiences back in England almost as cruel as what Zé suffers in Portugal. How clearly her husband makes decisions and can enforce them – unbelievable for us today, but in the 1960s women were far from enjoying the rights they do today.

Even though the novel had many though-provoking aspects and was surely well researched, I found it was a bit long drawn-out at times and going round in circles. It lacked a bit of focus, was it meant to tell or love story or rather depict life in Portugal under the Salazar regime or show how limited female freedom was at that time? The author seems to be a bit undecided about it.

Arno Frank – So, und jetzt kommst du

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Arno Frank – So, und jetzt kommst du

Aus der pfälzischen Provinz begibt sich eine Familie nicht ganz freiwillig auf eine Reise. Mit den drei Kindern im Gepäck geht es zunächst nach Südfrankreich, wo sie aufleben und das Dasein in einer Villa oberhalb der Côte d’Azur genießen. Doch das süße Leben währt nicht lange und bald schon steht die Weiterreise an, Portugal ist dieses Mal das Ziel. An den Rand Europas führt sie die Flucht und allmählich schwant den Kindern, dass diese Reise nicht ganz freiwillig ist und dass ihr liebender Vater kein erfolgreicher Geschäftsmann, sondern ein gesuchter Ganove ist, der sich samt Familie vor der Polizei versteckt. Doch da droht schon wieder der nächste Aufbruch, nach Paris wird angesteuert, wo alles besser werden soll – oder doch alles plötzlich ein Ende findet?

Beim Lesen des Buchs schwankt man zwischen Entsetzen und Vergnügen. Ganz wunderbar gefällt mir der junge Erzähler, der in glaubwürdig naiver Weise seine Eltern beobachtet und vieles sieht, aber nicht verstehen oder einordnen kann. So manches schwant dem Leser recht schnell, aber es wird durch die noch kindliche Sicht auf die Dinge in eine Leichtigkeit versetzt, die einem immer wieder schmunzeln lässt. Der Vergleich mit den Klassenkameraden beispielsweise, die Markenkleidung tragen und deren Eltern hohe Posten begleiten, während er als „Sohn eines Wimpelhändlers von der Ausfallstraße“ nicht mithalten kann. Auch kann er nicht verstehen, was dieses ominöse „Dédé Air“ eigentlich ist, er vermutet ein französisches Protektorat, auch wenn dort irgendwelche Deutschen offenbar wohnen. Ein Highlight auch der Besuch des Betzenbergs mit dem Opa, der zugleich eine wichtige Lektion fürs Leben parat hat:

„Wenn um dich herum die Massen eine bestimmte Meinung haben, dann musst du auf deiner eigenen Meinung beharren. Dann ganz besonders, verstehst du? Die Masse wird dann aber meistens sauer. Und dann ist es besser, man verzieht sich.“ (Pos. 801)

Die kriminelle Energie der Eltern wird lange Zeit nicht offen thematisiert, für die Kinder ist die Reise in die Fremde spannend und ein Spaß zugleich. Dass das Verhalten verantwortungslos und indiskutabel ist, steht außer Frage; jedoch spürt man auch die Verzweiflung, der vergebliche Versuch irgendwie wieder auf die Beine zu kommen und die Sorgen von den Kindern fernzuhalten, ihnen trotz der Widrigkeiten ein gutes und sorgenfreies Leben zu bieten. In diesem Punkt kann man den Eltern kaum einen Vorwurf machen, bis zum Ende sind sie um das Wohl der drei bemüht und besorgt, aber es geht ihnen die Luft aus. Man ist kritisch ihnen gegenüber und kann doch nicht umhin, auch Sympathien zu entwickeln, gerade ob der Bauernschläue, die Vater Jürgen an den Tag legt. In Portugal erläutert er seinem Sohn sein Konzept von Wahrheit, als sie bei dem Concierge Mitleid wecken wollen. Entsetzt fragt der junge Arno, ob der Vater die Wahrheit erzählt habe: „Aber natürlich. Manchmal muss man einfach ehrlich sein. (…) – das ist doch gar nicht die Wahrheit. – Für ihn jetzt schon.“ (Pos. 3087).

Viele spannende Themen werden bei diesem ungewöhnlichen Roadtrip verarbeitet. Das Erwachsenwerden und der Blick auf die Eltern und die Realisierung, dass diese vielleicht nicht die Personen sind, für die man sie hält. Das fragile Gebilde einer Ehe, die durch die Umstände strapaziert wird. Das Zurechtfinden an anderen Orten, in anderen Ländern. Und die Frage, wieviel eine Familie aushalten kann und muss und ob es eine Grenze des Zumutbaren gibt.

Ein Roman, der gekonnt zwischen Unterhaltung und Ernsthaftigkeit balanciert.

Luis Sellano – Portugiesisches Erbe

Roman, Rezension
Eine unerwartete Erbschaft führ den ehemaligen Polizisten Hendrik Falkner nach Lissabon. Ein ihm unbekannter Onkel hat ihm ein Haus samt Mietern und Antiquariat vermacht. Doch nicht nur die Immobilie samt ihrer kuriosen Bewohner geht in seinen Besitz über, sondern auch ein Geheimnis, auf dessen Spur der Onkel ganz offenkundig war und bei dessen Nachforschungen er den falschen Menschen in die Quere gekommen ist. Schnell schon merkt Hendrik, dass auch er sich in Lebensgefahr befindet, doch nach zwei Jahren voller Trauer wegen des Verlustes seiner Ehefrau, packt ihn plötzlich wieder der Reiz einen Fall zu lösen und so begibt er sich leichtsinnig in den Kampf gegen mächtige Gegner.
Luis Sellano führt den Leser in die portugiesische Metropole und beweist in seinem Krimi, dass er sich nicht nur hervorragend in der Stadt auskennt, sondern auch das portugiesische Flair und vor allem die Saudade selbst eingesaugt hat und weiß, diesen zu transportieren. Die Figuren sind keine eindimensionalen Verlierer und ebenso keine unverwundbaren Superhelden – auch wenn der Protagonist erstaunlich viel innerhalb kürzester Zeit einstecken kann, dies zusammen mit der unheimlich schnellen Lösung des Falles ist aber der einzige Kritikpunkt, den man getrost mit dem dadurch erreichten Tempo verrechnen kann. Hendrik zusammen mit seinen Unterstützern sind facettenreich und interessant gezeichnet, wodurch sie authentisch und auch sympathisch wirken. Was mich diesbezüglich insbesondere angesprochen hat: Hendrik kennt Portugal und die Geschichte des Landes nur wenig, so wie er oftmals die Situation schwer einschätzen kann und sich auf Hinweise der Portugiesen verlassen muss – auch wenn es ihm nicht passt – gewinnt auch der Leser langsam Zugang zu diesem geographisch wie literarischen Land am Rande Europas.
Die Handlung selbst hat ein hohes Tempo, der Fall wird glaubwürdig gelöst und es bleiben keine offene Fragen. Wie üblich bei dieser Art Krimi stehen Land und Leute ebenso im Fokus und Lissabon bietet hier eine angenehme Abwechslung zu den marktbeherrschenden Krimis aus Frankreich und Italien. Alles in allem genau das, was ich von einem solchen Krimi für heiße Sommertage erwartet hatte.
Herzlichen Dank an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Titel finden sich auf der Seite derVerlagsgruppe Random House.