Lorenz Just – Am Rand der Dächer

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Lorenz Just – Am Rand der Dächer

1990er Jahre in Berlin. Andrej wächst mit seinen beiden Brüdern und den Eltern in einer Ost-Berliner Altbauwohnung auf. Gemeinsam mit seinem Freund Simon streif der Junge durch das Viertel und beobachtet die Veränderungen, die mit der Wende langsam auf bei ihnen ankommen. Häuser stehen leer, Menschen sind einfach gegangen und haben alles so stehen und liegen lassen, wie es gerade war. Dafür kommen jetzt Besetzer, die sich dort einrichten als sei dies das Natürlichste der Welt. Die Jungen werden älter und mutiger, die abendlichen und nächtlichen Streifzüge werden zu Einbrüchen, bei denen sie auch erfahren, dass das Leben in den heimischen vier Wänden ganz anders aussehen kann. Erste Liebe und große Träume. Amerika, das Sehnsuchtsland, aber weniger konkrete Vorstellungen denn mehr Phantasien, ein Land, das sie sich in ihren Gedanken erschaffen. Die Tage, Monate, Jahre fließen gleichförmig dahin und lassen sich bald schon nicht mehr unterscheiden.

Lorenz Just schildert in seinem Debütroman eine recht typische coming-of-age-Geschichte der 1990er Jahre. Die Eltern durch die großen Umwälzungen im Land selbst überfordert und mit sich beschäftigt, tauchen nur am Rande auf. Als die Kinder noch klein sind, gibt es noch die Angst, dass sie einfach verschwinden und in das andere Land gehen könnten, wie so viele andere, dann aber werden sie zunehmend unbedeutend für die Entwicklung. Die Freundschaften sind es, die Andrej und seinen Bruder Anton prägen, sowie der Traum von dem unbekannten Land, der sie immer weiter von den Eltern entfremdet, wie dies ohnehin in diesem Alter der Fall ist.

„Amerika blieb ein Phantom, das sich ewig entzog. Auf Breakdance und BMX folgte ein jämmerlicher Versuch, Graffiti zu sprühen. (…) Unser Amerika, dem wir mit Basketball, zu groß gekaufter Kleidung und Musik näher zu kommen versuchten, war eher der Modus, den wir uns erwählt hatten, um wir selbst zu bleiben.“

Ein Lebensgefühl von Freiheit einerseits, die jedoch auf die wenigen Straßen um die elterliche Wohnung begrenzt bleibt. Die Sehnsucht nach echter Freiheit, die sich in dem diffusen Traum von Amerika und der Hoffnung auf ein Austauschjahr dort scheinbar realisiert. So intensiv die Zeit erlebt wurde, so wenig ist jedoch von ihr hängengeblieben. Einzelne Episoden, darüber hinaus nur mehr ein nicht greifbares Gefühl, das jedoch immer geprägt war von einer großen Ich-Bezogenheit.

Rückblickend stellt der Erzähler fest, dass er quasi nichts von vielen Freunden wusste, obwohl sie Stunden täglich miteinander verbrachten; dass ihn die Magersucht der eigenen Freundin völlig überrascht hat, als wenn diese aus dem nichts auftauchen habe können; dass eine gespielte Coolness sie daran hinderte über das zu reden, was wichtig gewesen wäre. Ein recht resigniertes Fazit, das jedoch für mein Empfinden zu hart ist. Die Teenagerzeit ist nun einmal so, es ist nicht die Zeit, in der Jungs über Gefühle reden oder ihre Träume hinterfragen würden.

Genau hier liegt für mich die Stärke des Romans, er wirkt unglaublich authentisch und ist nah bei den Figuren. Trotz der rückblickenden Distanz des Erzählers urteilt er nicht über sie, sondern lässt sie genau das sein, was sie sind und das hat der Autor hervorragend eingefangen. Der Roman ist nicht urkomisch, wie es Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ bisweilen ist, auch nicht so traurig wie Carmen Buttjers Roman „Levi“, der eine ähnliche Geschichte erzählt. Es ist die Geschichte eines Jungen, der in einer Blase lebt, einer Zeit, die es so nie mehr geben wird und die er auch nie mehr erleben kann, die intensiv war, aber von der vieles nur noch bruchstückhaft in Erinnerung geblieben ist – genauso ist es, das Leben. Aber immerhin kann man über literarische Leben nochmals in diese Zeit der Sorglosigkeit und des Glaubens an die eigenen unbegrenzten Möglichkeiten eintauchen und das ermöglicht einem Lorenz Just auf ganz eindrucksvolle Weise.

Naira Gelaschwili – Ich fahre nach Madrid

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Naira Gelaschwili – Ich fahre nach Madrid

Sandro Litscheli ist ein Reisender, in der Sowjetrepublik Georgien ist dies jedoch nur in seinen Gedanken möglich. Da sieht er sich nach Madrid fahren und singen, die Haare im Wind, die Gitarre in der Hand, ein Lied von der Freiheit. Oder doch auf eine der Inseln im Ozean? Die Phantasie kennt keine Grenzen, im Gegensatz zur Realität, die ihm, trotz seiner Pflichtbewusstheit, zunehmend schwerer zu ertragen fällt. Wie also flüchten vor den Menschen? Er erinnert sich an einen Kindheitsfreund, der bereit ist, ihn in seiner Klinik aufzunehmen und ihm dort zwei Wochen Erholung in der Einsamkeit zu ermöglichen. Nur abends gesellt sich der Professor zu ihm und bei einem oder auch zwei bis drei Gläschen Cognac rufen sie sich die gemeinsame Kindheit ins Gedächtnis und blühen auf mit ihren Gedanken. Doch dann muss der Professor für zwei Tage die Klinik verlassen und das Personal will sich bestens um den Privatpatienten kümmern, den bislang niemand sehen durfte…

Naira Gelaschwili lehrte an der Universität von Tiflis Germanistik und arbeitet als Übersetzerin und Redakteurin. In ihrer Heimat wurde sie wiederholt für ihre literarischen Werke ausgezeichnet und genießt entsprechend hohes Ansehen. Auch ihre Erzählung „Ich fahre nach Madrid“ erhielt den Preis des georgischen Schriftstellerverbands, allerdings eher aus der Not geboren. Nachdem der Chefredakteur der Zeitschrift „Ziskari“ über ein Jahr gezögert hatte, sie zu veröffentlichen, fand der Text dennoch Anfang der 1980er Jahre zugleich großen Zuspruch. Allerdings folgte die absehbare Reaktion des Zentralkomitees der KP: man drohte ihm mit der Entlassung. Der Grund ich nachvollziehbar: der Protagonist träumt vom Reisen in ferne Länder, bewundert die spanische, fremde Kultur und auch wenn er seine georgische Heimat tatsächlich nie verlässt, ist doch schon der Gedanke daran ein Affront und widerspricht eindeutig den sowjetischen Idealen.

Leider findet sich der Hinweis auf die Entstehungsgeschichte erst im Nachwort, ich denke sie unter diesem Gesichtspunkt zu lesen wäre nochmals interessant. Auch war mir tatsächlich der Entstehungszeitpunkt nicht bekannt, der jedoch im Gesamtkontext ein wesentlicher Faktor darstellt. Unabhängig von den Rahmenbedingungen ist jedoch leicht nachzuvollziehen, weshalb die Autorin den Nerv der Leser traf. Zwar scheint Sandro Litscheli etwas verschroben mit seinen Phantasiereisen, jedoch sind diese die einzige Möglichkeit der Flucht vor dem Alltag, den man unabhängig von den Gedankenexperimenten ja immer noch nachkommen kann. Wenn weder Geld noch Möglichkeit des Reisens gegeben sind, kann man nur den Träumen nachhängen. Auch dass man den Punkt erreicht, an dem man niemanden mehr sehen möchte und eine Auszeit vom Leben braucht, ist gar nicht so weit hergeholt.

Was die Erzählung jenseits der Geschichte interessant macht, ist die Gestaltung des Erzählers, der munter mit dem Leser plaudert, sich durchaus auch über seinen Protagonisten amüsiert, aber immer auf seiner Seite steht, ihn sogar gegen verleumderische Angriffe verteidigt – Angriffe, die er als Erzähler überhaupt erst anführt. So entsteht eine Novelle, die mit einer gewissen Melancholie und Ironie gewürzt zeitlos wird und auch in anderen Kontexten genauso gut funktioniert wie 1982 in Georgien.