Delphine de Vigan – Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin

Delphine de Vigan – Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin

Am 20. Mai wird sich alles ändern, etwas Großes steht bevor. Das zumindest hat die Wahrsagerin Mathilde prophezeit. Nun ist der Tag gekommen und die Witwe und dreifache Mutter geht ihm gespannt entgegen. Doch zunächst ist alles wie immer: Métro und RER verspätet, dann verstopft, dazu noch eine Frau, die beinahe vor ihr kollabiert. Viel zu spät kommt sie zur Arbeit, nur um dann festzustellen, dass eine Kollegin jetzt in ihrem Büro sitzt und sie in das fensterlose Kabuff neben der Toilette ziehen muss. Es hatte sich abgezeichnet, seit Monaten schon war die Stimmung zwischen ihr und ihrem Chef vergiftet. Zeitgleich eilt Thibault durch die Stadt. Auch sein Tag hat mäßig begonnen, denn endlich hat er sich von Lila getrennt, die dies kommentarlos akzeptierte. Nun hetzt der Notfallmediziner von Patient zu Patient, erschöpft und kurz davor, selbst zusammenzubrechen. Die Wege der beiden kreuzen sich immer wieder, doch werden sie sich begegnen und die Vorhersage wahr werden lassen?

Delphine de Vigans Roman ist im Original bereits 2009 erschienen und stand im selben Jahr in der letzten Runde um den Prix Goncourt. Auch die Verfilmung aus dem Jahr 2015 wurde positiv aufgenommen und mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Die Autorin fängt in ihrer Geschichte das typische Pariser Großstadtleben ein: métro, boulot, dodo. Die beiden Protagonisten sind lange im öffentlichen Raum unterwegs, ohne dort jedoch die Menschen um sich wirklich wahrzunehmen und werden dabei selbst ebenso unsichtbar; die Arbeit nimmt nicht nur den Großteil des Tages, sondern auch der Emotionen und Gedanken ein; das Privatleben kommt chronisch zu kurz, weshalb Beziehungen kaum gepflegt und notwendige Entscheidungen immer wieder verschoben werden.

Neben der Frage, wann bzw. ob Mathilde und Thibault sich begegnen, steht vor allem der Konflikt zwischen Mathilde und ihrem Vorgesetzten Jacques im Fokus der Handlung. Aus für sie nicht nachvollziehbaren Gründen hat er sie im Laufe der vergangenen Monate isoliert, immer mehr Verantwortung anderen übertragen und sie systematisch vom Kommunikationsfluss abgeschnitten. Es ist Mobbing der schlimmsten Art, was er betreibt und die Folgen zeigen sich bei Mathilde: sie ist erschöpft, schläft nicht mehr und schon der Gedanke an die Arbeit bereitet ihr Unwohlsein. Die Personalchefin ist keine Hilfe, die Kollegen haben selbst zu viel Sorge um ihren Job als dass sie ihr zur Seite stehen würden und Jacques verweigert jedes Gespräch, so dass der Grund für sein Verhalten im Dunkeln bleibt.

Thibault wiederum hatte sich bewusst gegen das Dasein als Hausarzt entschieden und doch trifft er manche Patienten, die die Notfallnummer wählen, immer wieder. Es sind die Einsamen, die Alten, für die der Besuch des Arztes oft ihr einziger menschlicher Kontakt ist. Auch das sind Abgründe der Stadt, vor denen gerne die Augen verschlossen werden, weil sie niemand sehen möchte. So sehr er seinen Beruf liebt, diese Begegnungen laugen ihn aus.

Die Handlung oszilliert zwischen den beiden und je näher man ihnen kommt, desto mehr wünscht man ihnen, dass die einsamen Seelen sich treffen und finden und die Leere des jeweils anderen füllen können. Authentisch und überzeugend fängt Delphine de Vigan die Einsamkeit unter Millionen von Menschen ein, sie schildert ein Leben, in dem die Menschen funktionieren und gar nicht die Zeit finden, ihr Dasein und den Sinn ihres Lebenskonstrukts zu hinterfragen. Der Großstadtlärm übertönt diese Fragen und ebenso die kaum hörbar leise schlagenden einsamen Herzen.

Emily Houghton – Before I Saw You

Emily Houghton – Before I Saw You

After a fire at her work place seriously injured her, Alice finds herself in St Francis’s Hospital in a very poor state. She does not even want to look in the mirror for fear of what she might see, and she definitely does not want others to see the monster she has become. Thus, the patients in her ward have to live with the voice coming from behind the drawn curtains. At first, she refuses contact but over the time she realises that old Mr Petersen and especially Alfie Mack next to her are likable people who make staying in hospital a lot more acceptable. Alfie is the good soul of their small community, always funny and entertaining, spreading warmth and hope. At night, however, he is haunted by the accident which made him lose his leg and all the negative emotions he pushes back during daylight. Slowly, the two of them bond, yet, without ever seeing each other.

Emily Houghton tells the story of two people who have to go through a very hard time: the lives they had have ceased to exist from one second to the next and now, they find themselves in a kind of void between before and after. Quite naturally, sharing the similar experiences makes them bond easily, on the other hand, how can you open up to another person and make new friends or even more when you haven’t come to grips with your own situation, yet? The author gives her characters the time they need to adjust and to stretch out a hand.

I thoroughly enjoyed reading this book. Even though there is a lot of sadness due to the accidents the characters had to go through and the hardship they have to endure while healing, the plot is full of love and care which makes you believe in the good in mankind and – of course – in love. Beautifully narrated by highlighting the anxieties and thoughts Alice and Alfie go through which again and again keep them from doing what should be done but which is simply a hurdle too high to take at that moment. What I liked most was the fact that Alice and Alfie fell in love other without seeing each other, they can surely say that it is the character that counts and which attracted them.

A heart-warming story providing hope and confidence when life seems to be too hard to endure.