Toni Morrison – Gott, hilf dem Kind

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Toni Morrison – Gott, hilf dem Kind

Lula Ann ist unter keinem guten Stern geboren. Ihre Eltern sind Afro-Amerikaner, deren Haut jedoch fast als weiß durchgeht; als die Tochter jedoch auf die Welt kommt, sind sie entsetzt: wie kann das Kind eine so dunkle Hautfarbe haben? Die Mutter hasst das Baby, der Vater verlässt sie. Lula Ann wächst heran ohne Liebe und Zuneigung; was sie sich am meisten wünscht, ist von der Mutter beachtet oder gar berührt zu werden. Dieser Wunsch führt zu einem bösen Fehler, den sie als Erwachsene korrigieren möchte. Inzwischen ist sie eine erfolgreiche und selbstbewusste Frau, die den Namen zu Bride geändert hat, um die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Als ihr Freund Brooker sie verlässt und ihr Versuch, den Fehler aus der Kindheit zu korrigieren, scheitert, begibt sie sich auf einen Road Trip, der zugleich in die Vergangenheit und Zukunft führt.

Toni Morrison lässt ihre drei Protagonisten aus ihrer eigenen Perspektive erzählen. Sweetness, Lula Anns Mutter, die unter dem Aussehen des Kindes leidet und es nicht so lieben kann, wie sie eigentlich möchte und die weiß, was es bedeutet in den USA eine Schwarze zu sein. Sie erzieht die Tochter zu unbedingtem Gehorsam: nicht auffallen, immer schön anpassen, um unter dem Radar zu bleiben, und wegzusehen, wenn erforderlich. Aus dem so verschüchterten Mädchen wird langsam eine Frau, die ihre Vorzüge erkennt und sich aus dem engen Korsett lösen kann. Ganz kann sie die Dämonen ihrer Vergangenheit jedoch nicht ablegen und der Wunsch, ihren Fehler wiedergutzumachen, verfolgt sie über viele Jahre. Brooker, der Bride ohne Erklärung verlässt, wird ebenfalls von seiner Kindheit geplagt, die er nie hinter sich lassen konnte und die noch sein Leben als Erwachsener bestimmt.

Die Suche Brides nach Brookers Aufenthaltsort wird zu einer Reise zu sich selbst, mit Zwischenstopps in ganz anderen Lebensentwürfen und Rückblicken, die langsam ein Licht auf das werfen, was unzählige Jahre zuvor geschah.

Toni Morrison, die 1993 mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde, ist für ihre literarische Auseinandersetzung mit dem Rassismus in den USA bekannt. In „Gott, hilf dem Kind“ ist dieses Thema als Ausgangspunkt des ganzen Übels ebenfalls wieder präsent jedoch nicht so prägend wie die Frage nach Schuld und Wiedergutmachung. Das Kind Lula Ann lädt Schuld auf sich ohne sich der Dimensionen des eigenen Handelns bewusst zu sein und wird von dieser Schuld über viele Jahre geplagt.

Mir hat die Geschichte über weite Strecken sehr gut gefallen, jedoch bleiben die Figuren recht eindimensional. Sweetness, Bride und Brooker werden letztlich durch ein Ereignis bestimmt, das den ganzen Charakter überlagert und sie etwas flach erscheinen lassen. Die haben keine Facetten oder gar Widersprüche. Sehr unglücklich war ich mit dem Ende, das zu jeder Soap Opera gehört, aber für anspruchsvolle Literatur zu banal ist.

Orhan Pamuk – Schnee

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Orhan Pamuk – Schnee

Nach dem Tod seiner Mutter kehrt der Dichter Ka zum ersten Mal seit vielen Jahren in seine türkische Heimat zurück. Den eigentlich privaten Anlass will er auch nutzen, um über eine seltsame Serie von jungen Selbstmörderinnen zu recherchieren und über die aktuellen Bürgermeisterwahlen in Kars zu berichten. Aber auch seine ehemalige Mitstudentin Ipek möchte er gerne wieder treffen, nach der Trennung von ihrem Mann sieht Ka eine Chance für eine gemeinsame Zukunft für sie beiden. Allerdings hat Ka seine Rechnung ohne die Politik und den Geheimdienst gemacht, die ihm schnell vermitteln, dass seine Art der Arbeit nicht erwünscht ist. Ein Putsch, der seinen Ursprung im Theater nimmt, verschärft die bereits kritische Situation.

Wenn man nicht weiß, dass der Roman, auf dem das Hörspiel basiert, bereits 2002 erschienen ist – die deutsche Übersetzung folgte 2006 – könnte man „Schnee“ für tagesaktuell halten. Die Kontrolle der Medien (hier besonders hervorzuheben die Tatsache, dass manche Meldungen bereits geschrieben sind, bevor sie sich ereignen); der Kampf zwischen säkularen und zwischen konservativen Türken; die undurchsichtige Lage nach dem Militärputsch, der als solcher zunächst gar nicht erkannt wird und wie ein Teil der Inszenierung erscheint; das brutale Vorgehen gegen alle, die potenziell eine andere Meinung vertreten könnten – all dies ist uns auch 2017 bekannt. Diese politisch gefärbten Aspekte werden mit der persönlichen Geschichte des Autors, seinem Versuch, Ipek für sich zu gewinnen, und der späten Erkenntnis, dass er sich womöglich in der Frau getäuscht hat, geschickt verbunden.

Orhan Pamuk schafft ein interessantes Bild der Türkei, dass die Zerrissenheit und Zerstrittenheit der unterschiedlichen Strömungen im Land herausstellt und dabei keine Wertung vornimmt. Er lässt bewusst einen quasi Fremden auf die Zustände blicken – Ka war seit so langer Zeit nicht mehr in der Heimat, dass ganz als Europäer durchgeht, zwar noch die gemeinsame Sprache spricht, aber doch so anders denkt, dass er aus der distanzierten Perspektive die Geschehnisse beurteilen kann. Das Motiv des Schnees erscheint zunächst nicht in die Thematik zu passen, es ist auch nichts, was man unmittelbar mit der Türkei in Verbindung bringen würde. Aber von so kurzer Dauer, wie eine einzelne Schneeflocke ist, ist auch das Individuum nicht nur vergänglich, sondern eins unter vielen, von kurzer Zeit auf Erden, zunächst unschuldig und rein in seiner Form, in der Masse – Schneesturm, gefroren am Boden – jedoch mitunter brandgefährlich.

Ein aktuell immer noch beachtenswerter Roman, der 2004 von der New York Times als bestes ausländisches Buch und dem Autor 2005 zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verhalf und im Jahr darauf zum Literatur-Nobelpreis.