Naira Gelaschwili – Ich fahre nach Madrid

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Naira Gelaschwili – Ich fahre nach Madrid

Sandro Litscheli ist ein Reisender, in der Sowjetrepublik Georgien ist dies jedoch nur in seinen Gedanken möglich. Da sieht er sich nach Madrid fahren und singen, die Haare im Wind, die Gitarre in der Hand, ein Lied von der Freiheit. Oder doch auf eine der Inseln im Ozean? Die Phantasie kennt keine Grenzen, im Gegensatz zur Realität, die ihm, trotz seiner Pflichtbewusstheit, zunehmend schwerer zu ertragen fällt. Wie also flüchten vor den Menschen? Er erinnert sich an einen Kindheitsfreund, der bereit ist, ihn in seiner Klinik aufzunehmen und ihm dort zwei Wochen Erholung in der Einsamkeit zu ermöglichen. Nur abends gesellt sich der Professor zu ihm und bei einem oder auch zwei bis drei Gläschen Cognac rufen sie sich die gemeinsame Kindheit ins Gedächtnis und blühen auf mit ihren Gedanken. Doch dann muss der Professor für zwei Tage die Klinik verlassen und das Personal will sich bestens um den Privatpatienten kümmern, den bislang niemand sehen durfte…

Naira Gelaschwili lehrte an der Universität von Tiflis Germanistik und arbeitet als Übersetzerin und Redakteurin. In ihrer Heimat wurde sie wiederholt für ihre literarischen Werke ausgezeichnet und genießt entsprechend hohes Ansehen. Auch ihre Erzählung „Ich fahre nach Madrid“ erhielt den Preis des georgischen Schriftstellerverbands, allerdings eher aus der Not geboren. Nachdem der Chefredakteur der Zeitschrift „Ziskari“ über ein Jahr gezögert hatte, sie zu veröffentlichen, fand der Text dennoch Anfang der 1980er Jahre zugleich großen Zuspruch. Allerdings folgte die absehbare Reaktion des Zentralkomitees der KP: man drohte ihm mit der Entlassung. Der Grund ich nachvollziehbar: der Protagonist träumt vom Reisen in ferne Länder, bewundert die spanische, fremde Kultur und auch wenn er seine georgische Heimat tatsächlich nie verlässt, ist doch schon der Gedanke daran ein Affront und widerspricht eindeutig den sowjetischen Idealen.

Leider findet sich der Hinweis auf die Entstehungsgeschichte erst im Nachwort, ich denke sie unter diesem Gesichtspunkt zu lesen wäre nochmals interessant. Auch war mir tatsächlich der Entstehungszeitpunkt nicht bekannt, der jedoch im Gesamtkontext ein wesentlicher Faktor darstellt. Unabhängig von den Rahmenbedingungen ist jedoch leicht nachzuvollziehen, weshalb die Autorin den Nerv der Leser traf. Zwar scheint Sandro Litscheli etwas verschroben mit seinen Phantasiereisen, jedoch sind diese die einzige Möglichkeit der Flucht vor dem Alltag, den man unabhängig von den Gedankenexperimenten ja immer noch nachkommen kann. Wenn weder Geld noch Möglichkeit des Reisens gegeben sind, kann man nur den Träumen nachhängen. Auch dass man den Punkt erreicht, an dem man niemanden mehr sehen möchte und eine Auszeit vom Leben braucht, ist gar nicht so weit hergeholt.

Was die Erzählung jenseits der Geschichte interessant macht, ist die Gestaltung des Erzählers, der munter mit dem Leser plaudert, sich durchaus auch über seinen Protagonisten amüsiert, aber immer auf seiner Seite steht, ihn sogar gegen verleumderische Angriffe verteidigt – Angriffe, die er als Erzähler überhaupt erst anführt. So entsteht eine Novelle, die mit einer gewissen Melancholie und Ironie gewürzt zeitlos wird und auch in anderen Kontexten genauso gut funktioniert wie 1982 in Georgien.

Naira Gelaschwili – Ich bin sie

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Naira Gelaschwili – Ich bin sie

Nia ist verliebt. In den jungen Studenten von gegenüber. Sie weiß nicht, wie er heißt oder was er studiert. Aber sie liebt ihn. Zum ersten Mal in ihrem Leben erlebt sie große Gefühle. Noch Jahrzehnte später wird sie zurückdenken an die zwei Jahre ab 1959, als sie am Fenster von ihrem Zimmer aus heimlich beobachtete, morgens seinem Bus folgte und mittags von der Schule nach Hause eilte, um ihn bei der Ankunft gleich wieder zu sehen. Ihr Tagebuch zeichnet die Zeit nach, die Sehnsucht des jungen Mädchens, die erste Verliebtheit, die doch so tiefe Spuren hinterlassen hat, dass diese nie ganz verheilten.

Naira Gelaschwili lehrte lange Zeit an der Universität von Tbilissi Germanistik und war als Übersetzerin und Lektorin tätig. In deutscher Sprache ist dies der erste Roman der Georgierin, der 2013 in ihrer Heimat den renommierten Saba Preis als bester Roman des Jahres gewonnen hat. Bücher aus diesen Teilen der Erde sind bei uns eher selten anzutreffen und vieles entführt einem in eine unbekannte Welt. Die Straßennamen tragen ungewöhnliche Namen, die Familienstrukturen sind unvertraut. Doch Naira Gelaschwilis Protagonistin ist hingegen sehr greifbar. Glaubwürdig und authentisch schildert sie das Empfinden des jungen Mädchens. Die heimliche Sehnsucht nach dem Geliebten, den sie nur aus der Ferne beobachten kann und über den sie nichts weiß, der aber in ihrem Herzen ganz ihr gehört.  Universell ist das Gefühl, das sie schildert und wunderbar unschuldig zugleich. Das Mädchen bleibt in seiner Rolle und ist geradezu überwältigt von der ersten realen Begegnung. Man kann sich vorstellen, dass diese Geschichte wirklich in einem Tagebuch einer 13-Jährigen niedergeschrieben und viele Jahre später wiederentdeckt wurde.

Bemerkenswert fand ich wie das Mädchen sich von klassischer Dichtung angesprochen fühlt und Zugang zur Poesie findet, die sie später als Dozentin auch ihren Studenten vermittelt. Es setzt intensive Emotionen ähnlich der Art, wie Nia sie erlebt, voraus, um dies nachempfinden zu können und in den Worten den Zauber, den sie transportieren sollen, auch finden zu können. So entsteht eine ungewöhnliche Mischung einer unschuldigen Liebe und der Poesie, die man in dieser Form eher selten findet.