Amy Waldman – Der amerikanische Architekt

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Amy Waldman – Der amerikanische Architekt

Den Opfern des Angriffs auf die Türme des World Trade Centers soll eine Gedenkstätte gebaut werden. Eine Jury aus Experten und Vertretern der Hinterbliebenen hat monatelang getagt und ist nun dabei, die finale Entscheidung zu treffen. 5000 Entwürfe haben sie gesichtet, alle anonym eingereicht, um jede Form der Beeinflussung auszuschließen. Ein Garten wird der Sieger sein, doch als der Umschlag mit dem Namen des Architekten geöffnet wird, gefriert der Jury das Blut in den Adern: Mohammad Khan. Offensichtlich Muslim. Einer von denen. Man beschließt, das Ergebnis noch nicht zu veröffentlichen und sich selbst Bedenkzeit zu geben – doch jemand hält nicht dicht und schon kurz danach ist die Öffentlichkeit informiert und erwartungsgemäß empört. An dem unlösbaren Dilemma müssen nun die Grundfesten der amerikanischen Gesellschaft erprobt werden.

Amy Waldman hat in ihrem Debütroman eine Situation geschaffen, die nicht nur die involvierten Individuen herausfordert, sondern eine gesamte Bevölkerung betrifft und die keinen offenkundigen Ausweg erlaubt, der sowohl individuellen wie auch emotionalen Bedürfnissen gerecht wird.

Die Jury ist gefangen zwischen den Optionen, den selbstgewählten Weg weiterzuverfolgen und die Person des Architekten hinter den Entwurf zustellen. Für diesen haben sie sich mehrheitlich entschieden und nicht ohne Grund war das Verfahren anonym. Auch die Zusammensetzung der Experten war mit Bedacht gewählt, nicht die Emotionen der Hinterbliebenen sollten dominieren, sondern fachkundige architektonisch-künstlerische Argumente. Ihre Entscheidung, die Wahl letztlich in die öffentliche Meinung zu legen und eine landesweite und sogar globale Diskussion zu erlauben, ist eine Kapitulation vor der eigenen Aufgabe und den selbstgesetzten Idealen.

Mohammad Khan ist als Sohn indischer Einwanderer typisch amerikanisch aufgewachsen, hätte sich selbst nie über seine Religion definiert und gilt als begabter junger Architekt mit großer Zukunft. Er wird verhaftet für eine Tat, die er nicht begangen hat, mit der er sich nicht identifiziert und die noch nicht einmal im Zusammenhang mit seinem persönlichen Familienhintergrund steht. Je mehr er in die Enge gedrängt wird, desto mehr übernimmt er auch eine Rolle, die er gar nicht haben will. Resigniert stellt er irgendwann fest: er wollte mit seinem Entwurf Amerika einen. Das ist ihm gelungen, sie sind irgendwann alle gegen ihn, Muslime und Nicht-Muslime vereint gegen diesen Architekten.

Auch die Nebenfiguren haben vielschichtige Meinungen und bieten eine Reihe von differenzierten Perspektiven in dieser Thematik. So wird das zugrundeliegende Dilemma auch in der Breite offenkundig: ein Einwanderungsland, das sich immer über Vielfalt definiert hat und offen war für neue Einflüsse, das sich der vorbildlichen Integration aller rühmt, muss erkennen, dass es keineswegs das Land ist, das es glaubte zu sein. Hinzu kommen individuelle Verfehlungen und Schwächen, die jedoch den öffentlichen Raum einnehmen und die Diskussion befeuern: wer laut ist, wird gehört. Welche Motive die Person antreiben wird dabei von der Lautstärke übertönt und übersehen.

Unweigerlich erinnert einem die Geschichte an Shakespeares berühmten Ausspruch in „Romeo and Juliet“:

„What’s in a name? that which we call a rose

By any other name would smell as sweet“.

Der Name des Architekten macht ihn zu dem, was die Leute in ihm sehen wollen. Doch egal wie er heißt, er ist ein amerikanischer Architekt, der die Ideale seiner Generation lebt und sowohl Herkunft seiner Eltern wie auch vorgebliche Religion wenig Bedeutung zumisst. Doch das Volk will das sehen, was es in den Namen hineinprojiziert: der Vorname Mohammad macht ihn zum Vorzeige Muslim und damit zum Feind des Landes und Mörder. Dadurch ist er nicht mehr der Mohammad Khan, der er immer war, der eigentlich kaum amerikanischer hätte sein können: als Kind von Einwanderern hart gearbeitet, auf dem Weg zum beruflichen Erfolg und nun der Gewinn dieser Ausschreibung. Der amerikanische Traum, der an seinem Namen scheitert.

Zülfü Livaneli – Unruhe

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Zülfü Livaneli – Unruhe

Ibrahim hat seine südostanatolische Heimat schon lange verlassen, um in Istanbul als Journalist zu arbeiten. Als er auf eine Todesmeldung stößt, wird er stutzig: kann es sich bei dem in Amerika getöteten Türken um seinen alten Schulfreund handeln? Alles spricht dafür und so reist er nach Mardin, um die Hintergründe zu erforschen. Was er dort erfährt, wird sein Leben nachhaltig verändern. Hüseyin war verliebt in eine Frau, doch es war eine Liebe, die nicht sein durfte. Er Muslim, sie Jesidin aus einem der stadtnahen Flüchtlingslagern. Ibrahims Spurensuchte führt ihn zu diesen Geflüchteten und die Geschichten, die er hört, lassen ihn nicht mehr los.

Zülfü Livaneli ist neben Orhan Pamuk eine der bedeutendsten Stimmen der Türkei, vor allem, weil er in seinen Romanen gesellschaftskritische Themen verarbeitet und unbequeme Wahrheiten anspricht. So auch in „Unruhe“, das den Umgang mit Jesiden, die Verachtung dieser Religion und die Ablehnung der Menschen offen anspricht und am Beispiel von Hüseyin und Meleknaz die Absurdität auf die Spitze treibt.

„Im Nahen Osten ist es seit jeher üblich, dass man sich gegenseitig umbringt und nicht merkt, wie man sich dabei selbst tötet.“

Es sind solche Sätze, die wie Nadelstiche auf diejenigen wirken müssen, an die sie gerichtet sind. Es ist nicht nur das unsägliche Treiben des IS, das im Namen einer Religion legitimiert wird und weltweit für Entsetzen sorgt, das Livaneli kritisiert. Dies ist einfach, denn kaum jemand wird ihm da widersprechen. Schwerer wiegt jedoch der Umgang der Bewohner im Grenzland mit den geflüchteten Jesiden. In einem Lager dürfen sie hausen, man kümmert sich auch dort um sie, aber sie sollen bitte auch dort bleiben und auf keinen Fall Beziehungen mit Muslimen eingehen. Meleknaz erfährt kein Mitleid für ihr Schicksal, statt Verständnis schlägt ihr Hass von Hüseyins Familie entgegen.

Aber auch Ibrahim muss erkennen, dass sein Verhalten zweifelhaft ist. Beobachtet er zunächst die Haltung von Hüseyins Familie, ist hierdurch geradezu verstört und sucht fieberhaft nach der jungen Frau, so muss er sich doch irgendwann eingestehen, dass auch er mehr aus Eigennutz handelt als aus Nächstenliebe: er will sich selbst und anderen beweisen, dass er ein guter Mensch ist, seinem Leben Sinn geben. Dass er dabei die Bedürfnisse der Frau ignoriert, wird ihm erst spät bewusst.

„Unruhe“ ist ein kurzer, schonungsloser Roman, der das Schicksal einer Glaubensgemeinschaft ins Zentrum stellt, deren Geschichte von Verfolgung und Hass gekennzeichnet ist. Er wirft kein gutes Bild auf die Welt, die zusieht, im besten Fall schweigt, im schlimmsten für zusätzliches Leid sorgt.

 

S. K. Ali – Saints and Misfits

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S. K. Ali – Saints and Misfits

Janna Yusuf is an ordinary teenager who sometimes has fights with her single mother, who loves to read and works hard for school. But she is also the girl who wears an hijab, who does voluntary work with her elderly neighbour and who is in love with a non-Muslim boy named Jeremy. Her life is already complicated enough, but then her brother moves back in and courts Saint Sarah, the perfect and angelic girl of the community. And then there is Farooq who has been memorizing the Quran and is the preferred wunderkind of the community. But this is just one side of him, Janna also knows the other face of him: Farooq the stalker and molester who tried to rape her. Caught between those extremes in her life, Janna tries to find out who she is and which values she wants to follow in her life.

This is not just a typical coming-of-age novel of a young girl struggling with typical teenage problems. What is most interesting in S.K. Ali’s novel is the fact of living between two cultures or better: between two worlds which collide from time to time and which expect different codes to be obeyed from the people walking in them.

Janna is a really lovable character. She is neither the perfect nor the rebellious teenager, she shows different moods and has good days and bad days. She is a caring person, but nevertheless admits that taking care of her neighbour is paid which is an advantage. Yet, she enjoys spending time with the old man who triggers her reflection about herself and life. She is also quite attentive and a minute observer of the behaviour of her classmates and the people around her. She knows the rules of the Quran and follows them, but at times, she also wants to be free and live the life according to her own standards. The author portrays those contradictions in the girls really convincingly and thus paints a multifaceted picture of Janna.

Apart from the question which or rather whose expectations a believing young woman will fulfil, there was one aspect which I myself as a Christian found pretty noteworthy. Janna has a friend who wears a niqab. She herself has only decided for a headscarf which she only takes off for her all-girl sports lessons or at home. But when she feels increasingly stalked by Farooq, she begins to wonder about wearing a niqab which could make her disappear from the people’s sight. A completely covered woman becomes invisible and she would like to be unseen at times. From her story it is easy to follow and understand this thought and I think it is an important aspect in the discussion about Muslim women and their covering.

Even though I highlighted the religious ones, there are many more interesting and remarkable aspects in the novel which make it for me an absolutely outstanding book in the mass of coming-of-age novels. The cast of characters is unique and none of them is flat and one-dimensional, the plot itself offers much food for thought and is all but the typical off-the-rack foreseeable novel of the genre.