Sasha Filipenko – Rote Kreuze

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Sasha Filipenko – Rote Kreuze

Alexander ist noch gar nicht in seine neue Minsker Wohnung eingezogen, als er auch schon die Bekanntschaft mit der scheinbar exzentrischen Nachbarin Tatjana Alexejewna macht, vor der ihn die Maklerin gewarnt hat. Eigentlich möchte er nicht auf einen Plausch zu ihr kommen, doch dann fesselt ihn die Lebensgeschichte der 91-Jährigen, die an Alzheimer erkrankt ist und oftmals heute schon vergessen hat, was gestern geschehen ist. An ihre Vergangenheit kann sie sich jedoch sehr gut erinnern. Den Zweiten Weltkrieg, ihre Arbeit im Außenministerium, ihren vermissten Mann Ljoscha und die Tochter Assja, die man ihr entrissen hat, als man sie wegen Volksverrat ins Lager schickte. Ein bewegtes Leben hat sie hinter sich, das exemplarisch für viele in der ehemaligen Sowjetunion steht. Mit dem Erzählen ihrer eigenen Geschichte, bewahrt sie diese nicht nur vor dem eigenen Vergessen, das der Krankheit geschuldet ist, sondern auch vor dem kollektiven Verdrängen der Straftaten, die die Kommunisten hinter dem Eisernen Vorhang über viele Jahre verübten.

„Rote Kreuze“ ist der erste Roman des weißrussischen Autors Sasha Filipenko, der ins Deutsche übersetzt wurde. Der Journalist und Drehbuchautor sagt im Nachwort zu seinem Roman, dass für ihn ein guter Roman nicht nur eine Geschichte erzählen soll, sondern Geschichte haben muss. Die Recherche um die Gräuel des Stalin-Regimes setzt er literarisch um und schafft es, auf nicht einmal 300 Seiten ein wichtiges Kapitel der russischen Geschichte wieder ins Bewusstsein zu rufen und den Opfern mit Tatjana Alexejewna eine Stimme zu verleihen.

Trotz ihrer Geburt in London und zahlreicher Reisen in Westeuropa, wird Tatjana Alexejewna schnell eine Anhängerin des Kommunismus als sie nach Moskau übersiedelt. Rückblickend fällt es ihr schwer nachzuvollziehen, wie sie so lange die Augen vor den untrüglichen Anzeichen des sich nähernden Krieges verschließen konnte. Sie dient ihrem Land und wird doch als Verräterin hart bestraft. Nicht die Prügel und die Entbehrungen des Straflagers sind es jedoch, die ihr zusetzen, sondern die Ungewissheit darüber, was mit ihrem Mann und ihrer Tochter geschah und vor allem das schlechte Gewissen wegen einer Kleinigkeit, einem minimalen Betrug, von dem sie hoffte, dass sie so dem Schicksal ein Schnippchen würde schlagen können. Am Ende ihres Lebens angekommen, kann sie nichts mehr beängstigen, nicht einmal mehr Gott, sollte es ihn denn geben:

 „Jetzt denkt sich Gott, dieser von mir erdachte Gott, für mich Alzheimer aus, weil er Angst hat! Er hat Angst mir in die Augen zu schauen! Er will, dass ich alles vergesse.“

Vergessen und Erinnern sind die zentralen Themen des Romans. Nicht nur die alte Dame, sondern auch der junge Nachbar kann und will vor der Erinnerung nicht davonlaufen. Alexanders Los ist zwar gänzlich anders gelagert, aber auch er hadert mit unabwendbaren Entscheidungen einer übermenschlichen Macht, denen er jedoch alles Menschenmögliche entgegensetzt.

Neben der historischen Relevanz des Themas begeisterte mich Filipenko mit unzähligen wundervollen, treffsicheren Formulierungen, die das Lesen zu einem Fest machen. Auch vermeintliche Nebensächlichkeiten wie die wiederholten Verbindungen von Handlung mit Musik – wie etwa Tschaikowskys 5. Symphonie, die nach Tatjana Alexejewnas Empfinden die ganze Dramatik der russischen Geschichte widerspiegelt – man mag sich die Stücke sofort anhören, um noch mehr in die Handlung einzutauchen als man das ohnehin schon tut.

Ein Roman, bei dem einfach alles stimmt – schon jetzt eins der Highlights 2020. Ein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Daniel Silva – Der russische Spion

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Daniel Silva – Der russische Spion

Ein eigentlich routinierter Fall für die Geheimdienste: ein Doppelspion will brisantes Material über die Russen liefern und dafür bei den Engländern untertauchen. Gabriel Allon und sein Team wollen ihn in Wien in Empfang nehmen und an den MI6 übergeben, doch dazu kommt es nicht, denn der Mann wird auf offener Straße erschossen. Offenbar war man in Moskau informiert und dafür gibt es nur einen Grund: in den Reihen der Briten muss es einen Maulwurf geben. Diese leugnen dies, doch für den Chef des israelischen Dienstes ist der Fall klar. Doch als sein Kandidat in Bern ums Leben kommt, kommen ihm Zweifel: ist er auf eine geschickt gelegte falsche Spur hereingefallen? Womöglich, aber an den Maulwurf glaubt er immer noch und ist bereit alles dranzusetzen, diesen aufzudecken. Er ahnt nicht, wen er ins Visier nimmt und wie schlimm der MI6 tatsächlich unterlaufen wurde.

Auch im bereits 18. Fall von Daniel Silvas Superagenten des israelischen Geheimdienstes ist dieser kein bisschen müde, sich mit den größten globalen Verbrechern anzulegen. Hat er in den letzten beiden Fällen noch die islamistischen Terroristen gejagt, steht nun ein ungewöhnlich klassischer Fall im Vordergrund. Auch wenn der Kalte Krieg seit nunmehr 30 Jahren beendet ist, taugt die Konfrontation zwischen Ost und West noch immer zu großer Unterhaltung und so ist „Der russische Spion“ ein Thriller nach dem bewährten Muster der großen britischen Agenten James Bond oder George Smiley. Nur dass es der Chef des Mossad ist, der fast im Alleingang gegen die russische Übermacht kämpft.

„Gabriel klappte seinen Aktenkoffer auf und nahm drei Gegenstände aus dem Geheimfach. Eine Geburtsurkunde, eine Heiratsurkunde und ein in der Jesus Lane in Cambridge heimlich gemachtes Foto. Übel, dacht er. Verdammt übel.“

Die Erwartungen werden einmal mehr voll erfüllt. Ein spannungsgeladener Thriller, der zunächst einige undurchschaubare Verwicklungen liefert und dann das Katz-und-Maus-Spiel eröffnet. Interessanterweise lehnt sich Silva dieses Mal an eine reale Figur an: Kim Philby, ein britischer Geheimdienstmitarbeiter, der als einer der bekanntesten Doppelagenten und Informationslieferant für die Sowjets in die Geschichte eingegangen ist. Ebenso wie dieser historisch verbriefte Fall trifft auch der Maulwurf im Thriller den englischen MI6 Mitten ins Herz und macht den Fall damit besonders brisant.

Auch wenn die vorhergehenden Fälle durchaus an aktuelle Großkrisen der Welt angelehnt waren, fand ich dieses Mal die Vermischung von Fakt und Fiktion besonders gelungen. Auch die Tatsache, dass etwas weniger geschossen und in die Luft gejagt wird, sondern die altbewährten Spionagetechniken wieder zum Einsatz kommen dürfen – Beschattung, geheime Briefkästen, heimlich übergebene Umschläge – hat mich besonders gefreut und unterstreicht, dass Silva beides liefern kann: actiongeladene rasante Geschichten ebenso wie komplexe Spionagethriller. Lassen viele Serien im Laufe der Zeit nach, würde ich hier das Gegenteil konstatieren wollen: für mich einer der besten Romane von Daniel Silva.

Leena Lehtolainen – Die Leibwächterin

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Leena Lehtolainen – Die Leibwächterin

Als ihre Kundin Anita Nuutinen in Moskau einen Pelz aus Luchsen kaufen will, reicht es Hilja. Als Leibwächterin ist sie bereit, ihr Leben zu riskieren und vieles zu akzeptieren, was sie persönlich nicht gutheißt, aber hier hört der Spaß auf. Sie kündigt auf der Stelle und überlässt die Bauunternehmerin ihrem Schicksal. Am nächsten Tag ist Anita tot, ermordet und Hilja kann sich an die letzten zwölf Stunden nicht mehr erinnern. Zurück in Finnland beginnt sie nachzuforschen unter anderem kontaktiert sie die Politikerin Helena Lehmusvuo, die auf die russisch-finnischen Beziehungen spezialisiert ist. Da diese auch aktuell bedroht wird, engagiert sie die junge Personenschützerin, nicht ahnend, dass sie diese schon sehr bald dringend brauchen wird.

Leena Lehtolainen ist schon seit Jahrzehnten eine feste Größe in der finnischen Krimilandschaft und auch hierzulande hat sie ist sie eine der bekanntesten Stimmen ihres Landes. „Die Leibwächterin“ ist der erste Band um die unkonventionelle Hilja, die in so gar keine Schublade passen will.

Der Krimi lebt von der Protagonistin, ohne Frage. Die Autorin hat hier eine sehr eigenwillige und ungewöhnliche Figur geschaffen, die sich jeder Kategorisierung entzieht. Man kann sie weder als besonders sympathisch noch als unsympathisch bezeichnen; sie ist weder feminin noch Feministin; bisweilen agiert sie kalt-abgeklärt, nur um in der nächsten Minute emotional wider besseres Wissen zu reagieren. Sie ist wie der Luchs, mit dem sie aufgewachsen ist: katzenartig sucht sie Nähe zu anderen, aber bestimmt selbst, wann es genug ist; lässt sich gerne kraulen und fährt aber gelegentlich auch die Krallen aus; wild und unbezähmbar, aber immer auf der Suche nach einem sicheren Nest.

Die Handlung ist recht komplex und bisweilen drohte ich den Überblick über all die russischen Oligarchen und ihre unterschiedlichen Motive und Manöver zu verlieren. Hier wäre mir weniger etwas lieber gewesen, aber letztlich ergibt alles ein stimmiges Bild und die Zusammenhänge werden sauber aufgelöst. Stilistisch wirkt der Roman manchmal etwas grob und hart, aber für mich passte das sowohl zur Protagonistin wie auch zum Schauplatz. Insgesamt ein lesenswerter Krimi, der solide gestrickt ist und mit ungewöhnlichen Figuren überzeugt.

Dmitry Glukhovsky – TEXT

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Dmitry Glukhovsky – TEXT

Sieben Jahre hat Ilja im Straflager verbracht, weil ihm ein Milizionär Drogen untergeschoben hat. Jetzt kehrt er nach Moskau zurück, zu seiner Mutter und seiner Freundin Vera. Doch erstere ist just an einem Herzinfarkt verstorben und letztere schwanger von einem anderen. Bleibt nur noch das Schwein Chasin, der nun bezahlen soll für das, was er Ilja angetan hat. Als er wieder bei Sinnen ist, weiß Ilja auch nicht, wie es geschah, aber Petja Chasin ist tot und er muss die Spuren beseitigen. Kurzerhand schickt er die Leiche durch das Loch eines Gullys in den Abgrund und nimmt das Handy des Verstorbenen an sich. Dieses gibt keine Ruhe, immer neue Nachrichten von allerlei Personen treffen ein, er liest Ilja nur interessiert, doch dann beginnt er zu antworten und zunehmend wir Petjas Leben zu seinem. Bald weiß er nicht mehr, wer Ilja ist und wer Petja.

Dmitry Glukhovskys Roman mit dem simplen Titel „TEXT“ taucht tief ein in das Schattenleben Moskaus, in verbrecherische Strukturen und den tagtäglichen Kampf ums Überleben. Und es zeigt, dass das Leben heute nicht mehr nur in der Realität stattfindet, sondern gespeichert ist auf den kleinen Apparaten, die wir nicht nur immer bei uns tragen, sondern die eine Erweiterung unseres Selbst sind und mehr über uns verraten, als uns bewusst sein mag.

Der Roman ist einzige aus Sicht Iljas geschrieben und immer wieder lassen seine inneren Monologe den Leser teilhaben an seinen Gedanken und der Verzweiflung, die er gegenüber der Ungerechtigkeit im Leben empfindet. Unschuldig ist er ins Lager gegangen. Seine Mutter stirbt ausgerechnet in dem Moment, wo er sie nach sieben Jahren wiedersehen könnte. Vera kommt kein Wort des Dankes über die Lippen, dafür serviert sie ihn eiskalt ab. Und Menschen wie Petja Chasin wird alles geschenkt. Doch je tiefer er in dessen Leben eintaucht, desto klarer wird auch, dass auch bei denen, die oben schwimmen, keineswegs alles so einfach ist.

Nina, Petjas Freundin, übt eine faszinierende Anziehung auf ihn aus. Ihr gibt er das, was Vera nicht hören möchte und wozu Petja nicht in der Lage ist. Auch wenn er immer wieder versucht, sich doch rauszuhalten – er kann nicht aus seiner Haut und die junge Frau soll wenigstens per Kurznachricht den Eindruck haben, geliebt und verehrt zu werden. Auch gegenüber seiner Mutter plagt ihn das schlechte Gewissen, er ist bereit große Risiken einzugehen, um ihr eine würdige Beerdigung zu ermöglichen.

Unweigerlich kommt einem bei Ilja auch Raskolnikow in den Sinn. Beide arme Studenten, denen im Leben nichts geschenkt wird; vor ihren Augen eine Person, auf die sie all ihren Zorn und Hass projizieren. Sie sind aber keine eiskalten Mörder, die mit der Tat umgehen und leben könnten. Der eine leidet Seelenqualen in St. Peterburg, der anderen versucht verzweifelt in Moskau die Entdeckung der Tat zu verzögern. Dostojewskis Text ist bereits 150 Jahre alt, man fragt sich jedoch, wie sehr sich Russland verändert hat oder ob nicht doch alte Ungleichheiten durch neue nur ersetzt wurden und die Extreme der Gesellschaft weiterhin bestehen wie damals.

Ein Buch zur Lage eines Landes mit langer Vergangenheit, dessen Zukunft noch nicht entschieden scheint.

Matthias Senkel – Dunkle Zahlen

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Matthias Senkel – Dunkle Zahlen

Es gibt Bücher, die einem von der ersten Seite an faszinieren und in den Bann ziehen. In einem Rutsch liest man sie durch und ist dann traurig, wenn sie zu Ende sind. Dann gibt es welche, bei denen man nach wenigen Seiten schon weiß, dass man sie entweder nie beenden wird oder man sie nur pflichtbewusst halbherzig durchliest und schon drei Seiten weiter vergessen hat, was eigentlich drinne stand. Ach ja, dann sind da noch die irgendwie okayen Bücher, die weder besonders beeindrucken noch unsäglich banal sind, aber sicher keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Und dann ist da Matthias Senkel Roman „Dunkle Zahlen“, bei dem ich mich schon während des Lesens fragte, ob das ein schlechter Witz ist, irgendwie völlig innovativ oder schlichtweg zu hoch für mich.

Worum geht es? Ja, schon allein diese Frage zu beantworten ist nicht ganz einfach. Zum einen erleben wir die Kubanerin Mireya, die 1985 zur Programmierer-Spartakiade kommt. Leider ist der Rest ihrer Nationalmannschaft verschwunden und sie weiß nicht so recht, was sie jetzt tun soll. Dass sie sich allein auf die Suche in Moskau begibt, war so nicht vorgesehen, aber wo eine Gelegenheit da auch eine beherzte junge Frau. Parallel dazu verläuft die Entwicklung der sowjetischen Computertechnik seit den 1950er Jahren. Nicht dass beides stringent chronologisch oder überhaupt logisch erzählt würde, immer wieder überlagern sich die Geschichten, werden unterbrochen, springen hin und her.

Hat man endlich aufgegeben, eine nachvollziehbare Struktur zu suchen, liefert der Autor plötzlich Definitionen über Definitionen für seinen Titel, unter anderem aus der Numerologie, wo die dunklen Zahlen für die finsteren Mächte stehen und mit dem Tod assoziiert werden oder der Computertechnik, wo hinter einer vorgeblichen (abgerundeten) Null doch noch Werte versteckt sind. Ahhhh, sollte sich hinter dem Buch etwa doch ein noch verborgener Sinn verstecken?

Als sei das nicht genug, folgt irgendwann ein Glossar – Mitten im Buch:

KB – Konstruktionsbüro (Kонструкторское бюро)

KGB – Komitee für Staatssicherheit (Комитет государственной безопасности)

KJuR – siehe: SKJuRPro

KLM – Krutow, Larionow, Makarow (Крутов, Ларионов, Макаров)

KMP – Club junger Programmierer (Клуб молодых программистов)

Aber nicht nur dies, auch Folgendes findet sich:

Wiederkehrende Figuren

Adynatajew, Anton Antonowitsch – Parteisekretär in Wosduchogorsk

Afonja – Barbiergeselle im Hotel Rossija und modebewusster KGB-Mitarbeiter

Akselrod, Maxim Wilenowitsch – Informatiktalent, Reservekader der SBOMOPS

BBajun – mächtiger schwarzer Kater

Letztlich entsteht tatsächlich doch noch so etwas wie ein Gesamtbild: der russische Fortschrittsdrang, die Konkurrenz mit den Amerikanern um die Künstliche Intelligenz. Dass die Spartakiade, die anfangs im Zentrum stand, nur ein Mittel zum Zweck war, verwundert da auch nicht mehr weiter, ebenso wenig die Tatsache, dass beinahe der dritte Weltkrieg ausgelöst worden wäre. Auch die Frage, ob eine Fliege eine Fliege ist oder nicht, wird nebenbei pragmatisch gelöst. Aber ob das alles wahr ist, bleibt letztlich Spekulation, denn die ganze Geschichte ist ja nur eine Rekonstruktion der Literaturmaschine GLM-3.

In russischer Tradition mit großem Repertoire an Figuren, dazu Spionage- und Agententhriller mit Schmuggelei und verschwundenen Personen und Geheimdiensten, einem ganz großen Durchbruch in Richtung Weltherrschaft – es gibt nicht viel, was Matthias Senkel auslässt. Dafür wurde er für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, die Begründung der Jury lautet: „Anarchisch, ironisch, eine sprachlich schillernde Hommage an den Unernst.“. Das fasst es ziemlich gut zusammen, alternativ würde ich es als Vertreter eines post-sowjetischen Dadaismus bezeichnen.

Arthur Isarin – Blasse Helden

Blasse Helden von Arthur Isarin
Arthur Isarin – Blasse Helden

Russland in der Post-Sowjet und vor-Putin Zeit. Oligarchen bedienen sich schamlos am Reichtum und den Bodenschätzen des Landes. Das Geld fließt in ihre Taschen wie abends der Champagner in die Münder fließt. Geschäfte dienen den Reichen, der unteren Hälfte der Gesellschaft bleibt nur der Kampf ums Überleben. Anton entflieht dem Westen, wo sogar Revolutionen friedlich und freundlich verlaufen und stürzt sich in die Moskauer Geschäftswelt. Für den Unternehmer Paul Ehrenthal kümmert er sich um das Kohlegeschäft und löst Probleme, wo sie entstehen: mal in Sibirien, mal in der Ukraine. Schnell lernt der Deutsche sich anzupassen, ohne politische Meinung und als Ausländer wird von ihm nicht viel erwartet und er kann in den 1990ern ein lockeres und entspanntes Leben führen. Doch die Zeiten ändern sich und irgendwann muss auch Anton sich entscheiden.

Arthur Isarins Roman ist ein Blick in eine Gesellschaft, die losgelöst vom staatlichen System ihre eigenen Gesetze entwickelt hat und in der alles möglich scheint. Aus heutiger Sicht mit fast 20 Jahren Putin-Herrschaft, ist das Land nicht wiederzuerkennen, verheißungsvoll waren die Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, die ersten Schritte im Kapitalismus, die jedoch die Versprechungen nicht halten konnten.

„Blasse Helden“ fängt den Rausch ein, in dem sich diejenigen befanden, die sich schnell umgestellt und mit den neuen Begebenheiten arrangiert hatten. Anton lebt in einer Blase aus Macht und Spaß-Gesellschaft; er hat keine Verpflichtungen und schafft es, sich lässig zwischen den Russen zu bewegen. Die notwendigen Konventionen hat er schnell übernommen, die Moral über Bord geworfen und sich so gemütlich in seinem Dasein eingerichtet. Man bekommt einen Blick in die Geschäftssitten, die klar auf Gewinnmaximierung und Ignoranz etwaiger Gesetzte ausgerichtet sind. Wen man kennt, ist entscheidender, als was man kann.

Schnelllebig wie die damalige Moskauer Zeit liest sich auch das Buch, rasant schreiten die Jahre voran, die Welt außerhalb Antons Kosmos erscheint jedoch immer wieder am Rand. Hier lernt man das andere Moskau, das andere Russland kennen. Armut, Bestechung, Vetternwirtschaft, notwendige Prostitution – die negativen Begleiterscheinungen des Kapitalismus bleiben nicht aus und selbst Anton kann sie nicht gänzlich ausblenden.

Auch wenn der Ton bisweilen ironisch oder gar sarkastisch wird, man spürt den Schmerz eines Erzählers, der das Land liebt und sieht, wie es vor die Hunde geht. Die Menschen haben schon immer viel ertragen und stoisch werden sie das auch weiterhin tun. Es schwebt jedoch die Frage über allem, wieviel ein Volk tatsächlich aushalten kann, bis es sich erhebt. Kommunistische Unterdrückung gefolgt von Ausbeutung durch Oligarchen, beide Extreme haben es dem kleinen Mann nicht leicht gemacht und die Versprechungen wurden nie erfüllt – muss ein starker Mann im Kreml da die Lösung sein? Arthur Isarin lässt einem nachdenklich zurück. Ein berauschendes Buch, dessen Nachwirkung ein Kater ist.

Ein herzlicher Dank geht an die Verlagsgruppe Random House für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Titel finden sich auf der Verlagsseite.

Amor Towles – Ein Gentleman in Moskau

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Amor Towles – Ein Gentleman in Moskau

Graf Alexander Rostov ist nach der Revolution zurückgekehrt ins geliebte Russland, obwohl von dem Land, das er einst kannte, nicht mehr viel übriggeblieben ist. Kaum angekommen wird er verhaftet und verurteilt, jedoch nicht zu Tode wie so viele andere Adlige, sondern zu Hausarrest im Moskauer Hotel Metropol. Dort wird er die nächsten Jahrzehnte verbringen und die Entwicklungen des Landes nahe des politischen Zentrums, aber doch in einer kleinen Enklave, genau beobachten. Mag das Leben sich außerhalb der Hotelmauern noch so sehr weiterentwickeln, Alexander Rostov bleibt der Gentleman, der er immer war. Trotz kommunistischer Herrschaft behält er den Habitus des Grafen und man begegnet ihm entsprechend, auch wenn er die Privilegien der Aristokratie formal schon längst ablegen musste. Neben dem Personal des Hotels sind es vor allem zwei Mädchen, die ihn im Laufe der Zeit begleiten. Zunächst Nina Kulikowa, die mit wachem Verstand und ziemlich einsam den Mikrokosmos und die Welt erkundet. Später deren Tochter Sofia, die Rostov nahezu wie seine eigene Tochter großzieht.

Amor Towles entführt den Leser in eine fremde, längst vergangene Welt. Auch wenn 1922 zu Beginn des Romans das russische Zarenreich längst begraben ist, lebt dies doch in seinem Protagonisten weiter. Alexander Rostov hat alles, was man von einem Adligen seines Standes erwarten würde: sein Habitus, seine Weltgewandtheit, seine Werte – eigentlich ist all dies völlig fehl am Platze im neuen Sowjetreich, aber man kann die Menschen innerhalb weniger Jahre kaum gänzlich umgewöhnen und so begegnen die Figuren Rostov wie sie auch vor der Revolution seiner sozialen Schicht begegneten. In seinen Erinnerungen lebt diese Zeit immer wieder auf und lässt so einen Blick auf das zaristische Sankt Petersburg zu. Jedoch ist es vor allem die stalinistische Herrschaft, die den Rahmen setzt und Rostovs ungewöhnliches Gefängnis manifestiert. Die Gäste tragen die Ereignisse von draußen ins Hotel, am Beispiel der Schauspielerin Anna wird die Not verdeutlicht, mit der man sich entweder anpassen musste oder die Träume von der Karriere ein schnelles Ende fanden. Die große Politik bleibt weitgehend vor den Türen des Hotels, doch immer wieder finden sich Anspielungen und auch offene Worte zum Umgang der Kommunisten mit dem Erbe des Landes.

Besonders sympathisch wird die Handlung jedoch, wann immer auch der Graf sich mit der jungen Nina oder ihrer Tochter Sofia einlässt. Ungewohnt und ungelenk im Umgang mit Kindern behandelt er sie wie Erwachsene und erliegt dem Charme der Mädchen sogleich. Respektvoll erzieht er sie und weckt ihre Neugier auf die Welt, seine eigenen Erfahrungen und Werte kann er völlig ungeplant und doch erfolgreich weitergeben und beide zu starken jungen Frauen heranwachsen lassen. Ebenbürtig diskutieren sie die großen und kleinen Geschehnisse und zeigen so eine Seite an Rostov, die unerwartet aber unheimlich liebenswürdig ist.

Getragen wird der Roman jedoch von einem Erzähler, der es sich nicht nehmen lässt in kleinen Spitzen zu kommentieren oder auch mal den Leser direkt zu adressieren. Ein lebendiger Plauderton lässt die Jahrzehnte wie im Flug vorübregehen und einem beim Lesen immer wieder schmunzeln. Die höfliche, zurückhaltende Art des Gentleman Rostov spiegelt sich im Erzählton wunderbar wieder, überdeckt aber nie völlig den darunter befindlichen scharfen Verstand, der analytisch und mit bemerkenswerter Beobachtungsgabe das Treiben im Hotel erfasst.

Mit „Ein Gentleman in Moskau“ hat Amor Towles einen wundervollen Roman geschaffen, in dem Handlung und Ton stimmig zusammenfinden. Eine Geschichte voller Menschlichkeit und Unmenschlichkeit, der die wahre Größe eines Mannes mit Werten und einem großen Herzen oft bezaubernd in Worte fasst.