Lana Lux – Kukolka

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Lana Lux – Kukolka

Ein Kinderheim in Dnepropetrowsk, Ukraine. Samira und Marina kennen ihre Eltern nicht, auch kein Leben in einer Familie, nur das im Kinderheim kennen sie und immer träumen sie von einem besseren Dasein. Regelmäßig kommen Erwachsene, um sich Kinder auszusuchen, so auch Marina, die die Heimat verlassen und in Deutschland ein neues Leben beginnen darf. Ihrer Freundin zu folgen wird für die nächsten Jahre der sehnlichste Wunsch von Samira bleiben. Sie reißt aus dem Kinderheim aus und wird von Rocky aufgegriffen. Er ist jedoch nicht der freundliche Helfer, als der er zunächst scheint, sondern hat eine ganze Bande von Kindern angestellt, die für ihn klauen und betteln. Trotz aller Widrigkeiten hat Samira eine Ersatzfamilie und mit Dascha und Lydia so etwas wie große Schwestern. Doch die Zeiten ändern sich und mit zunehmendem Alter wird Samira für Männer als Sexobjekt interessant. Dima scheint die Rettung zu sein, er schafft es sogar, Samira nach Deutschland zu bringen, doch der Preis, den sie dafür zahlen muss, ist hoch.

„Kukolka“ – das Püppchen. Das ist die dunkelhaarige Samira zunächst für alle. Das ahnungslose naive Mädchen, das mit seinen 6-7 Jahren alleine davonläuft und den Weg nach Deutschland antritt. Leicht findet sie Menschen, die sich um sie kümmern, doch diese haben immer Hintergedanken und nichts ist umsonst in ihrem Leben. Bei jeder Etappe denkt man, dass es nicht mehr schlimmer kommen kann. Zum Betteln und Stehlen versklavt, verwahrlost und ohne jede Bildung – was sie bei Rocky erlebt ist der böse Alptraum eines unsäglichen Kinderlebens. In einem Haus ohne fließendes Wasser, immer wieder auch mit dem Tod und Gewalt konfrontiert – was sollte das noch überbieten können?

Dima scheint die Hoffnung zu sein. Er ist freundlich, hat eine saubere Wohnung, behandelt Samira gut – doch sein wahres Gesicht zeigt er erst später. Viel zu jung wird Samira missbraucht, verraten, verkauft. Ob all der Grausamkeiten, die das Mädchen ertragen muss, kann man gar nicht glauben, dass ein einziges Menschenleben das aushalten kann. Bei realistischer Betrachtung weiß man jedoch, dass dies auch eine Realität ist, die sich in einer Parallelgesellschaft mitten unter uns abspielt, vor unseren Augen ohne dass wir es sehen.

Lana Lux erspart ihrer Protagonistin und dem Leser nichts. Ein unbändiger Überlebenswille, getrieben von den Gedanken die Freundin wiederzusehen und ebenfalls eine gute deutsche Familie zu finden, hält sie am Leben und lässt sie all das ertragen, was man ihr zufügt. Der Roman ist ganz sicher nichts für feinbesaitete Gemüter, zu schonungslos und direkt schildert die Autorin Gewalttätigkeiten und Missbrauch. Gleichzeitig zeichnet sie das Psychogramm einer starken jungen Frau, die zwar immer wieder droht sich in ihrer Phantasiewelt zu verlieren, einem Schutzwall um das Leben zu ertragen, aber letztlich ihren Weg mutig geht und überlebt. Sie deckt Mechanismen auf, die es Menschen erlauben, sich anderer zu bemächtigen und diese auszunutzen:

„Ich wusste, dass mich das gleiche Schicksal erwartet wie Dascha und Lydia. Ich wusste, dass ich zu niemandem gehöre und nichts wert bin. Dass ich einfach da bin, so wie Kakerlaken. Niemand weiß, wo die ehrkommen. Niemand braucht sie. Sie leben, bis einer sie wegklatscht.“ (Pos. 2480)

Sie glaubt, dass sie schuld am Schicksal von Dascha und Lydia sei und nun ihre gerechte Strafe bekommt. Mit dieser Schuld muss sie leben und die Strafe ertragen, bis sie irgendwann tot ist.

Ein beeindruckender Roman, der einem als Leser nicht kalt lassen kann. Trotz oder gerade wegen einer gewissen Nüchternheit in der Erzählung geht er unter die Haut und setzt sich fest. Für mich eindeutig eins der literarischen Highlights 2017.

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Shumona Sinha – Staatenlos

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Shumona Sinha – Staatenlos

Drei Frauen, drei Schicksale. Esha konnte sich ihren Traum verwirklichen: dank des wohlhabenden und gebildeten Hintergrundes konnte sie der Provinz Westbengalen entfliehen und ihr Glück in Frankreich suchen. Doch Paris hat ihre Erwartungen nicht erfüllt. Die Kinder in der Schule, in der sie als Englischlehrerin arbeitet, verachten sie, Freunde oder gar einen Partner hat sie ebenfalls nicht gefunden. Nach Hause will sie aber unter keinen Umständen zurückkehren, schon die Telefonate mit ihrer Mutter sind ihr zuwider. Sie hofft auf die französische Staatsangehörigkeit, um dauerhaft Asien den Rücken kehren zu können. In Paris hat sie Marie kennengelernt, die ebenfalls aus Indien stammt, aber bereits als Kind adoptiert wurde und in Frankreich aufwuchs. Nun als junge Erwachsene sucht diese nach ihren Wurzeln und bereist das unbekannte Herkunftsland. Schnell engagiert sie sich dort auch für die Unterdrückten und nimmt an Protestaktionen teil, auch wenn sie oftmals nicht versteht, was wirklich dahintersteckt und wie sich das Leben eines einfachen Arbeiters gestaltet. Ein Leben wie es die Analphabetin Mina führt. Die Hoffnung auf Verbesserung ihrer Lage hat sie schon längst aufgegeben, bleibt nur noch die auf die Heirat mit Sam, den sie schon als Baby liebte. Doch Sam hat andere Pläne und Minas Schwangerschaft soll nicht sein Problem sein.

Wie auch in ihren anderen Romanen scheut sich Shumona Sinha nicht, unpopuläre Themen aufzugreifen und den Finger in die Wunde zu legen. Dieses Mal geht es im Wesentlichen um die Rolle der Frau bzw. ihr Ansehen in der Gesellschaft und um den Platz, den die französische Gesellschaft den Einwanderern zuweist. Sie kommen nie wirklich in der Mitte der Gesellschaft an, bleiben am Rand, unter sich, was sich vor allem auch räumlich ausdrückt:

Sie lebte am Ende der von Tankstellen, Autovermietungen und chinesischen Imbissläden gegliederten Straße, mit Menschen unterschiedlichster Herkunft, die sich an dieses Ende klammerten wie an den Schwanz einer langsamen, müden Schlange, deren Leben sich weiter oben abspielte.

Unsichtbare und unüberwindbare Mauern trennen die Schichten in jeder Hinsicht. Obwohl Esha in Paris mehr Freiheiten genießt als in Kalkutta, muss sie doch recht schnell feststellen, dass auch hier Werte und Normen ihr Leben einschränken:

Während es in Indien für eine alleinstehende Frau unmöglich war, eine Wohnung zu mieten, hatte sich hier niemand daran gestört, als sie ihren ersten Mietvertrag unterschrieben hatte. Die Probleme hatten danach angefangen. Schnell war aufgefallen, dass sie alleine lebte. Dass sie frei war, bedeutete, dass sie es für alle war, ihre Freiheit war nicht ihre Angelegenheit, sondern die der anderen und wurde bedroht von dem Verlangen der Männer und dem Misstrauen der Frauen.

Es scheint ein Naturgesetz zu sein, dem sie nicht entfliehen kann.

Die Abwesenheit eines Kindes ersparte ihr nicht die Fragen über dieses ungeborene Kind. Man wollte wissen, ob sie unfruchtbar sei, ob sie schon in den Wechseljahren sei, und vor allem hatte man sie in Verdacht, nicht richtig geliebt zu werden. Ein Kind zu haben, war genauso wichtig wie eine Arbeit, ein Haus, ein Auto zu haben. Sie war OfW, ohne fürsorgliche Weiblichkeit.

Sie wird daran gemessen, ob sie ihrer Pflicht als Frau nachkommt und Nachwuchs hervorbringt. Ihre intellektuellen Fähigkeiten treten völlig dahinter zurück und werden von dieser drängenden Frage überlagert. Wird sie nicht auf das Muttersein reduziert, muss sie sich vor anzüglichen Blicken und Übergriffen schützen, als Asiatin wird sie insbesondere schnell in die Ecke einer Prostituierten geschoben, die für Männer frei verfügbar sind. Oder man hält sie für eine Asylbewerberin, Sozialschmarotzerin, die sich in der Metro öffentlich dafür rechtfertigen soll.

Schlimmer als Esha trifft es jedoch Mina in Indien, Sie versucht den Kampf für die richtige Sache, wird sich aber schnell der Grenzen bewusst, die man einer Frau wie ihr setzt. Auch ihr Vater kennt die Regeln der Gesellschaft und muss entsprechend handeln:

Verzeih mir, meine Kleine, aber du musst unser Haus verlassen. Du musst uns verstehen, wir haben keine andere Wahl, uns sind die Hände gebunden, wenn du bleibst, verstoßen sie uns alle, dein Bruder kann dann nicht mehr für diese Leute arbeiten, wir können nicht mehr auf die Straße gehen.

Die Schuld an ihrer Schwangerschaft tragen beide, Mina und Sam, doch nur sie wird zur Rechenschaft gezogen und der Verstoß durch die Familie wird noch nicht alles sein. Der Wert eines Frauenlebens geht gegen null.

Es gäbe unheimlich viel mehr zu sagen und zitieren aus dem kurzen Roman, der auf den rund 160 Seiten sowohl die vermeintlich fortschrittliche westliche Welt mit der vermeintlich rückschrittlichen bäuerlichen Gesellschaft in Westbengalen kontrastiert und man letztlich ebenso wie Esha erkennt, dass Diskriminierung überall ein inhärenter Teil der Strukturen ist und dass es gerade für Frauen ein schmaler Grat sein kann zwischen akzeptablem Verhalten und Verachtung:

Der Körper der Frau, verschleiert oder unverschleiert, löste hier wie anderswo heftige Reaktionen aus. Ein paar Zentimeter Stoff, hier waren sie zu viel, anderswo zu wenig.

Emmanuel Carrère – Brief an eine Zoowärterin aus Calais

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Emmanuel Carrère – Brief an eine Zoowärterin aus Calais

Wie berichtet man über einen der schlimmsten Schandflecken in der Europäischen Union mit einem objektiv-neutralen Blick? Der französische Autor Emmanuel Carrère will sich aufmachen nach Calais, um dort aus dem berüchtigten „Jungle“ zu berichten, in dem tausende Flüchtlinge hausen und tagtäglich die gefährliche Überfahrt nach England wagen. Noch bevor Carrère seine Reise anritt, erhält er einen Brief von Marguerite Bellefille, vorgeblich einer Zoowärterin aus Calais, die sein Vorhaben kritisiert und infragestellt. Dies nimmt er als Ausgangspunkt, um ein Bild der Bewohner zu zeichnen, jener Menschen, die in unmittelbarer Nachbarschaft des europäischen Versagens leben.

Entstanden ist ein Bericht, der die Sorgen und Ängste der Menschen ernstnimmt, ihnen eine Stimme verleiht und den moralischen Zwiespalt aufzeigt. Calais liegt in einer wirtschaftlich schwachen Region, der größte Arbeitgeber hat schon lange die Tore geschlossen und nach dem Bau des Eurotunnels ist auch die Bedeutung des Hafens nach und nach zurückgegangen. Die alten Bewohner haben keine Perspektive, ihre Kinder suchen das Glück anderenorts und durch den schlechten Ruf des Flüchtlingslagers sind ihre Häuser wertlos geworden; ein Verkauf nicht nur unrentabel, sondern unmöglich. Dass der Front National hier leichtes Spiel hat, ist offenkundig und sogar nachvollziehbar. Einzige Einnahmequelle der Hotels nicht mehr die Sommergäste, sondern die Journalisten, die über die Misere berichten.

Carrère setzt sein Vorhaben um, er fokussiert nicht das Lager in seinem Bericht, die Begründung ist einleuchtend:

Ich werde von diesem Besuch hier nicht erzählen. Ich habe es versucht, aber es schluckt alles andere. Es nimmt sofort zu viel Raum ein, man kann es nicht in die Grenzen von ein paar Absätzen zwängen.

Nichtsdestotrotz sind sie immer da, die Bewohner des Jungles, sie sind die Kulisse vor der sich der Alltag abspielt, sie bestimmen den Rahmen und Inhalte seiner Gespräche, denn außer ihnen gibt es kaum mehr etwas zu berichten. Not und Leid der Geflüchteten sind offensichtlich, doch es gibt einen Unterschied zwischen ihrer Situation und der der Bewohner von Calais:

Die Lage eines kleinen Weißen, der in Beau-Marais von Sozialhilfe lebt, ist weniger prekär, aber in gewisser Weise verfahrener und endgültiger, und ich frage mich, ob nicht das mehr oder weniger bewusst der eigentliche Grund für sein Ressentiment ist.

Vieles ist objektiv nicht beleg- oder nachprüfbar, sondern wird von Emotionen geleitet:

Die gefühlte Unsicherheit – gefühlt, so wie man von gefühlter Kälte spricht –, wird je nach Gesprächspartner unterschiedlich angegeben. Doch selbst Leute wie meine Pierre Rabhi lesenden Freunde, die aus ideologischen Gründen dazu neigen sie herunterzuspielen, geben zu, dass eine bedrohliche Atmosphäre auf der Stadt laste.

Sind nicht nur die Geflüchteten ignoriert und vergessen, sondern auch Calais als Stadt? Es scheint so.

Inzwischen hat sich die Lage verändert, der Jungle wurde geräumt und die Bewohner umgesiedelt. Die Einwohner Calais‘ sind geblieben, vielleicht weniger bedroht, aber genauso perspektivenlos. Carrère gelingt ein Portrait einer verlorenen Stadt wie es viele in Europa gibt und deren Bewohner maßgeblich durch ihre prekäre Lage das europäische Projekt bedrohen.

Négar Djavadi – Desorientale

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Négar Djavadi – Desorientale

Kimiâ Sadr sitzt im Warteraum ihrer Ärztin. Heute ist der Tag, an dem sie endlich die Insemination vornehmen soll, sie wird Mutter werden, so wie es ihr vor langer Zeit in einem anderen Leben prophezeit wurde. Dieses Leben hat nichts mehr mit ihrem Hier und Jetzt zu tun und dennoch bestimmt es, wer sie ist und wie sie in diese Klinik gekommen ist. Also holt sie aus und berichtet ihren Zuhörern von ihrer Kindheit im Iran, ihren politisch engagierten Eltern und der Zeit der Revolution, wie sie mit der Absetzung des Schahs das Leben veränderte, härter und bedrohlicher wurde. Gewalt und Verfolgung, schließlich die Flucht in ein fremdes Land. Die Schwierigkeit in ihrer Familie über das zu reden, was passiert war, den Neuanfang zu wagen und die Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Entgegen meiner Erwartung ist das Buch weniger ein Bericht über die Schwierigkeit, in Frankreich anzukommen und Fuß zu fassen, sondern viel mehr erlaubt es einen Blick in den Iran der 70er Jahre. Der Schwerpunkt der Geschichte liegt in der Zeit vor der Flucht und den Entwicklungen im Mittleren Osten. Die Autorin erklärt ihren autobiographischen Roman auch rasch zu Beginn:

«Die Rolltreppe, die gehört denen.» Das war ein Stück weit der Grund, warum ich diese Geschichte begonnen habe, ohne recht zu wissen, wo ich anfangen soll. Ich weiß nur, dass das hier keine lineare Erzählung wird. Um die Gegenwart schildern zu können, muss ich weit in die Vergangenheit zurückgehen, muss Grenzen überqueren.

Und Ihr noch junges Leben ist bereits sehr bewegt:

Ich habe das Land gewechselt und die Sprache, mir wiederholt eine andere Vergangenheit ausgedacht, eine andere Identität. Ich habe gekämpft, jawohl, gekämpft habe ich gegen den heftigen Wind, der sich vor sehr langer Zeit erhoben hat, in einer abgelegenen persischen Provinz namens Mazandaran, mit vielen Todesfällen und vielen Geburten, rezessiven und dominanten Genen, Staatsstreichen und Revolutionen.

So entsteht in der Tat eine Erzählung, die zwischen Frankreich und dem Iran springt, die auf die Generation ihrer Eltern und deren politisches Engagement, das sie in Lebensgefahr bringt, zurückblickt. Vor allem ist es immer wieder die Mutter der drei Mädchen, Sara Sadr, die im Zentrum steht. Keine Frau, die sich mit häuslichen Pflichten zufrieden gibt, sondern die das Leben anpackt und für eine bessere Zukunft kämpft und stets ihrem Mann an der Seite steht. Simone Veil ist ihr bewundertes Vorbild, doch das, was im Frankreich der 70er Jahre möglich ist, ist im Iran noch in weiter Ferne. Durch die Frauen werden die vorherrschenden Rollenbilder und vor allem der Umgang mit Sexualität thematisiert. Bezogen auf ein unfruchtbares Paar aus ihrer Nachbarschaft stellt die Mutter fest:

«Natürlich ist er unfruchtbar. Wenn sie die Schuldige wäre, hätte er sich schon lange von ihr scheiden lassen!» Damit hätten wir die Stellung der iranischen Frau mit zwei Sätzen zusammengefasst.

Ähnlich verhält es sich als die junge Kimiâ den Familienstammbaum entdeckt:

Eines Tages fragte ich Bibi: «Warum haben sie die Mädchen nicht in den Baum eingezeichnet. Wir existieren doch auch, oder nicht?»

«Du glaubst, dass du existierst, aber du existierst nicht …»

«Und ob ich existiere!»

«(Fatalistische Grimasse von Bibi) Warte, bis du so alt bist wie ich, dann wirst du es verstehen …»

Mit der Flucht lassen sie alles hinter sich. Keine Fotos, keine Erinnerungsstücke, nichts können sie mit in das neue Leben retten. Das Schweigen in der Familie über das, was passierte, macht es für die Mädchen nicht einfach. Sie werden Jahre brauchen, ihre eigene Geschichte zu rekonstruieren. Erschwerend kommt hinzu, dass man in Frankreich keine Vorstellung von ihrer Heimat hat und es nicht gelingt, ihr Bild des Iran zu vermitteln. Es interessiert auch nicht, sie sollen sich integrieren und dazu gehört zu vergessen, zu verdrängen, die iranische Identität abzulegen.

Nachdem ich Négar Djavadi auf der Buchmesse erlebt hatte, war mein Interesse an ihrer Geschichte geweckt. Wir haben viele Vorstellungen über Einwanderer und deren Heimat, aber oftmals werden diese durch die westliche Schablone verzerrt, umso wichtiger sind diese Erzählungen, die uns einen direkten Einblick erlauben und vieles wieder zurechtrücken können. Ein sehr bewegender Roman, der bislang in Deutschland noch viel zu wenig beachtet wurde.

Mitja Vachedin – Engel sprechen Russisch

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Mitja Vachedin – Engel sprechen Russisch

Mit Anfang 30 fragt sich Mitja Vachedin, wer er eigentlich ist. Am besten passt die Metapher der Zahnpasta, die aus drei Schichten besteht, so ist nämlich auch er: eine Schicht russischer Kommunismus der 80er Jahre. Eine Schicht russischer Kapitalismus nach dem Zusammenbruch und dann noch einmal 10 Jahre in Deutschland. Diese Erfahrungen haben ihn zu dem Mann gemacht, der er heute ist. Er lässt sein noch kurzes Leben episodenhaft Revue passieren: Die Kindheit, die aus endlos langen Sommern am See und der Datscha bestanden. Die Jugendjahre im chaotischen Leningrad, das plötzlich St. Petersburg hieß und wo alle versuchten, schnell Geld zu machen. Seine Zeit in Deutschland, zunächst umgeben von unzähligen Russen, die alle im Westen das Glück suchten und dann das Studium, das aber wiederum in ein Nichts führt.

Die Grundidee von Mitja Vachedins Buch ist nicht wirklich neu. Zahlreiche (auch anekdotische) Romane über russische Spätaussiedler sind in den letzten Jahren erschienen, am bekanntesten dürfte wohl Wladimir Kaminer sein, der inzwischen unzählige Bücher veröffentlicht hat, aber auch Alexandra Friedmanns „Besserland“ oder Sasha Marianna Salzmanns „Außer sich“ nehmen diese Thematik auf. Was macht Mitja Vachedins Geschichte dann lesenswert?

Für mich waren seine Episoden deutlich nachdenklicher und weniger auf den humorigen Aspekt abzielend als vergleichbare Romane. Auch wenn das Leben in Russland vielerlei Entbehrungen erforderte, dies kommt sehr klar raus, wird es aber nicht als negativ empfunden, auch dort konnte ein Kind oder Jugendlicher Spaß haben und ganz normal wie auch im Westen mit den Freunden die Sommer verbringen und sich ausprobieren. Auch die Ankunft in Deutschland ist nicht so sehr von den negativen Erlebnissen geprägt, was jedoch auch bei Vachedin zwischen den Zeilen herauskommt, ist der lange Zeit fehlende Kontakt tatsächlich zu Deutschen. Die ausgewanderten Russen oder Russlanddeutschen bleiben weitgehend unter sich und bilden eine ganz eigene Kultur heraus.

Vieles ist heiter und lädt zum Lachen ein ob der Absurdität, an vielen Stellen wird man jedoch auch nachdenklich, vor allem stellte sich für mich die Frage, inwieweit diese zerrissene Identität ursächlich für die wenig zielgerichtete berufliche Planung ist. Ein abgeschlossenes Studium und dann im Supermarkt Regale einräumen?

Mitja Vachedin erzählt keine außergewöhnliche Geschichte, kein besonderes Leben, das sich von allen anderen abhebt. Und darin liegt seine Stärke: er findet das Interessante im Alltag, die banalen Situationen können entscheidend werden und sind es auch wert, dass man ihnen Aufmerksamkeit schenkt. Vor allem gelingt es ihm, Stimmungen und Atmosphären zu transportieren, man kann seinen Figuren nachempfinden, wie es ihnen ergangen ist. Er hat das Buch seiner Familie gewidmet, diese ist das Band, das auch die Episoden zusammenhält und zu einem Ganzen werden lässt.

Ein Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Titel und Autor finden sich auf der Seite des Random House Verlags.

Maxi Obexer – Europas längster Sommer

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Maxi Obexer – Europas längster Sommer

Wann ist ein Ausländer ein „echter“ Ausländer? Und wann darf ein „Migrant“ sich als solchen bezeichnen? Die Essayistin und Autorin von Theaterstücken Maxi Obexer schickt in ihrem als Roman eingeordneten Text eine Italienerin auf eine Reise aus der ehemaligen Südtiroler Heimat in die neue Heimat Berlin, wo sie ihren deutschen Pass in Empfang wird nehmen dürfen. Auf dem Weg zwischen Vergangenheit und Zukunft sinniert sie über ihre Erfahrungen als Italienerin, Südtirolerin, Ausländerin, Migrantin, Europäerin und auch Deutsche nach, die widersprüchlich, widersinnig, bisweilen grenzwertig nationalistisch und manchmal einfach absurd sind. In „Europas längster Sommer“ werden die durch die EU abgeschafften Grenzen plötzlich wieder präsent, doch sie sind neu gezogen worden und verlaufen anders als früher. Vieles, was eindeutig und klar zu sein scheint, muss nochmals hinterfragt werden.

Der kurze Roman, der auf mich eher wie ein langer Essay denn wie eine fiktionale Geschichte wirkt, reißt viele aktuelle Fragen auf und nimmt in der Vielzahl der seit zwei Jahren recht populären Flucht- und Migrationsromane eine ganz neue Perspektive ein, die bislang zu Unrecht vernachlässigt wurde. Als Südtirolerin hat die Autorin die Erfahrung gemacht, dass sie zwar einen italienischen Pass hat, aber nicht als Italienerin wahrgenommen wird. Für die Italiener ist sie Deutsche. Doch richtige Deutsche ist sie auch nicht, trotz aller Bemühungen um Hochdeutsch bleibt ihre Sprache immer ein wenig anders. Besonders eklatant wird das Thema der europäischen Minderheiten im Kunst- und Literaturbetrieb, wo sie zwischen den großen Nationen untergehen und vernachlässigt werden.

Als EU-Ausländerin in Deutschland befindet sie sich in einer besonders abstrusen Situation: die Freizügigkeit zwischen den Staaten erlaubt die unproblematische Migration, gleichzeitig erhält sie aber kein Wahlrecht in dem Land, in dem sie lebt und arbeitet. Sie darf anders sein, soll sich aber integrieren, wie kann dieser Widerspruch aufgelöst werden? Auch im wiedervereinten Berlin, wo die Grenze zwischen Ossi und Wessi messerscharf verläuft, gehört sie weder zu den einen noch zu den anderen.

Sie als freiwillige Migrantin hat sich dieses Los selbst ausgesucht, doch was ist mit der zweiten und dritten Generation der Italiener und Türken, die auf den Papier Deutsche sind, jedoch aufgrund ihres Namens und/oder Aussehens nie als solche anerkannt werden?

„Der Hintergrund ist ewig vordergründig, er verfolgt sie wie ein vorauseilender Schatten. Für sie alle ist der Migrationshintergrund unüberwindbare Realität, eine Ohnmacht, ein Schmerz, ein ungehörter Schrei.”

Kann man überhaupt „Deutsche“ werden? Oder „Italienerin“? Oder „Französin“? Europa wächst zusammen, vermischt sich und trennt zugleich doch immer noch. Das wohl absurdeste Beispiel hierzu lieferte das Vereinigte Königreich:

„Als im Sommer 2016 in Großbritannien über den Verbleib oder den Austritt aus der Europäischen Union abgestimmt wurde, haben EU-Ausländer nicht mitgewählt. Über eine Entscheidung, die sie zuerst betrifft, hatten sie selbst kein Stimmrecht.”

Die europäische Realität geht an vielen Bürgern vorbei, der Grund hierfür ist simpel:

„Warum werden nicht diejenigen gefragt, die dieses Europa mit ihrem Leben verbinden? Und mit ihrer Liebe? Und mit der Vision eines nach innen und nach außen hin durchlässigen Kontinents. Warum wird Europa von dort aus hinterfragt, wo es am wenigsten vorkommt? Von den Machtzentren homogener Eliten. Warum nicht von dort aus, wo Europa im Geist und im Körper bereits vorhanden ist, als Realität und auch noch immer als Traum.”

Maxi Obexer stellt die richtigen und wichtigen Fragen. 2015 hat eine Wende im Verständnis von Europa markiert, man hat Menschen hereingelassen, zugelassen, dass sich die EU im Inneren verändert. Doch dazu erfordert es noch vieles von den Bewohnern dieser politischen Einheit, die viel eher die Unterschiede wahrnehmen als das, was sie eint.

Ein wichtiger Beitrag für die Diskussion um nationale Leitkulturen und europäische Werte.

Shumona Sinha – Erschlagt die Armen!

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Shumona Sinha – Erschlagt die Armen!

Eine junge Frau wird in Gewahrsam genommen, die hat einen Mann attackiert und verletzt. Herr K. befragt sie und sie erzählt. Von ihrer Arbeit als Übersetzerin. Als Mittlerin zwischen Asylsuchenden und Behörde, als Brücke zwischen Vergangenheit und einer möglichen Zukunft, als Beispiel für den gelungenen Anfang im neuen Land. Sie soll einfach nur die Worte wiedergeben, wie eine Maschine neutral sein und nicht kommentieren, was sie hört. Offenkundige Lügen und gut getarnte Schwindeleien, brutale Vergewaltigungen und Anweisungen der Anwälte, die richtigen Worte zu wählen, um das Verfahren nicht zu gefährden. Tagtäglich ist sie nicht nur dem Leid, sondern auch den Anfeindungen ausgesetzt, dabei soll sie unsichtbar sein und vor allem außerhalb des Büros verschwinden. Für die einen ist sie nur ein Hilfsmittel, um die Sprachbarriere zu überwinden, für die anderen ist sie der Dreh- und Angelpunkt, der über ihr Leben entscheidet und eben auch schuld ist, wenn das Verfahren nicht wie gewünscht ausgeht.

Der Titel des Romans ist schon Provokation und der folgende Text steht diesem in nichts nach. Auch wenn er auf ein Prosagedicht Charles Baudelaires zurückgeht („Assommons les pauvres!“), bleibt er doch hart und verheißt nichts Gutes. In ihrer fiktiven Erzählung greift die indisch-stämmige Shumona Sinha auf ihre realen Erfahrungen als Dolmetscherin bei der französischen Migrationsbehörde zurück. Man kann davon ausgehen, dass viele der geschilderten Episoden auf wahren Begebenheiten beruhen und Einblick in eine bisher weitgehend unbeleuchtete Perspektive in der Flüchtlingsdiskussion geben.

Sie berichtet von der Not zu lügen, denn nur wer politisch oder religiös motivierte Verfolgung in der Heimat erlebt, hat eine Chance auf ein Bleiberecht. Dass die passenden Geschichten bisweilen jeglicher Glaubwürdigkeit entbehren, die Vortragenden nicht einmal die wichtigsten Feiern ihrer vorgeblichen Religion kennen – es ist fast komisch und so geht es auch der Dolmetscherin, die ob der Absurdität einmal einen Lachanfall bekommt. Aber sie berichtet auch von der Verachtung, die ihr als Frau widerfährt, die plötzlich über das Leben von Männern entscheiden kann:

„Sie durften meine Arbeit kritisieren, weil eine echte Frau nicht arbeitet. Keine Frau, die sie von Nahem oder Weitem kannten, keine Nachbarin im Dorf, war so tief gesunken, dass sie sich der Welt aussetzte und ihren Lebensunterhalt mühevoll alleine verdiente, als gäbe es auf der Welt keine Männer mehr!“

Mehr noch als mit der gelegentlichen Verachtung hat sie mit ihrer Rolle zu kämpfen. Sie erkennt sich in diesen Menschen nicht wieder, obwohl sie aus demselben Land stammt. Sie hört tagtäglich unheimliche Geschichten, hat aber keinen Raum, um ihre eigene Last abzuladen und das gehörte wieder loszuwerden. Der Zwiespalt zwischen dem Verständnis für die Asylsuchenden, deren Situation sie nur zu gut kennt und denen sie sich verpflichtet fühlt, aber auch der Loyalität zur neuen Heimat, bringt sie in eine permanente Anspannung, die sich nicht lösen lässt und die letztlich ihre eigene Identität in Frage stellt.

Das Thema Flucht und Asyl wurde zuletzt vielfach literarisch verarbeitet, Mohsin Hamid hat mit „Exit West“ und Imbolo Mbue mit „Behold the Dreamers“ einen hervorragenden Romane hierzu geschrieben. Auch Jenny Erpenbecks „Gehen, ging, gegangen“, Gitta Mikatis „Berlin Beirut“ und Abbas Khiders „Ohrfeige“ beleuchten die Situation aus Sicht der Geflüchteten sehr gelungen. Shumona Sinha wählt eine gänzlich andere Perspektive und deutlich kritischere Haltung, die eine gelungene Ergänzung zur derzeit wohl populärsten Thematik darstellt ohne dabei in das Fahrwasser rechter, nationalkonservativer Gruppierungen zu geraten.

 

Alexandra Friedmann – Besserland

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Alexandra Friedmann – Besserland

Das Leben gegen Ende der 80er Jahre ist nicht leicht in Weißrussland. Trotzdem schlägt sich die Familie der kleinen Alexandra tapfer durch. Mit List wissen Vater und Mutter die Lücken des Sowjetsystems für sich zu nutzen und schaffen sich so ein ganz ordentliches Leben. Dann aber hören sie immer mehr Geschichten vom Westen, wie gut es den Menschen da geht und schließlich entsteht der Entschluss, die UdSSR zu verlassen. Amerika ist das Ziel, doch die Reise ist voller Tücken und in Österreich gestrandet wird plötzlich Deutschland – oder eher noch die Vorstellung von „Besserland“ – zum Ziel. Die Ankunft überfordert ihre Sinne, doch das neue Leben hält auch neue Herausforderungen für die Familie bereit. Ein gesunder Pragmatismus und ein ordentlicher Schuss Cleverness erleichtern das Leben in der neuen Heimat.

Alexandra Friedmann schildert vieles aus der Sicht der kleinen Alexandra, was einen naiv verklärten und zum Schmunzeln anregenden Blick erlaubt. Viele Situationen sind schier komisch, auch wenn sie in der Realität haarsträubend gewesen sein müssen. Mit treffsicheren Formulierungen gelingt ihr der schmale Grat zwischen augenzwinkerndem Verständnis und nicht tolerierbarem Verhalten. Unterhaltsam schildert sie den schwierigen und gefährlichen Weg ins gelobte Land, in dem dann doch nicht Milch und Honig fließen – auch wenn Nutella eine sensationelle Erfindung zu sein scheint. Man muss die Familienmitglieder einfach lieb haben und entwickelt vielleicht eine andere Sicht auf die Lage von russischen Emigranten. Aus leitender Position mit ordentlichem Diplom hier zur Putzfrau degradiert, das Häuschen für ein Bett in einer Turnhalle hinter sich lassen, eine fremde Sprache, die jede Kommunikation verhindert – kein leichtes Unterfangen. Zwischen den Zeilen lesen sich auch die Zweifel und Verzweiflung und ganz tiefgreifende Frage wie diejenige, welches die Muttersprache des Kindes sein wird und wie wichtig es ist, dass es beide Sprachen beherrscht.

Unterhaltsam, informativ und mit dem ironischen Titel keinesfalls verklärend oder anklagend – ein gelungener Blick auf die Sicht der Einwanderer.