Angelika Jodl – Laudatio auf eine kaukasische Kuh

Angelika Jodl – Laudatio auf eine kaukasische Kuh

Sie ist bereits im Praktischen Jahr als Ärztin, also hat Olga bald ihr Ziel erreicht, von dem die Eltern nach der Auswanderung aus Georgien und der Zwischenstation Griechenland bei der Ankunft schließlich in Deutschland nur träumen konnten. Stolz sind sie auf die Tochter, aber noch besser wäre, wenn sie mit Ende 20 auch endlich unter der Haube wäre. Von ihrem Freund Felix hat sie ihnen nichts erzählt, die beiden Welten passen einfach nicht zueinander, von ihren Kollegen ahnt keiner von ihren Familienverhältnissen, die sie immer noch lieber verschweigt, obwohl ihr Vater unzählige Sprachen spricht und gebildet ist – aber in München sind die nur Migranten mit gebrochenem Deutsch. Auf Besuch bei ihrer Familie trifft sie zufällig auf Jack und ist sogleich fasziniert von dem Lebemann, der sich völlig in sie verschossen hat. Bald schon steht Olga nicht nur zwischen zwei unvereinbaren Welten, sondern auch noch zwischen zwei Männern.

Angelika Jodl unterrichtet Deutsch als Zweisprache und kennt daher viele Geschichten von Zugewanderten, auch Georgien ist ihr von Aufenthalten als Dozentin in Tiflis bestens bekannt, was man bei der lebhaften Schilderung des georgischen Lebens in „Laudatio auf eine kaukasische Kuh“ in jeder Zeile merkt. Ihre Protagonistin steht zwischen den Stühlen, wie es vielen Kinder von Zugewanderten geht, die sich zwischen Kulturen und Lebenswelten bewegen, die sich nicht wirklich vereinen lassen.

Der Roman funktioniert auf unterschiedlichen Ebenen, einerseits sprießt es in ihm nur so vor humorvollen Episoden und kurzweiligem Slapstick, wie man es auch aus unterhaltsamen Filmkomödien kennt. Highlight sicherlich die kaukasische Kuh, auch wenn der Anlass tatsächlich dramatisch ist. Die zahlreichen kulturellen Differenzen werden ebenfalls mit viel Ironie schamlos überzeichnet geschildert, so dass man mit den Unzulänglichkeiten auf allen Seiten locker leben kann. Andererseits liegen darunter auch ernstzunehmende Aspekte wie eben Olgas Gefühl immer zwischen den Stühlen zu sitzen und die beiden Welten, strikt voneinander zu trennen. So ist es kein Zufall, dass sie gerade in dem türkischstämmigen Kommilitonen einen Freund und Verbündeten findet. Die Erwartungen der Familie – eine von der Tradition geprägte überkommene Frauenrolle –  belasten und vor allem die unermüdlichen Zwistigkeiten mit der Mutter ermüden sie. In dieser Konstellation zu erkennen, was sie wirklich will und wer sie tatsächlich ist – kein leichtes Unterfangen.

Eine lockere Lektüre, die jedoch auch Tiefgang bietet und sowohl unterhalten wie zum Nachdenken anregen kann.

Deniz Ohde – Streulicht

Deniz Ohde – Streulicht

Am Rande des Industrieparks, der Säure in die Luft pustet und klebrigen Schnee produziert, wächst die Ich-Erzählerin auf. Mit ihren Freunden Pikka und Sophie besucht sie das Gymnasium, glaubt dort so sein zu können wie diese, doch hinter der Tür der elterlichen Wohnung ist vieles anders. Vater wie Großvater trinken zu viel, wollen keine Veränderung und herrschen ruppig über den Haushalt. Die Mutter, die einst aus der Türkei in ein vermeintlich besseres Leben geflüchtet war, akzeptiert dies stumm, bis es nicht mehr geht. Kein Umfeld für eine vielversprechende Zukunft und so kommt es auch: die Versetzung gescheitert, das Gymnasium Vergangenheit. Warum noch kämpfen, wenn der Ausgang doch ohnehin schon gewiss ist?

In Deniz Ohdes Debütroman verarbeitet die Autorin gleich zwei Erfahrungen, die sowohl unsere Gesellschaft wie auch das Bildungswesen prägen: Als Arbeiterkind fehlt ihr der Zugang zum notwendigen Habitus, der Voraussetzung für den Bildungserfolg ist, als Tochter einer türkisch-stämmigen Mutter verleugnet sie zunächst den offenkundigen ausländischen Namen, der sie ebenfalls stigmatisiert und in eine Schublade steckt, auf der sicher nicht Bildungsaufsteiger steht. Sie hat nie gelernt, für sich zu sprechen, Widerstand gegen erfahrenes Unrecht zu leisten und muss so den schweren Weg nehmen.

Gewalt kennt viele Formen. Die Erzählerin erlebt sie auf vielfältige Weise: verbal, psychisch, physisch. Angst und Sprachlosigkeit sind die Folgen, die sie über viele Jahre lähmen und ihr jedes Selbstvertrauen rauben. So trist die Umgebung in der Nähe des grauen und lärmenden Industrieparks, der nur noch von den unzähligen Flugzeugen übertrumpft wird, so traurig auch das Elternhaus in jeder Hinsicht. Sie lernt früh, unsichtbar und unhörbar zu werden, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die Mutter keine Verbündete, kämpft diese noch mit der eigenen Befreiung, die ihr mit der Flucht aus der Heimat vermeintlich schon gelungen war, nur um sie in eine neue, andere Gefangenschaft zu bringen.

Symbolisch zwei Szenen für einerseits die Leere, in der sie schwebt, und andererseits die vermeintlichen Freunde, die an ihrer Seite stehen. Bei einem Aufsatz zum Thema Identität fällt ihr nichts ein. Sie weiß nicht, wer sie eigentlich ist, was sie ausmacht, ebenso wenig wo sie hin will. Trotz hervorragender Zensuren traut ihr die Freundin Sophie, mit bildungsbürgerlichem Hintergrund, reit- und Ballettstunden gesegnet, nicht zu, das Abitur zu schaffen. Obwohl sie ihr Wissen unter Beweis stellt, bleiben immer Zweifel, wird dies als nur zufällig oder vorläufig anerkannt. Sie passt nicht in das Bild und immer wieder finden sich fadenscheinige Gründe, sie wieder beiseite zu schieben.

Es ist kein Roman von Emanzipierung; bei der Rückkehr in die elterliche Wohnung wird sie trotz inzwischen vorhandenem Studienabschluss wieder zu dem unscheinbaren Mädchen, das nichts kann und nichts zählt. Tief haben sich die Erfahrungen aus dem Kindesalter eingeschnitten und Narben verursacht, die sich nicht kaschieren lassen. Ein atmosphärisch düsterer Roman, der ohne plakative Gewaltexzesse doch verdeutlicht, wie grausam ein Leben in Deutschland verlaufen kann. Inhaltlich sicherlich ein würdiger Kandidat für den diesjährigen Deutschen Buchpreis.

Karosh Taha – Im Bauch der Königin

karosh taha im bauch der königing
Karosh Taha – Im Bauch der Königin

Eine Stadt irgendwo im Westen der Republik. Amal ist nicht das Mädchen, wie man es von ihr erwartet; von klein auf verbringt sie mehr Zeit mit den Jungs, kleidet sich wie sie und schneidet sich radikal die Haare ab. Immer wieder kommt es zu Konflikten, die sie gerne auch mit Gewalt löst. Ihr Vater steht trotzdem zu ihr, bis er eines Tages nach Kurdistan verschwindet und die Mutter mit den beiden Kindern allein zurücklässt. Das Verhältnis zwischen Amal und ihr wird schwieriger, die Mutter zieht sich ob der Schmach des Verlassenwerdens zurück und versteckt sich unter dem Kopftuch, während Amal fasziniert von Shahira, der Mutter ihres Freundes Younus, ist. Doch im Viertel zerreißt man sich das Maul über die Frau, die sich in kurzen Röcken und figurbetont kleidet. Auch Raffiq fühlt sich von ihr angezogen, auch wenn er als Jugendlicher eigentlich Amals Freund ist. Alle drei Heranwachsende, Amal, Younus und Raffiq teilen noch etwas anderes: das Aufwachsen in einem Land, das die Eltern zum Teil enttäuscht hat, in dem sie nicht angekommen sind, wo das Leben wie von der Stopptaste angehalten verläuft. Für ihre Kinder sehen sie die Zukunft in der Heimat, Kurdistan, doch diese haben andere Pläne.

In ihrem zweiten Roman fängt Karosh Taha die Lebenswelt vieler Migranten lebhaft und vielschichtig ein. Die Identitäten, die geradezu gespalten scheinen zwischen dem kurdischen und deutschen Ich; die Sitten und Kulturen der beiden Länder, die sich oftmals diametral entgegengesetzt stehen; die Familien, die alle verschieden sind und doch die gleichen Sorgen und Rückschläge teilen; Vorurteile, die es nicht nur von den Mitgliedern der anderen Kultur, sondern ganz stark auch innerhalb der eigenen Community gibt.

Trotz des spannenden und komplexen Themas konnte mich das Buch nicht wirklich packen. Im ersten Teil erzählt Amal aus ihrer Sicht, im zweiten wird sie von Raffiq abgelöst, aber so richtig wollen sie nicht ineinandergreifen. Hin und wieder erscheint der Text auch als regelrechter Stream of Consciousness, mit unzähligen Schleifen und Wiederholungen, was jedoch mehr zu einer hohen Redundanz denn zu einem Erkenntnisgewinn führt und bisweilen fast langatmig wird. Amal kommt als Figur noch differenzierter daher, wie sie kämpft um die Aufmerksamkeit des Vaters, mit der Rollenerwartung an sie als Mädchen hadert, die beiden Rollenmodelle Mutter und Shahira immer wieder abwägt und letztlich bei einem Besuch in Kurdistan, doch auch nur erkennt, wer sie nicht ist, aber nicht, wer sie ist.  Raffiq ist mir in seiner Schwärmerei für Shahira und der tatsächlich doch oberflächlich geführten Auseinandersetzung mit den Eltern thematisch zu eng. Younus hätte sicher auch eine interessante Perspektive und Einblicke geboten, wird jedoch nur in der Außensicht durch die anderen präsentiert.

Ein schwer zu greifender Text, der mich leider emotional nicht berührt hat, obwohl gerade Protagonistin das Potenzial gehabt hätte, ihre spezifische Situation begreifbar zu machen.

John Lanchester – Die Mauer

john-lancester-die-mauer
John Lanchester – Die Mauer

Zwei Jahre Dienst hat er vor sich, zwei Mal 365 Tage Ödnis und Verzicht, die Joseph Kavanagh wie alle anderen auch hinter sich bringen muss. Es geht nicht anders, sie müssen die Mauer beschützen, dafür sorgen, dass die Anderen nicht hereinkommen und ihr Land überrennen. Das ist der Preis des großen Wandels. Der Anfang ist hart, doch bald schon gewöhnt er sich an den Dienst und die damit verbundenen verlässlichen Routinen. Ein steter Wechsel von Wachen und Ruhen, nur durch Übungseinheiten unterbrochen, die ihre Aufmerksamkeit stärken und ihre Kampfkraft für den Ernstfall erhalten sollen. Der Ernstfall, auf den man immer gefasst sein muss, der aber nie eintreten soll. Doch dann ist es plötzlich so weit.

Die Kurzbeschreibung zu John Lancasters Roman war vielversprechend. Sie erweckte für mich den Anschein als wenn der Autor die aktuellen Ereignisse um die vermeintlich unkontrollierte Zuwanderung oder auch das Abschotten der Briten gegenüber Migranten, aber auch gegenüber der EU, als Anlass für eine Dystopie genommen hätte. Leider bleibt das Buch jedoch hinter jeder politisch und auch gesellschaftlich relevanten Frage zurück, sondern beschränkt sich weitgehend auf die Figurenebene und die unmittelbaren Auswirkungen des sogenannten Wandels auf diese. Das große Ganze können sie nicht überblicken, weshalb auch der Roman für mich hinter seinen Möglichkeiten bleibt.

Ohne Frage gelingt es Lancaster, die Empfindungen vor allem Joseph Kavanaghs überzeugend darzustellen. Die Figur wirkt glaubwürdig und authentisch, auch wenn ihre Vergangenheit weitgehend ausgeblendet und Kavanagh auf die unmittelbare Gegenwart beschränkt wird. Das Leben in der neuen Zweckgemeinschaft, das Überleben nach dem Überfall – all dies wirkt in sich stimmig und nachvollziehbar. Dies kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Kavanagh und seine Weggefährten letztlich kleine Figuren in dem Spiel sind, die unbedeutend, gar verzichtbar sind und weder einen Einfluss auf die Geschehnisse nehmen, noch erkennen, was um sie herum geschieht. So austauschbar sie in dem neuen System sind, so irrelevant bleibt letztlich der Roman, der aufgrund der Reduktion auf diese beschränkte Perspektive keine großen Fragen aufwirft, keine neuen Szenarien entwirft und vor allem keine Wege für die Zukunft aufweist.

Johannes Lichtman – Such Good Work

johannes-lichtman-such-good-work
Johannes Lichtman – Such Good Work

After losing his teaching job at a college because of his very peculiar assignments, Jonas Anderson moves to Sweden to change perspective and to have a fresh start. Even though he is some years older than the students there, he socialises with them easily and leads the life he had in his early 20s. After the break-up with his German girlfriend, he moves from Lund to Malmö, the town where 2015 masses of immigrants from the Middle East arrived. Seeing the hottest political topic in front of his own door, Jonas decides to get active and to volunteer in the work with the migrants, too. He soon realises that all that is meant to be supportive and good, doesn’t necessarily turn out to be such a good idea in the end.

Johannes Lichtman’s novel isn’t easy to sum up or to describe since his protagonist goes through tremendous changes throughout the novel which also affect the plot and the tone a lot. I really enjoyed the first part a lot when we meet Jonas trying to be a creative writing teacher. The tone here is refreshing and the character’s naiveté makes him sympathetic and likeable. With moving to Sweden and becoming a stranger and outsider, his role changes, yet, he still needs more time until he actually grows up and does something meaningful with his life.

The last part, his work with the unaccompanied minors, was for me personally the most interesting because I could empathise with him easily. Having myself worked with those youths when they came to Germany in 2015 and 2016, I went through the same emotions that Jonas went through. And I had to do exactly the same learning process: you want to help and you have good ideas, but actually they sometimes go past the needs of the refugees. The struggle between the news where all the immigrants were treated as a homogeneous mass and where the focus was put on the danger that came with them, and the everyday experiences with real people made it often hard to cope with the situation. In this respect, Lichtman did a great job because he depicted reality as it was back then.

All in all, a novel that addresses so many different topics with a lively and highly likeable style of writing, a great read not to be missed.

Fatima Farheen Mirza – A Place For Us

fatima-farheern-mirza-a-place-for-us
Fatima Farheen Mirza  – A Place For Us

It’s Hadia’s wedding day and more than anything else she has wished for her brother Amar to show up and take part in it. She hasn’t seen him for quite some time and then he is there. However, things do not turn out so well, but they never have with Amar. Flashback to the times when the kids were still young and all five of them a family: Rafiq who left his home country in the Middle East when he was still a teenager to make a career in the US, mother Layla who came to the country when she married Rafiq, the two daughters Hadia and Huda and their younger brother Amar. Raising three kids in Muslim believe in a foreign country, handing on your convictions and traditions when they are daily endangered by a different set of believes and culture is never easy. Conflicts must arise and so they do until Amar leaves the family. But there are still things none of them knows and Hadia’s wedding might be the day to reveal some secrets.

There is no single word to describe Fatima Farheen Mirza’s novel. I was stunned, excited, angry, understanding, I felt pity for the characters, I loathed them, I could understand them and I just wondered about them. I guess there are few emotions that did not come up when reading it and certainly it never left me cold. Is there more you can expect when reading a book? I don’t think so.

There is so much in it that I hardly know where to begin: there are typical family relationships that are questioned when children grow up. We have the problem of immigrant parents who do not fully assimilate with the welcoming culture but want to hand on something from their native background which necessarily collides within the children. There is love, forbidden love and rules of how a partner is to be found. There are differences made between the daughters and the son, rivalry between the siblings and we have parents who have to question the way they interact with their children and sometimes do not know what to do at all.

It might stem from the fact that I am female, but I liked Hadia best and felt most sympathetic with her. Even though Rafiq explains that he only wanted to protect his daughters, the fact that he limited her in all respects: friends, personal freedom as a child or teenager, even her academic success wasn’t greeted with enthusiasm because the father wanted his daughter to become a mother a take care of a future husband. She had to fight so many wars and was always treated inferior solely because she was a girl, I absolutely fest sorry for her.

Rafiq never reaches the point where he can fully accept his daughters as equals and this is the point where I most detested him. He understood what he did wrong with his son, but he makes masses of excuses and justifies his parenting with his own experiences and upbringing. This is just pitiable because he is stuck in a view of the world which he could have overcome in all the years in a western society. I can follow his thoughts at the end of the novel and surely this is quite authentic, I know people in reality whose world view shares a lot of similarities and I surely would like to know how one can open their eyes and make them overcome the stubborn ideas of women being inferior and parents knowing everything best. I was actually pretty angry at the end when Rafiq finally gets a voice and can ultimately share his thoughts since there isn’t much I could agree with.

 All in all, an outstanding novel which addresses so many of today’s issues and surely shouldn’t be missed.

Akil Kumarasamy – Half Gods

akil-kumarasamy-half-gods
Akil Kumarasamy – Half Gods

What is decisive for your character: your upbringing? your parents? the place you grow up? your friends? your skin colour? Your ancestors? And can you ever overcome the lives that your fathers and grand-fathers lived, the experiences they have had? Akil Kumarasamy’ debut “Half Gods” is a collection of ten stories some of which are linked since we encounter the same characters at a different stage of their life, one time as the protagonist, next time as a minor character. What links them, too, is the characters pondering about who they are, where they belong, where they go to and who the people are they call family.

I really liked some of the stories, others were a bit more difficult for me. The situation of immigrants who want to fit in, make an effort, try to assimilate but never really get the same status as the natives, that’s something I found a lot more interesting than those war scenes in Sri Lanka. It is especially the grandfather, remembering his life in Asia and who had never really arrived in the USA that I could identify with and that I felt pity for.

Even though the short stories are wonderfully written, with many beautiful metaphors and many phrases that are perfectly to the point, they only party worked for me. I appreciated that some are connected and that characters reoccur, even if this wasn’t in chronological order, but then there are also stories that stand completely alone which make it all a bit strange for me. Also the fact that there wasn’t a clear red thread recognizable was something I did not especially appreciate.

Hala Alyan – Häuser aus Sand

hala-alyan-häuser-aus-sand
Hala Alyan – Häuser aus Sand

In Jaffa ist sie aufgewachsen, doch sie wurden vertrieben und so wird Nablus die neue Heimat für Salma und ihre Familie. Ihre Kinder könnten kaum verschiedener sein, die in sich gekehrte Widad und die beiden modernen, lebhaften Mustafa und Alia. Kurz vor Alias Hochzeit liest Salma im Kaffeesatz und weiß, dass ihrer Tochter ein bewegtes Leben bevorsteht. Die Vorhersehung wird sich bewahrheiten, Alia, die den besten Freund ihres Bruders, Atef, heiratet, wird mit ihm und den Kindern Riham, Karam und Souad immer wieder von Neuem beginnen, vor Krieg flüchten und das Leben in einem anderen Land neuordnen müssen. Auch ihre Kinder werden in gewisser Weise zu Nomaden werden und Alias Enkel werden schließlich vor all den Einflüssen und Kulturen, der unterschiedlichsten Länder, in denen sie gelebt haben, kaum mehr wissen, wo sich ihre Wurzeln befinden.

Hala Alyan hat in ihrem Debut Roman einer Familie eine Stimme gegeben, deren Geschichte jedoch typisch ist für die vieler aus dem Nahen Osten. Über Generationen immer weiter über die Erdteile zerstreut, wegen Krieg und Vertreibung zu Flucht und Neubeginn in der Fremde gezwungen und mit jeder Generation ein Stück weiter vom eigentlichen Ursprung entfernt.

Der Aufbau des Buches hat mir unheimlich gut gefallen, es ist nicht nur die Geschichte Alias, auch wenn sie Dreh- und Angelpunkt der Handlung bleibt. Wir erleben mehrere Generationen: Kinder, die andere Werte und Ideale als die Eltern vertreten, sich entfernen und doch immer wieder zueinander finden. Es sind immer nur Momentaufnahmen, dazwischen fehlt vieles, aber das ist nicht wichtig, es ist der Moment, der zählt.

Neben der Geschichte der Familie ist der Roman auch hochpolitisch – politische Entscheidungen sind es, die die Yacoubs immer wieder vertreiben: aus Jaffa, aus Nablus, aus Kuweit, aus den USA, aus dem Libanon. Aber es sind nicht diese politischen Entwicklungen, die thematisiert werden, sondern ihre Auswirkungen auf die Menschen, das erzwungene Nomadentum, die Entwurzelung, der Sprachenmischmasch, der zwangsweise über die verschiedenen Wohnorte und Lebensläufe entsteht und die Kommunikation schon zwischen Großeltern und Enkeln erschwert. Der Roman ist keine Anklage, eher ein Zeugnis, das mahnend dasteht und für sich selbst spricht.

Als Manar am Ende wieder in Jaffa steht, dem Sehnsuchtsort ihrer Ur-Großmutter und eine Verbindung spürt, die sie nicht einordnen und schon gar nicht mit ihrer Familiengeschichte in Zusammenhang bringen kann, schließt sich der Kreis. Ein rundes Buch mit starken Figuren und überzeugend vor dem Hintergrund der Geschichte des Nahen Ostens der letzten Jahrzehnte erzählt.

Livia Klingl – Der Lügenpresser

livia-klingl-der-lügenpresser
Livia Klingl – Der Lügenpresser

Karl arbeitet seit Jahrzehnten als Journalist in Wien. In der Außenpolitik hat er sich einen Namen gemacht, über den Zusammenfall Jugoslawiens berichtet, ebenso wie über die Kriege im Irak und Afghanistan. Inzwischen ist er, wenn auch nur mäßig zufrieden damit, bei der aktuellen lokalen Tagesberichterstattung und muss dokumentieren, wie seine geliebte Heimat vor die Hunde geht. Kein Politiker hat mehr den Schneid, das auszusprechen, was gesagt gehört. Asylanten überfluten das Land und man erkennt seine eigene Stadt nicht mehr. Aber das denkt er alles nur, schreiben kann man so etwas ja nicht. Zum Glück hat er Sonja, die nicht viel von ihm verlangt, vor allem nicht an ihm rummäkelt und zu einem anderen Mann machen will. Eigentlich könnte er sie heiraten, was er mit seiner ersten Partnerin versäumt hatte. Doch dann kommt alles anders, als Karl es geplant hatte.

Livia Klingl weiß, worüber sie schreibt, als erfahrene und gestandene Journalistin ist sie bestens damit vertraut, wie das Business läuft und dass zwischen dem, was so mancher ihrer Kollegen gerne veröffentlicht hätte, und dem, was dann tatsächlich in der Zeitung zu lesen ist, bisweilen ein großer Graben klafft.

Ihr Protagonist Dr. Karl Schmied ist entsprechend dann auch nicht das, was man von einem angesehenen Reporter erwarten würde. Er sieht nicht die großen Zusammenhänge und kann die aktuellen Entwicklungen einordnen. Er steht nicht über den Dingen und vertritt kein links-intellektuelles Weltbild, das vom Streben nach Weltverbesserung geprägt ist. Ganz im Gegenteil, er ist ein Kleingeist, ein Egoist und ein Mensch, der an einem vergangenen Bild Wiens klebt, das schon längst überholt ist und auch nie mehr wiederkehren wird. Sein innerer Monolog ist geprägt von Banalitäten, die grenzwertig rassistisch sind, von einfachsten Erklärungen und Lösungen, wie man sie am rechten Rand des politischen Spektrums findet. Und von der Abwesenheit jeglicher Reflektiertheit und realistischer Selbsteinschätzung. Er streift die großen Themen, die sowohl Österreich wie auch Deutschland in den letzten 2-3 Jahren bewegt haben und ordnet diese in sein klar und einfach strukturiertes Weltbild ein.

Da dieses auf tönernen Füßen steht, kann es auch recht schnell erschüttert werden. Es beginnt in seinem Privatleben, wo die Frau, die er liebt und ehelichen möchte, sich als eine andere erweist als er dachte. Sein verblendeter Blick auf die Welt hat es ihm verwehrt zu erkennen, mit wem er es eigentlich zu tun hat. Diese Scheuklappensicht fordert nun ihren Preis.

Klingl führt Karl Schmied vor, entlarvt die einfachen Erklärungen und legt damit den Finger in die Wunde, die an der Stelle klafft, wo man so leicht das rechte Gedankengut abqualifiziert, weil es eh nur die Zurückgebliebenen und Dummen anspricht. Ganz im Gegenteil, auch vermeintlich Gebildete sind dafür empfänglich.

Auch wenn der Roman von einem gänzlich unsympathischen Charakter getragen wird, dessen Weltsicht bisweilen heftige Reaktionen bei einem als Leser auslöst, ist er doch durch und durch gelungen, weil er in sich völlig stimmig ist. Hierzu passt auch das überraschende Ende, das sich aber nahtlos in die Figurenzeichnung einfügt. Daneben besticht Livia Klingel mit einer ausgefeilt-pointierten Ausdrucksweise, die einem mehr als einmal schmunzeln lässt. Mal wird über „Menschen mit ohne Intelligenzhintergrund“ gelästert, dann wiederum lässt sie Karl erkennen, dass die Politik auf die Journalisten als Vordenker angewiesen ist und die endlich mal wieder „Altdeutsch“ mit jenen reden sollten, die die hiesige Ordnung nicht verstehen wollen.

Eine literarische Abrechnung mit den Kleingeistern und Ewiggestrigen, die jedoch nicht mit dem Holzhammer plakativ, sondern gelungen subtil erfolgt.

Lana Lux – Kukolka

lana-lux-kukolka
Lana Lux – Kukolka

Ein Kinderheim in Dnepropetrowsk, Ukraine. Samira und Marina kennen ihre Eltern nicht, auch kein Leben in einer Familie, nur das im Kinderheim kennen sie und immer träumen sie von einem besseren Dasein. Regelmäßig kommen Erwachsene, um sich Kinder auszusuchen, so auch Marina, die die Heimat verlassen und in Deutschland ein neues Leben beginnen darf. Ihrer Freundin zu folgen wird für die nächsten Jahre der sehnlichste Wunsch von Samira bleiben. Sie reißt aus dem Kinderheim aus und wird von Rocky aufgegriffen. Er ist jedoch nicht der freundliche Helfer, als der er zunächst scheint, sondern hat eine ganze Bande von Kindern angestellt, die für ihn klauen und betteln. Trotz aller Widrigkeiten hat Samira eine Ersatzfamilie und mit Dascha und Lydia so etwas wie große Schwestern. Doch die Zeiten ändern sich und mit zunehmendem Alter wird Samira für Männer als Sexobjekt interessant. Dima scheint die Rettung zu sein, er schafft es sogar, Samira nach Deutschland zu bringen, doch der Preis, den sie dafür zahlen muss, ist hoch.

„Kukolka“ – das Püppchen. Das ist die dunkelhaarige Samira zunächst für alle. Das ahnungslose naive Mädchen, das mit seinen 6-7 Jahren alleine davonläuft und den Weg nach Deutschland antritt. Leicht findet sie Menschen, die sich um sie kümmern, doch diese haben immer Hintergedanken und nichts ist umsonst in ihrem Leben. Bei jeder Etappe denkt man, dass es nicht mehr schlimmer kommen kann. Zum Betteln und Stehlen versklavt, verwahrlost und ohne jede Bildung – was sie bei Rocky erlebt ist der böse Alptraum eines unsäglichen Kinderlebens. In einem Haus ohne fließendes Wasser, immer wieder auch mit dem Tod und Gewalt konfrontiert – was sollte das noch überbieten können?

Dima scheint die Hoffnung zu sein. Er ist freundlich, hat eine saubere Wohnung, behandelt Samira gut – doch sein wahres Gesicht zeigt er erst später. Viel zu jung wird Samira missbraucht, verraten, verkauft. Ob all der Grausamkeiten, die das Mädchen ertragen muss, kann man gar nicht glauben, dass ein einziges Menschenleben das aushalten kann. Bei realistischer Betrachtung weiß man jedoch, dass dies auch eine Realität ist, die sich in einer Parallelgesellschaft mitten unter uns abspielt, vor unseren Augen ohne dass wir es sehen.

Lana Lux erspart ihrer Protagonistin und dem Leser nichts. Ein unbändiger Überlebenswille, getrieben von den Gedanken die Freundin wiederzusehen und ebenfalls eine gute deutsche Familie zu finden, hält sie am Leben und lässt sie all das ertragen, was man ihr zufügt. Der Roman ist ganz sicher nichts für feinbesaitete Gemüter, zu schonungslos und direkt schildert die Autorin Gewalttätigkeiten und Missbrauch. Gleichzeitig zeichnet sie das Psychogramm einer starken jungen Frau, die zwar immer wieder droht sich in ihrer Phantasiewelt zu verlieren, einem Schutzwall um das Leben zu ertragen, aber letztlich ihren Weg mutig geht und überlebt. Sie deckt Mechanismen auf, die es Menschen erlauben, sich anderer zu bemächtigen und diese auszunutzen:

„Ich wusste, dass mich das gleiche Schicksal erwartet wie Dascha und Lydia. Ich wusste, dass ich zu niemandem gehöre und nichts wert bin. Dass ich einfach da bin, so wie Kakerlaken. Niemand weiß, wo die ehrkommen. Niemand braucht sie. Sie leben, bis einer sie wegklatscht.“ (Pos. 2480)

Sie glaubt, dass sie schuld am Schicksal von Dascha und Lydia sei und nun ihre gerechte Strafe bekommt. Mit dieser Schuld muss sie leben und die Strafe ertragen, bis sie irgendwann tot ist.

Ein beeindruckender Roman, der einem als Leser nicht kalt lassen kann. Trotz oder gerade wegen einer gewissen Nüchternheit in der Erzählung geht er unter die Haut und setzt sich fest. Für mich eindeutig eins der literarischen Highlights 2017.