Michael Kumpfmüller – Nachricht an alle

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Michael Kumpfmüller – Nachricht an alle

Eine seltsame Nachricht erhält Innenminister Selden: von seiner Tochter,, am frühen Morgen, ein Scherz? Nein, es war ihre letzte SMS aus dem abstürzenden Flugzeug. Es wird keine Überlebenden geben und Selden wird über Wochen wie gelähmt sein. Doch „The Show must go on“ und in Zeiten schwerer Krisen und bevorstehenden Wahlen kann ein Ausfall das Ende der Karriere bedeuten. Wer ist dieser Mann? fragt sich die junge Journalistin Hannah, die kurze Zeit später einen Termin mit ihm erhält für ein Portrait. Sie sieht hinter die Fassade des Politikers, er ist von dem unverbrauchten Blick auf die Welt der jungen Frau fasziniert und da seine Ehe sich ohnehin in der Auflösung befindet, führt diese Begegnung zwangsweise in die Affäre. Doch sein politischer Alltag holt ihn schnell zurück: innenpolitische Krise, Streiks und Aufstände, ein Angriff der Medien auf ihn aus dem Nichts – was soll denn noch passieren, das er aushalten muss? Selden wird von den Ereignissen getrieben und kann nur noch reagieren.

„Nachricht an alle“ entsprach so gar nicht dem, was ich von dem Buch aufgrund des Klappentextes erwartet hatte. Die schrecklichen Ereignisse um den Unfalltod der Tochter sind keineswegs das tragende Element, sondern letztlich nur eine Randnotiz, die den Auftakt zu Geschichte bildet und schnell vergessen ist. Aber nur, weil eine andere Geschichte erzählt wird, als man erwartet hat, bedeutet dies nicht gleich Enttäuschung, denn Michel Kumpfmüllers Roman, der 2007 vom LCB und der Akademie der Künste mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet wurde, kann überzeugen und obwohl der Text mehr als zehn Jahre alt ist, hatte ich den Eindruck, dass er die aktuellen Krisen genauso erfasst und eine erschreckende Warnung darstellt.

Die ganze Handlung dreht sich um Selden, der sowohl privat wie auch beruflich kurz vor dem Absturz steht. Seine Frau Britta sieht er nur noch sporadisch, wo die Malerin weilt und was sie tut, erfährt er nur noch am Rande. In Brüssel hat er eine lockere Geliebte, mit der ihn jedoch nur der Sex verbindet und mit der Journalistin Hannah bahnt sich eine gänzlich andere Art von Beziehung an. Für die Trauerarbeit nach dem Verlust der Tochter bleibt keine Zeit, dies genauso wie das Chaos um seine Frauen muss verschoben werden. Spannender als das private Chaos ist jedoch der politische Druck. Das Volk geht auf die Straße, der Unmut wird täglich größer und innerparteiliche Streitigkeiten lassen konzertierte Arbeit auch nicht zu. Besonders überzeugend fand ich den Angriff auf ihn über die Medien, die minimalste Verfehlungen ausschlachten, ihn an den öffentlichen Pranger stellen und beinahe zum Sturz bringen. Es bleibt vage, woher dieser Angriff kam und weshalb er sich in diese Dimension aufblasen konnte – aber funktioniert diese Art der öffentlichen Hinrichtung nicht immer nach diesem Muster?

In einer Nebenhandlung erlebt man auch junge Erwachsene, die auf die Straße gehen und gegen das Establishment demonstrieren. Allerdings verhallt ihre Stimme und ihr Ansinnen vor dem Hintergrund der völlig durchgeknallten Maria, die aufgrund ihrer Extreme allen womöglich gerechtfertigten Kritiken den Wind aus den Segeln nimmt.

Man hat ein wenig den Eindruck, als wenn dem Roman die Dramaturgie fehle, die ihn am Ende rund erscheinen lässt und die die Handlung zielgerichtet leitet. Dies erklärt auch viele eher verhaltene Kritiken. Mich hat es bisweilen auch ein wenig irritiert, weil man nicht durchschaute, wohin die Geschichte läuft. Umgekehrt fragt man sich bei der ausgesprochen authentisch wirkenden Darstellung des Ministers, inwiefern unsere höchsten Politiker wirklich nur noch Getriebene sind, die schon längst das Ruder aus der Hand geben mussten und noch auf Medien und die Stimme der Straße reagieren, aber nicht mehr selbst den Kurs bestimmen und lenken. Ein beunruhigender Gedanke, der wiederum in der Geschichte überzeugend umgesetzt wurde.

Michael Kumpfmüller – Die Erziehung des Mannes

Rezension, Roman, Deutscher Buchpreis
Der Erzähler ist gerade dabei sich von seiner langjährigen Freundin zu trennen, schon seit einiger Zeit verbindet sie nichts mehr und als ihm Julika begegnet, ist das Ende besiegelt. Mit ihr wird er ein Leben beginnen, das leider nicht hält, was er erwartet hatte. Kinder bekommen sie, aber keine gute Ehe ist möglich, zu verschieden sind sie, zu jähzornig und hasserfüllt seine Frau. Eine Trennung, ein Kampf. Über Jahre finden sie keine Ruhe und er kann in der neuen Beziehung mit Sonja nicht frei sein. Auch seine Eltern führten schon keine glückliche Ehe, wiederholt sich vieles einfach? Wie wird das Liebesleben seiner Kinder aussehen, erkennt er nicht dieselben Strukturen und Fehler, die sein Leben bestimmten. Am Ende taucht eine Frau wieder auf, die im Jahrzehnte zuvor schon einmal gezeigt hat, was Liebe sein kann. Damit schließt sich der Kreis und seine Erziehung durch all die Frauen ist abgeschlossen.
Zugegebenermaßen hätte mich das Buch nicht wirklich zum Lesen verlockt. Der Titel mutet seltsam an, ans das Labyrinth des Covers hätte mich auch nicht unbedingt angesprochen und ein Buch über die verschiedenen Liebschaften eines Mannes klang zunächst auch nicht unbedingt überzeugend. Die Nominierung für den Deutschen Buchpreis 2016 hat mich jedoch zu dem Titel greifen lassen und unumwunden kann ich zugeben: glücklicherweise, denn dieser Roman wäre an mir vorbeigegangen.
Der Titel birgt eigentlich schon alles, was das Buch beinhaltet, aber möglicherweise sollte man ihn weniger pädagogisch, sondern vielleicht biologisch betrachten. Eine Pflanze wird gesät und wächst, ihre Umweltbedingungen nehmen Einfluss, mal versucht man ihr etwas Gutes zu tun, mal schadet man ihr eher. Was aus der kleinen Saat wird, ist jedoch nicht wirklich in der Hand des Gärtners und dass irgendwann ein Ende kommt, ist ebenfalls unvermeidlich. Der Erzähler wird aufs Leben losgelassen, durchaus behütet, wenn auch nicht immer unter Idealbedingungen, wird durch seine Beziehungen beeinflusst und doch wächst er daran auf seine eigene Weise, wird groß und stark und so wie eine Pflanze an ihrem Platz bleibt, bleibt bei sich und seiner Musik.
Das Cover verdeutlicht das, was mit ihm passiert: das Leben als Verwirrspiel, von dem man nicht genau weiß, ob man die richtige Abzweigung nimmt, oder sich doch eher verrennt, an manchen Stellen warten Frauen, denen er begegnet, die einen Bruch im Muster verursachen, doch es geht irgendwann weiter, bis er zu sich selbst findet.

Bleibt die letzte offene Frage: interessiert es mich als Leserin, wenn ein Mann über seine Beziehungen spricht? Michael Kumpfmüller ist es hier gelungen einen ansprechenden Ton zu finden, sein Protagonist berichtet mal wehmütig, mal eher analysierend, ebenso von schwierigen Gefühlslagen wie von harten Kämpfen. Die Frage ob Mann oder Frau ist deutlich weniger relevant als erwartet, denn schließlich handelt es sich um einen fühlenden Menschen, der mal enttäuscht wird, mal selbst enttäuscht, der sich stabile und dauerhafte Zweisamkeit wünscht, jedoch es passt etwas nicht und der Wunsch bleibt unerfüllt. Die Phasen seines Lebens werden durch die Frauen gegliedert und alle hatten letztlich ihren Anteil an seinem Leben und dem, was aus ihm geworden ist. Einen Grund zur Reue gibt es nicht, denn sonst wäre er nicht der, der er am Ende ist.