Daniel Zipfel – Die Wahrheit der anderen

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Daniel Zipfel – Die Wahrheit der anderen

Nach dem Tod eines asylsuchenden Pakistaners ist die Stimmung in Wien aufgeheizt. Auf einem zentralen Platz demonstrieren Freunde des Toten und Sympathisanten gegen Polizeigewalt und Asylpolitik. Der Journalist Uwe Tinnermans, der für das Boulevardblatt Metro schreibt, wittert seine Chance auf einen Scoop und tatsächlich gelingt ihm ein aufsehenerregendes Foto mit der jungen Pakistanerin Veena Shahida und einem Polizisten. Dass die Situation sich real ganz anders darstellte als das, was man beim ersten Blick auf dem Bild zu erkennen glaubt – geschenkt. Zunächst ist die junge Frau verärgert darüber, ohne Zustimmung überall ihr Gesicht zu sehen, doch dann glaubt sie in dem Reporter jemanden gefunden zu haben, der für sie kämpft und ihr zu einem Aufenthaltstitel verhelfen kann. Ganz im Gegensatz zu ihrer Anwältin, zu der sie das Vertrauen verloren hat. Ein Journalist voller Sensationsgier und bereit für den großen Sprung auf der Karriereleiter und eine Gruppe von wütenden Asylbewerbern – eine brisante Mischung, die die österreichische Hauptstadt aufzumischen droht.

Daniel Zipfel ist studierter Jurist und im Bereich der Flüchtlingsarbeit gearbeitet, weiß also, worüber er schreibt. Mich hat der Roman aufgrund der immer noch aktuellen Thematik gereizt, vor allem die Spannung zwischen realen Geschehnissen und deren Darstellung in und Instrumentalisierung durch die Medien finde ich ein problematisches, wenn auch ausgesprochen interessantes Motiv. Die Umsetzung gelingt dem Autor hervorragend und noch viel mehr als erwartet zeigt er auf, an welchen Stellen Wahrheit und Erzählung auseinanderfallen können und wie ganz individuelle Motivationen nachhaltig den Verlauf der Dinge beeinflussen können.

„Wir sind Welterzähler. Wir vereinfachen eine Welt, die zu kompliziert geworden ist.“ (S. 170)

Die Rolle der Medien ist eine ganz wesentliche in unserer Welt. Es ist völlig unstrittig, dass viele Konflikte und Sachverhalte für den Durchschnittsmenschen nicht mehr über- oder durchschaubar sind und dass Zeitung, Fernsehen und zunehmend auch Internet hier eine Vermittlerrolle übernehmen müssen, um Aufklärung und Information zu betreiben. Als sogenannte vierte Gewalt kommt den Medien zudem ein Kontrollauftrag zu, der in einer Demokratie auch nicht zu unterschätzen ist.

„Seit wann stört es dich, wenn man da und dort ein wenig nachhilft?“ (S. 122)

Wer jedoch kontrolliert die Medien? Sie selektieren, viele Ereignisse kommen gar nicht erst durch oder müssen sich mit einer kleinen Randnotiz begnügen. Im Roman gehen die beiden Journalisten Tinnermans und sein Mentor Brandt jedoch noch weiter: sie berichten ohne Faktenlage, reimen sich Dinge zusammen und schreiben gnadenlos ab. Sie schaffen neue Kontexte und damit Wahrheiten, die es vorher nicht gab. Wo Brandt durch seinen Alkoholgenuss gelegentlich einen Ausfall versucht zu kaschieren, geht Tinnermans noch weiter. Ihm fehlt jeder ethische Grundsatz und rücksichtslos bedient er sich der Menschen für seine eigenen Zwecke – auch wenn er sie dadurch wissentlich ins Verderben schickt: ob sie jetzt durch ihren Hungerstreik zusammenbrechen oder letztlich abgeschoben werden, so lange er seine Geschichte hat, ist für ihn alles in Ordnung.

Veenas Anwältin scheint zunächst nur daran interessiert, schnell den Fall zu Ende zu bringen, um den Schlusspunkt unter ihre Karriere zu setzen. Auch sie beherrscht die Spielregeln ihres Berufs und weiß, wie vor Gericht eine Lebensgeschichte präsentiert werden muss, um die erstrebte Entscheidung zu erreichen. Dieser zunächst berechnend-kaltherzige Auftritt wandelt sich jedoch im Laufe der Handlung und lässt die Figur schließlich in einem ganz anderen Licht erscheinen. Umgekehrt verhält es sich mit ihrer Mandantin, hat man anfangs noch viel Sympathien für sie, verlieren diese sich immer mehr und schlagen ins Gegenteil um.

Thematisch brisant und aktuell besticht der Roman für mich jedoch noch deutlich mehr mit der geschickt aufgezeigten Doppelbödigkeit der vermeintlich objektiven Wirklichkeit. Immer wieder muss man seine Meinungen revidieren und Fakten neu bewerten. Die Tatsache, dass am Ende vieles offen bleibt, entlässt den Leser mit der Ungewissheit des Lebens. Es wird einem beim Lesen dramatisch bewusst, wie fragil und wie wenig eindeutig das Konzept Wahrheit oftmals ist und wie wenig sicher man sich eigentlich sein kann.

Michael Kumpfmüller – Nachricht an alle

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Michael Kumpfmüller – Nachricht an alle

Eine seltsame Nachricht erhält Innenminister Selden: von seiner Tochter,, am frühen Morgen, ein Scherz? Nein, es war ihre letzte SMS aus dem abstürzenden Flugzeug. Es wird keine Überlebenden geben und Selden wird über Wochen wie gelähmt sein. Doch „The Show must go on“ und in Zeiten schwerer Krisen und bevorstehenden Wahlen kann ein Ausfall das Ende der Karriere bedeuten. Wer ist dieser Mann? fragt sich die junge Journalistin Hannah, die kurze Zeit später einen Termin mit ihm erhält für ein Portrait. Sie sieht hinter die Fassade des Politikers, er ist von dem unverbrauchten Blick auf die Welt der jungen Frau fasziniert und da seine Ehe sich ohnehin in der Auflösung befindet, führt diese Begegnung zwangsweise in die Affäre. Doch sein politischer Alltag holt ihn schnell zurück: innenpolitische Krise, Streiks und Aufstände, ein Angriff der Medien auf ihn aus dem Nichts – was soll denn noch passieren, das er aushalten muss? Selden wird von den Ereignissen getrieben und kann nur noch reagieren.

„Nachricht an alle“ entsprach so gar nicht dem, was ich von dem Buch aufgrund des Klappentextes erwartet hatte. Die schrecklichen Ereignisse um den Unfalltod der Tochter sind keineswegs das tragende Element, sondern letztlich nur eine Randnotiz, die den Auftakt zu Geschichte bildet und schnell vergessen ist. Aber nur, weil eine andere Geschichte erzählt wird, als man erwartet hat, bedeutet dies nicht gleich Enttäuschung, denn Michel Kumpfmüllers Roman, der 2007 vom LCB und der Akademie der Künste mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet wurde, kann überzeugen und obwohl der Text mehr als zehn Jahre alt ist, hatte ich den Eindruck, dass er die aktuellen Krisen genauso erfasst und eine erschreckende Warnung darstellt.

Die ganze Handlung dreht sich um Selden, der sowohl privat wie auch beruflich kurz vor dem Absturz steht. Seine Frau Britta sieht er nur noch sporadisch, wo die Malerin weilt und was sie tut, erfährt er nur noch am Rande. In Brüssel hat er eine lockere Geliebte, mit der ihn jedoch nur der Sex verbindet und mit der Journalistin Hannah bahnt sich eine gänzlich andere Art von Beziehung an. Für die Trauerarbeit nach dem Verlust der Tochter bleibt keine Zeit, dies genauso wie das Chaos um seine Frauen muss verschoben werden. Spannender als das private Chaos ist jedoch der politische Druck. Das Volk geht auf die Straße, der Unmut wird täglich größer und innerparteiliche Streitigkeiten lassen konzertierte Arbeit auch nicht zu. Besonders überzeugend fand ich den Angriff auf ihn über die Medien, die minimalste Verfehlungen ausschlachten, ihn an den öffentlichen Pranger stellen und beinahe zum Sturz bringen. Es bleibt vage, woher dieser Angriff kam und weshalb er sich in diese Dimension aufblasen konnte – aber funktioniert diese Art der öffentlichen Hinrichtung nicht immer nach diesem Muster?

In einer Nebenhandlung erlebt man auch junge Erwachsene, die auf die Straße gehen und gegen das Establishment demonstrieren. Allerdings verhallt ihre Stimme und ihr Ansinnen vor dem Hintergrund der völlig durchgeknallten Maria, die aufgrund ihrer Extreme allen womöglich gerechtfertigten Kritiken den Wind aus den Segeln nimmt.

Man hat ein wenig den Eindruck, als wenn dem Roman die Dramaturgie fehle, die ihn am Ende rund erscheinen lässt und die die Handlung zielgerichtet leitet. Dies erklärt auch viele eher verhaltene Kritiken. Mich hat es bisweilen auch ein wenig irritiert, weil man nicht durchschaute, wohin die Geschichte läuft. Umgekehrt fragt man sich bei der ausgesprochen authentisch wirkenden Darstellung des Ministers, inwiefern unsere höchsten Politiker wirklich nur noch Getriebene sind, die schon längst das Ruder aus der Hand geben mussten und noch auf Medien und die Stimme der Straße reagieren, aber nicht mehr selbst den Kurs bestimmen und lenken. Ein beunruhigender Gedanke, der wiederum in der Geschichte überzeugend umgesetzt wurde.