Arthur Rundt – Marylin

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Arthur Rundt – Marylin

Als er sie zum ersten Mal in der Hochbahn sieht, ist es sofort um Philip Garrett geschehen. Sie ist die Frau seines Lebens, sie wird er heiraten. Er beobachtet er sie nur, verfolgt sie unauffällig, nähert sich langsam. Dann spricht er sie an. Doch die Unbekannte hält ihn auf Distanz, flieht gar vor ihm in eine andere Stadt. Doch Philip bleibt hartnäckig: er wird Marylin erobern. Und so kommt es auch. Eine ungewöhnliche Liebe verbindet die beiden, voller tiefer inniger Zweisamkeit, die auch harte Zeiten übersteht. Nur ein Kind fehlt der kleinen Familie noch zum Glück. Doch als Marylin ein Mädchen zur Welt bringt, bricht das zarte Glück brachial auseinander.

Marylin ist kein historischer Roman, der das bitterste Kapitel der US-amerikanischen Geschichte aufgreift, sondern ein Zeugnis seiner Zeit. Arthur Rundt schriebt ihn 1928 in seiner Zeit als Korrespondent als Fortsetzungsroman, der nun erstmals in Buchform veröffentlicht wurde. Man spürt den Geist der Zeit, der Autor war ein scharfer Beobachter und das, was er Ende der 20er Jahre bereits ahnte, wurde kurz danach für viele Realität: der amerikanische Traum ist ausgeträumt und für die Schwarzen hat es ihn ohnehin nie gegeben.

Zunächst scheint der Roman eine große Liebesgeschichte zu erzählen, wie sie nur in einer Stadt wie Chicago und später New York zu finden ist. Philip weiß einfach, dass sie nicht nur die Richtige, sondern die Einzige für ihn ist:

Für seine Beziehung zu Marylin wäre es nicht ganz treffend, das Wort »Liebe« zu gebrauchen. Was in ihm vorging, war frei von jedem Konflikt. Er hatte sich für dieses Mädchen entschieden, ohne mehr von ihr zu wissen.

Wie eine Frau so eine offen zur Schau getragene Zuneigung ablehnen kann, bleibt zunächst rätselhaft. Dass ihr dies nicht leicht fällt und dass mehr dahinter steckt, ist offenkundig:

So schwankte Marylin von der Schwäche und Hingabe zu Trotz und Auflehnung. Niemand sah diesen Kampf, am sorgfältigsten wurde er vor Philip verborgen.

 Dennoch ist ihre Liebe zunächst augenscheinlich frei von Sorge, geradezu kindlich ergötzen sie sich an dem jeweiligen anderen, fahren Karussell und drehen sich um sich selbst. Die nahende Geburt des Kindes lässt jedoch Schlimmes befürchten und so kommt es auch. Doch die Wahrheit bleibt weiterhin Marylins Geheimnis und nun beginnt der tragische, aus heutiger Sicht unsägliche Teil ihrer Geschichte. Sie verleugnet die eigene Mutter, denn das ist es, was die Gesellschaft hören und sehen will. Sie versucht gar nicht erst sich zu erklären oder zu entschuldigen – wozu auch: hat sie etwas falsch gemacht? Einzig dass es ihr nie gelungen ist, ihrem Mann die Wahrheit zu sagen, eine Wahrheit, die eigentlich irrelevant sein sollte.

Arthur Rundt findet harte Worte, um dem heutigen Leser eindrücklich Marylins Lage vor Augen zu führen:

Der Richter Stevenson hatte wohl alles andere eher erwartet als das, was er sah. Er sprang auf und fuhr Marylin an: »Nehmen Sie’s weg! Nehmen Sie’s sofort wieder weg! Wenn die Dinge so stehen, kann ich Ihnen nicht helfen.«

Marylin gab ebenso laut und hefig zurück: »Ich hab’ nicht verlangt, Richter, daß Sie mir helfen! Ich will die Sache in Ordnung haben, sonst nichts!«

Der Richter trat hinter seinen Stuhl und machte eine Grimasse des Abscheus. »Wozu haben Sie dann das Zeug hierher mitgebracht? Wozu? Sind Sie vielleicht besonders stolz darauf?«

Da beugte Marylin sich vor und schrie so, daß die Adern an ihrem Hals anschwollen und ihre Stimme sich überschlug: »Es ist kein Zeug! Es ist kein Zeug! Es ist mein Kind, mein, mein, mein Kind, das niemanden etwas angeht, nie – manden, nie – manden!«

 An diesem fiktiven, sehr persönlichen Schicksal zeichnet Rundt das nach, was bittere Realität für viele war. Man zweifelt nicht daran, dass dies genauso hätte geschehen können und fragt sich, ob heute, fast 90 Jahre später, die Toleranz größer wäre und die Akzeptanz eine Offenheit ermöglichen würde.

Ein unbestritten lesenswertes Zeitzeugnis, dass nicht nur inhaltlich relevant ist, sondern auch noch sprachlich überzeugen kann.