Delia Owens – Where the Crawdads Sing

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Delia Owens – Where the Crawdads Sing

Einer nach dem anderen geht. Erst die älteren Geschwister, dann die Mutter und zuletzt auch der gewalttätige Vater. Kya bleibt mit sechs Jahren allein zurück in der Hütte im Marschland von North Carolina. Anfang der 1950er Jahre ist der White Trash, der sich dort niederlässt, weitgehend vom Alltagsleben des benachbarten Örtchens ausgeschlossen, Eltern bringen ihren Kindern früh bei, sich von diesen Wilden fernzuhalten und auch der Staat unternimmt nur wenig, um die Fürsorge für Kinder wie Kya zu sichern. So wächst das Mädchen inmitten der Natur mit den Tieren auf. Formale Bildung kennt sie nicht, aber die Landschaft und Vögel bringen ihr alles bei, was sie zum Überleben wissen muss. In Tate findet sie schon in jungen Jahren einen Verbündeten, er ist der einzige, zu dem sie Vertrauen fasst und der wie sie fasziniert ist, von der Vielfalt, die das Land zu bieten hat. Sie lebt weitgehend isoliert, doch das menschliche Bedürfnis nach Zuwendung ist manchmal stärker und kommt auch ohne Enttäuschungen nicht aus.

Delia Owens Debutroman trägt unverkennbare Spuren ihrer früheren Arbeiten, hat sie bereits mehrere Bücher über die afrikanische Savanne geschrieben. Die Natur ist der Dreh- und Angelpunkt des Romans, durch die Augen des jungen Mädchens, das im Einklang mit dieser versucht zu überleben, wird die Geschichte erzählt. Die Menschen sind dabei nur eine weitere, wilde Spezies, die genau wie Vögel und Flusstiere auch, ihre guten und die verabscheuenswürdigen Seiten zeigen.

Es war für mich nur schwer vorstellbar, dass mich eine Geschichte um ein einsames Mädchen im Marschland der 1950er Jahre interessieren könnte. Der Autorin gelingt es jedoch, die Naturbeschreibungen spannend und interessant zu gestalten, so dass man ihnen gerne folgt. Myas Überleben hingegen ist von einer unsäglich traurigen Einsamkeit geprägt, die eine kindliche Naivität nie ablegt, aber gerade durch das Unrecht, das man ihr tut, berührt und nicht wirklich kitschig wird. Der Roman spielt mit starken Emotionen auf der individuellen wie auch gesellschaftlichen Ebene, denn neben Kyas Geschichte wird auch klar, wie stark eine kleine Gemeinschaft sein kann und wie schwer das Leben für Randgruppen – Außenseiter im Marschland, Schwarze – durch diese wird und wie Vorurteile das Denken bestimmen. 

Ob dies alles authentisch und glaubwürdig ist, ist nachrangig, denn der Roman überzeugt durch eine poetische Sprache, die einem als Leser nicht kaltlässt.