Patricia Dixon – #MeToo

patricia dixon #metoo
Patricia Dixon – #MeToo

Als Billie einen langen Brief von ihrem Ex-Freund erhält, kehrt sie nach über einem Jahr auf einer griechischen Insel zurück nach Manchester. Stan sitzt im Gefängnis, verurteilt wegen einer Vergewaltigung, die er angeblich nicht begangen hat. Billie hat ihn nie als gewalttätig erlebt, aber wer weiß, was das Beziehungsende und ihre Flucht mit ihm gemacht hat? Stan bittet sie, mit einem Privatdetektiv zusammenzuarbeiten, der ebenfalls Zweifel an der Darstellung des Opfers hegt, doch bislang konnten sie noch keine stichhaltigen Beweise finden. Billie stimmt zu und nimmt über eine Opfergruppe Kontakt zu Kelly auf. Als diese ihre Sicht der Geschehnisse schildert, kommt sie ins Grübeln. Dieselbe Geschichte, detailgenau, aber in zwei völlig widersprüchlichen Versionen. Wer sagt die Wahrheit, der verzweifelte Ex im Gefängnis oder die junge attraktive Frau, die sichtlich von den Erlebnissen gezeichnet ist?

Patricia Dixon bringt in ihrem Psychothriller die Problematik der Stunde hervorragend auf den Punkt: was zwischen zwei Menschen geschieht, spielt sich häufig verschlossen vor Außenstehenden in den eigenen vier Wänden ab. Vermeintlich eindeutige Belege sprechen vielfach eine unklare Sprache und lassen sich in dieser oder jener Weise deuten. Das Leid von vielen Frauen, denen über Jahre nie Glauben geschenkt wurde, soll keineswegs in Zweifel gezogen werden, aber es ist auch eine Realität, dass gerade auch das Gegenteil passiert: falschen Anschuldigungen wird schnell geglaubt, weil sich niemand dem Vorwurf schuldig machen möchte, ein Opfer nicht ernstgenommen zu haben.

Die Protagonistin ist hervorragend geeignet, um zwischen die Stühle zu geraten. Einerseits kennt sie Stan seit Jahren, aber sie hatte auch gute Gründe ihn zu verlassen, auch wenn bei ihr der Fall etwas anders lag, aber sie wurde ebenfalls Opfer einer Gewalttat und hat von ihm nicht das Verständnis für ihre emotionale Ausnahmesituation erhalten, das sie gebraucht hätte. Andererseits hat sie ihn als Partner nie in der ihm vorgeworfenen Weise erlebt, wieso sollte er sich in so kurzer Zeit so grundlegend ändern? Kelly wiederum wirkt zunächst wie ein traumatisiertes Opfer, aber einige ihrer Verhaltensweise lassen doch aufhorchen. Schon früher gab es ähnliche Anschuldigungen ihrerseits, auch ihr Lebensstil und ihr beruf wollen nicht richtig zusammenpassen und sie scheint geradezu besessen von Selbsthilfegruppen zu sein, sie sucht pro Woche gleich mehrere auf. Hat sie da vielleicht genau das gehört, was sie sich jetzt zu eigen macht?

Als Leser nähert man sich zusammen mit Billie langsam dem, was man für die Wahrheit halten kann. Mal schlägt das Pendel mehr in diese, mal mehr in jene Richtung aus, geschickt streut die Autorin immer wieder Zweifel an beiden Seiten, so dass man wirklich lange Zeit nicht sicher sein kann, die tatsächlichen Geschehnisse zu durchschauen. Obwohl es sich um einen Thriller handelt, gelingt es Patricia Dixon auch bei guter Unterhaltung und hoher Spannung die Thematik differenziert zu beleuchten und keineswegs die eine oder andere Seite entscheidend zu bevorzugen, schwarz und weiß sind letztlich oft einfach zu wenige Farben in der Debatte.

Anneliese Mackintosh – Verdammt perfekt und furchtbar glücklich

anneliese-mackintish-verdammt-perfekt-und-furctbar-glücklich
Anneliese Mackintosh – Verdammt perfekt und furchtbar glücklich

Ottila McGregor hat sich viel vorgenommen für 2014, sie will nicht nur vom Alkohol loskommen, sondern glücklich werden, verdammt glücklich. Doch das Leben macht es ihr nicht einfach, zum einen wird ihre Schwester in die Psychiatrie eingewiesen, wo sie hochgradig selbstmordgefährdet ist und Ottila sich fragt, inwieweit ihr Verhalten dazu geführt hat, dass Mina nicht mehr leben möchte. Zum anderen muss sie feststellen, dass sie eine Affäre mit der Schwester von Thales, ihrer aktuellen Flamme, hatte. Mit Hilfe ihres „Kleinen Buchs vom Glück“, in dem sie ihren Alkoholkonsum und ihre Gedanken notiert, und ihrer Therapeutin will sie alles auf die Reihe bekommen, aber so einfach wie gedacht ist das nicht.

Ottila McGregor erinnert zunächst stark an Bidget Jones, die ihre kleinen Sorgen und Nöte mit ihrem Tagebuch teilt und ebenfalls in einer unglücklichen Affäre mit ihrem Chef feststeckt und viel zu gerne viel zu viel Alkohol konsumiert. Noch stärker jedoch als bei Helen Fieldings Heldin gestaltet Anneliese Mackintosh ihren Debütroman jedoch als Kaleidoskop verschiedenster Textsorten – Tagebucheinträge, E-Mails zwischen Mutter und Tochter, Textnachrichten, Transkripte der Therapiesitzung etc. – aus denen sich erst die Handlung konstruiert. Und auch wenn humorvolle Passagen und urkomische Dialoge vorkommen, dominieren für mich in „Verdammt perfekt und furchtbar glücklich“ doch die ernsthaften Aspekte.

In erster Linie sind es Ottilas schwierige Beziehungen, zum einen mit ihrem Vater bzw. dem nicht verarbeiteten Tod des Vaters. Aber auch zu ihrer psychisch kranken Schwester und der Frage, ob sie etwas für sie hätte tun können oder gar die Situation durch ihr Verhalten verschlimmert hat. Vorwürfe, die sie sich selbst macht und die nur bedingt entkräftet werden können. Auch die Therapieformen, die Mina ausgesetzt wird, werden durchaus kritisch angesprochen, vor allem der Aspekt, dass die Angehörigen zwar informiert werden, aber letztlich doch passiv zuschauen müssen, hat einen etwas faden Beigeschmack. Wie viele Frauen Anfang 30 will Ottila eigentlich nur eine funktionierende Beziehung, die ihr Stabilität und Sicherheit gibt, doch den passenden Partner zu finden scheint ein Ding der Unmöglichkeit.

Die Art, wie Mackintosh den Leser in Ottilas Leben blicken lässt, gestaltet Roman authentisch und lebendig. Die Protagonistin ist sympathisch, gerade weil sie weit davon entfernt ist, perfekt zu sein und dies eigentlich auch gar nicht anstrebt. Sie hätte nur gerne ein kleines Stück vom Glück – wer würde ihr das übelnehmen wollen?

Julia Sutton – A Sea of Straw

julia-sutton-a-sea-of-straw
Julia Sutton – A Sea of Straw

1966, Jody, a Manchester designer, and her baby girl Anna come to Lisbon to enjoy themselves far away from her estranged husband. When she meets the Portuguese painter Zé, she immediately falls for him. Soon they are making plans even though Zé is supposed to join the military, but he is positive that his father can bail him out. Jody and Anna need to return to England, but this is only meant for leaving her husband finally and packing her belongings before she can ultimately settle in Lisbon. Zé is waiting for her, but she never embarks the ferry she is supposed to take. Zé is desperate, not only because of longing for Jody but also for wanting to escape from the approaching date of his marching order. He does not want to become a supporter of the Salazar system; thus he decides the risky way across the border to join Jody in England.

Julia Sutton’s novel is set against the complicate political situation in Portugal at the end of the 1960s. Even though the protagonist Zé seems to be a bit naive and not a leader of any underground movement to overthrow the oppressive system, you get an insight in how the rulers and especially the secret service worked at the time. Even though the love story is the main motor to drive the story, the political aspects dominate over large parts of the story.

It is especially the moment when Zé is captured by PIDE that the novel becomes most interesting and convincing. What he experiences in prison, the treatment and methods of making prisoners not only betray their friends and comrades but also how they are tricked and how little a human life is worth – repellent and disgusting. However, this is neither unusual nor especially brutal, it is just how these kind of systems work.

On the other hand, I found the societal or rather familial pressure which Jody experiences back in England almost as cruel as what Zé suffers in Portugal. How clearly her husband makes decisions and can enforce them – unbelievable for us today, but in the 1960s women were far from enjoying the rights they do today.

Even though the novel had many though-provoking aspects and was surely well researched, I found it was a bit long drawn-out at times and going round in circles. It lacked a bit of focus, was it meant to tell or love story or rather depict life in Portugal under the Salazar regime or show how limited female freedom was at that time? The author seems to be a bit undecided about it.