Lisa Kreißler – Das vergessene Fest

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Lisa Kreißler – Das vergessene Fest

Ronda sitzt mit ihrem kleinen Sohn Charlie im Zug und ist sich unsicher, ob sie wirklich das Richtige tut und an Ninas Hochzeit teilnehmen möchte. Auch Arif macht sich fertig für das Fest, ebenfalls mit gemischten Gefühlen. Doch kaum haben sich die drei Freunde gesehen, ist alles wie früher, es kann eine rauschende Feier geben. Dann tut Nina etwas Unerwartetes, etwas, das man eigentlich nicht macht: vor der versammelten Hochzeitsgemeinschaft erklärt sie, dass sie Philipp nicht heiraten wird. Die acht gemeinsamen Jahre waren ein Fehler, das wussten sie genaugenommen immer und irgendwann einmal muss Schluss damit sein. Dieser Moment ist jetzt gekommen. Gemeinsam flüchten sie drei Freunde mit Rondas Sohn in den nahegelegenen Wald, weg von der Hochzeit, weg von Familie und Freunden und weg von der Realität.

Lisa Kreißlers Roman setzt an einem Scheidepunkt im Leben der Figuren an: noch ein Schritt und schon der ist weitere Weg zementiert. Noch ein Steinchen und wieder wurde eine von außen an sie herangetragene Erwartung erfüllt und gleichzeitig hat man sich wieder ein bisschen weiter von den eigenen Wünschen und Gefühlen entfernt. Doch wie mutig kann man sein, das Leben zu führen, das man führen möchte und wie ehrlich ist man zu sich selbst? Es sind keine ganz jungen Menschen, von denen der Roman handelt, sondern Menschen, die schon etwas hinter sich haben, Erfahrungen sammelten, Fehler gemacht und Konsequenzen erfahren haben. Aber das heißt ja nicht, dass man nicht noch einmal einen Neuanfang wagen kann.

Viel mehr als dieser kritische Moment hat mich im Roman jedoch die Natur und ihre Wirkung auf die Figuren überzeugt. Das Loslösen von den zivilisatorischen Gegebenheiten ermöglicht es ihnen, wieder wahrzunehmen, was außer den Menschen und ihrem gesellschaftlichen Korsett noch da ist. Die unmittelbaren Sinneserlebnisse ermöglichen einen Rückbezug auf sich selbst und auf den Kern dessen, was sie spüren und was sie sind. Der Gesang der Vögel und das Rauschen der Blätter – oft überhörte, eher leise Töne, die im Alltag untergehen – ebenso wie die Stimme, die womöglich aus dem Innerem zu einem spricht. Diese ist es auch, die die Träume souffliert und die wir ob des Alltagsrauschens überhören.

Der Roman schildert einen Ausbruch aus der Realität, nimmt damit auch phantastische Elemente auf und lässt die Figuren sogar in eine neue Welt eintreten, in der ihre Träume sich realisieren. Die Natur wird hier zum Zufluchtsort, der Neues ermöglicht und Schutz vor dem bedrohlich wirkenden Alltag bietet, gleichzeitig aber auch ein Ort ist, an dem man sich verirren und verlieren kann.

Es spricht viel Melancholie und Traurigkeit aus den Seiten, die Unzufriedenheit damit, wie das Leben verlaufen ist und welche Versprechen es nicht gehalten hat. Es ermuntert aber auch dazu, unerschrocken auszubrechen und sich eine neue Realität zu schaffen.

Haruki Murakami – Die Ermordung des Commendatore I

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Haruki Murakami – Die Ermordung des Commendatore I

Als seine Frau sich von ihm trennt, sieht der namenlose Maler darin ein Zeichen und beschließt noch mehr an seinem Leben zu ändern. Nicht nur zieht er sofort aus der gemeinsamen Wohnung aus, nein, er wird auch keine Portraits mehr malen, obwohl er damit in den vergangenen Jahren nicht nur gutes Geld verdient hat, sondern sich auch einen Namen als Künstler machen konnte. Vorübergehend zieht er in das leerstehende Haus des Vaters eines Freundes, der nun wegen Demenz in einem Pflegeheim lebt. Von seltsamen Geräuschen angelockt, findet er auf dem Dachboden ein verpacktes Gemälde mit dem Titel „Die Ermordung des Commendatore“, das ihn sofort fasziniert. Er nimmt es mit in den Wohnbereich, doch bevor er sich näher damit befassen kann, erhält er einen mysteriösen Auftrag von seinem Agenten. Ein letztes Portrait soll er anfertigen, obwohl er zunächst abgeneigt ist, hat der Auftraggeber doch einen gewissen Reiz und so setzt der Maler eine Reihe seltsamer Dinge in Gang.

Haruki Murakami bleibt seinem sehr eigenen Stil treu. Nachdem ich mehrere Bücher von ihm abgebrochen hatte, konnten mich „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ als Hörbuch doch überzeugen, weshalb ich auch bei dem aktuellen zu dieser Variante gegriffen habe. Im Gegensatz zu den Pilgerjahren ist hier jedoch wieder der typische magische Realismus Murakamis vorhanden, hierauf muss man sich einlassen oder es seinlassen.

Der Untertitel suggeriert bereits („Teil 1: Eine Idee erscheint“), dass die Geschichte am Ende des Hörbuchs noch nicht erzählt ist und in der Tat hört es mit einem gemeinen Cliffhanger auf. Davor wird viel über die Malerei, vor allem die Abgrenzung der europäischen von japanischen, gesprochen – ich fand das interessant, bin mir aber nicht sicher, ob das jeden Leser in dieser Tiefe anspricht. Über den Charakter des Protagonisten lässt sich tatsächlich auch nach all den Stunden wenig sagen, er ist ein Einsiedler und die Abgeschiedenheit in dem Haus auf dem Berg scheint wie gemacht für ihn. Auch seine Maltechnik ist außergewöhnlich, unterstreicht aber nur seine sehr eigene Persönlichkeit

Erst durch die Begegnung mit seinem Modell kommt etwas mehr Handlung auf, wobei hier die magischen Elemente erscheinen. Man fragt sich, ob dies alles den Halluzinationen der Figuren zuzuschreiben ist, gleichsam könnte man sich aber auch vorstellen, dass in Japan die Dinge einfach anders gedeutet werden und „Realität“ anders aufgefasst wird als bei uns. Die rein örtliche Distanz zum Handlungsort macht es für Leser wie mich, die realistische Geschichten bevorzugen, hier leichter, diese Elemente als Teil der Handlung zu akzeptieren.

Alles in allem, eine interessante Geschichte, die natürlich jetzt auf ihre Fortsetzung wartet.