José Eduardo Agualusa – Eine allgemeine Theorie des Vergessens

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José Eduardo Agualusa – Eine allgemeine Theorie des Vergessens

Ludovica, eine etwas schräge und menschenscheue junge Frau, lebt mit ihrer Schwester Odete und ihrem Schwager Orlando in Angola. Als die Revolution ausbricht und der Orlando die Flucht für alle drei plant, wird sie offenbar irgendwie vergessen. Wenige Tage später bedrohen sie Männer an der Tür, Orlando habe Diamanten, die er illegal erworben habe, in der Wohnung versteckt. Im Handgemenge tötet Ludovica einen von ihnen. Die Leichte beseitigt sie kurzerhand in einem Beet auf der Dachterrasse und, um nicht weiter von unliebsamen Besuchern gestört zu werden, mauert sie auch noch die Eingangstür zu. Dreißig Jahre wird sie nun im 11. Stock eines Hauses sitzen, sich von Vorräten und kleiner Ernte, sowie Tauben, die sie gelegentlichen einfängt, ernähren. Das Leben in Angola geht derweil seinen Weg, ohne dass sie davon etwas mitbekommt. Einige kommen zu Geld, andere versuchen auf der Straße zu überleben. Doch es kommt der Tag, an dem die Welt plötzlich in Ludovicas selbstgewählte Isolation einbricht.

Der angolanische Autor José Eduardo Agualusa hat ein fantastisches Werk geschaffen, das nicht ganz den typischen europäischen Erzählmustern folgt. Was als Drehbuch für einen Film seinen Anfang nahm, endete in einem wundersamen Roman, der 2016 auf der Shortlist des Man Booker International Prize stand und den angesehenen International Dublin Literary Award 2017 erhielt und sich dort gegen angesehene Autoren wie Margaret Atwood oder Orhan Pamuk durchsetzte.

Im Zentrum der Handlung steht Ludovica, deren Charakter zunächst seltsam bis widersprüchlich erscheint. Einerseits auf die Unterstützung von Schwester und Schwager angewiesen, zeigt sie sich doch pragmatisch-anpackend als es um ihr Überleben geht. Wie sie sich ihre eigene kleine Welt schafft, ist kurios bis bewundernswert. Einfallsreich löst sie ihr Versorgungsproblem, mit wiederkehrenden Strom- und Wasserausfällen geht sie gelassen um. Der Kontakt zur Außenwelt scheint ihr nicht weiter wichtig zu sein, erst als ein Junge in ihre Wohnung eindringt, spricht sie nach dreißig Jahren erstmals wieder mit einem Menschen. Was zu diesem Charakter geführt hat, erfährt man erst gegen Ende des Romans und ihr persönliches Schicksal erscheint nicht ganz in einem anderen Licht, aber doch erklärlich.

Um sie herum konstruiert Agualusa zahlreiche Nebenhandlungen, die ebenfalls von bunter Natur sind und bisweilen fast slapstickartige Züge haben. Ein starker Kontrast zur Isolation, der aber vermutlich das rege Treiben der Hauptstadt sehr gut darstellt. Man trifft Figuren, die Glück haben, andere haben Pech, manche sind clever, wieder andere werden Opfer des Schicksals. Es werden Lügen erzählt und wieder aufgelöst – kurz gesagt: das weltliche Treiben in allen Facetten findet Eingang, ohne dass sich die Logik und Verbindung zur Protagonistin direkt offenbaren würde. Aber hier kommt die Kunst des wahren Erzählers zum Vorschein: Agualusa führt alle noch so verschlungenen Wege zusammen und die Notwendigkeit, diese zunächst nebensächlich erscheinenden Geschichten zu erzählen, wird offenkundig. Eine ganz und gar fantastische Lösung.

Allerdings ist es nicht nur die faszinierende Persönlichkeit Ludovicas und die formvollendete Zusammenführung aller Erzählstränge, die einem beim Lesen begeistert. José Eduardo Agualusa findet treffende Formulierungen, in denen kein Wort zu viel ist und die punktgenau die Realität einfangen. Hier gehört dem Übersetzer Michael Kegler ein großes Lob. Daneben gibt es kurze Szenen, die nur wenige Sätze umfassen, die einem als Leser stocken lassen, ob der unglaublichen Grausamkeit, die sie in sich tragen. An diesem Stellen wir einem besonders bewusst, dass man sich in einem afrikanischen Land aufhält und unsere Werte und Normen vielleicht nicht anwendbar sind. Diese Brüche, die einem zum Nachdenken zwingen, machen den Unterschied zwischen einem unterhaltsamen Buch und bemerkenswerter Literatur.