Yael Inokai – Mahlstrom

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Yael Inokai – Mahlstrom

Mahlstrom – ein Gezeitenstrom zwischen den Lofoten Inseln, sagenumwoben und seit Menschengedenken angsteinflößend. Im übertragenen Sinne eine Situation großer Verwirrung, voller Gewalt und Zerstörungskraft.

Ein idyllisches Dorf, dorthin zieht es die Eltern von Yann aus der Großstadt. Doch sie bleiben den Einheimischen fremd, Yann findet keinen Anschluss zu den Kindern seiner Schule, nicht zu den Zwillingen Annemarie und Hans, nicht zur Nachbarstochter Nora und schon gar nicht zu den Geschwistern Adam und Barbara. Erst ignorieren sie ihn, dann machen sie sich über ihn lustig, dann überfallen und verletzen sie ihn schwer. Doch das Dorf legt den Mantel des Schweigens über die Tat. Für viele Jahre spricht man nicht darüber. Erst als eine weitere Gewalttat die kleine Gemeinschaft aufschreckt, lösen sich die Zungen und es kommt ans Licht, was in dieser Nacht geschah und wie es damals wirklich war. Barbara muss dafür sterben, sie stürzt sich in den Fluss und befreit die Bewohner damit aus ihrer selbst auferlegten Sprachlosigkeit.

„Im Winter vor elf Jahren hätten wir ihn beinahe getötet.

Wir wollten ihm eine Lektion erteilen.

Wir hatten nicht mit uns selbst gerechnet.“

Yael Inokais zweiter Roman wurde 2018 mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet und zeichnet auf ganz eigene Weise das typische Dorfleben nach. Dieses hat wenig von der Idylle, die man in Zeitschriften wie „Landlust“ vorgegaukelt bekommt, es ist nicht das friedliche Leben im Einklang mit der Natur, wo die böse Welt weit weg ist und man die Sorgen verdrängen kann. In Inokais „Mahlstrom“ schwimmen die Menschen um ihr Leben, sie wollen sich aus einer ausweglosen Lage befreien und wissen doch, dass sie nicht herauskommen werden, es sei denn sie stellen sich selbst dem Wasser und setzen dem irdischen Dasein mit eigener Hand ein Ende.

Der kurze Roman zeichnet sich durch seine Unmittelbarkeit, seine Direktheit aus. Die Figuren erhalten im Wechsel das Wort und da sie das Beschönigen, das Vertuschen hinter sich haben, berichten so ohne Umschweife von den Gehässigkeiten und den unterschiedlichen Formen von Gewalt, die sie erlebt haben. Was als etwas harte Erziehungsmethoden beschönigt werden könnte oder auch mal als „so sind Kinder eben“ abgetan wird, erscheint nun als tiefgreifende Verletzung, die Spuren auf den Körpern und Seelen hinterlässt und lebenslange Wunden schafft. Die Reaktion ist vorprogrammiert: erst wendet sie sich gegen die schwächsten Glieder der Gemeinschaft, dann gegen sich selbst.

Das Ganze ist letztlich mehr als die Puzzleteile der unterschiedlichen Erzähler. Es ist auch weit mehr als das kleine abgeschiedene Dorf. Man kann den Roman durchaus sinnbildlich für unsere Zeit lesen, wo das Verschwinden eines Menschen selbst von dessen Familie tagelang unentdeckt bleibt, wo man lieber auf Schwächere eindrischt als sich seinen Unzulänglichkeiten zu stellen, wo Schweigen und Wegschauen akzeptierte Wege zum Umgang mit Problemen sind, in der Hoffnung, dass diese sich schon irgendwie von selbst lösen werden.

Jan Böttcher – Das Kaff

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Jan Böttcher – Das Kaff

Schon jung hat der Architekt Michael Schürtz sein Heimatdorf verlassen, um in Berlin die Karriere zu verfolgen. Ein Großauftrag bringt ihn nun zurück in den Ort, den er quasi seit 20 Jahren nicht mehr betreten hat und für den er nur Verachtung übrig hat. Die Kleingeister vom Lande entsprechen schlichtweg nicht seinen Erwartungen. Doch bald schon vermischen sich Erinnerungen mit neuen Begegnungen. Ein totkranker Freund, auch die eigenen Geschwister und natürlich der lokale Fußballverein, bei dem nicht ganz freiwillig, aber doch irgendwie stolz, plötzlich zum Trainer der C-Jugend ernannt wird. Was zieht ihn eigentlich noch zurück in die Großstadt? Der Karrieredruck, die oberflächlichen Gespräche der High Society? Oder kann er sich eine Zukunft inmitten der Dorfgemeinschaft vorstellen?

Jan Böttchers Protagonist ist zunächst ein wenig karikaturenhaft gezeichnet. Der großspurige Städter, der natürlich nicht in einem trauten Heim mit Ehefrau und Kind lebt, sondern freier Junggeselle ist, der das Leben und die Vorzüge der Hauptstadt in vollen Zügen genießt. Sein letzter Besuch liegt nur ein Jahr zurück, die Abifeier, dort trat er als „Überraschungsgast, Stargast“ auf – er ist nicht mehr nur einer, der auf diesem Dorf groß geworden ist, er hat es geschafft in der Großstadt. Voller Arroganz blickt er auf die lokale Zeitung hinab, die das berichtet, was die Menschen vor Ort bewegt, ihm aber banal und herabschauenswürdig vorkommt. Es dauert, bis Micha Schürtz erkennt, was die Menschen haben, was sie ihm als Großstädter voraushaben und vor allem, dass sie einander haben.

Der Roman besticht durch alltägliche Banalität. Jan Böttcher berichtet nicht von den großen, weltbewegenden Ereignissen, die global für Aufregung sorgen oder die das Leben der Figuren mit einem Schlag vollends ändern. Er fängt das Normale, Gewöhnliche ein und hält dem Leser dieses dann wie einen Spiegel vor: wie stehst Du denn dazu? Neigst Du etwa auch zu einer leichten Verachtung gegenüber den Menschen, die nicht das hippe Stadtleben gewählt haben? Genau diese Haltung verkehrt sich im Laufe der Handlung. Schleichend. Langsam. Ohne auslösendes Element. Man kann sich ändern, Meinungen überdenken und womöglich zur Erkenntnis kommen, dass man sich jahrelang getäuscht hat.

„Das Kaff“ ist einer der eher leisen Romane, die aber ein wunderbares Portrait unserer Zeit sind und vor allem der durchschnittlichen Menschen, die keine Superhelden sind, ihre kleinen Macken und Ecken und Kanten haben, manchmal auch einfach Fehler machen. Nein, das Leben ist nicht immer rosarot, aber es gibt gute Tage. Genau diese vermeintliche Trivialität einzufangen und lesenswert wiederzugeben, darin liegt die Stärke des Romans.