Marianne Philips – Die Beichte einer Nacht

Marianne Philips – Die beichte einer Nacht

Eine Frau kann nicht schlafen, zu sehr stören sie die anderen, die sich in dem Gemeinschaftsschlafsaal der Nervenklinik aufhalten. Sie geht zur Nachtschwester und merkt, dass sie sich plötzlich nach Monaten des Schweigens öffnen und von all dem erzählen kann, was sie an diesen Ort geführt hat. Stumm hört die andere ihr zu, erfährt von der entbehrungsreichen Kindheit als ältestes von zehn Kindern, das früh schon mit anpacken musste. Der gehässige Vater und schon bald der Wunsch, dem Elend zu entkommen. Als Schneiderin und später Verkäuferin gelingt er der Sprung in die Stadt und Bekanntschaft mit reichen Herren, die sie anbeten und gerne ihr Geld für sie ausgeben. Eine gescheiterte Ehe, der finanzielle Ruin und dann unerwartet doch noch die große Liebe – aber offenbar hatte das Leben kein Happy End für Heleen vorgesehen, sonst wäre sie nicht dort in der Klinik, weggesperrt vor der Öffentlichkeit.

Marianne Philips war ihrer Zeit in vielerlei Hinsicht voraus. Drei Kinder konnten sie nicht von einer politischen Karriere abhalten, das Schreiben entdeckte sie erst spät, wobei ihr das Veröffentlichen ab 1940 als Jüdin verboten war. In „Die Beichte einer Nacht“ sind sicherlich ihre eigenen Erfahrungen mit eingeflossen, da sie nach der Geburt ihrer ersten Tochter einige Wochen in einer Klinik war, aber auch sonst weist der Roman zahlreiche Parallelen zu ihrem Leben auf. Er ist ein einziger Stream of Consciousness, als wenn jemand die Tore weit geöffnet hätte, fließt es einfach so aus der Erzählerin heraus.

„Seltsam ist das, es gibt Augenblicke, in denen hat man tatsächlich die Wahl. Damals vor dem Bahnhof erkannte ich glasklar, dass ich die Wahl hatte: unser Städtchen und ein bisschen Mühsal, aber auch Ruhe – oder Groenmans und das Unbekannte. „

Es ist zunächst die Geschichte eines Mädchens mit Träumen, dem sich plötzlich eine Chance bietet, die sie ergreift. Sie erkennt, was ihr ob der Herkunft alles fehlt, um in der oberen Gesellschaft mitzuhalten, aber konsequent arbeitet sie an sich, bleibt bescheiden und höflich und so öffnen sich immer mehr Türen für sie. Zunächst unter dem Schutz des Kaufmanns Groenmans, später des Unternehmers Camelot entwickelt sie sich zur begehrten Dame, die Luxus erkennt und ihn lieben lernt. Die erste Ehe eine Farce, geblendet von der Bildung des Mannes erkennt sie ihn nicht, bis sie sich befreit und bereit ist, noch einmal von vorne anzufangen. Mit Hannes und der deutlich jüngeren Schwester Lientje, die sie zu sich genommen hat, scheint das Glück perfekt.

Es ist jedoch nicht nur die Entwicklung vom Entlein zum Schwan, sondern die Selbstreflexion der Erzählerin, die den Reiz der Geschichte ausmacht. Sie beschönigt dabei nichts, benennt ihre Fehler und Unzulänglichkeiten und weiß, weshalb alles in diesem Chaos enden musste. Am Ende ist sie allein, nicht einmal mehr Gott steht ihr bei. Sie muss mit sich selbst und dem, was sie getan hat, Frieden schließen.

Man kann kaum glauben, dass der Roman schon vor 90 Jahren verfasst wurde, zeitlos ist die Geschichte des hoffnungsvollen Aufstiegs und schlussendlichen Niedergangs. Dabei reißt Marianne Philips die großen Fragen des Lebens auf: Glück, Glaube und der Platz in der Welt. Eine sprachgewaltige Introspektion einer faszinierenden Protagonistin.

Lana Lux – Jägerin und Sammlerin

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Lana Lux – Jägerin und Sammlerin

Sie ist eine hervorragende Schülerin, aber morgens rechtzeitig aus dem Haus zu kommen, scheint ein Ding der Unmöglichkeit für Alisa. Sie arbeitet abends zu lange und der Blick in den Spiegel auf die unreine Haut, macht stundenlange Vorbereitungen erforderlich, bevor sie sich unter Menschen trauen kann. Überhaupt ist ihr Aussehen ein Problem, sie ist nicht attraktiv wie ihre Mutter, der immer noch alle Männer nachschauen oder wie ihre Freundin Mascha, die als elfengleiche Ballerina bezaubert. Mehr und mehr hadert Alisa mit sich und zunehmend versucht sie ihren Frust förmlich runterzuschlucken, doch die Fressanfälle helfen nur kurz und das zwanghafte Erbrechen danach ist zur Sucht geworden. Dass sie Hilfe braucht, lässt sich bald nicht mehr übersehen, doch woher rührt das alles, wie konnte es nur so weit kommen?

Lana Lux hatte mich mit ihrem Debüt „Kukolka“ schwer begeistern können, gespannt war ich auf diesen Roman, der mit der ukrainisch stämmigen Protagonistin auch wieder Parallelen zu ihrer eigenen Biografie aufweist. Über weite Strecken konnte mich die Geschichte auch fesseln und überzeugen, der Schluss jedoch hat mich etwas enttäuscht.

Es ist leicht vorstellbar, dass Leser*innen mit eigenen Erfahrungen in Bezug auf Essstörungen stark getriggert werden. Alisas Gedankenwelt, die sich extrem um ihren Körper und ihr Aussehen dreht und ausgesprochen negativ geprägt ist, wirkt authentisch und stimmig. Genau diese begrenze und fehlgeleitete Sicht führt in die Anorexie oder Bulimie, aus der die Betroffenen selbst meist nicht mehr alleine herauskommen. In Alisas Fall wird die Ursache durch das Verhalten der Mutter – von klein auf Fokussierung auf das Aussehen, immer wieder Kritik an der Figur und dem Essverhalten, ganz offensive Bevorzugung der tanzenden Freundin bei mangelnder Zuneigung – überzeugend motiviert und erklärt. Die Bulimie kommt nicht plötzlich und wird ebenso wenig über Nacht geheilt, es ist ein langer Prozess mit Rückschlägen, den auch Familienmitglieder nicht immer nachvollziehen können.

Im letzten Teil geht die Geschichte weg von Alisa hin zur Mutter. Diese Hintergrundinformationen zu deren Kindheit und Jugend, zu ihren Träumen und Enttäuschungen erklären zwar ihr Verhalten gegenüber der Tochter, für mich war es jedoch weitaus weniger interessant und zugänglich als Alisas Story. Vielleicht wäre die Handlung für mich sogar stimmiger gewesen ganz ohne diesen Teil, da er so gar nicht zu der Perspektive davor passt. Alisa als Figur war genug und überzeugend und es ist schade, dass sie gerade mit dem geringen Selbstbewusstsein und der Überzeugung, dass ihre Mutter sie nicht sieht und sich nicht für sie interessiert, selbst hier dieser Frau wieder weichen muss. Da hätte Lana Lux liebevoller mit ihrer Figur umgehen dürfen.

Die Thematik des Würgegriffs durch Essstörungen kommt glaubhaft und plastisch rüber, so sehr dies das Leben einschränkt, bedingt es auch die Handlung. Der letzte Teil für mich inhaltlich fast verzichtbar und insgesamt gestalterisch nicht so stark wie die ersten beiden, führt zu einem kleinen Abzug. Gelungen dafür der Titel, für den ganz am Ende noch eine Erklärung gegeben wird.

Alex Michaelides – Die stumme Patientin

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Alex Michaelides – Die stumme Patientin

Es war ein aufsehenerregender Mord: die Künstlerin Alicia Berenson erschießt ihren Mann in ihrem Atelier und zeichnet dann ein verstörendes Bild über die Tat, bevor sie für immer schweigt. Seit Jahren sitzt sie schon in einer psychiatrischen Einrichtung und der Therapeut Theo Faber hat nun endlich die Chance, sich ihr professionell zu widmen. Der Fall fasziniert ihn, vor allem im Zusammenhang mit dem Gemälde, auf welchem sich nur der Begriff „Alkestis“ fand, der der Schlüssel zu Alicias Schweigen sein muss. Die ersten Sitzungen verlaufen schlecht, doch dann scheint es Theo zu gelingen, zu Alicia vorzudringen und ihr wieder eine Stimme zu geben. Doch nicht nur bei der geheimnissenvollen Frau liegen Mysterien verborgen, akribisch beleuchtet Theo auch ihr Umfeld und das bietet so manche interessante Figur, die mehr zu wissen scheint, als sie zugibt und über Alicias Schweigen ganz froh ist.

Alex Michaelides Debutroman merkt man an, dass der Autor in der Materie bewandert ist; bevor er zum Drehbuchschreiber wurde, hat er als Psychiater in einer geschlossenen Klinik gearbeitet. Die psychologischen Aspekte sind es auch, die im Vordergrund der Handlung stehen, die Auswirkungen der Erlebnisse und Beziehungen, die die Menschen haben, auf ihr Seelenleben und vor allem ihr Seelenheil. Daher weniger ein Psychothriller, der den Leser in Angst und Schrecken versetzt, als ein Roman, der die Grenzsituationen zwischen psychisch gesund und krank beleuchtet und damit gekonnt spielt.

Die Handlung bewegt sich stringent auf den Höhepunkt zu, hat aber zunächst ein eher gemächliches Tempo, das nur wenig Spannung bietet. Die Schilderungen der unterschiedlichen psychologischen und psychiatrischen Ansätze und die gegensätzlichen Meinungen der Disziplinen fand ich trotzdem unterhaltsam und für einen Roman perfekt dosiert. Etwas verwunderlich Theo Fabers akribische Nachforschung in Alicias Leben vor der Tat, hier wirkt der Psychologe eher wie ein Detektiv, der den Fall nochmals aufrollt, was aber der Therapiesituation eine spannende zweite Handlungsebene an die Seite stellt und durch die unerwarteten Enthüllungen nun auch deutlich mehr Richtung Thriller geht, denn langsam formen sich Bilder, die große Fragen in Bezug auf Alicia aufwerfen.

Der Autor wartet mit clever platzierten Wendungen auf, die vor allem die bestehenden Annahmen davon, wem man trauen kann und wem nicht, wer phantasiert und wer lügt, immer wieder auf die Probe stellen. Das Ende für mich ein wenig zu viel des Guten, aber in sich stimmig motiviert. Insgesamt ein nicht übermäßig spannender, aber ohne Frage lesenswerter und überzeugender Roman.

Julia Rothenburg – Koslik ist krank

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Julia Rothenburg – Koslik ist krank

Was war passiert? So genau kann sich René Koslik nicht erinnern und jetzt ist er in einem Freiburger Krankenhaus. Es muss wohl eine Art Anfall gewesen sein, aber das werden die Ärzte herausfinden. Wohl fühlt er sich nicht in dieser Parallelwelt, in der ihm auch alles so fremd vorkommt. Vom Akademiker, der in seinen Kursen das Heft fest in der Hand hat, wird er zum Objekt, an dem verschiedenste Ärzte und Pfleger irgendwelche Messungen vornehmen; er wird eingepackt in ein Auto, in eine andere Abteilung gebracht; wartet – Minuten, Stunden, Tage. Worauf? Das muss er den Arzt fragen, wenn dieser Mal kommt. Was man untersucht? Auch das weiß nur der Arzt. Und die Ergebnisse? Wieder den Arzt fragen. Doch wann kommt dieser? Und die anderen Patienten, müde sehen sie aus, krank und bald schon bewegt sich auch Koslik mit schleichendem Schritt und hängendem Kopf. Er wartet eigentlich nur noch auf das Ende, das einzige, was noch kommen kann, wenn man hier gelandet ist.

Julia Rothenburg wirf den Leser in ihrem Debüt direkt in die Handlung. So wie der Protagonist plötzlich wieder zu sich kommt, erblickt man mit ihm die fiktive Welt des Krankenhauses. Er muss sich orientieren, was nicht leicht fällt, ebenso wie dem Leser. Was folgt ist zum einen ein Blick auf die Realität deutscher Kliniken, zum anderen aber auch, was ein Aufenthalt dort mit den Menschen macht und wie sie zunehmend ihre Autonomie verlieren.

Zunächst sind Kosliks Gedanken geprägt von Fragen nach dem Wo und Was geschehen ist, hinzu kommt die Angst davor, dass er ernsthaft krank sein könnte, womöglich einen Schlaganfall hatte. Schnell merkt man jedoch, dass man es mit einem scharfen Beobachter zu tun hat, der zwar seine Gedanken erst wieder sammeln muss, seine Umwelt aber detailliert wahrnimmt und deutet. Er beobachtet die Haltungen der Menschen, ihr Ausgeliefertsein und kann selbiges auch bei sich rasch feststellen. Die Transformation vom autonomen Lebewesen zum abhängigen Objekt verläuft fließend, Koslik stemmt sich immer wieder dagegen, wenn ihm dies bewusst wird. Die fehlenden Informationen zu seinem Gesundheitszustand oder den weiteren Abläufen erschweren zudem das Aufrechterhalten der Selbstständigkeit und Freiheit. Er kommt sich bald wie ein Gefangener vor, die Tatsache, dass er das Klinikgelände auch nicht verlassen soll, spiegelt dies deutlich wieder:

„Herr Koslik, sagt sie. Wo wollen Sie denn hin?

Mal raus, sagt Koslik. Spazieren gehen oder so. Mir wurde gesagt, dass die Untersuchung …

Nein, das geht nicht, sagt Schwester Inge. Wir haben hier die Pflicht der Patientenüberwachung. Sie können nicht einfach rausgehen, dann können wir nicht mehr für Ihre Sicherheit garantieren. Denken Sie nur daran, was passieren könnte. Das ist versicherungstechnisch nicht möglich.”

 

Alles ist geregelt und läuft, nur ist dies für Koslik nicht durchschaubar. Es fällt nicht schwer, sich in den Protagonisten hineinzuversetzen und seine Hilf- und Ausweglosigkeit nachzuvollziehen. Krankheit ist als solches schon schlimm genug, sich damit auseinandersetzen und umgehen lernen, aber in einem solchen System, das einem degradiert, wird dies umso schwieriger. Koslik könnte sich auflehnen, dagegen kämpfen und protestieren. Aber ach, er war in seinem Leben immer schon mit so wenig zufrieden und lässt mit ihm machen, was die Organisationsabläufe nun einmal vorsehen.

Als er am Ende plötzlich mit gepackter Tasche vor der Klinik steht, weiß er nicht wohin. Vielleicht war es doch nicht so schlecht, wenn andere einem die Entscheidungen abnehmen und man sich einfach nur leiten lassen muss. Das ungute Gefühl der Fremdbestimmtheit verwandelt sich zum Sehnsuchtsgefühl: ist es das, was man als Mensch will? Keine Schonkost dieser Roman, aber Anlass zum Nachdenken.