Kate Atkinson – Weiter Himmel

Kate Atkinson – Weiter Himmel

Die Gattinnen und Kinder von Tommy, Andy und Steve führen ein Dasein im Luxus, wirklich hinterfragt, wo das ganze Geld herkommt, vor allem das Bargeld, haben sie nie. Die Männer gehen halt Geschäften und dem Golfen nach und sind offenbar erfolgreich dabei. Aber es gibt eine alte Verbindung zu zwei Kriminellen, deren Netzwerk schon vor Jahren aufgedeckt wurde und das jetzt durch Ronnie Debicki und Reggie Chase, zwei junge Detectives, nochmals untersucht wird. Just in diesen Ermittlungen fällt ihnen die Leiche von Wendy vor die Füße, deren Gatte Vince so etwas wie der vierte Mann im Bunde ist. Das erfolgreiche Geschäftsmodell droht nun doch aufzufliegen während Crystal, Tommys Frau, sich verfolgt und bedroht fühlt, weshalb sie den Privatermittler Jackson Brodie engagiert. Es muss im Zusammenhang mit ihrem früheren Leben stehen, das ist der biederen Hausfrau Crystal klar, jenem Leben, von dem niemand etwas wissen soll und das sie selbst auch lieber vergessen würde.

Bereits zum fünften Mal lässt Kate Atkinson den melancholischen Privatdetektiv Jackson Brodie im der Grafschaft Yorkshire ermitteln. Wie auch zuvor schon beginnt „Weiter Himmel“ gänzlich unspektakulär für ihn, bis er sich in einer hochkomplizierten Angelegenheit wiederfindet. Der Leser ist ihm durch die Eingangsszene und das Wissen um Atkinsons herausragende Fähigkeit zu zirkulärer Erzählweise, die sich erst im Laufe der Handlung offenbart, einen Schritt voraus und ahnt, dass es einmal mehr ein großartiges Vergnügen werden wird, die unzähligen losen Enden und Figuren miteinander zu verknüpfen.

Das beschauliche Leben in der Provinz ist vieles, jedoch nicht so friedvoll wie es scheint. Die idyllische Kulisse bietet vor den Augen aller die optimalen Bedingungen für grausame, menschenverachtende Geschäfte. Jedoch sind Tommy, Andy und Steve nicht die kaltblütigen Verbrecher, die schonungslos ein Kartell führen. Atkinson zeichnet sie liebevoll auch als Familienmenschen mit ihren Schwächen und Enttäuschungen im Leben. Vince noch mehr als das Trio ist gebeutelt von der Scheidung, in der er gerade steckt, als sich das Problem durch das Ableben seiner Frau von alleine löst – wenn er jetzt nicht gerade der Hauptverdächtige wäre, was ganz neue Komplikationen mit sich bringt.

Jackson Brodies Arbeit ist auch weit davon entfernt spektakulär gefährlich und spannend zu sein, viel zu oft steht er vor banalen Alltagsherausforderungen. Eine absurde Gemengelage, in der mir insbesondere die beiden Detectives unglaublich gut gefallen haben. Mit trockenem Humor und messerscharfem Verstand verfolgen sie ihre Ermittlungen und haben mich mehr als einmal auflachen lassen. Es ist genau dieser Ton zwischen abgeklärtem Sarkasmus, pragmatischer Menschlichkeit und Bodenständigkeit, der grausame Themen wie Menschenhandel und Mord – auch dank unglaublicher Zufälle – in bemerkenswerter Leichtigkeit präsentiert.

Aus unzähligen Puzzleteilen entsteht langsam ein komplexes Geflecht an Figuren und ein cleverer Plot, den aufzudecken schlicht große Unterhaltung ist.

Kate Atkinson – Die vierte Schwester

Kate Atkinson – Die vierte Schwester

Der frühere Police Inspector und nun Privatdetektiv Jackson Brodie hat gleich mehrere knifflige Fälle auf einmal zu lösen. Drei Familientragödien, die ihre Spuren hinterlassen haben. Die Schwestern Julia und Amelia müssen ihren Vater beerdigen, in seinem Büro, das ihnen zu Lebzeiten immer verboten war, finden sie eine blaue Maus. Jenes Plüschtier, das ihrer Schwester Olivia gehörte, die als 3-Jährige spurlos verschwand und in all den Jahrzehnten seither gab es nie eine heiße Spur – hatte etwa ihr eigener Vater etwas damit zu tun? Shirley sucht ebenfalls jemanden: ihre Nichte Tanya. Sie hatte versprochen sich um das Baby zu kümmern als ihre Schwester Michelle nach dem Mord an ihrem Mann verhaftet wurde, aber die Schwiegereltern hatte das Kind an sich genommen. Sein dritter Fall dreht sich ebenfalls um eine junge Frau: Theo Wyre sucht immer noch nach dem Mörder seiner damals 18-jährigen Tochter Laura, die zehn Jahre zuvor brutal getötet wurde. Drei komplizierte Fälle, zu denen sich Jacksons Streit mit seiner Ex-Frau gesellt, die droht mit der Tochter nach Neuseeland zu ziehen, ebenso wie die Tatsache, dass die Suche nach jungen Frauen Jackson auch ganz persönlich trifft.

Der erste Band von Kate Atkinsons Serie um den Privatermittler Jackson Brodie war bereits 2005 erschienen, wurde nun bei Dumont als Taschenbuchausgabe neu aufgelegt. Der Autorin gelingt hier ein faszinierender Genremix. Einerseits klassischer Detektivroman mit Ermittlungen in gleich mehreren ungelösten Fällen, andererseits bietet sie eine Ansammlung so kurioser Figuren, die sich in ihrem Handeln jeder Schublade verweigern und einen lakonisch-trockenen Humor, der die britischen Gepflogenheiten in Cambridge messerscharf kommentiert, so dass man bisweilen gerne laut auflachen möchte. Die ganze Bandbreite menschlicher Tragödie breitet die Autorin vor dem Leser aus und wird langsam zu einem Gesamtbild verflochten.

„Die Aufträge, die er übernahm, waren größtenteils entweder lästig oder langweilig – für Prozesse ermitteln, jemandes Vergangenheit ausleuchten (…). Nicht zu vergessen die verschwundenen Katzen.“

Die Geschichte startet mit scheinbar unzusammenhängenden Mordfällen – hier ist auch der Originaltitel „Case Histories“ m.E. deutlich treffender als der deutsche, der nur einen der Handlungsstränge aufgreift – die nacheinander lose nebeneinanderstehend vorgestellt werden. Ein irritierender Einstieg, der sich jedoch rasch danach auflöst und die Verbindung zu Jackson Brodie schafft. Der gutherzige, wenn auch etwas zynisch gewordene Ermittler übernimmt die hoffnungslosen Fälle, wie soll er nach so langer Zeit noch etwas aufklären können? Aber wer sonst sollte sich darum kümmern?

Man ist versucht immer wieder hin und her zu blättern, um all die Daten und Figuren im Blick zu halten und mit jenen, die plötzlich am Rande auftauchen, scheinbar nebensächlich sind und dann doch das fehlende Puzzlestück darstellen, nachdem gesucht wurde. Die vielfältig die Charaktere sind – allesamt liebevoll in ihrer Schrulligkeit gezeichnet – findet jeder Leser genau jene Geschichte, die ihn besonders anspricht. Die Struktur schlichtweg genial, gepaart mit einem Feuerwerk an Emotionen entsteht so ein bemerkenswerter Roman, der sich von der Masse abhebt. Atkinson hat schlicht das ganze Leben eingefangen und kondensiert zwischen die beiden Buchdeckel gepackt.

Kate Atkinson – Transcription

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Kate Atkinson – Transcriptions

London 1940. Juliet Armstrong wird für den Geheimdienst MI5 rekrutiert, obwohl sie eigentlich andere Pläne hatte. Sie soll Sympathisanten des Nazi Regimes beobachten und als Sekretärin arbeiten und geheime Gesprächsmitschnitte transkribieren. Trotz der anfänglichen Skepsis gewöhnt sie sich schnell an die Welt der Spionage und wird zunehmend mutiger. Sie wird auf Godfrey Toby angesetzt, den man als Geheimagent der Gestapo vermutet, doch eigentlich überwacht dieser nur die britischen Informanten. In einer Welt der Agenten und Doppelagenten verliert die junge Frau schnell den Überblick… 10 Jahre später arbeitet Juliet für die BBC und glaubt ihre Tätigkeit während der Kriegsjahre hinter sich gelassen zu haben, als diese sie plötzlich wieder einholen und vor allem ihre eigenen Lügen plötzlich doch noch drohen aufgedeckt zu werden.

Kate Atkinson erzählt die Geschichte im Wechsel zwischen Juliets Arbeit für den Secret Service und den Ereignissen der Aufarbeitung nach Ende des Krieges sowie ihrer Sicht aus dem Jahr 1981. Als Leser ist man hin- und her gerissen, denn man mag das junge Mädchen zunächst und beobachtet ihre ersten Schritte in der Agentenwelt. Doch irgendwann bekommt man Zweifel und fragt sich, wer nun zu den Guten gehört und wer nicht und vor allem: wo steht Juliet?

Am spannendsten waren ohne Frage Juliet Feldeinsätze, als Iris Carter-Jenkins mit einer Waffe in der Handtasche näher sie sich Mrs Scaife, einer angesehenen Frau der Gesellschaft, die ihren Antisemitismus offen zur Schau trägt. Dass ein solcher Einsatz nicht ohne Risiko ist und Juliet schon auch mal genötigt ist, aus dem Fenster zu fliehen, steigert aber eigentlich nur den Reiz.

Alle Figuren haben so mehrere Rollen im Roman, was es nicht einfach macht, ihre echte Persönlichkeit, sofern sie überhaupt eine haben, zu erkennen. Dieses Spiel erlaubt ihnen aber auch, einiges, was sie während der Kriegszeit getan haben, mit den falschen Identitäten abzulegen und zu vergessen. „You will pay for what you did“ – so die Nachricht, die Julie Jahre nach dem Krieg erhält. Sie kann nicht einfach alles Unangenehme begraben und auf der geschichtlichen Müllhalde abladen.

„Transcription“ passt in keine wirkliche literarische Kategorie, er ist weder reiner Krimi, noch echter historischer Roman. Auch die Vielschichtigkeit der Rollen und Wahrheiten durchbrechen bekannte Grenzen. Unterhaltsam zu lesen ist dies jedoch ohne Frage.