Leon De Winter – SuperTex

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Leon De Winter – SuperTex

Weil seine unfähige Sekretärin eine Akte vertauscht hat, kann Max Breslauer jetzt den wichtigen Anruf nicht tätigen und muss am Samstagmorgen ins Büro. In seinem Porsche rast er mit viel zu hoher Geschwindigkeit durch Amsterdam und fährt prompt einen chassidischen Jungen an. Wie kann er als Jude überhaupt zu dieser Zeit in einem Auto sitzen, noch dazu in einem Porsche? Plötzlich bricht alles über ihn herein und er ruft Dr. Jansen an, eine Psychologin, bei der er schon einmal in Behandlung war. Er drängt sie, den ganzen Tag für ihn zu reservieren und auf der Couch kommt er tatsächlich nicht nur ins Reden, sondern muss sich seinem ganzen Leben stellen: der komplizierten Beziehung zu seinem Vater, der das SuperText Imperium aufgebaut hatte, das er jetzt leitet; seine gescheiterte Beziehung zu Esther und das Verhältnis zu seinem jüngeren Bruder Boy. Was steckt hinter der Fassade Max Breslauer, dem erfolgreichen Unternehmer?

Leon de Winters Roman erschien bereits Anfang der 1990er Jahre auf Niederländisch, doch der Text hat nichts von seiner Aussagekraft verloren. Ganz im Gegenteil, für mich zeigt sich gerade in diesem Buch de Winters die besondere Stäke des Welt-Literatur- und Buber-Rosenzweig-Medaillen-Preisträgers: er lässt die großen Fragen des Lebens in einem einzigen Augenblick kulminieren und führt vor allem die Spannung zwischen weltlichem und religiösem Leben und der Bedeutung der Wurzeln zu einem grandiosen Höhepunkt. Interessant, wenn auch unbeantwortet, bleibt dabei die Frage, wie viel von de Winter selbst in seinem Protagonisten steckt. Ganz sicher jedoch steckt in dem Roman sehr viel jüdischer Humor und Ironie, die hervorragend mit der Melodramatik der Handlung austariert sind.

Max Breslauer ist – genau wie sein Vater – fast schon eine Karikatur des wohlhabenden Juden: wirtschaftlich erfolgreich, selbstherrlich; arrogant und jähzornig gegenüber anderen und rücksichtslos, wenn es ums Geschäft geht. Doppelmoral wird von beiden entspannt gelebt: geheiratet wird nur ein jüdisches Mädchen, mit wem man daneben noch das Bett teilt, ist weniger relevant; Regeln des Kashrut werden eher nach Bedarf ausgelegt denn befolgt; wenn es der Sache jedoch dient, kann man sich auch zügig wieder seiner jüdischen Herkunft besinnen und die Erlebnisse des Holocaust als Argumentationsschleuder verwenden. Dies entlässt Max jedoch nicht aus dem schwierigen Verhältnis zu dem Familienoberhaupt, das einst als einziger das Konzentrationslager überlebt hat. Sind es zunächst typisch pubertäre Streitigkeiten, führen die Auseinandersetzungen jedoch schließlich so weit, dass der Sohn beinahe zum Vatermörder wird.

Über den Bruder erfährt man zunächst nur, dass dieser in Casablanca sitzt, die ehemalige Partnerin ist nach Israel geflohen. Es scheint als wenn Max ein Händchen für komplizierte Beziehungen hätte, die sich vor allem dadurch lösen lassen, dass die anderen davonlaufen. Doch der Tag der Läuterung ist bereits angebrochen und auch wenn weitere Rückschläge noch an selbigem drohen, ist der Wandlungsprozess nicht mehr aufzuhalten.

Ganz herrliche Szenen hat de Winter in seinem Roman geschaffen – allein das Essen beim ersten Besuch der Freundin erinnert fast einen Sketsch aus Loriots Hand – auch die Erkenntnis des Protagonisten führt über eine gehörige Portion Selbstironie. So wird das analytische Gespräch zu einer unterhaltsamen Angelegenheit und bleibt trotz der Tragik leicht im Ton.

Stewart O’Nan – Stadt der Geheimnisse

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Stewart O’Nan – Stadt der Geheimnisse

Nachdem er das Lager überlebt hat und seine ganze Familie ausgelöscht wurde, macht der jüdische Lette Jossi Brand sich auf nach Jerusalem, um den alten Traum seiner Eltern zu realisieren. Die Situation im noch gegründeten Israel ist fragil, schnell schließt sich Brand der Untergrundorganisation Hagana an, um für ein freies Land zu kämpfen. Die Kontaktperson seiner Zelle ist Eva, die nebenbei als Edelprostituierte arbeitet und in den besten Hotels der Stadt verkehrt. Brand verdient sich seinen Lebensunterhalt als Taxifahrer, meist für ausländische Touristen, gelegentlich um die Anschläge seiner Zelle mit Transportdiensten aller Art zu unterstützen. Er kam mit Wunsch, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, doch immer wieder holt sie ihn ein und was als Aufbruch in eine neue Zukunft gedacht war, wird immer mehr zur Sackgasse aus der es scheinbar kein Entrinnen gibt.

Stewart O’Nan ist seit Mitte der 90er Jahre eine feste Größe in der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Meist schreibt er über die Schattenseiten des American Dream, über die Verlierer und von Schicksalsschlägen Gebeutelten. Auch die Figuren in der „Stadt der Geheimnisse“ haben Erwartungen und Träume, die jedoch in Heiligen Land ebenfalls nicht erfüllt werden.

„Er war nicht so schwach, um sich umzubringen, aber auch nicht so stark, dass er es nicht wollte. Ihm stellte sich immer die Frage, was er mit seinem alten Leben anfangen sollte, die Erinnerung gärte in ihm wie eine Krankheit.”

Obwohl es auf der Handlungsebene meist um die Vorbereitung und Durchführung von Anschlägen geht, dreht sich eigentlich doch alles um Brand. Immer wieder holen die Erinnerungen ihn ein und lassen ihn nicht los. In Eva sieht er seine ermordete Frau Katja, obwohl beide offenbar kaum etwas gemeinsam haben. Vor allem aber das Wissen um das, was er in Gefangenschaft getan hat, um zu überleben, ist es, das ihn quält:

„Die Lager hatten einen egoistischen, argwöhnischen Menschen aus ihm gemacht. Dass jetzt jemand Gutes über ihn dachte, war ihm unangenehm, weil er die Wahrheit kannte. Er war nach Jerusalem gekommen, um sich zu ändern, sich zu bessern. (…) Nachdem er so lange ein Tier gewesen war, glaubte er nicht, je wieder ein Mensch sein zu können, doch wenn sie an ihn glaubten, war es vielleicht möglich.”

 

Die schwache Hoffnung auf einen Neubeginn mit der kühlen und trotz der gemeinsam verbrachten Nächte unnahbaren Eva hält ihn am Leben, auch wenn das Gewesene nicht abstreifen kann.

Ein dichtes Buch, das sowohl die angespannte Stimmung im Jerusalem des Jahres 1947 überzeugend darstellt wie auch die Zerrissenheit zwischen gestern und morgen, in der sich der Protagonist befindet. Der Krieg ist zu Ende, aber in den Menschen tobt er weiter.

Dominic Selwood – Das Feuer der Apokalypse

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Dominic Selwood – Das Feuer der Apokalypse

Eigentlich will Ava Curzon, nachdem sie der Geheimdienstarbeit den Rücken gekehrt hat, in Ruhe ihrer archäologischen Arbeit nachgehen. Als man sie jedoch um Mitarbeit in einem komplexen Fall bittet, wird ihr Jagdinstinkt geweckt. Ein russischer Oligarch scheint auf der Suche nach einer mysteriösen Ikone zu sein und eine Prophezeiung von Rasputin wirft mehr Fragen auf als sie Antworten gibt. Haben sie es mit religiösen Fanatikern zu tun oder sind die Männer auf der Spur einer Jahrtausende alten Offenbarung?  Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, der Ava mehr als einmal ins Fadenkreuz ihrer mächtigen Gegner bringt.

Dominic Selwoods Roman bietet all das, was man von einem Verschwörungs- und Geheimdienstthriller erster Güte erwarten kann: unerschrockene Ermittler, sich gegenseitig misstrauende und bekämpfende Dienste, Verschwörungen biblischen Ausmaßes, Geheimbünde und Orden, sowie alte Weissagungen und Mysterien, die nur darauf warten endlich entschlüsselt zu werden. Das alles wird in hohem Tempo erzählt und kulmuniert in einem furiosen Finale.

Natürlich ist die riesige Verschwörung nicht ganz glaubwürdig und auch die Anzahl der Schutzengel, die die Protagonistin Ava benötigt, und das Tempo, mit dem sie sich von einem ins nächste Land bewegt und sofort auf die nächste Spur stößt, kratzen bisweilen an der Grenze der Glaubwürdigkeit. Aber dies sollte nicht der Maßstab sein, denn es ist nun einmal ein Buch, das unterhalten will und das gelingt dem Autor ohne Frage. Ava trägt die Handlung und begleitet den Leser durch ihre Schatzsuche. Besonders gut gefallen hat mir die ausgewogene Mischung zwischen biblisch-historischen Exkursen, die die aktuellen Geschehnisse einordnen und ihnen Plausibilität verleihen, und dem rasanten Tempo der Verfolgungsjagd bzw. dem Wettlauf zwischen Ava und dem Oligarchen. Nie kommt ein Moment des Durchatmens und Sacken-Lassens, immer weiter peitsch Selwood die Handlung voran und liefert ein Puzzleteilchen nach dem nächsten.

Mir war der Autor bis dato nicht bekannt, der Roman hat mich aber neugierig gemacht, dass ich den zweiten Teil einer Reihe gelesen habe, war mir gar nicht aufgefallen, denn er hat auch so wunderbar funktioniert. Thematisch und vom Genre kann sich Selwood direkt neben Dan Brown und Steve Berry einordnen und mit „Das Feuer der Apokalypse“ steht er den ganz großen Erfolgen der beiden Megaseller in gar nichts nach.

Michael Molsner – Die verbrannte Quelle

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Michael Molsner – Die verbrannte Quelle

Auf den deutschen Außenminister wird kurz nach der Wende ein Anschlag verübt, der erstaunliche Ähnlichkeiten zum Entführungsfall von Hanns Martin Schleyer hat. Doch das Ziel war tatsächlich nicht der Minister, sondern Paul Purr, Handelsattachée in Tel Aviv, der bei ihm im Auto saß. Aus Sicherheitsgründen darf dieser nun eine Reise nach Israel mit dem Abgeordneten Dr. Schwenkert nicht antreten, dieser wird daher von dem Regisseur und Journalisten Jan Ziel begleitet, dessen Vater als einer der obersten Chefs im BKA den Fall um Purr untersucht. Dank Ziels Beobachtungen und zwei weiteren Anschlägen auf Attachées, die mit Purr an einem Treffen zur Vorbereitung von Waffenlieferungen nach Saudi-Arabien teilgenommen hatten, ergibt sich bald eine konkrete Spur, in die die lokalen Geheimdienste unmittelbar verwickelt sind.

Michael Molsners Polit-Thriller klingt nach einer spannenden Lektüre, die auch trotz der fast 30 Jahre seit der Erstveröffentlichung noch brisant und aktuell erscheint. Die Konflikte im Nahen Osten haben sich verschoben, die Bündnisse sind andere, aber nach wie vor ist die Lage fragil. Doch der Roman ist ein herrliches Beispiel für ein grandios auf ganzer Linie gescheitertes Buch, bei dem der einzige Reiz darin besteht, wie bei einem schlimmen Unfall nicht hinschauen zu wollen, aber durch eine unbestimmte Macht doch fasziniert von dem Grauen zu sein und den Blick nicht abwenden zu können.

Zunächst gibt es einige Mysterien, die sich für mich nie gelöst haben: wieso haben Vater und Sohn unterschiedliche Namen? Das war zur damaligen Zeit eher ungewöhnlich. Bei dem jungen Journalisten wird stets betont, dass er im polnischen Krakau aufgewachsen sei und daher Leid und Armut kennt. Und wie kann sein Vater da unmittelbar nach der Wende als oberster Personenschützer im BKA arbeiten? Die Zentrale des BKA wurde auch kurzerhand von Wiesbaden nach Bonn verlegt und die Mitarbeiter dort ermitteln ganz entspannt auch mal im Ausland. Ziels Vater bekommt auch direkt einen Termin in der Knesset beim israelischen Außenminister und plaudert entspannt mit diesem – warum auch nicht, in dieser Position hat der Israeli für einen deutschen Beamten, der eigentlich auch nichts weiter von ihm will, natürlich immer Zeit. Dazu passt auch, dass sie dann bei Eilat ins Tote Meer steigen wollen. Israel ist ja nicht groß, dass wird allerdings sportlich.

Wahrscheinlich soll das dem Leser aber gar nicht auffallen, denn der Autor hat einen Ton, der einem schnell vermittelt, dass er einem für völlig bescheuert und noch dazu ungebildet hält. Quasi jeder Handlungsfortschitt wird mit einer belehrenden Erläuterung versehen: in Israel sprechen zwei Frauen eine fremde Sprache: das ist Ivrit, Neuhebräisch. Im Radio laufen im Dezember keine Weihnachtslieder: Die Israelis sind Juden oder Moslems und feiern deshalb die Geburt Jesu nicht. Bei einer Hausdurchsuchung erklären die Polizisten: „Wir suchen Abhörgeräte, sogenannte Wanzen“. Seite um Seite fragt man sich: meint er das ernst oder will er nur die Sendung mit der Maus kopieren?

Ein besonderes Highlight auch die Frauenfiguren. Hier treten zwei besonders in den Vordergrund, zum einen eine Ermittlerin des BKA, zum anderen eine ehemalige deutsche Nonne, die mit einem saudischen Prinzen verheiratete ist und vor diesem mit Hilfe des Attachées flieht. Die BKA Frau tritt zum ersten Mal bei einem Verhör auf, wo sie nur geifert und rumschreit und keine einzige sinnvolle Frage zustande bringt. Als sie den Raum verlässt, können die Herren endlich ordentlich die Arbeit machen. Beim Feldeinsatz in Israel ist sie es dann auch, die mit dem Dietrich die Tür nicht aufbekommt und etwas belämmert den Einsatz verpasst:

»Also, ich weiß nicht, wie ihr das immer mit euern Dietrichen macht. Meiner hat überhaupt nicht gegriffen!«

Viel unglaubwürdiger kann jemand in dieser Position kaum sein, es sei denn man wollte bewusst erkennen lassen, dass Frauen grundsätzlich hierfür nicht geeignet sind. Dass die endlich erlöste Ehefrau sich weiterhin in Palästina aufhält und wild mit allen ermittelt und sich in keiner Weise vor dem ach so brutalen Ehemann und seiner Kavallerie schützt, erscheint auch nur wenig plausibel.

Bei der Begegnung Jan Ziels mit einer Gruppe von Nonnen fällt dann auch ein sprachliches Highlight, bei dem sich der Mageninhalt sehr drängend in die falsche Richtung bewegt:

„Gleich zu Beginn verliebte er sich in die Regionaloberin, Schwester Candida. Es entzückte ihn, daß sie so hübsch war!“

Der Klappentext war ansprechend. Viel mehr Positives findet sich leider nicht. Allerdings bot es viel Gesprächsstoff, da ich beim Lesen meinem Mann immer wieder vom neuesten Knaller berichtete, wobei er die entscheidende Frage wiederholt aufgeworfen hat: warum liest du das überhaupt?