Nava Ebrahimi – Das Paradies meines Nachbarn

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Nava Ebrahimi – Das Paradies meines Nachbarn

Der Produktdesigner Sina Koshbin befindet sich gerade etwas in der Sinnkrise als er einen neuen Chef bekommt: Ali Najjar, Star der Szene und wie er mit iranischen Wurzeln. Bei Sina beschränken diese sich jedoch auf seinen Erzeuger, dessen Name und Aussehen er geerbt hat, er beherrscht weder die Sprache noch kennt er das Land. Trotzdem verbindet die beiden das Anderssein und als Ali ihn bittet, mit ihm nach Dubai zu reisen, um dort etwas Wichtiges zu erledigen, begleitet er ihn ohne zu wissen, worauf er sich einlässt. Alis Stiefbruder hat ihn dorthin gebeten, denn er muss ihm von der verstorbenen Mutter einen Brief übergeben und es war ihr Wunsch, dass er dies persönlich tut. Warum Ali den Mann nicht treffen will, kann Sina zunächst nicht nachvollziehen, er soll an seiner Stelle zu dem Treffen gehen und den Brief in Empfang nehmen. Die Begegnung rückt bei Sina nicht nur das Bild des exzentrischen Designers zurecht, sondern lässt auch ihn selbst nicht unberührt.

Wie auch in ihrem Debütroman „Sechzehn Wörter“ führt die Journalistin Nava Ebrahimi in „Das Paradies meines Nachbarn“ alte und neue Heimat zusammen. Sie gehört zur Riege der deutschsprachigen Autoren mit Migrationshintergrund, die über die Literatur ihre biografischen Erfahrungen zugänglich machen und sich in ihren Werken zwischen beiden Ländern bewegen und damit die thematische Bandbreite deutlich ausweiten. Die Herkunft ist das scheinbar verbindende Element der beiden Protagonisten, bald wird jedoch klar, dass dies nur äußerlich der Fall ist und dass die Frage nach Identität, geworden oder geschaffen, sich ganz anders bestimmt.

Sina wie auch Ali sind komplexe Charaktere, was sich erst im Laufe der Handlung offenbart. Sina erscheint zunächst recht typisch frustriert in der Midlife-Crisis, bei der Beförderung übergangen, kennt seine künstlerischen Grenzen und die Luft ist aus seiner Beziehung mit Katharina ebenfalls raus. Durch die Konfrontation mit Ali, der in ihm zunächst auch vorrangig den Iraner erkennt, wird die Frage aufgerissen, wie er sich selbst definiert. Aufgewachsen In Deutschland bei einer deutschen Mutter hat er sich nie als Ausländer begriffen, wird aber immer wieder wegen seines Aussehens und Namens dazu gemacht. Der Kontakt zum Vater ist spärlich, er weiß weder, wo dieser sich aktuell aufhält, noch womit er eigentlich sein Geld verdient. Wie viel kann so ein Mann ihm mitgegeben haben bei der Herausbildung seiner Persönlichkeit?

Bei Ali ist die Herkunft klarer, als Geflüchteter konnte er jedoch eine neue Legende über sich selbst schaffen, angepasst an das, was man gerne von ihm hören wollte, so oft wiederholt, dass er es selbst irgendwann glaubte.

„Ich habe keine andere Wahl, wenn ich kein Opfer sein will.“

Seine Rolle hat ihn hart zu sich und zu anderen werden lassen. Angriff als Verteidigungsmethode hat sich im Laufe der Jahre als erfolgreich herausgestellt und so begegnet er den Menschen aggressiv, um seinen Platz zu behaupten, aber auch, um sie nicht zu nah an sich heranzulassen, denn er weiß, dass er dann Gefahr läuft, dass sie hinter die Fassade blicken können, hinter der er seine Vergangenheit gut verpackt in schöne Geschichten versteckt hält. Nun scheint der Tag gekommen, sich dem zu stellen, was vor seiner Flucht gewesen ist. Und der Schuld, die er in sich trägt. Hier kommt eine dritte Figur ins Spiel, die die Handlung in Gang setzt, deren Rolle jedoch lange unklar bleibt, sich dann aber mit einem lauten Knall zeigt, der den gefeierten Designer nochmals in anderem Licht erscheinen lässt.

Die Autorin überlässt es dem Leser, eine Antwort auf die Frage nach der Verantwortung für das Leben eines anderen zu finden, eine Beurteilung von Ali Najjars Schuld vorzunehmen, die er noch als Kind unbedacht und unwillentlich auf sich geladen hat, diesen Flügelschlag eines Schmetterlings, der jedoch für einen anderen lebensbestimmend werden sollte. Unerwartet wird man so essentiellen Fragen ausgesetzt, auf die es keine schnellen und keine einfachen Antworten geben kann. Großartig erzählt mit einem starken Ende, das einem nachdenklich zurücklässt.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Roman und Autorin finden sich auf der Internetseite der Verlagsgruppe Random House.

Abbas Khider – Palast der Miserablen

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Abbas Khider – Palast der Miserablen

Shams Hussein wohnt mit seinen Eltern und der älteren Schwester Qamer im Süden des Irak. Auch wenn jahrelang Krieg mit dem Nachbarn Iran herrscht, bekommen sie davon nicht viel mit; ihr kleines Dorf liegt zwar nahe der Grenze, bleibt aber von den Kriegshandlungen verschont. Auch Shams Vater hat es als Soldat gut getroffen, kann er doch täglich bei der Familie übernachten. Als die Zeiten schlechter werden, beschließt die Familie nach Bagdad zu ziehen. Sie kommen zunächst bei Verwandten unter, bevor sie sich aus dem, was andere weggeworfen haben, eine Hütte auf der Mülldeponie eröffnen. Das neu entstehende Blechviertel floriert und Shams kann auch wieder zur Schule gehen. Durch seinen Cousin entdeckt er als Jugendlicher die Literatur und die Gefahr, die von dieser ausgeht. Worte können schlimmer sein als Taten und werden ebenso hart bestraft.

Von Abbas Khider kenne ich bislang erst zwei autobiografische Bücher, „Der falsche Inder“, das seine Flucht nach Deutschland thematisiert und „Deutsch für alle“, in dem er seine Ankunft in der neuen Heimat und die Schwierigkeiten mit unserer Sprache amüsant in Anekdoten beschreibt. Mit „Palast der Miserablen“ kehrt er in seine Heimat zurück und zeigt das Land im Dauerkrieg aus der Perspektive eines Jungen, der das große Ganze nicht überblicken kann und so aus den einzelnen Mosaiksteinchen einen Sinn für sich konstruieren muss. Die Welt jenseits der Grenze seines Landes ist ihm fremd, doch plötzlich tun sich Türen auf und völlig neue Möglichkeiten scheinen sich zu eröffnen.

Es ist schwer, diesen Roman zu fassen zu bekommen. Es beginnt in langsamem Tempo, das zum Alter des Jungen Shams passt. Die Beschreibungen lassen das Leben in der abgeschiedenen Region vor dem inneren Auge erscheinen, man kann sich kaum vorstellen, dass dies die 80er Jahre gewesen sein sollen. Auch die Ankunft in Saddam City ist geradezu unwirklich aus europäischer Perspektive, aber gerade deshalb sehr spannend zu lesen. Das Leben und die Gesellschaft folgen gänzlich anderen Regeln als unser Alltag, trotz der Härte hat man jedoch nicht den Eindruck als wenn die Menschen daran verzweifeln würden. Sie haben sich arrangiert mit der Situation der Entbehrungen und der Diktatur.

Leider viel zu kurz kommen Shams literarische Initiierung und seine Treffen im „Palast der Miserablen“. Die Rolle der Literatur, auch gerade der Exilliteraten und die Unterwanderung des Regimes durch den heimlichen Verkauf von Büchern, das Erzählen von mehrdeutigen Geschichten – davon hätte ich gerne noch viel mehr gelesen. Schnell jedoch geht diese Episode zu Ende, brutal die Folter, kaum zu ertragen, auch wenn sich dies durch die Einschübe aus der Arrestzelle angekündigt hatte.

Abbas Khider steht in gewisser Weise in der Tradition der orientalischen Geschichtenerzähler. Vieles erinnert mich auch an Rafik Schami, der ebenfalls in Deutschland Zuflucht gefunden hat und doch mit seinen Romanen immer wieder nach Syrien zurückkehrt. Beide sind hervorragende Erzähler, bei denen man den Schmerz um den Verlust der Heimat in jeder Zeile spüren kann. Für mich hätte das Thema und vor allem der Protagonist des „Palast der Miserablen“ noch mehr Potenzial gehabt, das Ende kam mir zu abrupt, noch nicht alles Erzählenswerte erschien mir erzählt.

Adib Khorram – Darius the Great is not Okay

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Adib Khorram – Darius the Great is not Okay

Darius Kellner has never really fit in into Chapel Hill High-School, not just because he is half-Persian but also because of his depression which makes it hard for him to make friends. When is grandfather gets seriously ill, his whole family is flying to Yazd for the first time: his father, whom he considers an “Übermensch” because he is perfect in every respect, his beloved mother and his 8-year-old sister Laleh. Even though Iran is much less different from his home than expected, Darius, or Darioush as he is called there, makes masses of new experiences. He finds a good friend in Sohrab, plays football successfully and with fun, he tries out great Persian food and the family relationships somehow shift and allow him another look at how things are between himself and the rest of his family. When he returns, he is not the Darius he was before anymore, a bit of Darioush the Great has come with him to the US and he accepts that at times it is ok just not to be okay.

Adib Khoram’s novel presents a very different perspective on many things we know from novels. First of all, it is not an immigrant who comes to the US and has to adjust, but vice versa, an American boy, who even though he has a Persian mother is not speaking any Farsi, who discovers a country and its people of the Middle East. Khoram doesn’t play on clichés here, luckily, Darius does not come with too many ideas about his mother’s native country and enters it rather open-mindedly. Additionally, Darius is at the age where he could have his first girl-friend, but it is not a girl he meets and falls for, but a boy with whom he makes friends. And thirdly, the novel does not present a happy-end where everything is cured and everyone is fine. Darius still suffers from depression and has to fight for every little step in his life. Just travelling to Iran and back does not change everything.

I really enjoyed reading to book. Most of all because it gave a lot of interesting insight in the life in Iran, but also because it doesn’t pretend that life is easy and that everything can be fixed. None of the characters is perfect, they all make mistakes and they all feel awkward at times. In this respect, it is very authentic and convincing. I think it is great for teenagers who struggle with fitting in since the main message for me was that we all at times feel like outsiders and it is absolutely ok, not to fit in and to feel sad at times.

Négar Djavadi – Desorientale

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Négar Djavadi – Desorientale

Kimiâ Sadr sitzt im Warteraum ihrer Ärztin. Heute ist der Tag, an dem sie endlich die Insemination vornehmen soll, sie wird Mutter werden, so wie es ihr vor langer Zeit in einem anderen Leben prophezeit wurde. Dieses Leben hat nichts mehr mit ihrem Hier und Jetzt zu tun und dennoch bestimmt es, wer sie ist und wie sie in diese Klinik gekommen ist. Also holt sie aus und berichtet ihren Zuhörern von ihrer Kindheit im Iran, ihren politisch engagierten Eltern und der Zeit der Revolution, wie sie mit der Absetzung des Schahs das Leben veränderte, härter und bedrohlicher wurde. Gewalt und Verfolgung, schließlich die Flucht in ein fremdes Land. Die Schwierigkeit in ihrer Familie über das zu reden, was passiert war, den Neuanfang zu wagen und die Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Entgegen meiner Erwartung ist das Buch weniger ein Bericht über die Schwierigkeit, in Frankreich anzukommen und Fuß zu fassen, sondern viel mehr erlaubt es einen Blick in den Iran der 70er Jahre. Der Schwerpunkt der Geschichte liegt in der Zeit vor der Flucht und den Entwicklungen im Mittleren Osten. Die Autorin erklärt ihren autobiographischen Roman auch rasch zu Beginn:

«Die Rolltreppe, die gehört denen.» Das war ein Stück weit der Grund, warum ich diese Geschichte begonnen habe, ohne recht zu wissen, wo ich anfangen soll. Ich weiß nur, dass das hier keine lineare Erzählung wird. Um die Gegenwart schildern zu können, muss ich weit in die Vergangenheit zurückgehen, muss Grenzen überqueren.

Und Ihr noch junges Leben ist bereits sehr bewegt:

Ich habe das Land gewechselt und die Sprache, mir wiederholt eine andere Vergangenheit ausgedacht, eine andere Identität. Ich habe gekämpft, jawohl, gekämpft habe ich gegen den heftigen Wind, der sich vor sehr langer Zeit erhoben hat, in einer abgelegenen persischen Provinz namens Mazandaran, mit vielen Todesfällen und vielen Geburten, rezessiven und dominanten Genen, Staatsstreichen und Revolutionen.

So entsteht in der Tat eine Erzählung, die zwischen Frankreich und dem Iran springt, die auf die Generation ihrer Eltern und deren politisches Engagement, das sie in Lebensgefahr bringt, zurückblickt. Vor allem ist es immer wieder die Mutter der drei Mädchen, Sara Sadr, die im Zentrum steht. Keine Frau, die sich mit häuslichen Pflichten zufrieden gibt, sondern die das Leben anpackt und für eine bessere Zukunft kämpft und stets ihrem Mann an der Seite steht. Simone Veil ist ihr bewundertes Vorbild, doch das, was im Frankreich der 70er Jahre möglich ist, ist im Iran noch in weiter Ferne. Durch die Frauen werden die vorherrschenden Rollenbilder und vor allem der Umgang mit Sexualität thematisiert. Bezogen auf ein unfruchtbares Paar aus ihrer Nachbarschaft stellt die Mutter fest:

«Natürlich ist er unfruchtbar. Wenn sie die Schuldige wäre, hätte er sich schon lange von ihr scheiden lassen!» Damit hätten wir die Stellung der iranischen Frau mit zwei Sätzen zusammengefasst.

Ähnlich verhält es sich als die junge Kimiâ den Familienstammbaum entdeckt:

Eines Tages fragte ich Bibi: «Warum haben sie die Mädchen nicht in den Baum eingezeichnet. Wir existieren doch auch, oder nicht?»

«Du glaubst, dass du existierst, aber du existierst nicht …»

«Und ob ich existiere!»

«(Fatalistische Grimasse von Bibi) Warte, bis du so alt bist wie ich, dann wirst du es verstehen …»

Mit der Flucht lassen sie alles hinter sich. Keine Fotos, keine Erinnerungsstücke, nichts können sie mit in das neue Leben retten. Das Schweigen in der Familie über das, was passierte, macht es für die Mädchen nicht einfach. Sie werden Jahre brauchen, ihre eigene Geschichte zu rekonstruieren. Erschwerend kommt hinzu, dass man in Frankreich keine Vorstellung von ihrer Heimat hat und es nicht gelingt, ihr Bild des Iran zu vermitteln. Es interessiert auch nicht, sie sollen sich integrieren und dazu gehört zu vergessen, zu verdrängen, die iranische Identität abzulegen.

Nachdem ich Négar Djavadi auf der Buchmesse erlebt hatte, war mein Interesse an ihrer Geschichte geweckt. Wir haben viele Vorstellungen über Einwanderer und deren Heimat, aber oftmals werden diese durch die westliche Schablone verzerrt, umso wichtiger sind diese Erzählungen, die uns einen direkten Einblick erlauben und vieles wieder zurechtrücken können. Ein sehr bewegender Roman, der bislang in Deutschland noch viel zu wenig beachtet wurde.

Laleh Khadivi – A Good Country

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Laleh Khadivi – A Good Country

Reza Courdee is living the typical teenage life in California. He has got his friends with whom he likes to spend time surfing in the ocean and haging around at the beach and he also has his first crush and makes first sexual experiences. He plays soccer and he is highly achieving in school. Yet, with his new bunch of friends, he neglects his former interests and spends more time consuming drugs and doing nothing which does not really agree with his parents’ – immigrants from Iran – expectations for their son. However, one day, his life starts to change: Reza, born in the USA, is suddenly the immigrant, a terrorist and his friends start to question their friendship. He becomes more and more isolated and thus joins a group of Muslims who find relief and support in the local mosque. Most of all Fatima is attracted by the strong believers and the hip American girl, who easily shared her bed with Reza, starts not only wearing a hijab but also following the strict rules of Koran.

I really liked how Laleh Khadivi elaborates the topic of finding your identity on different levels. In the beginning, we seem to encounter the average teenager who does not share his parents’ beliefs and finds his ideas much more mirrored in his peer group. A slight disdain for the elder generation is not uncommon at this age. The fact that his Americanizes his name “Reza” into “Rez” also shows that it is this culture and not his familial background that he identifies with. I also found quite remarkable how the parents cope with their own immigration history and their culture. They eat in the old Iranian style, but try to integrate into the American culture since they are grateful for the lives they can lead there. They do not seem to convey that much of their past to their son. This only happens after Rez is identified as an immigrant, which he apparently is not since he was born in California. His interest in his family life is only born at the moment when he is excluded from the culture he always considered to be his own. His drifting away from the parents now leads to a new rapprochement in order to create the new self and to identify who he is and where he comes from. The most thought-provoking step in this development is definitely the encounter with Islam. As a reader you can effortlessly understand why this is attractive and how and why radicals do not have any problems winning over second or third generation immigrants for their ideas. It is absolutely convincing why Fatima and the others are magnetized and easy comply with the codes.

Yet, it is not only the immigrants’ perspective which is worth scrutinizing in this novel, it is also the behaviour of the “native” population which should be taken into account. When did we start seeing our friends and acquaintances not anymore as whom they are but as “Muslims” or “immigrants”? Which effects do global and local acts of terrorism have on our own life? And to what extent to be transfer personal pain due to the loss of a beloved person onto others who are not at all connected with the incident which caused our grief?

If you are open, as a reader, to question yourself, you will surely find food for thought in this novel.

Nava Ebrahimi – Sechzehn Wörter

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Nava Ebrahimi – Sechzehn Wörter

Bestimmt die Sprache das Denken, wie es die Sapir-Whorf-Hypothese besagt? Mona fällt auf, dass sie in ihrer persischen Muttersprache Wörter hat, die sie nie ins Deutsche übersetzt hat, denn sie waren an die inzwischen fremde Heimat gebunden, Erlebnisse und Konzepte, die sie nur mit dem Iran verband und für die es in Deutschland und in der deutschen Sprache keinen Platz oder adäquaten Ersatz gab. „Sechzehn Wörter“ sind es, die sie mit dem Land im Nahen Osten verbindet, aus dem ihre Eltern einst flüchteten und in das sie jetzt anlässlich der Beerdigung der Großmutter zurückkehrt. Von „Maman-Bozorg“, dem Kosewort für die Großmutter, über das Schimpfwort „Kos“, dem für Iraner typischen Übergepäck, „Ezafebar“, bis hin zur geliebten Frucht „Anar“ – mit allen Begriffen verbindet sie etwas und anhand dieser Begriffe lässt die Ich-Erzählerin nicht nur die aktuelle Reise Revue passieren, sondern auch ihre Familiengeschichte und die Zeit, die sie Jahre zuvor schon einmal im Iran verbracht hatte.

Nava Ebrahimis Roman „Sechzehn Wörter“ ist eine eigenwillige Annäherung an ihre eigene Heimat. Ähnlich wie ihre Protagonistin ist auch die Autorin im Iran geboren und seit vielen Jahren in Deutschland und als Journalistin tätig, man kann vermuten, dass viele ihre persönlichen Erfahrungen eingeflossen sind in dieses Kaleidoskop-artige Bild des Landes.

Zwei Dinge sind an dem Roman gleichermaßen faszinierend. Zum einen die junge Frau, die zwischen den beiden Kulturen steckt, sich einerseits typisch deutsch verhält und in jeder Hinsicht dem Bild einer unabhängigen, modernen, westlich geprägten Frau entspricht; andererseits aber auch ihre Wurzeln sucht, fasziniert ihre Cousinen beobachtet und messerscharf über die sprachlichen Unterschiede auch die Differenzen zwischen den beiden Ländern begreift. Daneben bekommt man den ganz privaten, persönlichen Iran zu Gesicht. Politische Aspekte spielen nur eine ganz marginale Rolle, sie sind für diese Geschichte nicht von Relevanz. Die Familienstrukturen, die Erwartungen an die Kinder, insbesondere die Töchter, aber auch die Art und Weise, wie man sich innerhalb den strikten Grenzen der Sittenwächter mit den Gegebenheiten arrangiert, um trotzdem ein in gewissem Maße freies Leben leben zu können, wir hier deutlich.

Der Erzählton ist lebendig und locker, er passt zur Erzählerin, schwankt er zwischen abgeklärt-analytisch und fasziniert-naiv, wie sie ihre Umwelt beobachtet und ihre eigene Familiengeschichte ergründet. Es gibt Dinge, die ihr auch jenseits der 30 noch nicht offenbar wurden, doch mit dem Tod der Großmutter ist der Zeitpunkt gekommen, Klarheit zu erhalten, weshalb die Ehe der Eltern scheiterte und wie diese überhaupt nur zustande kommen konnte.

Andere Romane der letzten Monate, die ebenfalls im Iran spielen und uns das Land etwas näher bringen, wie etwa  Shida Bazyars „Nachts ist es leise in Teheran“ setzen einen anderen Fokus, so dass hier eine neue Komponente gefunden wird, die nochmals das Bild des Lesers gewinnend ergänzt.

Selten hat man einen so intimen Blick in das Land bekommen, der jedoch nicht skandalös-voyeuristisch ist, sondern schlichtweg persönlich und mich in jeder Hinsicht überzeugen konnte.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Weitere Informationen zum Titel finden sich auf der Internetseite der Verlagsgruppe Random House.

Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran

Roman, Rezension

Ende der 1970er Jahre. Behsad kämpft für die Revolution im Iran, gegen den Schah und für eine neue Ordnung im Land. An seiner Seite seine Frau Nahid, die ebenfalls von einem Leben in Freiheit träumt. Das erhalten sie scheinbar in Deutschland, nach ihrer Flucht. Doch auch die deutsche Provinz ermöglicht ihnen nicht das Leben, von dem sie träumen. Die Sprache, die Kultur, andere Dinge als im Iran beschränken sie nun. 1999, eine Reise zurück. Nahid und ihre beiden Töchter Laleh und Tara fahren nach Teheran, um die verwandten zu besuchen. Für Laleh ist das Land fremd geworden, obwohl sie hier einige Jahre noch gelebt hat und die Sprache spricht. Auch hier ist sie Ausländerin und findet nur schwer Zugang zu den Jugendlichen. Weitere 10 Jahre später berichtet Mo von den deutschen Studentenprotesten, die so belanglos und unbedeutend sind im Gegensatz zu den Gleichaltrigen, die in Teherans Straßen ihr Leben riskieren für eine bessere Welt.

In 10 Jahresschritten lässt Shida Bazyar uns in die Köpfe der Mitglieder einer Familie blicken und beschreibt so die Geschichte des Irans und iranischer Flüchtlinge in Deutschland. Wie gefährlich der Kampf für Frieden und Freiheit in terroristischen Regimen ist, wie sich die vermeintliche Freiheit in einem fremden Land als neue Gefangenschaft herausstellen kann, wie Kinder zwischen die Kulturen geraten und sich darin verlieren. Beeindruckend, wie ihr die unterschiedlichen Perspektiven gelingen und wie sie diese glaubhaft schildert. Für am interessantesten war der Abschnitt Lalehs, die in ihre Heimat reist, die ihr so fremd geworden ist und die ganz extrem die Unterschiede zwischen den Ländern aufzeigt. In diesem Abschnitt steht auch ein Satz, der vermutlich am besten die Lage im Iran charakterisiert: „Religion ist Opium für das Volk, aber dieses Volk braucht das Opium, um vor der Religion zu flüchten.“
Für mich ein durch und durch gelungener Einblick in ein Land und eine Problematik, die oft nur als Randnotiz wahrgenommen wird oder eine von unzähligen Meldungen in den Nachrichten ist.