Antje Herden – Keine halben Sachen

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Antje Herden – Keine halben Sachen

Das Leben ist nicht einfach, wenn man 15 ist und große Erwartungen hat, stattdessen aber in der Kleinstadt festsitzt, den Alltag der alleinerziehenden Mutter betrachtet und einem Freunde und Lehrer anöden. Auch Robin geht es so bis er Leo trifft, der ihn aus seiner Lethargie herausreißt. Mit ihm lernt er neue Leute und ein neues Lebensgefühl kennen. Zum ersten Mal trinkt er Alkohol, zum ersten Mal kifft er und irgendwann probiert er auch noch andere Drogen, die ihn in einen unglaublichen Rausch versetzen. Durch seine neue Clique lernt er auch Anna und Karla kennen, in letztere verliebt er sich sofort und neben den ganzen neuen Emotionen, die ihm die Trips besorgen, rauscht sein Blut auch wegen der Verliebtheit. Die Welt um ihn herum gibt es nicht mehr, nur noch Karla und die Drogen.

Antje Herden hat für ihr Jugendbuch den Peter Härtling Preis erhalten, die Jury begründete ihre Wahl unter anderem damit, dass sie glaubwürdig den Weg in die Drogenabhängigkeit schildert und jeden pädagogischen Eifer vermeidet. Dem kann man nur zustimmen, die Autorin lässt ihren Protagonisten immer weiter abrutschen und am Ende gar gänzlich abstürzen, vermeidet aber jeden Kommentar, der Robins Handeln wertet oder gar verurteilt oder – noch schlimmer – besserwisserisch kommentiert.

Mich hat das Buch überzeugen können. Robins Null-Bock-Haltung zu Beginn ist ebenso glaubwürdig wie sein eigentlich gutes Verhältnis zur Mutter, das er in diesem Alter natürlich nicht nach außen tragen kann. Er ist kein falscher Kerl und wirkt absolut durchschnittlich. Der Zufall führt ihn scheinbar mit Leo zusammen, der ihn zielsicher auf die schiefe Bahn leitet. Leos Verhalten ist seltsam, als erwachsener Leser ahnt man recht schnell, was es mit ihm auf sich hat, für Jugendliche dürfte sich das am Ende eher als Überraschung herausstellen, die ich in der Konstruktion so recht gelungen finde. Auch wenn der Text recht kurz ist und das Abdriften in die wirklich harten Drogen dadurch sehr schnell vonstattengeht, wirkt dies auf mich nachvollziehbar und stimmig. Vor allem die bildhaften Beschreibungen der Halluzinationen und der damit verbundenen Ängste dürften Eindruck bei jungen Lesern hinterlassen.

Ein urteilfreies Jugendbuch, das Drogenkonsum darstellt, wertungsfrei, aber doch mit einer klaren Message.

T.C. Boyle – Das Licht

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T.C. Boyle – Das Licht

Was als Suche nach einem Medikament zur Stabilisation des Kreislaufs beginnt, wird zu einem unvergleichlichen gesellschaftlichen Problem: die Entwicklung von LSD. Der Psychologe Fitz Loney kommt Anfang der 1960er Jahre nach Harvard, um dort seine Dissertation zu verfassen. Er landet am Lehrstuhl von Timothy Leary, den er ehrfurchtsvoll bewundert. Zunächst arbeitet Fitz hart an seinem Vorhaben, bemerkt aber schnell, dass es um Leary einen inneren Kreis gibt, von dem er ausgeschlossen ist. Bald wünscht er sich nichts mehr, als ebenfalls dazuzugehören und an den Wochenendsessions des Professors ebenfalls teilhaben zu dürfen. Es dauert nicht lange, bis Fitz und ebenso seine Frau Joanie in den Bann des charismatischen Gurus gezogen werden – die regelmäßige Dreingabe von LSD tut ebenfalls ihren Teil. Was Leary als psychologisches Experiment deklariert, wird bald von außen angegriffen, was die Gruppe nur noch enger zusammenschweißt, unter der Führung Learys stellen sie sich gemeinsam gegen den Feind.

Wie auch schon in zahlreichen früheren Romane greif T.C. Boyle für seine Erzählung auf reale Personen und Ereignisse zurück: in der kurzen Eröffnungssequenz stellt er Albert Hofmann vor, den Vater des LSD, bevor er sich dann gänzlich der schillernden Figur Timothy Leary und dem Kult um selbigen widmet. Er schildert die Anfänge der Hippiebewegung und vor allem das Wirken Learys, was man heute als mustergültig für die Sektenbildung betrachten kann.

Viele Aspekte in dem Roman könnte man ansprechen: die Figur des Fitz Loney, der einerseits als Doktorand in Harvard durchaus erfolgreich ist, dessen Leben aber genaugenommen nur eine Abfolge von Scheitern darstellt und der wegen seines viel zu geringen Selbstbewusstseins ein gefundenes Opfer für Menschen wie Leary darstellt. Der angesehene Professor, der mit Leichtigkeit die Menschen manipuliert, sich selbst zum Guru eines Kultes macht und dem die Anhänger blind folgen. Es ist schier unglaublich, wie es ihm gelingt, intelligente, hoch gebildete und kritische Studenten und Doktoranden in seinen Bann zu ziehen und jede kritische Distanz verlieren zu lassen. Für mich besonders erschreckend war vor allem die Vernachlässigung der Kinder in der Kommune. Kümmert man sich anfangs noch halbherzig um sie, ist es bald schon egal, wo sie schlafen, wie sie ihre Zeit verbringen, ob sie überhaupt noch in die Schule gehen. Die Auflösung der klassischen Familie enthebt die Eltern jeder Verantwortung und man weiß aus der Geschichte, dass dies nicht allen Kindern bekommen ist.

Obwohl dies im Zentrum steht, bleiben die Drogentrips doch etwas vage und werden meist nur in den berichtend er Figuren als Rückschau rekapituliert. Auch Leary als Person, um die einerseits alles kreist, bleibt doch nur ein Randphänomen, Einblick in seine Gedankenwelt erhält man leider kaum. Dennoch ein souveräner und eingängiger Roman über die Zeit der versuchten Sinneserweiterung, die man heute rückblickend eher als Verirrung bezeichnen mag.