Håkan Nesser: Intrigo I – In Liebe, Agnes

INTRIGO von Hakan Nesser
Håkan Nesser: Intrigo I – In Liebe, Agnes

Agnes und Henny sind Schulfreundinnen, die sich vor Jahrzehnten aus den Augen verloren haben. Henny ist es, die nach dem Tod von Agnes Ehemann zu dieser per Brief wieder Kontakt aufnimmt. Bei Agnes löst sie Erinnerungen an die gemeinsame Zeit aus, aber auch an das Ereignis, das die Freundschaft auseinanderbrechen lies. Doch nun scheint die Zeit der Vergebung gekommen zu sein, denn Henny hat eine große Bitte an ihre ehemals beste Freundin: ihr Mann hat eine Geliebte und soll dafür mit dem Tod bezahlen. Auf Agnes kommt sicherlich niemand, denn sie hatten über unzählige Jahre keinen Kontakt. Da Agnes gerade in einer finanziell schwierigen Situation steckt, geht sie auf das Angebot ein und so bereiten die beiden Frauen gemeinsam das Ableben des untreuen Ehemanns vor.

„In Liebe, Agnes“ ist schon ein älterer Roman Håkan Nessers, der von btb wiederholt aufgelegt wurde und auch als Hörbuch gelesen von Andrea Sawatzki bereits erschienen ist. Anlässlich der Verfilmung mehrerer Kurzkrimis von Nesser unter dem Sammeltitel „Intrigo“ wurde auch dieser Roman neu produziert und von Dietmar Bär gelesen. Zur Serie gehören ebenfalls „Die Wildorchidee aus Samaria“ und „Tod eines Autors“, das Buch enthält zusätzlich „Tom“ und „Sämtliche Informationen in der Sache“.

Auch wenn es in dem Roman um einen Mord geht, was man schon früh in der Geschichte weiß, ist er eigentlich kein Krimi und Spannung kommt er spät auf. Dies tut dem Hörgenuss aber keinen Abbruch, denn Nesser ist ein begnadeter Geschichtenerzähler und in „In Liebe, Agnes“ fokussiert er mehr auf das, was früher zwischen den Freundinnen war als auf dem Mord. Man weiß, dass es ein Ereignis gegeben haben muss, dass die beiden Freundinnen entzweit hat und durch die Briefe und die dadurch ausgelösten Erinnerungen nähert man sich langsam. Dass Agnes den „Auftrag“ so schnell angenommen hat, verwunderte mich und so war klar, dass es hier mehr dahintersteckt als man zunächst ahnt. Der Showdown erfüllt dann auch die Erwartungen und kann plötzlich mit einem hohen Tempo und Nervenkitzel aufwarten.

Man erkennt die Handschrift Nessers sofort, für mich einer der überzeugendsten schwedischen Erzähler, der von Dietmar Bär auch passend intoniert wird.

Håkan Nesser – Der Fall Kallmann

Der Fall Kallmann von Hakan Nesser
Håkan Nesser – Der Fall Kallmann

Nach dem Verlust seiner Frau und seiner Tochter zieht Leon Berger in eine schwedische Kleinstadt, um an der dortigen Schule als Lehrer neu anzufangen. Er übernimmt den Job eines gewissen Eugen Kallmann, der wenige Monate zuvor unter ungeklärten Umständen ums Leben kam. Für die Polizei war es ein natürlicher Tod, aber nachdem Leon in seinem Schreitisch Tagebücher gefunden hat, wachsen langsam Zweifel an dieser Version. Zusammen mit seinen Kollegen Ludmilla und Igor beginnt er nachzuforschen und will vor allem herausfinden, was an den Tagebüchern der Wahrheit entspricht und was Fiktion ist, denn dort berichtet Kallmann von einem Mord, den er begangen habe. Weitere Zwischenfälle in der Schule, zunächst antisemitische Briefe, dann aber auch ein Mord an einem Schüler scheinen im Zusammenhang mit dem undurchsichtigen Lehrer zu stehen, der in all den Jahren an der Schule trotzdem für alle Kollegen unbekannt und ein Rätsel blieb.

Schätzungsweise war dies mein fünfzehnter Roman von Håkan Nesser und immer wieder bin ich begeistert davon, wie es ihm gelingt einen ganz eigenen, ruhigen Erzählton zu entwickeln, obwohl die Geschichte gerade eine dramatische Wendung nimmt und das Leben seiner Figuren tiefgreifend verändert. Der etwas langsamere Rhythmus der schwedischen Provinz wird so überzeugend umgesetzt und macht das Lesen seiner Krimis zu einem großen Spaß.

Der aktuelle Fall um Eugen Kallmann kann mich ebenso überzeugen wie viele Vorgänger. Nesser verzichtet auf unnötige Komplikationen durch ein riesiges Figurenensemble, im Wesentlichen beschränkt er sich auf die beiden Lehrer Leon und Igor und die Schulpsychologin Ludmilla. Hinzu kommt eine Schülerin, deren Familiengeschichte in den Fall verwickelt zu sein scheint. Das Privatleben verleiht den Figuren mehr Tiefe, lenkt jedoch nicht von den Nachforschungen ab, sondern ist genau richtig dosiert. Auch setzt Nesser nicht auf unerwartete Zufälle, um seinen clever konstruierten Plot zu lösen, sondern dröselt langsam und zielgerichtet jeden Knoten auf, so dass nicht nur alle Fragen beantwortet werden, sondern auch die Motivationen der Figuren glaubwürdig bleiben und die Handlung in sich stimmig wirkt.

Es sind einmal mehr urmenschliche Beweggründe, die die Figuren zu ihrem Handeln veranlassen. Wie nur wenigen anderen Autoren beweist Håkan Nesser eine hervorragende Beobachtungsgabe der menschlichen Natur und kann dies gekonnt in einen Roman umsetzen. Die perfekte Unterhaltung für lange Herbstabende.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Roman und Autor finden sich auf der Seite des Random House Verlag.

Håkan Nesser – Strafe

Nichts is so wie es scheint im beschaulichen Schweden…

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Hakan Nesser – Strafe

Unerwartet wird der Schriftsteller Max Schmeling von der Vergangenheit eingeholt. Schon viele Jahrzehnte war er nicht mehr in seiner schwedischen Heimatstadt, als ihn ein Brief eines Schulfreundes erreicht, der um einen Besuch bittet. Tibor Schittkowski, eigentlich kein wirklicher Freund, aber zweimal hat er Max das Leben gerettet und nun, kurz vor seinem Dahinscheiden aufgrund von ALS im Endstadium, bittet er ihn um Hilfe. Er hat seine Lebensgeschichte niedergeschrieben, aus den Seiten werde sich ergeben, was Max für ihn tun solle. Widerwillig beginnt Max wieder zu Hause zu lesen. Von Tibors Zeit nach der Schule, der Begegnung mit einer gemeinsamen Schulkameradin, in die auch Max verliebt war, und Tibors Zeit in einem spanischen Gefängnis, nachdem er einen Mord begangen hatte. Eine Sache in seinem Leben möchte er noch erledigen und Max scheint der richtige zu sein, um ihm hierbei zu helfen. Doch was so einfach scheint, hat einen ungeahnten Haken.

Viele Krimis habe ich von Håkan Nesser gelesen, weshalb ich nicht verwundert war, was er mit seinen Figuren anstellt. Was mich jedoch zunächst irritierte, war der Ko-Autorenschaft mit Paula Polanski, laut Verlag einer deutschen Publizistin, die jedoch unter Pseudonym schreibt und ihre Identität nicht preisgeben möchte. Im Laufe der Handlung erklärt sich die Mitautorin und mit schmunzeln muss man am Ende auf dieses Detail schauen. Nesser gelingt es immer wieder seine Leser zu überraschen und das auf ganz unterschiedliche und unerwartete Weise.

Die Handlung selbst wird geprägt von den beiden älteren Herren, die im fortgeschrittenen Alter auf ihr Leben zurückblicken, manches bedauern, anderes gelernt haben zu akzeptieren. Es sind die bekannten durchschnittlichen Schweden, die man in Nessers Roman so oft findet und deren Kinderjahre insbesondere einen nachhaltigen Einfluss auf ihre Persönlichkeit hatten. Die Kindheit und Jugend in den 1960er/70er Jahren sind für mich einmal mehr erzählerisch Nessers größte Stärke und hier folge ich ihm am liebsten. Doch auch sein Händchen für Krimis ist bemerkenswert und erreicht hier seinen Höhepunkt. Man kann kaum etwas zur Handlung schreiben, ohne schon vorwegzunehmen, was sich der Schwede ausgedacht hat. Es ist frappierend, wie er mit seinem Protagonisten und dem Leser spielt und wie sich die erschaffene Welt doch auch ganz anders darstellen kann.

Ein Buch mit Autorenduo und doppeltem Boden, Geschichte in der Geschichte, schlichtweg überzeugend konstruiert und mit einem überraschenden Ende, das alles, was man über „den typisch schwedischen Krimi“ zu wissen glaubte, über den Haufen wirft.