Jennifer Clement – Gun Love

jennifer clement gun love
Jennifer Clement – Gun Love

Pearl weiß nicht, wie es sich anfühlt, in einem Haus zu leben. Seit ihrer Geburt wohnt sie mit ihrer Mutter auf dem Parkplatz eines Trailerparks in Florida in einem alten Auto. Viel zu früh war Margot schwanger geworden und ist dann mit ihrem Kind verschwunden. Die kleine Welt ist gut geordnet, Pearls beste Freundin April May lebt mit ihren Eltern dort, einen Kriegsveteranen, der für Ordnung sorgt und ihrer Mutter, die ihm selben Krankenhaus wie Pearls Mutter arbeitet. Daneben gibt es noch die verrückte Noelle mit ihrer Mutter und das mexikanische Pärchen Corazón und Ray. Pastor Rex sorgt sich um das Seelenheil der kleinen Gemeinschaft am Rande einer verseuchten Mülldeponie, zu deren gewohnten Gefahren die Alligatoren des nahen Flusses und die allgegenwärtigen Schusswaffen gehören. Als Eli Redmond auftaucht, gerät das fein austarierte Gleichgewicht ins Wanken, denn Margot verliebt sich in ihn und binnen kürzester Zeit hat der Unbekannte sie in seiner Hand.

Jennifer Clement greift in ihrem Roman gleich zwei ganz heiße Eisen der USA an: Obdachlosigkeit und Waffenbesitz. Beides wird in der Geschichte jedoch als so völlig normal dargestellt, dass es von den Figuren gar nicht hinterfragt wird. Dass Kinder zwischen giftigem Müll aufwachsen und den Umgang mit Waffen erlernen, scheint niemanden zu wundern. Sie haben ihr eigenes Konzept von Normalität entwickelt, aus dem sie weder versuchen zu fliehen noch es beklagen. Die Erzählperspektive durch die Augen des Mädchens, das nie etwas anderes gesehen hat, unterstützt diesen Eindruck nachhaltig.

Wenn man die letzten Seiten gelesen hat, bleibt man ratlos zurück. Die Ereignisse, die in die Katastrophe führen, hat man kommen sehen, nicht ernsthaft erwartet man, dass es anders ausgehen könnte. Es ist die Emotionslosigkeit, mit der alles hingenommen wird, die einem verzweifeln lässt. So ist der Lauf der Dinge nun einmal und hin und wieder kostet es eben auch ein Leben oder zwei. Aus westeuropäischer Sicht ist vieles, was geschildert wird, schier unglaublich, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten hingegen ist eben auch ein solches Leben möglich.

Besonders herausfordernd bleibt dabei, dass es Zuneigung und Fürsorge zwischen den Menschen gibt und man gar nicht mal den Eindruck hat, dass die kleine Pearl wirklich vernachlässigt ist, auch wenn die Rahmenbedingungen ihres Lebens kaum ärger sein könnten.

Die Autorin erlaubt den Blick in eine Welt von Außenseitern, die am Rande der Gesellschaft stehen und die man gerne verdrängt. Sie schildert ihre Existenz aus der Innensicht und schafft es so, ganz gemischte Emotionen beim Leser hervorzurufen ohne auch nur die geringste Wertung vorzunehmen. Ein außergewöhnliches Buch, das hart in der Thematik, aber geradezu poetisch in der Sprache ist.