Elif Şafak – The Bastard of Istanbul (Der Bastard von Istanbul)

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In Amerika aufgewachsen bleiben für Armanoush, genannt Amy, ihre armenischen Wurzeln immer etwas fremd. Über das Essen hinaus hat sie nur wenig Bezug zum Herkunftsland ihrer Eltern. Durch den zweiten Ehemann ihrer Mutter ergibt sich die Möglichkeit, bei Bekannten in Istanbul unterzukommen. Da ihre Eltern dieser Reise niemals zustimmen würden, fliegt sie heimlich nach Europa und quartiert sich bei der unbekannten Familie ein. In Asya findet sie schnell eine gleichaltrige Freundin. Der reine Frauenhaushalt folgt seinen eigenen Gesetzen und je besser sich die Mädchen kennenlernen, desto mehr Fragen um Familiengeheimnisse reißen sie auf. Als Amys Mutter erfährt, wo die Tochter ist, reist sie mit ihrem Mann unversehens in die Türkei, nicht ahnend, dass so eine böse Prophezeiung ausgelöst wird.

Die türkischstämmige Autorin Elif Şafak, die in verschiedenen Ländern gelebt hat und daher eine eher kosmopolitische Sicht pflegt, gilt als eine der wichtigsten weiblichen Stimmen der Türkei. Sie schreibt gleichermaßen in der Muttersprache wie auch in Englisch und viele ihrer Werke waren für die großen Literaturpreise nominiert. So auch „Der Bastard von Istanbul“, der 2008 auf der Longlist des Orange Prize for Fiction (heute: Bailey’s Women’s Prize for Fiction) stand. Dieser Roman brachte ihr jedoch auch eine Anzeige in der Türkei einbrachte, weil das Werk das Türkischsein beleidige.

Hintergrund der Anklage ist der nach wie vor von türkischer Seite aus geleugnete Genozid an den Armeniern 1915, dem große Teile von Amys Familie zum Opfer fielen. Ihre Gastgeber haben von dieser systematischen Verfolgung und Auslöschung offenbar noch nie etwas gehört, einige von Asyas Freund bezeichnen Amy im Buch daher auch als Lügnerin und beschimpfen sie übel – dies dürfte eine weitgehend realistische Sicht auf dieses Faktum sein.

Über diesen historischen Bezug hinaus, lebt der Roman jedoch von den ungewöhnlichen Familienstrukturen und Geheimnissen, die über Generationen weitergegeben werden und dennoch nie nach außen dringen. Die Figuren sind alle sehr authentisch und mit Charme gezeichnet, vor allem die ältliche Tante, die im Kaffeesatz liest und der ihre beiden Dschinns unentwegt ins Ohr flüstern.

Eine gelungene Mischung von modernen jungen Frauen, mythisch bis fantastischen Elementen und einer politisch brisanten Hintergrundthematik.

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Gaël Faye – Petit Pays

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Gaël Faye – Petit Pays

Anfang der 1990er Jahre, Burundi. Gabriel lebt mit seiner kleinen Schwester Ana und den Eltern in einer großen Villa. Sein Vater ist Exilfranzose aus dem Jura, seine Mutter kommt ursprünglich aus Ruanda. Das fröhliche Kinderleben wird durch die Trennung der Eltern jäh unterbrochen. Warum genau die Ehe in die Brüche ging, hat er damals nicht verstanden. Vielleicht haben sie einfach über ihre Verliebtheit übersehen, welches Erbe sie mit sich bringen und die Unterschiede ignoriert. An einem Tag plötzlich ändert sich das Leben schlagartig: die Präsidenten von Burundi und Ruanda werden ermordet, im Nachbarland Ruanda bricht der Bürgerkrieg aus und die Frage, zu welcher Ethnie man gehört wird ein entscheidender Faktor in einem multiethnischen Land.

Gaël Faye erzählt die Geschichte seines Landes, nicht seine Geschichte, wie der französische Musiker und Autor stets betont, aber eine, die von seinen eigenen Erfahrungen beeinflusst wurde. Als Sohn eines französischen Vaters und einer ruandischen Mutter musste er 1995 vor dem Krieg nach Frankreich fliehen.

Es sind diese Themen, die einem in den Nachrichten oftmals drohen überdrüssig zu werden, ein Bürgerkrieg weit entfernt in Afrika. Über Tage, Wochen, gar Monate scheint immer wieder dieselbe Meldung durchzukommen. Die Schicksale der Menschen dahinter bleiben oftmals verborgen oder gar vergessen. Gaël Faye gibt einen Einblick in das Leben in Burundi, das uns doch sehr fremd ist. Durch die Augen eines Kindes erleben wir den Konflikt. Diese Perspektive ermöglicht es, die großen politischen Fragen auszuklammern, dafür ist Gabriel zu klein, sie sind auch nicht interessant, das alltägliche Leben ist viel (be)greifbarer. Nichtsdestotrotz werden die wichtigen Fragen angerissen, schon im Prolog entfaltet sich ein Dialog, der – wenn die Geschichte nicht so traurig wäre – geradezu herrlich ist: der Vater erklärt den Kinder das Prinzip der Ethnien und sie stellen fest, dass Tutsi und Hutu im selben Land leben, dieselbe Sprache sprechen, denselben Gott anbeten und sich doch bekriegen. Warum? Na weil sie unterschiedliche Nasen haben, sieht man doch. Auch der Briefwechsel mit der französischen Brieffreundin lässt die Kinder in ihrer unverblümten Naivität schreiben, aus Erwachsenensicht kann man darüber sehr schmunzeln.

So wie die ganze Region durch den Ausbruch der Kämpfe erschüttert wird, ist es auch die Familie, die am Zerbrechen ist. Die Unterschiede zwischen dem französischen Vater, der sich in Afrika wohl fühlt und immer wieder betont, dass auch Frankreich nicht das Paradies ist, unterdessen aber völlig verkennt, dass er kein wirklich afrikanisches Leben lebt und der Mutter, die unter dem Exil leidet, den Wohlstand nicht genießen kann, weil sie – genau wie ihre Mutter – die Verbundenheit zu den Ahnen spürt und in der Fremde nie eine Heimat finden wird. Für die Kinder sind diese widersprüchlichen Gefühle und Aussagen oft unbegreifbar, erst später selbst in der Fremde, wird auch Gabriel bewusst, wie stark ihn und seine Gedanken das Leben in Afrika geprägt hat.

Sowohl der Erzählton wie auch die Umsetzung des Themas sind außergewöhnlich gelungen. Nicht umsonst war der Roman in der Endrunde des Prix Goncourt 2016 und wurde mit dem Goncourt des Lycéens, dem Prix du premier roman und des Prix des étudiants France Culture geehrt. Ein Stück afrikanische Geschichte, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Die deutsche Übersetzung wird im Oktober bei Piper erscheinen.