Anar Ali – Nacht der Bestimmung

Anar Ali – Nacht der Bestimmung

1998 in Calgary. Es ist Lailat al-Qadr, die Nacht der Bestimmung, die wichtigste Nacht im Ramadan, welche Layla selbstverständlich in ihrer ismailitischen Gemeinde feiern möchte. Ihr Mann Mansoor wird sie wie immer nicht begleiten, Religion ist für ihn nur Aberglaube und außerdem muss er sich um das Geschäft kümmern. Auch ihr Sohn Ashif wird nicht mitkommen, obwohl er just an diesem Tag aus Toronto gekommen ist. Es ist – wieder einmal – die entscheidende Nacht, die ihr Leben grundlegend verändern wird. Wie auch bereits in der Vergangenheit. Aber dieses Mal sind die Konflikte zwischen Vater und Sohn auf dem Höhepunkt und die Entscheidung, ob sich Ashif endlich wird befreien können oder ob Mansoor ihn, wie es sich für einen ordentlichen Sohn gehört, an das gemeinsame Geschäft wird binden können, steht unmittelbar bevor.

„Nacht der Bestimmung“ ist der erste Roman der kanadischen Autorin Anar Ali, die für ihre Kurzgeschichtensammlung bereits auf der Shortlist für mehrere renommierte Literaturpreise stand. Es ist die Geschichte einer Familie, die quer über den Globus immer wieder in der Ferne – mal freiwillig, mal unfreiwillig – das Glück sucht. Egal wie viele Kilometer jedoch zwischen altem und neuem Wohnort liegen, die Geister der Vergangenheit können sie nicht loswerden.

Layla und Mansoor sind, von indischen und kenianischen Familien abstammend, aus Uganda nach Europa geflüchtet, bevor sie Anfang der 1970er in Kanada landen. Auch wenn Mansoor sich als fortschrittlich ansieht, ist er doch so stark durch die gnadenlose und harte Erziehung seines eigenen Vaters geprägt, dass er dessen Stimme immer noch drohend im Hinterkopf hat. Egal wie sehr er sich auch bemüht, beruflich Fuß zu fassen ist schwierig, vor allem, da er das Dasein als Angestellter verachtet und nur Unternehmertum als angemessen ansieht. Dafür muss dann eben auch die ganze Familie Einschnitte in Kauf nehmen.

Sein Sohn soll es besser haben, weshalb er ihn ebenfalls streng erzieht und auf eine gute Bildung Wert legt. Irgendwann werden sie gemeinsam die Wäscherei führen und dies auf hübschen Visitenkarten sichtbar machen. Doch Ashif hat andere Träume, die schönen Künste und Literatur faszinieren ihn schon als Teenager. Vor allem jedoch will er nicht wie der Vater werden, der nicht aus seiner Haut kann und in seiner Verzweiflung auch die eigene Ehefrau verprügelt – ein Verhalten, was über Generationen weitergegeben und von den Söhnen beobachtet wurde und sie als Erwachsene gleichermaßen handelt lässt. Ashif will den Fluch brechen, doch auch er trägt in sich, was Jahrhunderte zuvor in die Gene geschrieben wurde.

Layla ist eine tüchtige und clevere Frau. Sie kennt ihren Platz in der Welt ihres Mannes und hat sich arrangiert; er muss nicht alles wissen, nach Jahrzehnten der Ehe haben sie sich ohnehin auseinandergelebt, kaum mehr etwas zueinander zu sagen und leben nur noch nebeneinander. Stumm und stoisch erträgt sie das Schicksal, denn sie lässt sich von ihrem Glauben leiten, der ihre Rolle als Gattin klar definiert. Ein Ausbruch ist nicht vorgesehen, nur das Schicksal kann ihre Gebete erhören und sie befreien.

Alle Mitglieder der Familie sind gefangen in ihren Vorstellungen und den engen Mauern, die sie selbst gezogen haben. Sie glauben von größeren Kräften bestimmt zu sein und versuchen gar nicht erst, die Mauern einzureißen und sich zu befreien. So warten sie, bis der Tag kommt, an dem ihnen den Ausweg ermöglicht, denn selbst sind sie dazu nicht in der Lage.

Die Autorin erzählt von einem schicksalhaften Tag im Leben der Familie, die Rückblenden erlauben ihre Zuspitzung hin zu diesem Moment nachzuvollziehen und die Charakterentwicklung zu verfolgen. Intergenerationale Konflikte, die Suche nach der eigenen Identität in einem neuen Land mit dem Gepäck der Vergangenheit, aber auch die Angst vor dem eigenen Mut – elegant verpackt Anar Ali diese in eine dramatische Geschichte.

Alexandra Riedel – Sonne, Mond, Zinn

Alexandra Riedel – Sonne, Mond, Zinn

Gustav Zinn erhält einen Anruf, mit dem er nicht gerechnet hat. Sein Großvater ist gestorben und die Witwe lädt ihn zur Beerdigung ein. Nie hatte er Kontakt zu dem Mann, ebenso wie seine Mutter Esther, die als uneheliches Kind kurz nach dem Krieg geboren wurde und zeitlebens als Bastard betrachtet wurde. Gustav kommt schon früh zur Trauerhalle, wo Anton Hamann aufgebahrt wird, bei der Familie will er nicht sitzen, zu dieser gehört er ja nicht, doch dem anschließenden Leichenschmaus kann er sich nicht entziehen. Auch nicht den Erinnerungen und Erzählungen, den Fotografien aus einem Leben, die jedoch einen wichtigen Teil ausklammern, weil dieser nicht sein durfte. Akribisch beobachtet Gustav, nimmt wahr und berichtet der abwesenden Mutter.

„Man habe sich hier und heute versammelt, um Abschied zu nehmen von Anton Hamann. Er hinterlasse seine Frau Isolde Hamann, seinen Bruder Baldur Hamann, die Söhne Ulrich und Anselm Hamann sowie die Schwiegertochter Susanne Hamann. Ich hörte Namen und Bezeichnungen, von dir aber keine Silbe. Hätte ich damit rechnen sollen?“

Alexandra Riedels Debütroman, für welchen Sie mit dem Bayern2-Wortspiel-Preis ausgezeichnet wurde, beschreibt die schwierigen Verhältnisse einer Familie, die keine ist. Er spiegelt damit auch den Geist einer Zeit, der durch rigide Ansichten und gesellschaftliche Ächtung für alle, die nicht ins die vorgegebenen Schemata passten, geprägt war. Durch dieses Nicht-Dazugehören stellt die Autorin jedoch auch die Frage, was denn in der Figur Gustav von dem gerade Verstorbenen steckt, wie sehr können Gene prägen bei Abwesenheit? Ist da mehr als nur das Grübchen?

Der Titel ist eine Anspielung an das Observatorium, das Anton Hamann leitete. Die Sonne, der Mond und die Gestirne hatten es ihm angetan und dort konnte er auch heimliche Stunden mit seiner Tochter verbringen, ein Stern, den er eigentlich nur aus der Ferne beäugen konnte. In der Realität lebte sie in einer anderen Galaxie. Die Sehnsucht nach Ferne und Weite des Himmels jedoch hat sie an den Sohn weitergegeben, der sich nichts anderes im Leben vorstellen kann als seinen Job im Tower eines Flughafen einer Insel, wo nicht die Menschen, sondern die Naturgewalten den Takt bestimmen.

Der Roman überzeugt doch brillante Analogien und Metaphern und reicht trotz der Kürze in Tiefen, die viele lange Werke vermissen lassen.