Mark Fahnert – Lied des Zorns

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Mark Fahnert – Lied des Zorns

Europa im Visier islamistischer Terroristen. Von langer Hand aus dem Mittleren Osten geplant, wollen sie Rache nehmen an jenen, die sie als Ungläubige und Kolonialisten betrachten. Die westlichen Geheimdienste sind ihnen auf der Spur, sie haben den Drahtzieher Abu Kais schon lange auf ihrer Liste und scheinen ihn nun auf frischer Tat ertappen zu können. Auch Saskia versucht Anschläge in Deutschland zu verhindern und wird dann selbst zum Opfer. In letzter Sekunde kann sie ihrer Zwillingsschwester noch eine Warnung zukommen lassen, die Ex-Elitesoldatin Wiebke hat eigentlich mit dem Kämpfen abgeschlossen, aber ungewöhnliche Situationen erfordern ihren Tribut.

Mark Fahnerts Debüt ist der Auftakt einer neuen Thriller Serie um Wiebke Meinert. Der Polizist mit dem Spezialgebiet politisch und religiös motivierte Straftaten hat eine der größten Bedrohungen unserer Zeit zum Thema gemacht und zeigt die internationale Vernetzung des Terrorismus und den dadurch extrem erschwerten Kampf gegen diese Art von Verbrechen.

Die Thematik ist gut gewählt für einen spannenden politischen Thriller. Kurze Kapitel wechseln sich ab, was die sich überschlagenden Ereignisse gut widerspiegelt und zudem die Komplexität durch die große Anzahl an Akteuren verdeutlicht. Genau hier liegt für mich aber auch der größte Schwachpunkt der Geschichte: mir fehlte der rote Faden, der den Leser begleitet, die Haupthandlung, die die Ereignisse leitet. Zwar ist mit Wiebke vermeintlich eine Protagonistin geschaffen, aber diese erscheint viel zu spät und so ganz schlüssig ist für mich ihre Rolle nicht geworden. Durch die hohe Agitation bleibt auch nur wenig Zeit, die Figur kennenzulernen und Sympathien zu ihr aufzubauen. Sie ist reduziert auf die wütende Kampfmaschine ohne Vergangenheit und weitere Charakterzüge.

Zu viele Details und Nebenhandlungen sind es letztlich, die die Handlung zerfasern und ihr nicht nur Spannung, sondern vor allem den Sog rauben, der einem beim Lesen fesseln könnte. Viele Verbindungen haben sich mir auch nicht erklärt, was womöglich auch einfach daran lag, dass ich bisweilen den Eindruck hatte, den Überblick zu verlieren und nicht mehr alles im Blick zu haben. Komplexität und Anspruch erhöhen sich nicht einfach dadurch, dass man eine immer größer werdende Anzahl von zusätzlichen Handlungssträngen hinzufügt. Hier wäre mir Tiefe beispielsweise bei der Figurenzeichnung oder der Motivation der einzelnen Figuren lieber gewesen.

Im Schreibstil durchaus ansprechend, thematisch ebenfalls attraktiv, aber in der Umsetzung hat das Buch leider nicht die Erwartungen erfüllen können.

Ein Dank geht an den Piperverlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Amaryllis Fox – Life Undercover

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Amaryllis Fox – Life Undercover

Jeder kennt sie, die Bücher und Filme über die Agenten, die für CIA, MI6, DGSE oder Mossad gefährliche Aufträge ausführen und die Welt vor den Schurken bewahren. Doch die schillernden Figuren der Unterhaltungsindustrie zeigen nur die eine Seite, auf der sie stark und unverwundbar sind und von einem Kampf in den nächsten ziehen. Ihre Zweifel sieht man selten und noch viel weniger weiß man darüber, wo sie herkommen und wie sie zu dem geworden sind, was uns beim Zusehen so fasziniert. Amaryllis Fox ist eine von ihnen, ein Jahrzehnt ihres Lebens hat sie in den Dienst der CIA gestellt, geheime Missionen unternommen, um ihr Land vor Anschlägen zu schützen. Ein Leben mit fremden Identitäten, die sie selbst vor ihrer Familie und Partner geheim halten musste.

„Einen Garten anzulegen ist der höchste Akt des Glaubens an ein Morgen.“

Dieses Zitat, das die Agentin schon als kleinen Mädchen an einem Schild im Nachbarsgarten gelesen hat, bringt ihre Motivation auf den Punkt: sie will die Welt ein bisschen besser machen, ihren Beitrag zum Frieden leisten. Sie wächst auf zwischen den USA und Großbritannien, der Vater ist beruflich viel unterwegs und Umzüge alle paar Jahre gehören zum Alltag. Schon früh beginnt sie sich für Politik zu interessieren und eine Schulaufgabe über Aung San SUU Kyi, damals gewaltfreie Kämpferin für die Demokratie in ihrer Heimat Myanmar, wird bestimmend für den Weg sein, den sie einschlägt.

Es braucht die Erzählung über ihre Kindheit und Jugend, um zu verstehen, weshalb Amaryllis Fox sich für diese Karriere und gegen die Arbeit bei Hilfsorganisationen entscheidet. Die Ausbildung ist intensiv und anstrengend, immer überschattet von der Angst, doch noch aussortiert zu werden, es nicht zu schaffen, den Anforderungen nicht zu genügen. Und doch können diese Monate und Jahre sie nicht auf das echte Leben vorbereiten, wenn plötzlich Beruf und Privatleben – und in ihrem Fall auch noch ein Kind – unter einen Hut gebracht werden müssen.

Fox schildert die Seite, die sonst verborgen bleibt. Die Angst, die omnipräsent ist und drohend über ihr und ihrer Familie schwebt. Sie stellt ihr Tun auch infrage und im Laufe der Jahre, insbesondere nachdem sie Mutter geworden ist, nehmen menschliche Aspekte zunehmend mehr Raum bei der Beurteilung einer Lage ein. Es ist ein Bericht aus dem Innersten der CIA, sie gibt Einblick in strategische Denkweisen und die bisweilen zermürbende Detailarbeit, die zu dem Job gehört, der in der Realität viel weniger glamourös ist als auf der Leinwand.

Sicherlich ist Amaryllis Fox eine ungewöhnliche Frau, mit nicht einmal zwanzig Jahren wurde sie rekrutiert und gehört allein schon wegen ihres Geschlechts zu einer absoluten Minderheit. „Life Undercover“ sind eine Art Memoiren, die keine Abrechnung mit dem Geheimdienst sind; sie hat sich aus nachvollziehbaren Gründen für diese Arbeit entschieden und daran ändern auch Jahre mit falscher Identität nichts. Ihre analytischen Fähigkeiten erlauben es ihr auch hier Emotionen unter Kontrolle zu halten, die sie in der Zusammenarbeit mit ausländischen Informanten braucht, um Beziehungen und Vertrauen aufzubauen, die bisweilen ihr einziger Schutz sind.

Spannende Einblicke in die Arbeit der CIA, die jedoch viel mehr die interessante Frage danach beantwortet, was diese mit den Menschen macht als dass spektakuläre Geheimnisse offenbart würden.

Ein herzlicher Dank geht an die Hanser Literaturverlage für das Rezensionsexemplar. mehr Informationen zu Autorin und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Yishai Sarid – Limassol

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Yishai Sarid – Limassol

Die Lage ist ernst, ein Anschlag steht Israel unmittelbar bevor, aber der Geheimdienst kommt dem Täter nicht wirklich nahe. Identifiziert hat man ihn, nur wo er sich rumtreibt, liegt noch im Dunkeln. Beim Verhör seines Bruders rastet der befragende Agent aus und prügelt ihn zu Tode. Statt weiterhin Informationen aus Gefangenen herauszupressen, wird er nun auf einen anderen Fall angesetzt. Über die Schriftstellerin Daphna soll er zu dem Araber Hani Kontakt herstellen, dessen Sohn ebenfalls im Verdacht steht, ein Attentat vorzubereiten. Während er langsam das Vertrauen der beiden gewinnt und sich mit ihnen in der Literatur- und Kunstszene bewegt, schreitet seine Ehe dem Ende entgegen. Den Grausamkeiten seines Berufs steht der Wunsch nach Nähe und Geborgenheit in der Familie entgegen. Beides scheint nicht mehr vereinbar. Und je näher er Daphna und Hani kommt, desto mehr muss er die Sinnhaftigkeit und Menschlichkeit seines Tuns hinterfragen.

Yishai Sarids Roman „Limassol“ erlaubt einen Blick in die angespannte Lage eines Landes, das sich im Dauer-Krisenzustand befindet. Dass die Realität die Fiktion wieder einmal überholen kann, zeigt sich aktuell im November 2019. Man kann nach der Lektüre die andauernde maximale Anspannung der Bewohner noch besser nachvollziehen und vor allem wird die ganz individuelle Zerreißprobe offenkundig: der Wunsch nach einem Leben in Sicherheit und der Schutz des Staates Israel stehen den persönlichen Begegnungen der Juden mit den Arabern gegenüber, ebenso die Infragestellung der Methoden von Polizei und Geheimdienst vor dem Hintergrund der Gewaltbereitschaft und Diskriminierung. In Yishai Sarids Protagonist vereint sich all dies zu einem hochexplosiven Gemisch.

Der Autor kennt als Israeli und ehemaliger Offizier im Nachrichtendienst die weitgehend verborgene Seite des israelischen Sicherheitsapparats. Dass er in den drastischen Schilderungen der Verhöre allzu viel Phantasie hat walten lassen, ist nicht anzunehmen. Die Figuren werden zu Beginn auch getrieben von der extremen Hitze, die selbst durch dickste Wände kriecht und sich nachhaltig auf den Gemütszustand auswirkt. Eine Entschuldigung für das Handeln ist dies jedoch nicht. Nur halbherzig wird auf den Tod des arabischen Verdächtigen reagiert, so ist es leicht die Wut der Gegenseite nachzuvollziehen. Von diesem unnachgiebigen und gefühlskalten Geheimdienstler ist jedoch am Ende nicht mehr viel übrig. Das Scheitern seiner Ehe, der Verlust von Frau und Kind haben auf ihn jedoch nur geringen Einfluss. Es sind ausgerechnet die Feinde, denen er sich verdeckt nähern muss, die den Wandel befördern. Fließend und geradezu unbemerkt schleicht sich etwas heran, das in ihm immer größer wird.

Während zunehmend Emotionen Einfluss auf sein Denken nehmen, die er als professioneller Spion gegenüber den Zielobjekten – die immer mehr zu Subjekten werden – nicht haben darf, nähert sich der Moment des Anschlags auf Hanis Sohn, den er angebahnt hat. Hier wird der Roman, der von einer ausgefeilten Figurenzeichnung des Protagonisten lebt, tatsächlich zum nervenaufreibenden und spannenden Politthriller. Man weiß nicht, wie er sich entscheiden wird, wie er sich entscheiden soll. Als Leser wird man in seinen Konflikt hineingezogen, ein Konflikt, für den es keine Lösung geben kann. Der Terrorismus hat die Figuren fest in der Hand, er diktiert die Logik im Kampf, eine Logik, die es nicht mehr gibt.

Sarid findet trotz der Gewalt und Brutalität, die er schildert, eine poetische Sprache, um seine Geschichte zu erzählen. So findet man sich in diesem absurden und paradoxen Gemisch wieder, gleichzeitig den Roman zu genießen und ihn eigentlich nicht lesen zu wollen. Aber genau so stellt sich ja die reale Lage in Israel dar – absurd und paradox.

Ein herzlicher Dank geht an den Verlag Kein & Aber für das Rezensionsexemplar. mehr Informationen zu Autor und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Daniel Silva – Der russische Spion

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Daniel Silva – Der russische Spion

Ein eigentlich routinierter Fall für die Geheimdienste: ein Doppelspion will brisantes Material über die Russen liefern und dafür bei den Engländern untertauchen. Gabriel Allon und sein Team wollen ihn in Wien in Empfang nehmen und an den MI6 übergeben, doch dazu kommt es nicht, denn der Mann wird auf offener Straße erschossen. Offenbar war man in Moskau informiert und dafür gibt es nur einen Grund: in den Reihen der Briten muss es einen Maulwurf geben. Diese leugnen dies, doch für den Chef des israelischen Dienstes ist der Fall klar. Doch als sein Kandidat in Bern ums Leben kommt, kommen ihm Zweifel: ist er auf eine geschickt gelegte falsche Spur hereingefallen? Womöglich, aber an den Maulwurf glaubt er immer noch und ist bereit alles dranzusetzen, diesen aufzudecken. Er ahnt nicht, wen er ins Visier nimmt und wie schlimm der MI6 tatsächlich unterlaufen wurde.

Auch im bereits 18. Fall von Daniel Silvas Superagenten des israelischen Geheimdienstes ist dieser kein bisschen müde, sich mit den größten globalen Verbrechern anzulegen. Hat er in den letzten beiden Fällen noch die islamistischen Terroristen gejagt, steht nun ein ungewöhnlich klassischer Fall im Vordergrund. Auch wenn der Kalte Krieg seit nunmehr 30 Jahren beendet ist, taugt die Konfrontation zwischen Ost und West noch immer zu großer Unterhaltung und so ist „Der russische Spion“ ein Thriller nach dem bewährten Muster der großen britischen Agenten James Bond oder George Smiley. Nur dass es der Chef des Mossad ist, der fast im Alleingang gegen die russische Übermacht kämpft.

„Gabriel klappte seinen Aktenkoffer auf und nahm drei Gegenstände aus dem Geheimfach. Eine Geburtsurkunde, eine Heiratsurkunde und ein in der Jesus Lane in Cambridge heimlich gemachtes Foto. Übel, dacht er. Verdammt übel.“

Die Erwartungen werden einmal mehr voll erfüllt. Ein spannungsgeladener Thriller, der zunächst einige undurchschaubare Verwicklungen liefert und dann das Katz-und-Maus-Spiel eröffnet. Interessanterweise lehnt sich Silva dieses Mal an eine reale Figur an: Kim Philby, ein britischer Geheimdienstmitarbeiter, der als einer der bekanntesten Doppelagenten und Informationslieferant für die Sowjets in die Geschichte eingegangen ist. Ebenso wie dieser historisch verbriefte Fall trifft auch der Maulwurf im Thriller den englischen MI6 Mitten ins Herz und macht den Fall damit besonders brisant.

Auch wenn die vorhergehenden Fälle durchaus an aktuelle Großkrisen der Welt angelehnt waren, fand ich dieses Mal die Vermischung von Fakt und Fiktion besonders gelungen. Auch die Tatsache, dass etwas weniger geschossen und in die Luft gejagt wird, sondern die altbewährten Spionagetechniken wieder zum Einsatz kommen dürfen – Beschattung, geheime Briefkästen, heimlich übergebene Umschläge – hat mich besonders gefreut und unterstreicht, dass Silva beides liefern kann: actiongeladene rasante Geschichten ebenso wie komplexe Spionagethriller. Lassen viele Serien im Laufe der Zeit nach, würde ich hier das Gegenteil konstatieren wollen: für mich einer der besten Romane von Daniel Silva.

David Lagercrantz – Vernichtung

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David Lagercrantz – Vernichtung

Schon seit Tagen war der obdachlose Alkoholiker in Stockholm negativ aufgefallen und nun ist er tot. Seine Identität ist unbekannt, Papiere konnten nicht bei ihm gefunden werden und offenkundig war er auch eher südostasiatischer denn skandinavischer Herkunft. Einzig eine Telefonnummer hat er bei sich und die führt die untersuchende Gerichtsmedizinerin zu Mikael Blomkvist. Dessen Neugier ist geweckt, vor allem als das genetische Profil des Mannes noch interessanter zu sein scheint als gedacht. Genau das richtige Betätigungsfeld auch für Lisbeth Salander, wo auch immer sie sich aufhält und was sie sonst beschäftigt. Tatsächlich weckt dieser Fall ihre Neugier, aber zu sehr ist sie damit beschäftigt dieses Mal final Rache an ihrer Schwester Camilla zu nehmen. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, es ist nur noch eine Frage von Tagen, bis die Schwestern sich gegenüberstehen werden.

Lagercrantz ist nicht Larsson und Salander/Blomkvist gehören dem verstorbenen Journalisten – lange hielten sich die kritischen Stimmen gegenüber der Fortsetzung der Millennium Reihe. Ja, Lagercrantz ist nicht Larsson, aber bei dem nun dritten Band aus seiner Feder muss diese Diskussion nicht mehr geführt werden. Die Figuren leben weiter, der Stil ist ein anderer, aber mich begeistern Lagercrantz‘ Romane genauso wie Larsson das konnte. Er hat für mich nicht ganz den nervenaufreibenden Thrill, den die Trilogie hatte, aber dafür ist die Handlung in „Vernichtung“ komplex, der Spannungsbogen perfekt orchestriert und die bekannten Wesenszüge der Figuren werden glaubwürdig fortgeführt.

Wieder einmal verlaufen zwei Handlungsstränge parallel. Lisbeth ist auf einsamer Rachemission gegen Camilla, um sich endlich von den Kindheitsdämonen zu befreien. Nur am Rande wird sie in Mikael Blomkvists Recherchen um den Sherpa und den mit ihm verwickelten schwedischen Außenminister eingebunden. Die Geschichte um die unglücklich verlaufende Everest Expedition zehn Jahre zuvor und die Machenschaften der Geheimdienste und ihrer Doppelagenten wird häppchenweise und wohldosiert präsentiert und bleibt so durchgängig spannend. Der große Showdown am Ende passend, wenn ich persönlich auch nicht so viel Action bräuchte.

Gelungen sind die Integration von wissenschaftlichen Erkenntnisse um Genanalysen und den Informationen, die die kryptischen Buchstaben- und Zahlenkombinationen verraten, ebenso wie die in vielen westlichen Ländern befürchtete Unterwanderung von Medien und Verwaltungsapparat durch russische Hacker oder den Geheimdienst.

Auch in der sechsten Auflage beste Unterhaltung durch die beiden ungleichen Protagonisten. Ein starker Krimi, der einem sofort packt. Bleibt die Frage, welches Potenzial die Charaktere für weitere Bände haben. David Lagercrantz konnte mich als Autor fraglos überzeugen, doch dürfte es nicht einfach werden, die Geschichte weiterzuspinnen.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Buch finden sich auf der Seite der Verlagsgruppe Random House. 

Rafik Schami – Die geheime Mission des Kardinals

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Rafik Schami – Die geheime Mission des Kardinals

Die italienische Botschaft in Damaskus erhält eine widerliche Lieferung: in einem Ölfass findet sich die Leiche des Kardinals Cornaro. Er war vorgeblich zur Einweihung einer Kirche in Syrien, doch schnell schon hat Kommissar Zakaria Barudi Zweifel daran. Zudem wirft der Tote weitere Fragen auf: warum wurde sie nicht an die vatikanische Botschaft geliefert, schließlich war der Kardinal Mitglied der Kurie? Und weshalb hat man ihn zudem entehrt, indem man seinen Ring an den falschen Finger aufzog? Barudi erhält Schützenhilfe aus Italien, Kommissar Mancini wird heimlich mit ihm die Ermittlungen leiten, denn offenbar war der Kardinal noch in einer geheimen Mission unterwegs, die man in Rom unbedingt vertuschen möchte. Kurz vor seiner Pensionierung steht Barudi nochmals ein komplizierter Fall ins Haus und das in einem Land, in dem sich gerade alle Kräfte formieren für die Geschehnisse, die bald die Weltnachrichten beherrschen werden.

Rafik Schami ist ein begnadeter Erzähler und enttäuscht auch in seinem aktuellen Roman nicht. Der christliche Syrer, der vor nunmehr fast 40 Jahren aus seiner Heimat fliehen musste, lässt auch in „Die geheime Mission des Kardinals“ kritische Töne gegenüber dem noch herrschenden System anklingen und die Melancholie, mit der er offenkundig sehnsüchtig auf seine Heimatstadt blickt, fließt ebenso aus jeder Zeile. Ein komplexer Kriminalfall wird von seinem cleveren Kommissar gelöst, aber dieser ist müde geworden ob der unsäglichen Lage. Man hofft, dass es dem Autor nicht ebenso geht und er stetig weiterhin öffentlich das Wort ergreift.

Mit Barudi hat Rafik Schami einen liebenswerten, kauzigen Kommissar geschaffen, der über genügend Erfahrung verfügt, sich nicht mehr in jeden Kampf zu stürzen und mit einer gewissen stoischen Haltung das syrische System von Geheimdienst und Polizeiapparat betrachtet. Er verzweifelt nicht mehr an den Machenschaften und ist mit sich und seinem Leben im Reinen, was ihn konzentriert an dem Fall arbeiten lässt. Sein italienischer Amtsgenosse ist noch weitaus impulsiver, auch wenn diesen ebenfalls Jahrzehnte unermüdlichen und vergeblichen Kampfs gegen die Mafia realistisch haben werden lassen.

Neben diesen beiden Figuren, die alleine die Geschichte schon lesenswert machen, lässt Schami die komplexe politische und religiöse Lage in Syrien einfließen und liefert ein erhellendes Bild über die sich zuspitzende Situation im Jahr 2010 kurz vor Ausbruch des Bürgerkriegs. Bewundernswerterweise vereinfacht er nicht, sondern zeigt genau die Zweischneidigkeit auf, denen die Menschen immer wieder ausgesetzt sind und die Facetten der Konfliktparteien, aus schwarz und weiß werden so Grauschattierungen, die jedoch leichtgängig in die Handlung einfließen und vieles an Barudis Arbeit nur verdeutlichen, ohne jedoch der Geschichte den Platz zu stehlen.

Man freut sich als Leser immer besonders, wenn Sprachfertigkeit und eine gute Story aufeinandertreffen und dies zudem meisterhaft in den komplizierten Alltag eingebettet werden. So bleibt neben der Unterhaltung noch viel mehr und lässt ein Buch aus der Masse der jährlichen Neuerscheinungen deutlich hervortreten.

Daniel Silva – Der Drahtzieher

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Daniel Silva – Der Drahtzieher

Schon wieder ein Anschlag des IS auf britischem Boden, hunderte Tote und Verletzte, das Westend in Schutt und Asche. Drahtzieher ist offenkundig Saladin, der Islamist, den es nicht gelungen war zu eliminieren nach dem Angriff auf das Weinberg Center in Paris. Gabriel Allon, inzwischen Chef des israelischen Geheimdienstes, will ihn endlich unschädlich machen und stellt eine nie gesehene internationale Koalition zusammen: MI5 und MI6 aus England, der französische Geheimdienst und sogar die USA, selbst Opfer Saladins geworden, erklären sich zur Zusammenarbeit bereit, um dem größten Feind des Westens mit vereinten Kräften zu begegnen. Die Spuren führen nach Marseille, Einfallsort für die Drogenversorgung Europas. Als Lockvögel werden der beste Spion der Briten und alter Bekannter Allons, sowie Natalie, die Saladin bereits schon einmal sehr nah kam und ihm damals das Leben rettete, auf den Kontaktmann angesetzt. Dann ist Warten angesagt, bis sich die Chance ergeben wird.

Band 17 der Gabriel Allon Reihe setzt nahtlos da an, wo der Vorgänger aufhörte. Immer noch ist der Islamist Saladin das Ziel des Israelis. Auslöser für alle Aktivität ist wieder einmal ein Attentat in Europa, dem die westlichen Sicherheitskräfte nichts entgegensetzen konnten.

Insgesamt legt „Der Drahtzieher“ über weite Strecken ein recht gemächliches Tempo an den Tag. Der Fokus liegt dieses Mal ganz entschieden auf der Arbeit der Geheimdienste, was jedoch kein bisschen an Spannung einbüßt. Anwerbung, Ausbildung, Kontrolle im Hintergrund – detailliert schildert Silva, wie eine große Operation geplant und umgesetzt wird, was dazu erforderlich ist und was offenkundig so alles bewegt werden kann. Ebenso interessant sind natürlich die Befindlichkeiten der einzelnen Länder, wie jeder den großen Sieg einfahren möchte, wie alte Animositäten fast die ganze Aktion gefährden. Hier bewegt sich Silva tatsächlich im klassischen Spionage-Milieu und kann an einen John LeCarré heranreichen.

So interessant dies alles ist, führt es jedoch unweigerlich auch dazu, dass die Handlung langsamer verläuft als man das von Silva gewöhnt ist. So manche Länge bleibt ebenfalls nicht aus. Auch Gabriel Allon bleibt dieses Mal im Hintergrund, die tragenden Figuren sind die Agenten und ihre Zielpersonen. Diese sind überzeugend gezeichnet und auch lebendig in ihrem Handeln. Allerdings habe ich mich doch gefragt, ob sich zwielichtige Personen tatsächlich so leicht anwerben lassen und uneigennützig kooperieren würden. Auch der finale Showdown in Marokko war zwar rasant und einem Thriller würdig, aber hatte doch mehr Hollywood Potential als Überzeugungskraft.

Insgesamt eine solide Fortsetzung mit großem Unterhaltungswert, die die Erwartungen an die Reihe voll erfüllt.

Kate Atkinson – Transcription

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Kate Atkinson – Transcriptions

London 1940. Juliet Armstrong wird für den Geheimdienst MI5 rekrutiert, obwohl sie eigentlich andere Pläne hatte. Sie soll Sympathisanten des Nazi Regimes beobachten und als Sekretärin arbeiten und geheime Gesprächsmitschnitte transkribieren. Trotz der anfänglichen Skepsis gewöhnt sie sich schnell an die Welt der Spionage und wird zunehmend mutiger. Sie wird auf Godfrey Toby angesetzt, den man als Geheimagent der Gestapo vermutet, doch eigentlich überwacht dieser nur die britischen Informanten. In einer Welt der Agenten und Doppelagenten verliert die junge Frau schnell den Überblick… 10 Jahre später arbeitet Juliet für die BBC und glaubt ihre Tätigkeit während der Kriegsjahre hinter sich gelassen zu haben, als diese sie plötzlich wieder einholen und vor allem ihre eigenen Lügen plötzlich doch noch drohen aufgedeckt zu werden.

Kate Atkinson erzählt die Geschichte im Wechsel zwischen Juliets Arbeit für den Secret Service und den Ereignissen der Aufarbeitung nach Ende des Krieges sowie ihrer Sicht aus dem Jahr 1981. Als Leser ist man hin- und her gerissen, denn man mag das junge Mädchen zunächst und beobachtet ihre ersten Schritte in der Agentenwelt. Doch irgendwann bekommt man Zweifel und fragt sich, wer nun zu den Guten gehört und wer nicht und vor allem: wo steht Juliet?

Am spannendsten waren ohne Frage Juliet Feldeinsätze, als Iris Carter-Jenkins mit einer Waffe in der Handtasche näher sie sich Mrs Scaife, einer angesehenen Frau der Gesellschaft, die ihren Antisemitismus offen zur Schau trägt. Dass ein solcher Einsatz nicht ohne Risiko ist und Juliet schon auch mal genötigt ist, aus dem Fenster zu fliehen, steigert aber eigentlich nur den Reiz.

Alle Figuren haben so mehrere Rollen im Roman, was es nicht einfach macht, ihre echte Persönlichkeit, sofern sie überhaupt eine haben, zu erkennen. Dieses Spiel erlaubt ihnen aber auch, einiges, was sie während der Kriegszeit getan haben, mit den falschen Identitäten abzulegen und zu vergessen. „You will pay for what you did“ – so die Nachricht, die Julie Jahre nach dem Krieg erhält. Sie kann nicht einfach alles Unangenehme begraben und auf der geschichtlichen Müllhalde abladen.

„Transcription“ passt in keine wirkliche literarische Kategorie, er ist weder reiner Krimi, noch echter historischer Roman. Auch die Vielschichtigkeit der Rollen und Wahrheiten durchbrechen bekannte Grenzen. Unterhaltsam zu lesen ist dies jedoch ohne Frage.

Mick Herron – Slow Horses: Ein Fall für Jackson Lamb

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Mick Herron – Slow Horses

Slough House, das Abschiebegleis der Geheimdienste. In diesem unscheinbaren Haus sammeln sich all diejenigen, die ihren Vorgesetzen auf die Füße getreten sind, wie der Abteilungsleiter Jackson Lamb, oder die eine Operation grandios vermasselt haben, wie River Cartwright. Wobei sich letzterer sicher ist, dass er von seinem Ex-Kollegen reingelegt wurde, damit dieser karrieretechnisch freie Fahrt hat. Als ein pakistanischer Junge entführt wird und die Geiselnehmer drohen, ihm innerhalb von 48 Stunden den Kopf abzuschneiden, um Rache an den Attentaten zu nehmen, die Islamisten im Königreich verübt haben, bleibt das Team zunächst unbeteiligt. Mit solchen Fällen haben sie nichts mehr zu tun. Jackson Lamb war immer ein unbequemer Agent, aber einer der besten und er kommt mit seinen Slow Horses, wie man seine Mitarbeiter scherzhaft wegen ihres Arbeitsplatzes und ihrer Vergangenheit getauft hat, schnell darauf, dass hinter dem inzwischen angelaufenen Medienspektakel eine unglaubliche Verschwörung steckt.

Mick Herrons Spionagethriller „Slow Horses“ ist der erste Band der Serie um Jackson Lamb, die inzwischen bereits aus sieben Bänden besteht. Sie gilt als die aktuell stärkste Agentenserie Großbritanniens und „Slow Horses“ war unter anderem für den Steel Dagger Award nominiert, den Herron dann mit dem zweiten Band „Dead Lions“ auch gewann.

Der Thriller beginnt rasant mitten in einem Einsatz, der jedoch sensationell scheitert und River Cartwright in das Slough Hosue befördert. Slough – das Sumpfloch – macht seinem Namen alle Ehre, betrachtet man die Vorgeschichten der dorthin versetzten MI5 Agenten; überhaupt sind die Namen von Herron hervorragend gewählt: Lamb, das unscheinbare Lamm, das zur Schlachtbank geführt und geopfert werden soll; James Webb, genannt Spider, der am Regent’s Park sein Netzt spinnt, um seine Karriere voranzutreiben; Standish, die keineswegs nur Garnitur ist und die zu unterschätzen ein böser Fehler wäre.

Herron gelingt es vor allem durch das Agieren seiner Figuren einen guten Eindruck nicht nur ihrer grenzwertigen psychischen Verfassung, sondern auch der Lage beim MI5 zu vermitteln. Er muss nicht langatmig beschreiben, sondern zeigt implizit, was schief läuft und wo sich der eigentliche Sumpf befindet. Seine Serie wurde schnell mit jener um George Smiley verglichen, die den Dienst auch so manches Mal eher zweifelhaft aussehen ließ. Der Fall wird sehr clever aufgebaut, man weiß schnell, was im Zentrum der Ermittlungen stehen wird, aber die Rolle, die die Slow Horses darin haben werden, bleibt zunächst unklar. Insgesamt lebt der Roman hauptsächlich von den eigenwilligen Figuren, die Herron interessant und überzeugend geschaffen hat und die mit viel Cleverness, aber ohne Zufälle, die Verschwörung aufdecken. Ein überzeugender Auftakt, der auch in den weitern Bänden viel Spannung verspricht.

Zora del Buono – Hinter Büschen, an eine Hauswand gelehnt

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Zora del Buono – Hinter Büschen, an eine Hauswand gelehnt

Eine Reise, wie sie sie schon unzählige Male gemacht wird, endet jedoch dieses Mal vorzeitig am Flughafen. Man verweigert ihr die Einreise in die USA, dabei hat Vita doch schon seit Jahren Sommerkurse in Journalismus am Miltontown College gegeben. Es muss mit dem zusammenhängen, was im Jahr zuvor geschehen ist, weshalb sonst sollte man ihr ein Bild von Zev vor die Nase halten und fragen, wie sie zu ihm steht? Sie erinnert sich an ihren kleinen Kreis von Studenten, die alle Deutsch lernen wollten und als Projekt für die acht Wochen des gemeinsamen Lernens hatte sie eine Zeitung geplant. Basierend auf den aktuellen Meldungen der verschiedenen Ressorts sollten die Studierenden selbst Texte verfassen. Die Nachrichten wurden beherrscht von den spektakulären Enthüllungen von Edward Snowden, die auch den jungen Zev faszinierten. Doch bald schon entwickelte er Verfolgungsängste, die ihm auch Vita nicht nehmen konnte, mit der ihn vom ersten Tag an eine verbotene Anziehung verband. Waren sie beobachtet worden und weshalb war Zev verschwunden und ins Visier der Ermittler geraten?

Zora del Buono ist von Haus aus Architektin, seit zehn Jahren arbeitet sie jedoch auch als freie Autorin und sie ist Gründungsmitglied der Zeitschrift „Mare – die Zeitschrift der Meere“. „Hinter Büschen, an eine Hauswand gelehnt“ ist ihr dritter Roman, der 2016 von der Literaturkommission der Stadt Zürich mit dem Anerkennungspreis ausgezeichnet wurde.

Auch wenn die Enthüllungen der Wiki-Leaks Plattform und der NSA Skandal im Roman omnipräsent sind, die Handlung entscheidend motivieren und immer wieder Meldungen der deutschen Medien hierzu einfließen, steht doch das Leben auf dem Campus im Vordergrund. Zunächst die etwas seltsam anmutende Regelung, dass nur die Sprache gesprochen werden darf, die die Studierenden lernen wollen. Dies schafft unweigerlich Abgrenzungen und lässt die unterschiedlichen Gruppen – die Deutschen, die Spanier, die Hebräer – sich gegenseitig aus der Ferne beobachten und Vermutungen über deren Gespräche arten in wilde Spekulationen aus.

Viel absurder aus europäischer Sicht jedoch sind die strengen Vorschriften, die an die Dozenten gestellt werden: keinerlei private Kontakte zu den Studierenden, keine Begegnung außerhalb öffentlich einsehbarer Orte, die Achtung religiöser Überzeugungen auch wenn diese der Forschung zuwiderlaufen. So entsteht ein Klima des Misstrauens und der Angst. Vita wird regelmäßig daran erinnert und zurechtgewiesen. Auch dürfen die Texte ihrer Studierenden nicht einfach veröffentlicht werden, sondern müssen vorab vom Dekan geprüft und genehmigt werden.

Die Unterschiede, die für die deutsche Protagonistin hier offenkundig werden, zeigen sich noch stärker in der Frage, wie man den NSA Skandal bewerten soll. Sind die Studenten zunächst interessiert und kritisch, allen voran Zev, entwickeln sie zunehmend Angst und Sorge: werden sie auch überwacht? Was bedeutet ein kritischer Text für ihre Zukunftschancen? Ist Edward Snowden ein Held oder doch eher ein Vaterlandsverräter? Die Einstellungen könnten hier kaum weiter auseinanderlaufen, vor allem als die NSA auch noch zur Akquise an den Campus kommt. Die Gerüchte, dass sich auch Geheimdienstmitarbeiter mit falschen Biographien unter die Teilnehmer gemischt haben könnten, machen ebenfalls die Runde.

Die Protagonistin sieht sich gefangen zwischen den Erwartungen und Rahmenbedingungen, die ihr kaum fremder sein könnten. Hinzu kommt die Faszination durch Zev. Ist es Liebe? Wohl (noch) nicht, aber Zuneigung empfindet sie. An einem anderen Ort hätten sie vielleicht auch ein anderes Ende gefunden. Auch wenn sie nicht alle Anweisungen akribisch befolgt, muss sie doch eine gewisse Achtung den Gegebenheiten gegenüber walten lassen, ob es ihr gefällt oder nicht.

Die Rahmenhandlung lässt einige Fragen offen, aber dies kann man als Leser problemlos mit seinen eigenen Gedanken füllen. Ein kurzer Roman und doch voll mit Denkanstößen und in seiner Dichte überzeugend und lesenswert.