Claire McGowan – The Other Wife

claire-mcgowan-the-other-wife
Claire McGowan – The Other Wife

Suzi freut sich, als sie in der abgelegenen Gegend, in die sie kürzlich mit ihrem Mann gezogen ist, endlich eine Nachbarin bekommt. Nora macht einen sympathischen Eindruck, auch wenn sie gerade ihren Ehemann verloren hat und offenkundig trauert. Was Suzi nicht ahnt, ist, dass Nora mit gutem Grund das Nachbarhaus wählte, denn sie weiß, dass Suzi die Frau ist, mit der ihr Mann eine Affäre hatte und die ihn als letzte vor dem Unfall gesehen hat. Auch Suzis Mann weiß von der Untreue seiner Frau und hat ebenfalls so seine Pläne, Suzis Schwangerschaft spielt ihm dabei hervorragend in die Hände. Während die junge Frau ahnungslos versucht sich im neuen Leben zu orientieren, bringen sich die anderen in Position, doch bald schon werden die Karten neu gemischt und die Frage wer Freund und wer Feind ist, muss neu beantwortet werden.

Der Krimi fokussiert abwechselnd auf den Frauenfiguren, wobei es einige Zeit braucht, bis man Suzi, Nora und die ebenfalls vorhandene Elle in den richtigen Zusammenhang bringt. Durch den Perspektivenwechsel hat man mal einen Vorsprung vor den Figuren, mal aber verwirrt dieses auch wieder. Interessant dabei ist, wie man seine Sympathien immer wieder verschiebt, je besser man die Figuren kennenlernt.

Schon bald glaubt man die Verschwörung durchschaut zu haben, doch das tatsächliche Ausmaß entfaltet sich erst spät und lenkt die Aufmerksamkeit nochmals auf eine ganz andere Geschichte. Mit den Figuren habe ich etwas gehadert, Suzis Fremdgehen mag man ja noch neutral betrachten können, aber ihre Naivität und geringe Weitsicht machen es schon schwer wirklich Mitleid mit ihr zu haben. Auch Nora ist ein Opfer, ihre Rachepläne durchaus nachvollziehbar, aber so richtig zum Sympathieträger wird sie auch nicht. Die ganz große Geschichte, die hinter allem steht, ist durchdacht und nachvollziehbar konstruiert, wenn ich auch meine Zweifel hege, dass jemand wirklich einen so großen Coup planen und unentdeckt umsetzen könnte. Das tut der Spannung jedoch keinen Abbruch, denn die Autorin bietet insgesamt so viele bemerkenswerte Details an menschlicher Bösartigkeit, dass man fasziniert davon das Buch kaum aus der Hand legen mag.

Grégoire Delacourt – Das Leuchten in mir

grégoire-delacourt-das-leuchten-in-mir
Grégoire Delacourt – Das Leuchten in mir

Eine zufällige Begegnung in einer Brasserie und Emmas Leben gerät aus den Fugen. Sie sieht ihn dort und wird ihn nun täglich sehen, immer zur Mittagszeit werden sich ihre Blicke kreuzen, doch es werden Wochen vergehen, bis sie das erste Wort wechseln. Schmetterlinge kehren zurück zu der Ehefrau und Mutter, deren Leben von außen scheinbar perfekt ist mit dem liebenden Gatten und den drei wohlgeratenen Kindern. Aber es fehlt etwas, genau dieses Gefühl wieder lebendig zu sein, die Emotionen und aufsteigende Hitze, wenn sie nur an ihn denkt. Sie stellen sich vor, Alexandre heißt er, Journalist, verheiratet. Doch das spielt alles keine Rolle, denn genau für diesen Moment werden sie alles aufgeben, ihr bisheriges Leben hinter sich lassen und gemeinsam in die Zukunft gehen. Doch es gibt keine Zukunft für sie und so steht Emma plötzlich vor dem Trümmerhaufen, der mal ihr Leben war.

Der mit bereits zahlreichen Literaturpreisen geehrte Autor Grégoire Delacourt unterstreicht in seinem aktuellen Roman einmal mehr seinen Platz unter den zeitgenössischen französischen Autoren. Ihm gelingt es unvergleichlich die Emotionen seiner Figuren einzufangen und zu transportieren ohne deren Last auf den Leser zu legen. Es ist etwas bedauerlich, dass man sich für die deutsche Ausgabe für einen anderen Titel entschieden hat, denn der Originaltitel „Danser au bord de l’abîme“ drückt perfekt das aus, worüber Delacourt in seiner Geschichte schreibt: die Figuren tanzen ausgelassen am Rande des Abgrunds und drohen zu jedem Zeitpunkt abzustürzen.

„Meine künftigen Tage versprachen stürmisch zu werden. Und einer von ihnen erschütternd.“

Emmanuelle ist eine durchaus attraktive Frau Ende dreißig, ihr Mann Olivier Leiter eines großen Autohauses und die beiden Töchter Manon, 16, und Léa, 12, sowie der 14-jährige Sohn Louis sind ebenfalls eine Freude für die Eltern. Doch sie spürt, dass etwas in ihrem Leben verloren gegangen ist, etwas fehlt. Alexandre gelingt es, wieder etwas in ihr zu entzünden, das so stark leuchtet, dass sie bereit ist, dafür alles zu riskieren, alles aufzugeben. Sie macht sich die Entscheidung nicht leicht, man folgt ihren Gedanken und kann sie verstehen. Die Vorwürfe, die sie sich selbst macht, die Kinder zu verlassen, ihr Leben zu zerstören, das Hadern und Zaudern und doch zu wissen, dass sie nicht anders handeln kann, denn ihre Liebe zu Olivier findet nicht mehr in der Gegenwart statt.

Doch dann kurz bevor das Glück kaum größer sein könnte, lässt Delacourt seine Protagonistin fallen, tief fallen. Plötzlich sieht sie sich alleine auf einem Campingplatz mit anderen vergessenen Figuren. Der Frühling geht in den Sommer und den Herbst über und erst nach dem Winter findet sie zurück zu ihrer Familie, die nicht mehr dieselbe ist. Der Autor folgt mit seiner Sprache der Emotionen der Figur, wurden im ersten Teil noch überschäumend die Emotionen ausgelebt, werden die Sätze kürzer und schlichter in der Zeit der Trauer. Dabei umschifft er jede Gefahr von Kitsch, dem eine solche tragische Liebesgeschichte erliegen könnte. Viel mehr zeigt er, dass nur dadurch, dass Emma wieder aufgelebt ist, sie sich wieder lebendig fühlte, sie auch so hart vom Schicksal getroffen werden konnte und der Fall so tief war. Delacourt hat den entscheidenden Moment im Leben seiner Figur überzeugend und ausdrucksstark umgesetzt.

Alexa Hennig von Lange – Kampfsterne

alexa-hennig-von-lange-kampfsterne
Alexa Hennig von Lange – Kampfsterne

Mitte der 1980er Jahre, irgendwo im Westen der Republik. Die Welt ist in Ordnung in der Neubausiedlung, wo die Familien friedlich nebeneinander wohnen, sich gelegentlich treffen und die Kinder wohlgeraten sind und widerspruchslos den Musikunterricht besuchen, weil dies zur Talentförderung dazugehört. Doch hinter den Fassaden brodelt es, pubertierende Töchter begehren gegen die Eltern auf, Söhne nehmen sie schon gar nicht mehr ernst, Kinder leiden still und unbemerkt und die Ehepartner haben sich nur noch wenig zu sagen. Sex gibt es schon lange keinen mehr und alle befinden sich in einem Leben, das sie sich so nicht vorgestellt hatten.

Alexa Hennig von Lange hat das normale, geradezu durchschnittliche Leben eingefangen und lässt Figuren zu Wort kommen, die überall in deutschen Kleinstädten leben könnten und die uns tagtäglich überall begegnen. Die raschen Wechsel zwischen den einzelnen Erzählern lockern die Geschichte auf, die trotz der vielen Perspektiven doch sehr deutlich einem roten Faden folgt und unweigerlich auf eine Katastrophe hinsteuert.

„Kampfsterne“ greift dabei Themen auf, die auch 30 Jahre später noch aktuell sind und somit einen recht hohen Wiederkennungswert haben. Besonders interessant fand ich dabei den feministischen Aspekt. Die Mütter haben alle die Zeit der sexuellen Revolution und der Kämpfe für die Rechte der Frauen miterlebt. Sie haben Simone de Beauvoir gelesen, bewundern Susan Sontag und erkennen Alice Schwarzers Haltung an. Aber was haben sie daraus gemacht? Sie befinden sich in der Vorstadthölle, reduziert aufs Hausfrauendasein und unterwerfen sich den Wünschen ihrer Männer, wenn sie sich nicht gerade von ebendiesen verprügeln lassen und dies auch noch widerspruchslos aushalten. Ein Vorbild für die Töchter sind sie nicht, weshalb diese sie mit Verachtung strafen. Mit spitzer Zunge könnte man die Frage stellen, ob nicht ebendiese Töchter als Latte-Macchiato-Mütter Jahre später in dieselbe Falle getappt sind.

Die Männer haben es nicht leichter, haben sie selbst als Kindern der Kriegsgeneration Gewalt in der Erziehung erlebt, reproduzieren sie diese oder verkommen zu weichen Ja-Sagern. Wie soll der moderne Mann sein? Egal, was er tut, es wird falsch sein und schnell gerät er unter Generalverdacht, nur, weil er Kind auch niedlich findet, dies aber niemals sagen darf. Er soll nicht sein wie die Vätergeneration, aber doch wie einst der Steinzeitmensch seine Familie vor Feinden schützen, gelingt ihm das nicht, ist er ein Versager.

Es ist noch nicht die Zeit der Einzelkinder, deren Bedürfnisse über alles gestellt werden. So stehen sie oftmals hintenan und finden selbst nach schlimmsten Erlebnissen in ihren Eltern nicht diejenigen, die Trost spenden und für sie kämpfen. Im Gegenteil, die müssen sogar sehr viel aushalten, um dem Wunschbild zu entsprechen. Die Familien sind Kampfsterne, die sich gegenseitig bekriegen und die private Idylle zerstören, wo doch gleichzeitig der Welt dank Umweltzerstörung und Kaltem Krieg von außen die globale Katastrophe droht.

Glückliche Menschen sucht man vergeblich in der kleinen Siedlung und das, wo nie so viel persönliche Freiheit herrschte wie zu dieser Zeit. Aber Glück ist auch etwas, das nicht unbedingt von alleine kommt, sondern das man sich erarbeitet und für das man aktiv werden muss. Ein Buch, das ernsthafte Themen lebensnah und authentisch präsentiert, dabei aber auch unterhaltsam und komisch ist, was eine in sich stimmige und überzeugende Mischung ergibt.

Herman Koch – Der Graben

herman-koch-der-graben
Herman Koch – Der Graben

Als Bürgermeister von Amsterdam steht er ständig im Blick der Öffentlichkeit, aber damit kann Robert Walter entspannt umgehen, er ist wie geschaffen für diesen Posten und kaum einer könnte ihm da das Wasser reichen. Doch dann gerät seine Selbstsicherheit ins Wanken, er beobachtet wie seine Frau beim Neujahrsempfang mit dem Dezernenten Maarten van Hoogstraten spricht und glaubt eine ungewöhnliche Vertrautheit zwischen beiden zu erkennen. Als er sich dazugesellt, ist das Gespräch sofort beendet und Maarten verabschiedet sich. Haben die beiden eine Affäre? So etwas kann er sich nicht erlauben, wissen es vielleicht schon alle und keiner traut sich, dem gehörten Ehemann etwas zu erzählen? Er beschließt seine Frau genau zu beobachten, so einfach kann man ihn nicht hinters Licht führen. Doch das ist nicht das einzige Ereignis, das ihn herausfordert: sein Vater kündigt an, dass seine Eltern beschlossen haben ihrem Leben ein Ende zu setzen, man soll ja bekanntlich aufhören, wenn’s am schönsten ist.

„Der Graben“ beginnt mit dem bekannt bissigen Ton Herman Kochs. Seinem Protagonisten und Erzähler mangelt es nicht an Selbstüberschätzung und das lässt er den Leser auch gerne wissen. Niemand kann so leicht spontane Reden halten wie er:

„Ich bin, was man einen »begnadeten Redner« nennt, falsche Bescheidenheit wäre da völlig fehl am Platz. Ich finde immer den richtigen Ton“

Überhaupt ist er wie geschaffen für den Posten als Bürgermeister der Hauptstadt, genaugenommen wäre er auch der bessere Ministerpräsident. Aber man darf nicht vergessen, dass so etwas auch seine Schattenseiten hat:

„Es ist anstrengend, überall der selbstverständliche Mittelpunkt zu sein. Der Motor jeden Gesprächs. Das mag arrogant klingen, ist aber schlicht mein Alltag.“

Und als Beweis dafür, wie bedeutsam er ist, führt er an, dass er selbst vor einigen Jahren zum Ziel von Attentätern wurde und auf einer „Todesliste“ auftauchte, was ihm monatelangen Personenschutz bescherte: Es gab eine erkennbare Trennlinie zwischen denen,

„ohne die in diesem Land nichts lief, und denen, die ganz offensichtlich so unbedeutend waren, dass man sie ruhig am Leben lassen konnte. Ich kann nicht leugnen, dass es mir beim Lesen meines eigenen Namens genauso erging. Ich spiele eine Rolle in der Gesellschaft, dachte ich. Man will mich aus dem Weg räumen.”

Es ist herrlich, diese ausufernden bescheidenen Selbstbeschreibungen zu lesen – nicht zu vergessen der Verweis auf das Wikipedia Profil, wo sich weitere Details zu seiner politischen Karriere nachlesen lassen.

Doch nach und nach bekommt das Bild Risse und beginnt zu bröckeln. Auch wenn er sich noch so sehr bemüht seine Frau zu beobachten und sich völlig natürlich zu geben, bleibt der erfolgreiche Beweis für das Fremdgehen doch aus. Die Selbstmordankündigung seiner Eltern führt letztlich zu einer völligen Überforderung, passt dies doch gar nicht in das Bild, das Robert Walter in der Öffentlichkeit von sich geben will. Immer mehr verliert er die Kontrolle um die Menschen und die Welt um sich herum und wird plötzlich nicht mehr zum Agierenden, sondern zum Reagierenden, der versucht sein Leben zusammenzuhalten.

Je stärker er sich in die Ecke gedrängt sieht, desto mehr verändert sich auch der Erzählton Herman Kochs. Vorbei mit der selbstgefälligen Jovialität, Zweifel und Sorgen übernehmen die Geschichte und verdeutlichen, wie stark die Ereignisse doch an seinem Ego kratzen.

Herman Koch zeichnet das Psychogramm eines Mannes nach, der alles verliert, dessen Leben völlig aus dem Ruder läuft ohne dass er sich dagegen wehren könnte. Dabei streift er ganz nebenbei aktuelle gesellschaftliche Themen wie den Zerfall von Familien, Vorurteile gegenüber Ausländern, Sterbehilfe oder auch den sensationsgierigen Boulevard-Journalismus. Was Koch so gelingt, ist Komik und Unterhaltung mit ernsthaften Themen zu verbinden und dabei Figuren zu schaffen, die mitten aus dem Leben zu kommen scheinen und in denen man sich auch als Leser wiederfinden kann. Aus dem Graben, in den man möglicherweise ob kleinerer Verfehlungen zu stolpern droht, wird der Abgrund, der sich plötzlich vor einem auftut, wenn man das Maß überspannt und der wenig Raum für Alternativen lässt – aber so auch ein Neuanfang sein kann.