Emmanuel Carrère – Brief an eine Zoowärterin aus Calais

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Emmanuel Carrère – Brief an eine Zoowärterin aus Calais

Wie berichtet man über einen der schlimmsten Schandflecken in der Europäischen Union mit einem objektiv-neutralen Blick? Der französische Autor Emmanuel Carrère will sich aufmachen nach Calais, um dort aus dem berüchtigten „Jungle“ zu berichten, in dem tausende Flüchtlinge hausen und tagtäglich die gefährliche Überfahrt nach England wagen. Noch bevor Carrère seine Reise anritt, erhält er einen Brief von Marguerite Bellefille, vorgeblich einer Zoowärterin aus Calais, die sein Vorhaben kritisiert und infragestellt. Dies nimmt er als Ausgangspunkt, um ein Bild der Bewohner zu zeichnen, jener Menschen, die in unmittelbarer Nachbarschaft des europäischen Versagens leben.

Entstanden ist ein Bericht, der die Sorgen und Ängste der Menschen ernstnimmt, ihnen eine Stimme verleiht und den moralischen Zwiespalt aufzeigt. Calais liegt in einer wirtschaftlich schwachen Region, der größte Arbeitgeber hat schon lange die Tore geschlossen und nach dem Bau des Eurotunnels ist auch die Bedeutung des Hafens nach und nach zurückgegangen. Die alten Bewohner haben keine Perspektive, ihre Kinder suchen das Glück anderenorts und durch den schlechten Ruf des Flüchtlingslagers sind ihre Häuser wertlos geworden; ein Verkauf nicht nur unrentabel, sondern unmöglich. Dass der Front National hier leichtes Spiel hat, ist offenkundig und sogar nachvollziehbar. Einzige Einnahmequelle der Hotels nicht mehr die Sommergäste, sondern die Journalisten, die über die Misere berichten.

Carrère setzt sein Vorhaben um, er fokussiert nicht das Lager in seinem Bericht, die Begründung ist einleuchtend:

Ich werde von diesem Besuch hier nicht erzählen. Ich habe es versucht, aber es schluckt alles andere. Es nimmt sofort zu viel Raum ein, man kann es nicht in die Grenzen von ein paar Absätzen zwängen.

Nichtsdestotrotz sind sie immer da, die Bewohner des Jungles, sie sind die Kulisse vor der sich der Alltag abspielt, sie bestimmen den Rahmen und Inhalte seiner Gespräche, denn außer ihnen gibt es kaum mehr etwas zu berichten. Not und Leid der Geflüchteten sind offensichtlich, doch es gibt einen Unterschied zwischen ihrer Situation und der der Bewohner von Calais:

Die Lage eines kleinen Weißen, der in Beau-Marais von Sozialhilfe lebt, ist weniger prekär, aber in gewisser Weise verfahrener und endgültiger, und ich frage mich, ob nicht das mehr oder weniger bewusst der eigentliche Grund für sein Ressentiment ist.

Vieles ist objektiv nicht beleg- oder nachprüfbar, sondern wird von Emotionen geleitet:

Die gefühlte Unsicherheit – gefühlt, so wie man von gefühlter Kälte spricht –, wird je nach Gesprächspartner unterschiedlich angegeben. Doch selbst Leute wie meine Pierre Rabhi lesenden Freunde, die aus ideologischen Gründen dazu neigen sie herunterzuspielen, geben zu, dass eine bedrohliche Atmosphäre auf der Stadt laste.

Sind nicht nur die Geflüchteten ignoriert und vergessen, sondern auch Calais als Stadt? Es scheint so.

Inzwischen hat sich die Lage verändert, der Jungle wurde geräumt und die Bewohner umgesiedelt. Die Einwohner Calais‘ sind geblieben, vielleicht weniger bedroht, aber genauso perspektivenlos. Carrère gelingt ein Portrait einer verlorenen Stadt wie es viele in Europa gibt und deren Bewohner maßgeblich durch ihre prekäre Lage das europäische Projekt bedrohen.

Mascha Dabić – Reibungsverluste

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Mascha Dabić – Reibungsverluste

Ein normaler Morgen und schon wieder ist Nora zu spät dran. Sie wird wieder nicht pünktlich zur Arbeit erscheinen, einmal mehr. Dabei geht ohne sie nichts, denn sie ist die Dolmetscherin, die den Geflüchteten eine Stimme bei den Therapeuten verleiht, ihre Geschichten in verstehbare Worte verwandelt. Dabei versteht sie manchmal ihr eigenes Leben nicht. Ihre Zeit in Russland, die überstürzte Flucht nach Wien. Sie muss neutral bleiben, auch wenn sie von schlimmen Gräueltaten hört. Sie darf nicht kommentieren, auch wenn sie die Methoden der Therapeutin seltsam findet. Sie muss die Balance finden zwischen dem wörtlich Gesagten und dem Gemeinten. Und nebenbei das Chaos in ihrem eigenen Leben ordnen. Den ganzen Tag spricht sie, aber es sind nicht ihre Worte, denn das, was sie bewegt, bleibt in ihr und findet keinen Weg, in Worte gefasst zu werden.

Die Flüchtingsthematik ist nach wie vor aktuell und bestimmt die Nachrichtenlage. Zunehmend wird das Thema auch literarisch aufgegriffen und verarbeitet. Meist stehen die Geflüchteten selbst im Zentrum, wie etwa in Jenny Erpenbecks „Gehen, Ging, Gegangen“, Shida Bazyar „Nachts ist es leise in Teheran“, Mohsin Hamids „Exit West“ oder in Abbas Khiders „Ohrfeige“. Diejenigen, die Mitten in diesem Prozess sind, aber hinter den Kulissen arbeiten, bleiben weitgehend auch literarisch im Hintergrund. Mascha Dabić verleiht einer Dolmetscherin eine Stimme und schildert in ähnlicher Weise die seltsame Zwischenstellung, die diese einnehmen, wie auch Shumona Sinha in „Erschlagt die Armen“.

Nora ist keine Heldin und kein Mensch, der sich der guten Sache wegen aufopfert. Das Dolmetschen hat sie nach der Rückkehr zu ihrem Beruf gemacht. Was ich sehr gelungen fand, war, dass innerhalb des Romans nebenbei mit gängigen Fehlern aufgeräumt wird, wie etwa der Tatsache, dass übersetzen und dolmetschen keine Synonyme sind, sondern zwei unterschiedliche Tätigkeiten und dass es unmöglich ist, wörtlich zu übersetzen, da dies oftmals keinen Sinn ergeben würde. Sie beschreibt das Dolmetschen als einen

„alchemischen Prozess, im Zuge dessen das Gesagte in einer bestimmten Wortkombination durch den Gehörgang in ihren Kopf eindrang und in einer anderen Form, möglichst unbeschadet und so wenig wie möglich durch Reibungsverluste in Mitleidenschaft gezogen, durch den Mund wieder verließ. Der etwaige Schaden, den der Kanal, also Noras Kopf, durch diese Transaktion möglicherweise nahm, interessierte nicht. Reibungslos sollte die Kommunikation ablaufen,”

An den russischen Beispielen zeigen sich immer wieder die Problematiken der Translationswissenschaft und wie viel kulturelles und gesellschaftliches Wissen es erfordert, das Gesagte tatsächlich zu verstehen und angemessen in der anderen Sprache wiederzugeben. Allein für diese Leistung hat der Roman schon eine Beachtung verdient.

Aber auch die Figurenzeichnung ist für mich sehr überzeugend. Nora ist nicht eindimensional, sondern gebrochen und vielschichtig. Manchmal genügt ihr auch nicht eine Sprache, um ihren emotionalen Zustand zu erfassen. Dabei verharrt sie nicht passiv und liefert sich aus, sondern unternimmt durchaus Versuche, ihr Leben emotional und organisatorisch zu sortieren. Sie ist in mancherlei Beziehung sehr typisch für ihre Generation, die Menschen um die 30, die kosmopolitisch denken und leben und sich dadurch verlieren.

Daneben die Geschichten der Geflüchteten, kleine Einblicke in ihr Leben vor der Ankunft in Deutschland, in Denkstrukturen und Ordnungsmuster, die uns völlig fremd sind und in die Schwierigkeit, sich in einem fremden Land ein Leben aufzubauen, das immer droht durch einen ablehnenden Asylbescheid von heute auf morgen beendet zu werden.

Ein beachtenswerter Roman, der einen anderen Blick auf das vorherrschende Thema der Jahre 2015 bis 2017 wirft.