Michael Nast – #egoland

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Michael Nast – #egoland

Ein Bekannter hat sich das Leben genommen. Eigentlich hatten sie schon lange keinen Kontakt mehr, aber er hat Michael Nast das Manuskript seines Romans mit der Bitte, dieses zu veröffentlichen, hinterlassen. Je tiefer Nast in die Geschichte eindringt, desto unbehaglicher wird ihm. Das, was da vor ihm liegt, ist nicht nur Fiktion, es ist die Dokumentation eines gemeinen Plans, der immer mehr Opfer forderte, zuletzt das des Schöpfers. Aus dem Spiel mit flüchtigen Bekannten hat Andreas Landwehr ein reales Szenario gemacht, hat sich selbst zum Autor und Regisseur aufgeschwungen und die Menschen wie Spielfiguren bewegt. Immer mehr hat es ihn fasziniert, wie sie ihm gehorchten, wie einfach sie zu manipulieren waren und ihm Glauben geschenkt haben. Doch plötzlich läuft sein Spiel nicht mehr wie vorgesehen, die Figuren agieren plötzlich anders, als er es geplant hat, und das Ganze nimmt einen verhängnisvollen Verlauf.

Michael Nast versucht in seinem Roman gleich mehrere Grenzen zu überschreiten. Nicht nur die Buch-im-Buch-Geschichte, die den Autor zum Erzähler macht und eine quasi Realität des Textes suggeriert, sondern auch die Verwischung zwischen realer und online Welt, zwischen echtem Sein und medial dargestelltem Ich wird thematisiert. Wer sind wir wirklich? Der Mensch in Fleisch und Blut oder das online Profil mit den ansprechenden Umgebungen und sympathischen Posen?

Für mich hätte es den etwas zu sehr künstlich wirkenden Rahmen mit dem Manuskript des angeblichen Freundes, der nun verstorben ist, nicht gebraucht. Die Story selbst hat genügend Potenzial, als dass man ihr den Anschein von Realität künstlich hätte konstruieren müssen.

Nimmt man nur diese Handlung – der Cameo des Autors wäre ihm ja gegönnt gewesen – hat diese durchaus einige interessante Facetten. Andreas‘ Manipulationen setzen an den Schwachstellen seiner Co-Figuren an. Er braucht sich noch nicht einmal besonders viel Mühe zu geben, um sie leicht zu lenken, mit ein wenig Zeit kann er dank ihrer online Profile und dem, was sie ihm zusätzlich beichten, genau die Schalter drücken, die sie zum Agieren in seinem Sinne veranlassen. Die Grundhaltung der unbestimmten Unzufriedenheit mit Beziehung, Job und Leben im Allgemeinen und dem Eindruck, dass andere immer mehr und tollere Sachen erleben als man selbst, ist ja inzwischen so verbreitet, dass man keinerlei Schwierigkeiten hat, sich vorzustellen, dass die Ereignisse tatsächlich so hätten stattfinden können. Ebenso die Tatsache, wie schnell sich ein recht vollständiges Bild eines Menschen über seine Bewegungen im Internet erstellen lässt.

Dadurch, dass der Verlauf sich langsam zuspitzt und man ja letztlich weiß, wie es endet, entsteht auch eine gewisse Spannung, da man gebannt auf den großen Knall wartet. Auch hier die kurze Nebenhandlung des Berliner U-Bahn-Treters – ein wenig zu viel gewollt und zu dick aufgetragen für meinen Geschmack.

Alles in allem aber eine durchaus lesenswerte Geschichte, die vor allem durch die recht authentisch wirkenden Figuren überzeugt. Ein wenig übers Ziel hinausgeschossen, aber sieht man darüber hinweg, gute Unterhaltung.

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François-Henri Désérable – Un certain M. Piekielny

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F.-H- Désérable – Un certain M. Piekielny

François-Henri Désérable begibt sich auf Spurensuche. Anlass ist ein gewisser Herr Piekelny, der in Hausnummer 16, der Grande-Pohulanka in Vilnius gelebt haben soll als dort auch ein gewisser Roman Kacew, später Romain Gary, wohnte. In seinen Bemühungen etwas über diesen Mann herauszufinden wälzt er unzählige Archive und durchforstet auch das Werk Garys, fährt wiederholt nach Vilnius und an die anderen Lebensorte Garys. Doch irgendwie scheint der Mann ein Phantom zu sein oder er ist schlichtweg einer der unzähligen Juden, die im Ghetto während des Zweiten Weltkrieges den Tod gefunden haben. Womöglich hat er aber auch nie existiert, sondern bleibt eine Erfindung von Romain Gary alias Roman Kacew alias Émile Ajar alias Fosco Sinibaldi etc. etc. etc.

„Un certain M. Piekielny“, der dritte Roman von François-Henri Désérable ist literarisch schwer zu fassen. In einer Weise ist es eine Art Biographie Romain Garys, und auch jede des ominösen Herr Piekielny. Zugleich ist es die Lebensgeschichte des Autors selbst, der eigentlich eine Karriere als Eishockeyspieler geplant hatte und darin auch recht erfolgreich war. Und es ist die Geschichte der litauischen Juden, des Landes zwischen Nazireich und Sowjetunion. Nicht zuletzt auch die große Frage, was ist Realität, was ist Literatur und inwieweit erfinden wir unsere Realität. Es verwundert nicht, dass der Roman daher den sogenannten „Grand Chelem“ 2017 macht, d.h. er ist für alle sechs großen französischen Literaturpreise nominiert: Prix Renaudot, Prix Goncourt, Prix Médicis, Prix Femina, Prix Interallié und Grand Prix du roman de l’Académie Française.

Der Roman entbehrt nicht einer gewissen Situationskomik, die Désérable in wahrlich unterhaltsamer Weise umzusetzen vermag. Sein erster Aufenthalt in Vilnius, bei dem eine Katastrophe die nächste jagt, ist voller Selbstironie und trockener Schicksalsergebenheit ob der chaotischen Umstände. Das allein lässt den Roman schon all die Beachtung verdienen, die man ihm im Literaturbetrieb schenkt. Viel interessanter wird das Buch jedoch bei den Überlegungen dazu, wie das Leben Piekielnys und auch Garys hätte sein können, was sie womöglich zugetragen hat. Désérable legt ihnen Wörter in den Mund, die vermutlich nie so gesprochen wurden – aber sie hätten so gesagt werden können. Die Vermischung von Wahrheit und Fiktion gelingt ihm auf ganz selbstverständliche Weise als wäre dies das Normalste überhaupt. Genau so war auch Gary der Schöpfer von Figuren und von Menschen – unvergessen das Drama um den doppelt erhalten Prix Goncourt – laut Statuten unmöglich. Es bleibt am Ende zu sagen:

Voilà, dis-je, on est réduit à le croire, ou non. Il se peut qu’il l’ait fait, mais il ne se peut aussi qu’il ait inventé cette histoire. (Pos. 1936)

Désérable müht sich selbst um die Beantwortung der Frage, was real ist und was fiktiv und was man als Schriftsteller darf oder nicht. Sind Lügen nicht auch nur subjektive Varianten der Realität? Wer hat das Recht, darüber zu bestimmen, was die wirkliche Wahrheit und Realität ist? Im Falle des M. Piekielny, den es gab oder auch nicht, ist es vielleicht auch alles ganz anders. Womöglich ist er einfach ein Symbol für all die Juden, die in Vilnius unter der Schreckensherrschaft ums Leben kamen. Und dann ist es letztlich auch egal, ob die Details sich auf diese oder jene Weise zugetragen haben.

Ein in jeder Hinsicht beachtenswerter und außergewöhnlicher Roman, von dem man sich nur wünschen kann, dass er dem deutschen Publikum auch zugänglich gemacht wird.