Buchmesse Frankfurt 2017 – die zweite

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Der Buchmessefreitag stand ganz unter dem Motto Autoren politisch und Bloggerveranstaltungen.

Im Ehrengastpavillon fand am 13.10. ein sogenanntes European Lab Forum statt, bei dem die Rolle von Kultur und Wissen als Mittel zur Wiedererfindung der demokratischen Idee Europas diskutiert bzw. eher betont wurde (schöner ausgedrückt: arme de reconstruction massive au service de la reconquête démocratique et de la revalorisation citoyenne du projet européen/weapon of mass reconstruction for the democratic reinvention of the European project). Ziel der European Lab Foren ist von der passiven Beobachtung wieder in zur aktiven Unterstützung des europäischen Gedankens zu kommen. In Frankfurt gab es dazu 12 Veranstaltungen mit 35 Rednern. Ich hatte mir die mit dem Titel „Democratic crisis, emergency of literature“ angehört, bei der Négar Djavadi, Gaël Faye, Kamel Daoud und Patrick Chamoiseau als Redner geladen waren. Alle vier schreiben auf Französisch, haben aber unterschiedlichen Migrationshintergrund und starke Bezüge auch zu außereuropäischen Ländern, nehmen also eine Zwischenposition ein. Viel Wichtiges und Richtiges wurde gesagt, am meisten hat mich dabei Négar Djavadi beeindruckt, deren Buch „Desorientale“ ich nun wirklich zeitnah lesen möchte. Insgesamt würde ich mir Seiten des Literatur- und Kulturbetriebs in Deutschland mehr politische Einmischung wünschen, in Frankreich ist das deutlich verbreiteter (was man auch daran sieht, dass beim European Lab keine deutschsprachigen Autoren waren).

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Auf der arte Bühne würde zusammen mit Leïla Slimani und Kamel Daoud ihr Film aus der Reihen „Durch die Nacht mit…“ vorgestellt, der morgen, am Sonntag 15.10. um 23:40 laufen wird. Beide sind als Vertreter maghrebinischer Kultur und Literatur Ausnahmen im französischen Literaturbetrieb und zudem als Journalisten mit den spezifischen Fragen rund um Migration und Gesellschaft beschäftigt. Zwei Autoren, die sehr viel zu sagen haben, was man sich durchaus anhören sollte.

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Speziell für Blogger hatten auch mehrere Verlage ein Programm im Rahmen der Buchmesse vorbereitet. Als erstes war ich bei Diogenes, wo man uns einen ausführlichen und sehr interessanten Blick auf das neue Programm gegeben hat. Viele reizvolle Bücher sind in Planung, z.B. wird Diogenes Katrine Engberg auf den deutschen Markt bringen und ein neuer Martin Suter ist angekündigt. Überraschend kam dann plötzlich Klaus Cäsar Zehrer zur Veranstaltung, der über die Entstehung seines Romans „Das Genie“ gesprochen hat.

Kiepenheuer & Witsch hatte für die Blogger eine kleine Gesprächsrunde mit Dagmar Ploetz organisiert, die Gabriel García Márquez Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ neuübersetzt hat. Sie hat viel über die Arbeit eines Übersetzers, auch die Entwicklungen der letzten Jahre und zu Gabriel García Márquez im spezielle berichtet.

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Abschließend hatte Random House noch zur Happy Hour auf der Buchmesse geladen. Der Stand war mit Autoren, Lesern und Verlagsmitarbeitern gut gefüllt und die Stimmung feucht-fröhlich.

Da für mich die Buchmesse damit zu Ende gegangen ist, noch ein Fazit zu zwei Aspekten: Begleitung der Buchmesse im Feuilleton und natürlich Gastland Frankreich.

Etwas enttäuschend fand ich die diesjährigen Literaturbeilagen. Dieselben 4-5 großen Namen französischer Autoren, die auch aktuell bei den großen deutschen Verlagen erscheinen wurden überall besprochen. Außer Houellebecq, Slimani oder Reza fand sich quasi nichts zu entdecken oder was abseits des Mainstreams noch lesenswert wäre. Eine rühmliche Ausnahme bildet jedoch die F.A.Z., die nicht nur sehr ausführlich die aktuelle französische Literatur unter die Lupe genommen hat, sondern auch einen Blick auf die noch nicht übersetzten Bücher, die gerade in Frankreich in aller Munde sind, geworfen hat. Interessant in diesem Zusammenhang ein Artikel in Le Monde, weshalb deutsche Autoren in Frankreich so wenig gelesen werden, hier ist nämlich grade die Diskussion um die Qualität der Übersetzungen entbrannt.

Frankreich als Gastland war meiner subjektiven Empfindung nach einfach überwältigend. Ich glaube so viele hochkarätige Vertreter waren selten bei der Buchmesse präsent und auch das Programm abseits der Messe in und um Frankfurt kann man kaum überbieten. Der Pavillon ist eher eigenwillig gestaltet – zugegebenermaßen wird vermutlich kein Land den Auftritt von Island vor einigen Jahren toppen können – auf den Bühnen waren aber facettenreiche und interessante Veranstaltungen und Gespräche, die auch richtig Lust auf die französische Literatur machten. Die Verkündigung der 2e  Sélection für den Prix Goncourt durch die Jury war hierbei auch deutlicher Ausdruck für den Stellenwert, den man bei unseren Nachbarn der Gastland-Rolle zugesprochen hat.

Buchmesse Frankfurt 2017 – Tag 1

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Heut ganz im Zeichen von interessanten Interviews. Nachdem ich ein wenig über die Messe geschlendert war und den riesigen Asterix

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bewundert hatte, ging es schon zu einem großen Highlight der Messe: der Bekanntgabe der 2e Sélection du Prix Goncourt 2017.

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Bernard Pivot hat das Publikum nicht lange warten lassen und recht flott die Finalisten verkündet, die danach folgenden Interviews vor allem zu den Fragen, was der Gewinn des Preises verändert hat, waren sehr interessant und vor allem Leïla Slimani kam unheimlich sympathisch rüber. Auf dem Foto schlecht zu erkenne sind die ganzen Berühmtheiten, unter anderem Philippe Claudel, Tahar Ben Jelloun, Jérôme Ferrari, Leïla Slimani, Eric-Emmanuel Schmitt, Virginie Despentes u.a.

Danach ging es zum blauen Sofa, auf dem Ayelet Gundar-Goshen interviewt wurde. Sie sprach über die Hintergründe zu ihrem aktuellen Buch „Lügnerin“, ihre Erfahrungen als Therapeutin mit dem Thema Lügen und über den leider in Israel sehr verbreiteten Machismo, der es Männern erlaubt, im Falle der Beschuldigung eines sexuellen Übergriffes einfach die Frau als Lügnerin abzustempeln, was ihnen auch geglaubt wird.

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Direkt im Anschluss folgte Emmanuel Carrère, der ebenfalls über die Entstehung seinen aktuellen Romans „Brief an eine Zoowärterin aus Calais“ berichtete. Er nimmt dort einen ganz anderen Blick auf die Flüchtlingskrise, indem er den Bürgern von Calais, die über Jahre den Jungle vor ihrer Haustür ertragen mussten, eine Stimme verleiht. Er selbst schien schwer beeindruckt von seinem Besuch in dem illegalen Lager.

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Auf Édouard Louis war ich besonders gespannt. Das kurze, nicht einmal 20 Minuten dauernde Gespräch mit ihm, war viel zu kurz für all das, was der junge Autor zu sagen hatte. Beeindruckend seine offene Kritik am Literaturzirkus, der sich für besonders offen und progressiv hält und dennoch weite Teile der Bevölkerung gar nicht wahrnimmt. Erschreckend auch seine Erlebnisse mit der Presse nach dem Erfolg seines ersten Buches, ein Emporkömmling, den es so nicht hätte geben dürfen. Aus diesem Grund sind viele seiner Romane auch gar nicht fiktiv, sondern autobiografisch – in den Medien wird genug erfunden, sagt er, da kann wenigsten die Literatur die Wahrheit liefern.

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Zum Abschluss des Tages eine ähnlich starke und drastische Stimme Frankreichs: Virginie Despentes. Erwartungsgemäß deutliche Worte findet sie für die französische Gesellschaft und ihren offenen Rassismus und Ausgrenzung gegenüber nicht nur Fremden und zunehmend auch wieder Juden, sondern auch Homo- und Transsexuellen. Mit ihrem Protagonisten Vernon Subutex hat sie bewusst einen weißen Mittelschichtenmann gewählt, da sie diesen in der Krise sieht und in der Rezeption in Frankreich wurde auch ihre Vermutung bestätigt, dass das Publikum gegenüber einem maskulinen Protagonisten deutlich gnädiger ist als bei Frauen, die ein vergleichbares Schicksal erleben.

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Bevor es mich wieder in die Bahn nach Hause trieb hätte ich gerne noch die Container-Wohnung des Kein & Aber Verlags besucht, aber da hatten leider nur geladene Gäste Zugang. Freitag geht es nochmals hin, ich bin gespannt, was mich dann erwartet.

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