Nadja Spiegelman – Was nie geschehen ist

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Nadja Spiegelman – Was nie geschehen ist

Die Geschichte ihrer Familie, genauer gesagt, die Geschichte ihrer Mutter und ihrer Großmutter hat Nadja schon immer fasziniert, zu viele weiße Stellen, Ungereimtheiten und unglaubliche Begebenheiten hat sie gehört, weshalb sie als Erwachsene beginnt, nachzufragen, zu forschen und sie aufzuschreiben. Entstanden ist das Bild einer Frau, die nie geliebt wurde, die Außenseiterin in der eigenen Familie war und früh die Flucht ergriffen hat. Doch es gibt auch eine andere Seite, die Geschichte der Großmutter, die ebenfalls unter ihrer eigenen exzentrischen Mutter gelitten hatte. Mehrere Generationen Frauen, die nie ausgesprochen haben, was geschehen war und sich nun in diesem Buch ihrer Vergangenheit stellen.

Nadja Spiegelman ist die Tochter von Art Spiegelman, der seinerseits für „Maus“ den Pulitzer Prize gewonnen hat, einem Comic, der ebenfalls die Familiengeschichte erzählt. In diesem Kontext ist es nicht mehr ganz so verwunderlich, dass eine junge Frau eine doch schmerzliche Biographie ihrer Mutter vorlegt, die noch lebt und sich ihrer eigenen Geschichte stellen muss. Dadurch, dass Spiegelman die Lebensgeschichte mit ihrer eigenen verwebt, zeigt sie immer wieder Parallelen zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart auf, die auch durch unterschiedliche Länder und Zeiten stabil sind.

Vieles in Spiegelmans Familiengeschichte ist auch für den Leser schmerzlich und man fragt sich, wie Familienmitglieder auf diese Weise miteinander umgehen können. Vor allem das wiederkehrende Motiv der Mütter, ihre Töchter auf ihr Aussehen und ihre Essgewohnheiten zu reduzieren ist augenfällig. Auch die Dichotomie zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, wenn es um den Körper geht, fand ich eher seltsam gelöst in der Familie, was auch zu erheblicher Unsicherheit der jungen Frauen führte. Vor allem Françoise leidet unter der Ablehnung und fehlenden Zuneigung ihrer Mutter. Die ältere Schwester wurde immer bevorzugt, was die jüngere durch extreme Leistungen versucht zu kompensieren, um so Aufmerksamkeit zu erringen.

Ein weiterer Aspekt der Erzählung schwebt über dem gesamten Bericht und stellt vieles immer wieder in Frage: wie historisch korrekt sind die Erinnerungen, die die Menschen haben? Haben sich die Ereignisse wirklich so zugetragen oder wird durch die Zeit und die eigene Perspektive das Erlebte verfälscht und fügt sich zu einem stimmigen Bild, das womöglich gar nicht der Realität entspricht? Immer wieder steht Nadja vor diesem Problem: Einzelne Aspekte passen zeitlich und örtlich nicht, das Gesamtbild ist nicht stimmig und Mutter und Großmutter erinnern dasselbe Ereignis gänzlich verschieden. An dieser Stelle stritt Erzählen an Erinnern – dies kann versöhnen und das eigene Leben für die jeweilige Person erträglicher machen.

Birgit Müller-Wieland – Flugschnee

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Birgit Müller-Wieland – Flugschnee

Eine Familie voller Geheimnisse, die alle an einem Tag zwanzig Jahre zuvor plötzlich offenlagen, einem Tag mit Schneefall, ein Tag voller Freude für die Kinder und voller Schrecken für die Erwachsenen. Das Verschwinden ihres Bruders Simon lässt Lucy zurückdenken an jenen Tag, an dem seltsame Besucher das Haus ihrer Großeltern aufsuchten. Helene, die Großmutter, schon von Demenz gezeichnet, aber in manchen Momenten doch klar in der Erinnerung an das, was in den Kriegstagen geschah, als sie noch ein Kind war. Lorenz, der seine Frau mit Sorge beobachtet und immer wieder in seinem eigenen Haus an der Galerie der Bilder vorbeigeht und so manches nicht versteht, was er und Helene damals erlebten. Arnold, Lucys und Simons Vater, der beruflich hadert und eine Entscheidung bezüglich eines Geheimnisses treffen muss, von dem er zufällig Kenntnis erlangte. Vera, die Mutter, die wegen anhaltender Übelkeit nicht direkt mitkam zu den Großeltern, doch sie hat sich nicht nur den Magen verstimmt. Was sie an diesem Tag wirklich bewegte, wird sie erst Jahre später offenbaren. Und dann kommen die Besucher mit einem Erinnerungsstück.

Es schneit an dem unheilvollen Tag, sogenannter Flugschnee, der besonders fein ist und dadurch auch ins Haus eindringen kann. Ähnlich wie dieser feine Schnee, der nicht durch seine Masse unmittelbar erdrückt, sondern leicht ist und hübsch anzusehen, in seiner Konsequenz aber schwere Folgen haben kann, so sind auch die Geheimnisse und Erinnerungen der Figuren. Sie können sie über Jahre verdrängen, ignorieren, doch sie sind da und beharrlich dringen sie ein, bis der Schaden offenkundig wird. Schnee ist kalt, bietet keine Wärme, ist man ihm schutzlos ausgeliefert, kann er töten. Dieses Bild begleitet den Roman, ebenso wie Lucys Erinnerungen an ihren Bruder, ihre Familie und ähnlich wie beim Schneetreiben ist auch ihr Blick noch getrübt und erlaubt keine klare Sicht auf die Vergangenheit und die Zukunft:

„Diese Weihnachten, damals.

Ich weiß vom Schnee, und daß danach nichts mehr war wie zuvor.

Weiß ich das wirklich? Oder haben sich Gefühle von anderen – deine oder die unserer Eltern, Großeltern – in meinen Kopf gelegt und geben sich als meine aus?

Oder werde ich einfach ein bißchen wahnsinnig?“

Der Roman ist nicht mit einem großen Spannungsbogen aufgebaut, auch wenn zu Beginn schon das Verschwinden Simons thematisiert wird und man sich fragt, was geschehen sein mag, lebt er nicht von dieser übergreifenden Frage. Dennoch schafft die Autorin einen Sog, der einem weiterlesen lässt; je mehr man von den Figuren erfährt, desto mehr will man über sie und ihre Vergangenheit und ihre Geheimnisse wissen. Trotz des unaufgeregten Tons, der fehlenden dramatischen Ereignisse, die die Handlung voranpeitschen würden, wird man mitgerissen von dieser Familiengeschichte. Doch ebenso wie Lucy muss sich auch der Leser fragen, ob er, trotz der Kenntnis um viele ihrer Geheimnisse, wirklich hinter ihre Fassaden blicken kann:

„Aber das Bohrende blieb: Die Frage, wer du eigentlich bist.

Ob wir je etwas von dir gewußt haben.

Was das für ein Mensch war, der neben uns gelebt und so viel vor uns verborgen hatte.“

Diese Frage muss man sich auch in der eigenen Welt stellen. Was weiß an von den Menschen der eigenen Familie? Welche Dinge tragen sie in sich, verborgen vor den anderen? Die sie bewegten und immer noch bewegen und die lange unter der Oberfläche verborgen bleiben. Birgit Mülle-Wielands Roman stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2017, was diese Geschichte mit dem unscheinbaren Cover, das doch ganz hervorragend gewählt ist, sowohl aufgrund der Konstruktion wie auch der sprachlichen Umsetzung vollends verdient hat.

Elena Ferrante – Die Geschichte eines neuen Namens

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Elena Ferrante – Die Geschichte eines neuen Namens

Die Geschichte um Elena und ihre Freundin Lila geht weiter, nachdem die beiden Mädchen die Kindheit hinter sich gelassen haben, inzwischen 16 sind, kommen die schweren Jugendjahre und der Weg des Erwachsenwerdens. Elena besucht weiterhin die Schule, die ihr mal mehr mal weniger Freude macht, langsam ihren Weltblick verändert und sie zunehmend vom Rione entfernt. Für das Studium geht sie sogar nach Pisa, was den endgültigen Bruch mit ihrer Heimat bedeutet. Aus der Ferne beobachtet sie die Entwicklung Lilas, die früh heiratete und dann in einer unglücklichen Ehe feststeckt. Das Leben ist ein täglicher Kampf mit ihrem Mann aber auch ihrem eigenen Jähzorn. Die Aufgaben einer Ehefrau erfüllt sie nicht, insbesondere wird sie nicht schwanger. In die Geschäfte ihres Mannes mischt sie sich immer wieder ein, wie es ihr gerade in den Sinn kommt. Die Wankelmütigkeit der Kindheit setzt sich fort und letztlich riskiert Lila alles, wovon sie eigentlich geträumt hatte.

Nach dem begeisternden ersten Band waren die Erwartungen hoch an den Fortlauf der Geschichte. Immer noch gefällt mir Elena Ferrantes Erzählstil unheimlich gut. Man taucht ein in das Leben des neapolitanischen Vorortes der 50er/60er Jahre und erlebt die Geschehnisse durch Elenas Augen. Die Handlung bleibt in diesem Teil überschaubar. Rund um Elena wird vieles gerafft und zusammengefasst, was ich etwas schade finde, auch ihre Erlebnisse als Studentin hätten mich interessiert, gerade die Anpassungsschwierigkeiten als Mädchen aus einfachen Verhältnissen, die plötzlich von der Intelligenzija umgeben ist, wäre durchaus lesenswert gewesen. Dies wird aber nur in wenigen Sätzen angerissen. Auch das Buch, das sie schreibt, hätte für meinen Geschmack mehr Raum einnehmen dürfen.

Es bleibt daher die Geschichte von Lila. Die pompöse Hochzeit und der folgende Absturz. Die Prügeleien des Gatten – die erschreckenderweise niemanden wirklich stören, denn das scheint der Alltag aller Frauen zu sein. Immer wieder rafft sie sich auf, nimmt ihr Leben in die Hand, wird erfolgreiche Geschäftsfrau, aber es bleibt ihr schwierigster Charakterzug: wenn sie sich für etwas begeistert, gibt sie all ihr Herzblut und Energie, aber sobald sie bekommen hat, wovon sie träumte, ist der Reiz weg und sie wirft ohne zu zögern alles hin. Dies ist eine gewisse Konstanz in ihren sonst eher unstetigen Leben. Großen Raum in der Erzählung nimmt ein Sommer auf Ischia ein, in dem sich Lila verliebt und sieht, was aus ihr auch hätte werden können. Sie empfindet es zunächst als Liebe, aber letztlich war auch Nino nur etwas, das jemand anderes – Elena in diesem Fall – hätte haben können und das sie ihr nicht gönnt.

Gut gefallen haben mir Ferrantes Wechsel in der Erzählgeschwindigkeit. Mal vergehen die Jahre wie im Flug, wenn Elena augenscheinlich vor Arbeit und Lernerei gar nicht merkt, wie die Zeit verfliegt, und dann wieder fast minutiös zu berichten, wir der Sommer am Meer vergeht, der auch in der Wahrnehmung der Figuren viel langsamer verläuft. Der Kontrast der Mädchen, ihr heimlicher Kampf darum, mehr zu erreichen und besser zu sein als die andere und eigentlich nicht zu wissen, was sie im Leben wollen, was ihnen wichtig ist und welcher Sieg am Ende wirklich etwas wert ist, dies ist der für mich interessanteste Aspekt der Lektüre. Auch die schwierigen Beziehungen der Figuren untereinander, Elena zu ihrer Familie, aber besonders auch die mafiösen Strukturen im Ort, haben ihren erzählerischen Reiz. Leider kommt es im zweiten band etwas zu Längen und bisweilen hatte ich den Eindruck, dass sich vieles im Kreis dreht und nicht recht voran geht, daher ein kleiner Abzug für die durchaus gelungene Fortsetzung der Saga.

Marcia Zuckermann – Mischpoke!

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Marcia Zuckermann – Mischpoke

Als Oberhaupt einer jüdischen Familie ist man Sorgen gewöhnt. So auch Samuel Kohanim zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Alle Buben starben schon kurz nach der Geburt, doch sieben Töchter wurden ihm geschenkt – ein Schelm wer an die sieben biblischen Plagen denkt; doch einfach sind sie wirklich nicht, die Mädchen, jede fordert die Eltern auf ihre Weise. Der Lauf der Geschichte – erster Weltkrieg, Weimarer Republik, Aufkommen der Nazis und schließlich die Anfänge der DDR – hinterlässt seine Spuren in der jüdischen Familie und ihren Nachkommen. Zwischen dem Versuch die jüdische Herkunft zu verschleiern, Heirat mit Christen und dem unbändigen Glauben daran, dass doch alles an einem selbst vorbeigehen wird, gehen die Töchter und ihre Kinder unterschiedlich mit den Gegebenheiten um. Immer wieder schlägt das Schicksal zu – doch vielleicht kann der Bann gebrochen werden und irgendwann auch einmal wieder Sonnenschein auf die Familie fallen, wenn auch erst Generationen später.

Marcia Zuckermanns Roman über die unsägliche Mischpoke, die Familie, verwebt sich geschickt mit den historischen Ereignissen im deutschsprachigen Raum. Die Repressalien, denen sich Juden ausgesetzt sahen vor, zwischen und während der Weltkriege und ihre unterschiedlichen Wege, sich mit der Situation zu arrangieren, finden Eingang in die Historie der Familie Kohanim. So ist der Familienroman auch ein Zeugnis der Zeit, der man durchaus auch mit Humor und Cleverness begegnete, um dem Schlimmsten zu entgehen.

Neben der Geschichte um die Töchter Kohanim, die aufgrund der verschiedenen Lebenswege und sehr individuellen Geschichten unterhaltsam zu lesen ist, kann der Roman allerdings viel mehr durch den Erzählton überzeugen. Mal lässt die Autorin ihre Figuren frei mit Berliner Schnauze parlieren, mal kommentiert der Erzähler mit ironisch-bissigem Ton die Vorgänge. Für mich tauschen hier typisch jüdische Elemente auf: vom skurrilen Personal über fast bösartigen Humor, der nicht zimperlich mit den Charakteren umgeht, bis hin zur jüdischen Lebenseinstellung, dass die Welt nun mal nicht das Paradies ist, man sich aber irgendwie damit arrangieren kann und man das Positive nur sehen muss. Chancen sind da, um sie zu ergreifen und manchmal schlägt das Schicksal eben zu. Aber das ist noch lange kein Grund, zu verzweifeln. Und so kann der Roman trotz der unsäglichen Ereignisse der Außenwelt unterhalten.