Eva Schmidt – Die untalentierte Lügnerin

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Eva Schmidt – Die untalentierte Lügnerin

Nachdem sie ihr Studium der Schauspielerei an den Nagel hängen musste und einen längeren Klinikaufenthalt hinter sich gebracht hat, kehrt Maren in die Wohnung ihrer Mutter und ihres Stiefvaters in die österreichische Provinz zurück. Planlos lebt sie zunächst in den Tag, bevor sie einen Job in einem Museum als Aufpasserin annimmt. Mit dem Hund geht sie spazieren. Lernt Menschen kennen, die jedoch irgendwie nur an den Rand ihres Lebens drängen und bald auch wieder verschwinden. Die Ehe ihrer Eltern kriselt und sie selbst entwickelt auch nur wenig Zukunftspläne. Es wird Winter und wieder Frühling, aber Maren blickt immer noch verloren auf ihr Leben.

Bereits 2016 war Eva Schmidt mit einem Roman für den Deutschen Buchpreis nominiert. Ebenso wie „Ein langes Jahr“ tat ich mich auch mit dem aktuellen Roman schwer. Die Geschichte liest sich leicht weg, genau darin liegt aber auch für mein Empfinden die große Schwäche: mir fehlt die Entwicklung ebenso wie das Tiefgründige. Ja, die Autorin beschreibt sehr intensiv die Natur, aber die Menschen erfasst sie dabei nicht.

Vermutlich trägt der triste Grundton des Romans zu meinem eher wenig berauschenden Eindruck bei. Die Protagonistin ist unzufrieden, nur leidlich ergreift sie die Initiative, um etwas zu verändern, aber eigentlich wartet sie eher darauf, dass die Veränderung zu ihr kommt und es wundert sie auch nicht, dass Menschen einfach so wieder aus ihrem Leben verschwinden. Die Familienkonstellation bleibt zu diffus, um Stoff für analytische Betrachtungen zu liefern. Ein Bruder in der Ferne mit seiner glücklichen Familie, der andere voller Liebeskummer und gescheitertem Studium zwar in der Nähe, aber ebenfalls abwesend. Die Mutter gescheiterte Künstlerin, die nun eher dem Alkohol zuspricht und scheinbar unter einer nicht behandelten Depression leidet und dann noch der Stiefvater, der sich grenzwertig aufdrängt und dann plötzlich flüchtet. Was soll man daraus machen? Auch das Ende reißt mehr Fragen auf als Antworten zu geben, wird hier etwas angedeutet, dass das Buch in einem anderen Licht erscheinen lässt oder doch nicht?

Mich hat der Roman nicht erreicht. Auch der Titel stellt mich immer noch vor ein Rätsel: Maren lügt unentwegt, wobei es sich eher um die keinen Alltagsausflüchten handelt, um sich nicht erklären zu müssen und das Gegenüber nicht zu verletzten – obwohl sie das in ihrer stumpfsinnigen Art bisweilen geradeheraus tut. Es bleibt am Ende große Ratlosigkeit.

Eva Schmidt – Ein langes Jahr

Roman, Rezension, Longlist, Deutscher Buchpreis
Eva Schmidt – Ein langes Jahr

Eine Siedlung am See. Sie könnte überall in Deutschland sein. Mehrere Hochhäuser, deren Bewohner sich gegenseitig beobachten, gelegentlich im Aufzug begegnen und manchmal ins Gespräch kommen. Benjamin hätte gerne einen Hund, doch seine Mutter ist dagegen. Herr Agostini kennt das Problem, nur ist es bei ihm die Ehefrau, die den Wunsch nicht teilt. Nachdem sie ins Pflegeheim muss, kann er sich seinen Traum endlich erfüllen und Benjamin kann ihn bei der Sorge um das Tier unterstützen, denn Herr Agostini auch ist auch nicht mehr gut zu Fuß. Karin lebt ebenfalls in einem der Häuser, auch Gloria und Marcel begegnen wir und so vergeht ein langes Jahr, in dem sich für viele der Bewohner ganz wesentlich etwas ändert. Manche leben am Ende des Jahres nicht mehr, andere haben neue Partner gefunden.

Eva Schmidt fängt in ihrem Episodenroman den Alltag in Deutschland ein. Normale Menschen wie Du und ich kommen darin vor mit ihren kleinen und großen Sorgen und Nöten. Mit Erwartungen an ihre Mitmenschen, de schwer enttäuscht werden, mit Hoffnungen aufs Leben, die ebenfalls keine Erfüllung finden. Das Jahr hat wenig Gutes für die Bewohner dieser namenlosen Siedlung vorgesehen, aber so ist das Leben, Unfälle, Krankheit und Süchte verhindern bisweilen das Glück. Immer wieder kreuzen sich die Wege der Figuren, mal kommt es zu sehr kurzen Begegnungen, mal entwickelt sich mehr daraus; manchmal sehen sie sich nur aus der Ferne, manchmal möchten sie sich gar nicht mehr sehen – ganz wie im echten Leben.

Der Roman ist für den Deutschen Buchpreis 2016 nominiert, es stellt sich die Frage, wie die Jury zu der Entscheidung kam, in auf die Longlist zu setzen. Sicherlich ist es der Autorin gelungen, die Realität sehr detailliert und unprätentiös einzufangen. Alle Figuren und Episoden wirken durch und durch authentisch und zeugen von einer großen Beobachtungsgabe. Allerdings führt dies für meinen Geschmack zu einer sehr schlichten Alltagssprache im Buch, die mir zu wenig poetisch ist, um eine solche Auszeichnung zu erhalten. Das Verweben der bisweilen sehr kurzen Begebenheiten gelingt der Autorin jedoch unglaublich gut. Erscheinen diese zunächst lose und zusammenhanglos, entsteht erst nach und nach ein Gesamtbild, in dem alle Figuren ihren Platz in einer komplexen Figurenkonstellation haben. Konstruktion und Realitätsnähe können für mich die Platzierung auf der Longlist rechtfertig, die sprachliche Umsetzung jedoch nicht.