Monika Maron – Munin oder Chaos im Kopf

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Monika Maron – Munin oder Chaos im Kopf

Eigentlich lebt Mina Wolf in einer ruhigen Berliner Straße, in der die Journalistin auch gut von zu Hause arbeiten kann. Seit einiger Zeit wird der Frieden jedoch erheblich durch eine Frau des Nachbarhauses gestört: lauthals singt sie auf ihrem Balkon und treibt mit ihrer krächzenden Stimme die anderen Anwohner langsam in den Wahnsinn. Auch Mina leidet darunter, muss sie doch fristgerecht einen Artikel über den 30-Jährigen Krieg für eine westfälische Kleinstadt verfassen. Kurzerhand entschließt sie sich ihren Rhythmus zu ändern und nun nachts zu arbeiten, da sie nur wenige Sozialkontakte pflegt, ist das nicht weiter problematisch und es soll ja auch nur für die Zeit dieser Arbeit sein. Die Lage verschlimmert sich zunehmend und als die Sängerin ihre musikalische Darbietung schließlich auch noch mit technischer Unterstützung verstärkt, droht die völlige Eskalation, denn man kann nichts gegen sie tun, die Frau ist krank und kann nicht anders. Mina droht langsam auch verrückt zu werden und dass sie sich nächtens mit einer Krähe, die sie Munin getauft hat, über die Menschen und Kriege philosophisch austauscht, bestärkt sie in dieser Ahnung nur noch mehr.

Die Berliner Autorin Monika Maron hat ihren Roman für die Hörbuchvariante selbst eingesprochen, was ich zunächst eher ungewöhnlich finde. Auch auf Lesungen habe ich schon wiederholt erleben müssen, dass gute Autoren nicht unbedingt auch gute Leser sind. Hier jedoch passt beides hervorragend zusammen und die Stimme der Autorin ist wie gemacht für die der Erzählerin Mina, man ist sogar schnell geneigt, beide für identisch zu halten, Wohnort und Beruf stimmen überein, darüber hinaus dürften die Parallelen aber vermutlich überschaubar bleiben.

„Munin oder Chaos im Kopf“ greift viele Alltagsthemen auf, die dem Leser oder Zuhörer gut bekannt sein könnten: das Zusammenleben in der Großstadt, die Eigenarten mancher Mitmenschen, die einem geradezu in den Wahnsinn treiben könnten, die Anonymität der Großstadt, aber auch aktuelle Themen wie die massenhafte Zuwanderung nach Deutschland 2015 und der dadurch aufkeimende Nationalismus mit all seinen absurden Zügen und Vorurteilen und ganz zentral die Frage, weshalb die Menschheit nicht aus der Geschichte lernt und von einem Krieg in den nächsten zieht. Aktueller könnte ein Roman kaum sein und doch wirkt nichts gezwungen oder konstruiert, sondern es fließt genau so wie dies auch im Alltag geschieht von einem Thema ins nächste, springt zurück und wendet sich etwas anderem zu.

Monika Marons Erzählerin erkennt in ihrer Arbeit über den 30-Jährigen Krieg Parallelen zu aktuellen politischen Lage und gewinnt zunehmend den Eindruck, dass Deutschland sich bereits in der „Vorkriegszeit“ befinde. Dies dürfte die vermutlich streitbarste Aussage des Romans sein. Die Zeichen stehen ohne Frage auf Sturm, gerade die letzten Wochen haben dies deutlich unterstrichen. Aber würde man der Erzählerin hier zustimmen? Man möchte es ganz sicher nicht glauben, aber die Erkenntnis, dass gerade in Deutschland sehr viel Zeit gewesen wäre, um den 2. Weltkrieg zu verhindern, wenn doch nur ein paar mehr Menschen mutiger gewesen wären, ist auch eine Tatsache und man möchte sich gar nicht vorstellen, in einigen Jahrzehnten vor einem Scherbenhaufen zu stehen und sich selbst Untätigkeit vorwerfen zu müssen. Auch Minas Dispute mit Munin bieten reichlich Anlass selbst den Gedanken nachzuhängen – ein Roman, der nachwirkt.

Yasmina Reza – Art

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Yasmina Reza – Art

Serge, Marc und Yvan sind schon lange befreundet und haben so manche schwierige Situation miteinander gemeistert, jetzt allerdings wird die Freundschaft auf eine harte Probe gestellt. Als der Ingenieur Marc den Arzt Serge zu Hause besucht, führt dieser ihm stolz seine neueste Errungenschaft vor: er hat ein Gemälde gekauft, einen echten Antrios! 200 000 Francs hat er dafür ausgegeben, aber sie lohnen sich ohne Frage. Marc teilt diese Einschätzung nicht ganz, denn als er das Bild betrachtet, sieht er nur eins: eine weiße Fläche. Ach, der Ingenieur ist einfach zu rational, um die feinen Linien in weiß zu erkennen. Marc bleibt bei seinem Standpunkt, Serge ist verärgert. Ihr Freund Yvan gerät zwischen die beiden, denn jeder möchte von ihm seine jeweilige Sichtweise bestätigt haben. Doch Yvan hat eigentlich ein ganz anderes Problem: seine Hochzeit steht kurz bevor und die Frauen der beiden Familien sind in Krieg ausgebrochen. Hier ist die Lösung für seine Freunde jedoch einfach: absagen, die Braut ist ohnehin die falsche für ihn.

Yasmina Rezas Theaterstückt „Art“ („Kunst“) ist zwar inzwischen fast 25 Jahre alt, aber noch genauso aktuell wie Mitte der 90er Jahre. Wie häufig bei ihr, ist das Setting nachrangig, eine durchschnittliche Wohnung, irgendwo in Paris, einmal mehr in der finanziell bessergestellten Oberschicht, die eigentlich die Konventionen von Contenance und Konversation beherrscht und sich auch vor Freunden keine Blöße gibt. Doch dies geht – wie so oft bei Reza – gehörig schief.

Im Zentrum steht die Diskussion um die Frage, was „Kunst“ ist und vor allem, was sie wert ist. Der Ingenieur Marc ist fassungslos, als er den Preis hört:

« Tu as acheté cette merde deux cent mille francs ? »

Serge weiß, dass es seinem Freund nicht leicht fällt, sich für Kunst zu interessieren, aber das Wort „Scheiße“ für sein neues Lieblingswerk nimmt er ihm dann doch übel. Yvan kann auch nur begrenzt vermitteln, er selbst ist eher indifferent gegenüber dem Gemälde und zu sehr mit seinen eigenen Sorgen belastet. Trotz der Versuche sich zurückzuhalten und die Sichtweise des anderen zu akzeptieren, eskaliert die Lage unweigerlich. Von dem einen Bild des Anstoßes hin zur Kunst im Allgemeinen wird die Diskussion irgendwann persönlich und damit sehr hässlich. Zuerst berichtet Yvan, dass er mit seinem Psychologen über seine beiden Freunde gesprochen hat, was diese sehr schlecht auffassen, bis sie bei den Partnerinnen landen und zum ersten Mal offen ihre Ablehnung zugeben.

Was höflich und freundlich mit kleinem Scherz beginnt, endet in der offenen Konfrontation, die sogar den Wunsch weckt, den anderen mit einem Faustschlag zum Schweigen zu bringen. Es ist dieser Kontorollverlust und das Hervorbringen der gut versteckten Gefühle und Meinungen, das Reza in ihren Werken immer wieder thematisiert und glaubwürdig umsetzt, etwas im „Gott des Gemetzels“ oder auch in „Babylone„. Man kann sich köstlich amüsieren dabei, wie sich die Figuren zerfleischen, um dann doch innezuhalten und sich selbst zu erkennen. Wie oft hat man doch der Freundschaft und des Anstands wegen seine Meinung nicht geäußert? Gibt es im intellektuellen Bürgertum überhaut echte Freundschaften, bei denen die Menschen ehrlich zu einander sind und sich nicht hinter Konventionen und Lügen verstecken? Ein meisterhaftes Lehrstück nicht nur über Kunst.

Philip Teir – So also endet die Welt

So also endet die Welt von Philip Teir
Philip Teir – So also endet die Welt

Der Sommer steht bevor und nach Jahren soll endlich mal wieder in die Familienhütte, abgeschieden an einem See gehen. Erik will dort den Stress der Arbeit vergessen, vor allem, dass er keine Arbeit mehr hat, was er seiner Frau Julia noch nicht gebeichtet hat. Diese will die Einsamkeit nutzen, um endlich an ihrem zweiten Buch weiterzuarbeiten. Tochter Alice und Sohn Anton sind zwiegespalten, es gäbe attraktivere Ziele, aber die finnische Natur hat ja auch ihre Reize. Alle vier haben große Erwartungen und Pläne für die zwei Monate, doch kaum einer davon lässt sich in die Tat umsetzen, denn vor Ort warten nicht nur alte Bekannte, sondern Probleme, die man gerne verdrängt hätte, lassen sich nicht länger verstecken.

Philip Teir konnte mich bereits mit seinem Debüt Roman „Winterkrieg“ überzeugen, ebenso wie dort fängt er auch in „So also endet die Welt“ die Nuancen der zwischenmenschlichen Beziehungen ein, lässt diese langsam eskalieren, ohne dafür das ganz große unerwartete Ereignis zu benötigen, sondern getreu dem Motto „Steter Tropfen höhlt den Stein“ ist irgendwann das Maß voll.

In seinen Figuren spiegelt er eine beachtenswert große Bandbreite der typischen Empfindsamkeiten wider. Erik, der Ernährer der Familie, muss erkennen, dass er beruflich gescheitert ist. Als Student noch enthusiastisch und wagemutig, hat er seine eigene Firma schon früh gegen eine Festanstellung und einen eher langweiligen Job eingetauscht. Die gewonnene Sicherheit bedeutet aber auch, sich heute mit seinem ehemaligen Partner zu messen, der ein Vermögen mit der Firma gemacht hat. Nicht nur das: die direkt vor Urlaubsantritt ausgesprochene Kündigung bringt ihn an den absoluten Tiefpunkt, dem er nur durch Unmengen Alkohol zu begegnen weiß.

Julia ist zwar mit ihrem ersten Roman recht erfolgreich gewesen, trotzdem scheitert sie selbst ebenfalls im Vergleich. Bei ihr ist es die Kindheitsfreundin Marika, die sich mit ihrer Familie zufällig nebenan aufhält. Die entspannte und vor allem unkonventionelle Lebensweise beeindruckt Julia, die genau das geworden zu sein scheint, was sie nie sein wollte: die konventionelle, biedere Mutter, die nahezu hysterisch ihre Kinder begluckt. Diese wiederum erleben neue Seiten an sich selbst, Alice die erste Liebe und einen aufrechten Austausch über Eltern mit Marikas Sohn, der sich gerade die geordnete Welt von Alice‘ Familie wünscht und diese sofort gegen die Aussteigerphantasien seiner Eltern eintauschen würde.

Auf engstem Raum eskaliert Teir die Situation. Ein Entweichen gibt es quasi nicht, die Figuren müssen sich stellen – vor allem sich selbst stellen, denn die Erwartungen der anderen sind weitaus weniger drängend als die Erkenntnis, sich selbst enttäuscht zu haben. Was nun der beste Lebensentwurf ist, darauf gibt Teir keine Antwort. Aber dass man durchaus vor mir Familie und Mitmenschen weglaufen kann, jedoch nie vor sich selbst, das ist offenkundig. Und früher oder später müssen wir uns alle mit uns selbst auseinandersetzen.

Der Roman lebt nicht von der großen Spannung oder der actionreichen Handlung, es sind die Figuren, die kaum durchschnittlicher sein könnten, die ihn tragen und beweisen, dass der Autor ein Händchen dafür hat, das Besondere und Bemerkenswerte im Alltäglichen zu finden.