Jaroslav Kalfař – Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt

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Jaroslav Kalfař – Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt

Die Welt steht kurz vor einer Katastrophe: die Chopra Wolke nähert sich und wie gefährlich sie wirklich ist, scheint kaum absehbar. Ein Flug mit einem Affen zu ihr war erfolgreich und nun muss eine bemannte Raumsonde sich dem Phänomen nähern und es untersuchen. Ausgerechnet Tschechien wird diese Mission unternehmen. Das kleine Land sieht seine Chance für internationalen Ruhm gekommen und Jakub Procházka soll Böhmen in dieser schwierigen Unternehmung vertreten. So richtig geeignet ist er mit seinem labilen Magen nicht, aber die Aussicht auf Berühmtheit ist verlockend. Nur wenige Wochen nach Anbruch der achtmonatigen Reise ins Ungewisse gerät jedoch Jakubs Welt aus der Ferne aus den Fugen: seine Frau Lenka verlässt ihn völlig unerwartet und verweigert den Kontakt. Einsam fern des Heimatplaneten beginnt Jakub zu phantasieren und philosophische Gespräche mit außerirdischen Wesen zu führen. Mit dem Eintritt in die Wolke scheint jedoch sein Schicksal besiegelt: das Raumschiff ist der Materie nicht gewachsen und Jakub wird wohl für sein Land sein Leben geben müssen.

Schon der Titel des Romans weckt ob der Kuriosität das Interesse, kopiert er einerseits die typischen Sachbuchtitel und ruft doch sofort ungläubiges Stutzen hervor: Böhmen? Raumfahrt? Was soll dieser Unfug denn? Und es ist ein herrlicher Unfug, den Jaroslav Kalfar da verfasst hat. Sein Protagonist Jakub ist ein etwas kauziger Astronaut, der mit der ebenfalls leicht verschrobenen Lenka eine passende Partnerin gefunden zu haben scheint. Auch das außerirdische Wesen, von Jakub Hanuš getauft und sein einziger Begleiter und Gesprächspartner, ist ein interessanter Charakter, der die Welt und ihre Bewohner mit einem herrlich neugierig-distanzierten Blick beobachtet und versucht diese Spezies zu verstehen.

Vor diesem kuriosen Hintergrund breitet Kalfar jedoch noch eine ganz andere Geschichte aus, die dem Buch eine ungeahnte Tiefe verleiht. Jakubs Vater war einst als Diener des einst kommunistischen Staates für Folterungen zahlreicher Mitmenschen verantwortlich. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks erlebt die Familie einen Umschwung: jahrelang haben sie finanziell von der Position profitiert, doch nun werden sie verachtet und bedroht. Der kleine Jakub wird Opfer nicht nur von verbalen Beschimpfungen, sondern auch von Angriffen, die ihn schwer verletzten. Ein auf Rache sinnender Mann vertreibt die Großeltern gar aus ihrem Haus, das sie jahrzehntelang bewohnten. Dies hinterlässt Spuren und Jakub ist vermutlich repräsentativ für eine ganze Generation von Kindern, die den Umbruch erlebten und die in unterschiedlicher Weise Verantwortung tragen müssen für Dinge, die ihre Eltern getan hatten.

Die Beziehung zwischen Lenka und Jakub ist ebenfalls interessant zu beobachten. Auch wenn hier ein extremer Ausnahmefall geschildert wird, bleibt die Grundkonstellation doch ein tagtägliches Phänomen: der Mann macht Karriere und die Frau muss alle damit verbundenen Entbehrungen ungefragt ertragen. Lenka hatte keine Wahl, sie durfte noch nicht einmal eine Meinung haben und nun steht sie allein zurückgelassen auf der Erde. Ich fand ihren Einwand im Gespräch mit Dr. Kuřák, dass eine Ehe ein Vertrag darüber sei, dass man das Leben gemeinsam meistern wolle und dann nicht einfach einer abhauen kann, durchaus nachvollziehbar und richtig. Ihre Rolle als Penelope, die als treue Ehefrau die Hände in den Schoß legen und auf die Rückkehr des Mannes warten muss, lehnt sie zurecht ab und folgt so dem Vorbild moderner Frauen.

All dies wird in einem charmanten Ton erzählt. Kalfar und die Übersetzerin Barbara Heller finden Formulierungen, die einem immer wieder schmunzeln lassen. Vor allem Hanuš werden wunderbare Beobachtungen in den Mund gelegt:

„Wenn du mich fragst, stehen die soziokulturellen Rituale deiner Gesellschaft im Widerspruch zur biologischen Realität.“ oder

„Das kardiovaskuläre Organ, das deine biologischen Funktionen steuert, löst unregelmäßige Vibrationen aus – ein schlechtes Zeichen, nehme ich an.“

Ganz nebenbei wird auch noch die Geschichte des tschechischen Nationalheiligen Jan Hus erzählt, die unerwartete parallelen mit Jakub aufweisen wird und so einem breiten Publikum auch außerhalb des kleinen Nachbarlandes bekannt wird.

Ein überraschend vielschichtiger Roman, der jedoch vor allem durch den lockeren, bisweilen fast ironischen Ton zu einer unterhaltsamen Lektüre wird.