Edward St Aubyn – Some Hope

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Edward St Aubyn – Some Hope

Acht Jahre nach dem Tod seines Vaters hat Patrick Melrose langsam wieder ins Leben zurückgefunden. Von den Drogen ist er losgekommen und auch Partys und leichte Mädchen interessieren ihn nicht mehr. Dank des Vermögens muss er weder arbeiten noch sich Sorgen zu verarmen machen, aber der Langweile zu entfliehen ist ebenfalls nicht einfach. Eine Einladung zu einem Dinner will er zunächst ausschlagen, zu viele Geister der Vergangenheit, dann entscheidet er sich jedoch anders und fährt nach Cheatley. Es wird der Tag, an dem er zum ersten Mal offen über das spricht, was in seiner Kindheit passiert ist.

Stand in „Never Mind“ Patricks Kindheit und der Missbrauch im Vordergrund und war „Bad News“ die Abrechnung mit seinem Vater, erleben wir im dritten Teil der Reihe einen ganz anderen Protagonisten: lebensbejahend, reflektiert und sensibel blickt er auf das, was er erleben musste. Gleichzeitig wird die Oberflächlichkeit der besseren Gesellschaft in extremo vorgeführt. Es tut fast weh, wie wenig Tiefgang viele der Figuren haben, wie rücksichtslos und egoistisch sie sind und wie wenig sie über ihre engsten Familienmitglieder und deren emotionalen Zustand wissen.

„Some Hope“ ist die konsequente Fortführung der Handlung und Weiterentwicklung der Figur, allerdings der für mich bislang schwächste Roman, was aber vor allem daran lag, dass Patrick Melrose selbst zu sehr in den Hintergrund rückt und man von seinem Seelenleben zu wenig erfährt. Sehr überzeugend der Moment, in dem er zum ersten Mal vom Missbrauch berichtet, wie schwer es ihm fällt, wie er nach Worten sucht. Aber auch die widersprüchlichen Einschätzungen, die ihm von anderen berichtet werden. Das Leben ist nicht schwarz-weiß und so beginnt auch er seinen Vater nun differenzierter zu betrachten und sich zu lösen.

Edward St. Aubyn – Bad News

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Edward St. Aubyn – Bad News

Patrick Melrose erhält eine schlechte Nachricht: sein Vater ist gestorben. Naja, so schlecht ist die Nachricht ja gar nicht, denn seit er denken kann, hat er sich nichts anderes gewünscht, als genau das zu hören. Er macht sich auf nach New York, um den Leichnam zurück nach England zu holen. Auf seinem dreitägigen Trip, der ihn mehr als zehntausend Dollar kosten wird, trifft er auch den einen oder anderen Bekannten seines Vaters, die Einschätzungen über den Toten könnten kaum weiter von einander entfernt liegen. Zwischen den Teils absurden Begegnungen ist Patrick nur mit einer Sache beschäftigt: den nächsten Schuss planen, denn der 22-Jährige ist inzwischen schwer drogenabhängig. Kokain, Pillen, Heroin – you name it. Alles gleichzeitig und Hauptsache genug, um alle Gedanken zu betäuben.

„Bad News“ ist Teil zwei der Serie um Patrick Melrose, Spross eines britischen Adelsgeschlechts und zwischen England und Südfrankreich in zu viel Reichtum aufgewachsen. Als Kind wird er von seinem Vater missbraucht, doch nicht nur die physische Misshandlung, beschrieben in“Never Mind“, setzt ihm zu und hat bei dem jungen Erwachsenen aus Band zwei offenkundige Folgen hinterlassen, sondern vor allem die emotionale Vernachlässigung durch seine Eltern ist ganz sicher ursächlich für seine Abhängigkeit. Edward St Aubyn hat viele seiner eigenen Erlebnisse in seiner Serie um Patrick Melrose verarbeitet und macht keinen Hehl um den Missbrauch, den er selbst als Kind erleiden musste.

Im Vordergrund der Handlung steht die Abwicklung des Todesfalls und vor allem Patricks Drogenkonsum, inklusive Beschaffung und dem einen oder anderen Zwischenfall beim Konsum. Es ist aber nicht die so sehr die Handlung, mit der St Aubyn überzeugt, sondern der sarkastische Ton, den er seinem Erzähler verleiht und der absolut stimmig ist mit der Figurenzeichnung und dem, was Patrick erlebt hat. Das Verhältnis von Vater und Sohn wird in einem kurzen Dialog mit seinem französischen Dealer deutlich:

„Tu regrettes qu‘il est mort?“ asked Pierre shrewdly „Non, absolument pas, je regrette qu‘il ait vécu.“

In klaren Momenten erkennt er, dass ihn die Drogen töten werden und er davon wegkommen muss, aber noch ist er nicht so weit. Die heile Welt, die er bei anderen Familien erlebt, wird er ohnehin nicht haben können.

Zum Teil schwer zu ertragen die Beschreibungen um den Drogenkonsum, aber vermutlich sehr realistisch, wie er die Spritze falsch ansetzt, die Übelkeit, die nachlassende Wirkung. Erinnert mich ein wenig an „Trainspotting“, entstand auch in einer ähnlichen Zeit, und verdeutlicht aber sehr authentisch, wie sehr das, was Kinder erleben, sie prägt auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Edward St. Aubyn – Never Mind

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Edward St. Aubyn – Never Mind

Ein Sommertag in der französischen Provence. Eleanor und David haben sich eigentlich schon lange nichts mehr zu sagen, sie ist eine einzige Enttäuschung für ihn, hat sie sich seinem Willen doch sofort unterworfen. Allerdings erfordert der britische Adelsstand gewisse Standrads auch in ehelichen Fragen und so bleibt diese Ehe zumindest nach außen bestehen und mit ausreichend Alkohol schon am frühen Morgen kann Eleanor ihren Mann auch halbwegs ertragen. Zwei ihrer Gäste sind bereits angekommen, zwei weitere reisen mit dem Zug an und Eleanor wird sie trotz deutlich messbarem Alkoholspiegel mit dem Auto abholen. Der Tag nimmt seinen Lauf, doch bevor das Mittelschichten-Bashing während des abendlichen Diners seinen Höhepunkt erreicht, muss der junge Patrick Melrose, gerade einmal fünf Jahre alt, noch seinen persönlichen Tiefpunkt durchleben: der Missbrauch durch Vater David, der sich danach nicht der geringsten Schuld bewusst ist.

Edward St. Aubyn, derzeit sicherlich einer der bedeutendsten britischen Gegenwartsautoren, dessen Sprachgewalt unbestritten seinesgleichen sucht, hat in der Patrick Melrose Serie autobiografische Erlebnisse verarbeitet. „Never Mind“ (deutscher Titel: „Schöne Verhältnisse“) ist der erste Band, der auf die Kindheit Patricks blickt, den Missbrauch durch den Vater bezeugt und die psychischen Folgen der Vernachlässigung durch die Eltern bereits andeutet. Genau wie sein kleiner Protagonist ist auch St. Aubyn in ein altes englisches Adelsgeschlecht hineingeboren und zwischen britischen Privatschulen und Südfrankreich pendelnd aufgewachsen. Auch er erlebte Misshandlung und Vernachlässigung durch die Eltern und hat diese literarisch verarbeitet. Für „Never Mind“ erhielt er 1992 den Betty Trask Award, eine Auszeichnung für den Erstlingsroman eines Autors unter 35 aus dem Commonwealth. Nebenbei: für Benedict Cumberbatch war die Rolle von Patrick Melrose in einer Miniserie neben der des Hamlet eine der absoluten Wunschfiguren seiner Schauspielkarriere.

Man muss den Roman mit einem gewissen inneren Abstand lesen, sonst ist er nicht leicht zu ertragen. Die Figuren, allen voran David, sind kaum auszuhalten ob ihrer Arroganz und Versnobtheit. Auch ihr Umgang miteinander, vor allem zwischen den Paaren, ist fernab von gesunder Beziehungsführung und muss zwangsweise in Ausflüchten wie Alkohol oder Drogen enden. Wenn nicht Edward St.Aubyn ein Händchen für Sprache hätte, könnte man all dies kaum durchhalten. Obwohl er unsägliche Zustände schildert, die leider vermutlich so tagtäglich in vielen Haushalten vorkommen, von denen man eigentlich nicht lesen will, ist es doch gerade seine Ausdruckskunst, die Dinge als das zu benennen, was sie sind, sie auf den Punkt zu bringen, das den Roman letztlich so lesenswert macht. Die Dialoge sind scharfzüngig und entlarvend, das Verhalten der Figuren eröffnet Abgründe, die man sich kaum vorstellen vermag. Nur wenigen Autoren gelingt es, so ein Setting zu einem wirklich guten Roman zu machen.

Edward St Aubyn – Dunbar

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Edward St Aubyn – Dunbar

Henry Dunbar has lead his whole life a successful businessman whose orders are carried out immediately and who is not only in charge but in control. But now he finds himself in a sanatorium somewhere in the British countryside, locked away and sedated by his doctors. His eldest daughters Abby and Megan and the family doctor Bob have complotted against him to take over the Dunbar imperium. With his roommate Dunbar decides to flee and to get his life back. His youngest daughter Florence has also gotten wind of the other daughters’ doings and is rushing for help. While the old man is roaming the unknown country in a fierce storm, the sisters and their accomplices are plotting how to get out of the mess best, each one is fighting the others with insidious plans and tricks. But the old man is stronger than anyone would have thought.

“Dunbar” is part of the Shakespeare Hogarth project in which famous authors have transferred the bard’s stories into our modern time in honour of the 400th anniversary of his death. One of the four major tragedies provides the basis for this modern madness: King Lear.

Edward St Aubyn clearly is one of the most gifted authors of our time. He masterly managed to create a gripping story in which the core conflict of Shakespeare’s play can clearly be seen, but which speaks for itself and is a great pleasure to read from the very first to the last page. First of all, the setting. Transferring the king’s household to a media mogul’s family is absolutely adequate for today, it’s not only about power, but much more about the stock market and money. That’s what drives many people nowadays and for which they are willing to sell their own grandmother – or their father as it is here.

Strongest are the characters in the novel. The stubborn old head of the family who cannot be broken by medication and a remote clinic, who develops superhuman survival forces if needed but who finally finds the wisdom of the elderly and can see when in his life he was wrong – that’s one side of the story. Yet, I had a lot more fun with the beastly sisters Abby and Megan, they both are that sly and cunning – it was just a great fun to read (“Oh, God, it was so unfair! That selfish old man was spoiling everything”, Megan complains about her father when she learns that he has fled and her carefully designed plot is about to crumble down). Admittedly, I did not feel too much compassion for their Victim Dr. Bob, who, he himself, also was not the philantropic doctor whom you wish for but much more a turncoat seeking for his own benefit.

A lively family vendetta which completely gets out of control perfectly framed by Edward St Aubyn’s gifted writing. Great dialogues alternate with extraordinary inner monologues – for me so far one of the best works of the Hogarth Shakespeare series.