Édouard Louis – Wer hat meinen Vater umgebracht

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Édouard Louis – Wer hat meinen Vater umgebracht

Wer die Bücher „En finir avec Eddy Belleguele“ (Das Ende von Eddy) oder „Histoire de la violence“ (Im Herzen der Gewalt) gelesen hat, weiß, dass Édouard Louis aus schwierigen Verhältnissen stammt und insbesondere die Beziehung zu seinem Vater nicht einfach war. In seinem kurzen Buch analysiert er nun genau jene von Verachtung und Ringen um Anerkennung und Liebe geprägte Beziehung.

Als Kind buhlt er um die Beachtung durch seinen Vater, will so sein, wie der Vater sich seinen Sohn wünscht, dessen Ideale und Werte erfüllen. Doch früh schon scheitert er. Eddy ist unverkennbar anders und kann dieses Anderssein nicht ablegen. Von den Eltern schlägt ihm dafür bestenfalls Verachtung und Ignoranz entgegen, bisweilen auch offener Hass:

 „(…) sie hatte das schon oft gesagt, aber noch nie so hart und so direkt, bislang noch nicht –, sie sagte: Warum bist du nur so? Warum führst du dich die ganze Zeit so auf, als ob du ein Mädchen wärst? Das ganze Dorf sagt schon, du bist eine Schwuchtel, was glaubst du, wie wir uns schämen, alle lachen über dich.”

So wenig die Eltern ihn verstehen, so schwer fällt ihm als Kind und Jugendlicher die Vorbilder, die für ihn keine sein können, zu verstehen. Erst als Erwachsener versteht er die Mechanismen, die in seinem Elternhaus griffen. Der Vater, der früh die Schule verlies und erwachsen sein musste, um Geld zu verdienen und der Gewalt im eigenen Elternhaus entfliehen zu können, der gar nicht erst die Chance bekam, Träume zu entwickeln.

„Du warst ebenso das Opfer der Gewalt, die du ausübtest, wie derjenigen, der du ausgesetzt warst.”

Die Gewaltspirale reproduziert sich in den Kindern und so kann der Vater gar nicht anders als das zu leben, was er selbst kennengelernt hat.

„Als ich neulich einem Freund von dir erzählte, sagte er: »Dein Vater wollte nicht von seiner Vergangenheit erzählen, weil diese Vergangenheit ihn daran erinnert, dass er jemand anderes hätte werden können und nicht geworden ist.« Vielleicht hat er recht.”

Mit dem Verständnis wächst aber auch die Wut, dies sich nun nicht gegen den Erzeuger, sondern gegen den französischen Staat richtet, der Menschen wie sein Vater im Stich lässt. Nach einem Arbeitsunfall nun sehr eingeschränkt, sieht er sich dem System gnadenlos ausgeliefert und muss sich als Sozialschmarotzer beschimpfen lassen.

Wieder sind es starke Emotionen, die den Text von Édouard Louis prägen, doch im Gegensatz zu seinen zwei belletristischen Büchern fällt es mir in diesem Essay deutlich schwerer, Mitgefühl zu empfinden. Zu plakativ erfolgt die Anklage am Ende. Es ist erfreulich zu sehen, dass es ihm gelingt, sich mit seinem Vater zu versöhnen, indem er erkennt, dass dieser nicht aus seiner Haut heraus kann und in einem Leben feststeckt, dass vielleicht auch nicht seins ist. Die Tirade auf der Herrschenden mag sachlich bezogen auf die Argumente richtig sein, aber Édouard Louis hat bessere Möglichkeiten, die bestehenden Verhältnisse zu kritisieren – und zu verändern! – als dieses fast reißerische Pamphlet.

Buchmesse Frankfurt 2017 – Tag 1

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Heut ganz im Zeichen von interessanten Interviews. Nachdem ich ein wenig über die Messe geschlendert war und den riesigen Asterix

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bewundert hatte, ging es schon zu einem großen Highlight der Messe: der Bekanntgabe der 2e Sélection du Prix Goncourt 2017.

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Bernard Pivot hat das Publikum nicht lange warten lassen und recht flott die Finalisten verkündet, die danach folgenden Interviews vor allem zu den Fragen, was der Gewinn des Preises verändert hat, waren sehr interessant und vor allem Leïla Slimani kam unheimlich sympathisch rüber. Auf dem Foto schlecht zu erkenne sind die ganzen Berühmtheiten, unter anderem Philippe Claudel, Tahar Ben Jelloun, Jérôme Ferrari, Leïla Slimani, Eric-Emmanuel Schmitt, Virginie Despentes u.a.

Danach ging es zum blauen Sofa, auf dem Ayelet Gundar-Goshen interviewt wurde. Sie sprach über die Hintergründe zu ihrem aktuellen Buch „Lügnerin“, ihre Erfahrungen als Therapeutin mit dem Thema Lügen und über den leider in Israel sehr verbreiteten Machismo, der es Männern erlaubt, im Falle der Beschuldigung eines sexuellen Übergriffes einfach die Frau als Lügnerin abzustempeln, was ihnen auch geglaubt wird.

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Direkt im Anschluss folgte Emmanuel Carrère, der ebenfalls über die Entstehung seinen aktuellen Romans „Brief an eine Zoowärterin aus Calais“ berichtete. Er nimmt dort einen ganz anderen Blick auf die Flüchtlingskrise, indem er den Bürgern von Calais, die über Jahre den Jungle vor ihrer Haustür ertragen mussten, eine Stimme verleiht. Er selbst schien schwer beeindruckt von seinem Besuch in dem illegalen Lager.

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Auf Édouard Louis war ich besonders gespannt. Das kurze, nicht einmal 20 Minuten dauernde Gespräch mit ihm, war viel zu kurz für all das, was der junge Autor zu sagen hatte. Beeindruckend seine offene Kritik am Literaturzirkus, der sich für besonders offen und progressiv hält und dennoch weite Teile der Bevölkerung gar nicht wahrnimmt. Erschreckend auch seine Erlebnisse mit der Presse nach dem Erfolg seines ersten Buches, ein Emporkömmling, den es so nicht hätte geben dürfen. Aus diesem Grund sind viele seiner Romane auch gar nicht fiktiv, sondern autobiografisch – in den Medien wird genug erfunden, sagt er, da kann wenigsten die Literatur die Wahrheit liefern.

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Zum Abschluss des Tages eine ähnlich starke und drastische Stimme Frankreichs: Virginie Despentes. Erwartungsgemäß deutliche Worte findet sie für die französische Gesellschaft und ihren offenen Rassismus und Ausgrenzung gegenüber nicht nur Fremden und zunehmend auch wieder Juden, sondern auch Homo- und Transsexuellen. Mit ihrem Protagonisten Vernon Subutex hat sie bewusst einen weißen Mittelschichtenmann gewählt, da sie diesen in der Krise sieht und in der Rezeption in Frankreich wurde auch ihre Vermutung bestätigt, dass das Publikum gegenüber einem maskulinen Protagonisten deutlich gnädiger ist als bei Frauen, die ein vergleichbares Schicksal erleben.

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Bevor es mich wieder in die Bahn nach Hause trieb hätte ich gerne noch die Container-Wohnung des Kein & Aber Verlags besucht, aber da hatten leider nur geladene Gäste Zugang. Freitag geht es nochmals hin, ich bin gespannt, was mich dann erwartet.

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Édouard Louis – En finir avec Eddy Belleguele

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Edouard Louis – En finir avec Eddy Bellegueule

Eddy wächst als mittleres von fünf Kindern in einem Dorf in der Picardie auf. Seine Eltern sind arm, im Haus gibt es weder Teppiche noch Türen, nachdem der Vater in der örtlichen Fabrik seinen Job verloren hat, wird die Lage noch prekärer. Aber es ist weniger die finanzielle Not, die kennen alle Familien im Ort, es ist Eddys Andersartigkeit, die ihm zu schaffen macht. Von klein auf ist er kränklich und verhält sich wie ein Mädchen, etwas, was bei der harten Landjugend nicht gerne gesehen wird und so wird er schon früh Opfer von Gewalt und Demütigung. Nicht nur seine Mitschüler, sondern auch sein Vater, der sich regelrecht für den Jungen schämt, und seine Verwandten machen sich regelmäßig über ihn lustig. Eddy merkt schon bald, dass ihn die Mädchen nicht interessieren, aber so etwas wie Homosexualität kann nicht existieren, aber Eddy denkt sich auch, dass es ein Leben jenseits dieses Ortes geben muss, ein Leben, in das er viel besser passt.

Edouard Louis‘ Roman, der auf den eigenen Erfahrungen des jungen Autors basieren, ist keine leichte Kost. Gewalt unter Kindern, sexueller Missbrauch, Mobbing – er lässt eigentlich nichts aus für seinen Protagonisten, der einem von der ersten Seite an leidtut. Er stammt aus einem Milieu, in dem sich Alkoholismus und Gewalt über die Generationen fortsetzt. Das Leben ist vorbestimmt: die Mädchen verlassen jung die Schule, um Kinder zu bekommen oder als Kassiererin im Supermarkt zu arbeiten, die Jungs gehen ebenso zeitig in die örtliche Fabrik. Zu wenig Geld bestimmt danach den Alltag, Streitereien der Erwachsenen, mitunter Väter, die einfach verschwinden, Gewalt unter- und gegeneinander und das sichere Wissen, dass die Regierenden sich auf ihre Kosten bereichern und natürlich den ganzen Immigranten alles zustecken, wofür der einfache Arbeiter täglich malochen muss.

Edouard Louis erzählt all dies mit einer gewissen Distanz, anders wäre das Buch auch kaum zu ertragen. Wie es dem Autor gelungen ist, dies schon in jungen Jahren derart nüchtern betrachten zu können, ist bemerkenswert. Der Roman dient ihm nicht als Therapieersatz, um alles von sich zu schreiben und danach befreit zu sein. Viel mehr zeichnet er ein detailliertes Bild einer vergessenen Klasse. Es sind genau diese Bewohner, die jedoch das Frankreich jenseits der Großstädte ausmachen. Die Abgehängten, die vom Leben wenig erwarten und wenig bekommen und deren Weltbild ihnen auch keine Optionen zur Verbesserung der eigenen Lage bietet.

Homophobie und Xenophobie bestimmen Kindheit und Jugend von Eddy Bellegueule. Wenn man nichts hat, muss man umso mehr das Gruppenideal erfüllen und das ist in diesem Fall „dur“ – ein harter Junge sein. Die Position in der Gruppe – sei es die Schulklasse, der Freundeskreis im Dorf und später als Erwachsener – ist das einzige, was man erreichen kann. Früh werden die Kinder auf diese Weise sozialisiert und geben ihrerseits das Gedankengut an die nächste Generation weiter.

Auch das ländliche Frankreich, durch die Wirtschaftskriese noch mehr gebeutelt als die Städte, wird am kommenden Sonntag zur Präsidentschaftswahl gehen. Einfache Antworten für eine in einfachen Zügen gezeichnete Welt brauchen diese Menschen. Schon die Regionalwahlen im Dezember 2015 haben gezeigt, bei wem diese Bevölkerung sich aufgehoben fühlt.