Juli Zeh – Leere Herzen

Leere Herzen von Juli Zeh
Juli Zeh – Leere Herzen

Terrorismus als buchbare Dienstleistung. Kann es so etwas geben? Natürlich, denn wie „Brücke“, das Projekt von Britta Söldner und ihrem Geschäftspartner Babak beweist, ist dies eine Marktlücke, mit der man sehr viel Geld verdienen kann. Was umfasst das Angebot der beiden? Rekrutierung und Training der Anwärter. Gezielte Auswahl und Überprüfung in einem 12-stufigen Verfahren. Garantierte Dienstleistung mit 100%-iger Erfolgsquote. Davon lässt sich gut leben, auch wenn weder Brittas Mann noch ihre Freunde genau wissen, was sie tut. Expandieren wäre zu gefährlich, den Ball flach halten und nicht auffallen ist die Devise. Doch irgendjemand hat ein Auge auf das erfolgreiche Geschäft mit den Attentaten geworfen und mischt sich ein. Britta und Babak bekommen Angst. Wer ist ihr Gegner, der offenbar nicht nur mächtig, sondern vor allem skrupellos ist?

Juli Zehs aktueller Roman ist eine Art dystopische Gesellschaftskritik. Die Handlung ist in der nahen Zukunft angesiedelt, jedoch in der Post-Merkelschen Ära, wenn eine neue Partei das Ruder übernommen hat und langsam die Demokratie und den Glauben an Europa zerstört. Mehr und mehr werden die Freiheiten der Bürger beschnitten, die dies jedoch als träge Masse hinnehmen und sich in ihrem Wohlstand ausruhen. Das Refugium des Privaten, wo man möglichst wenig Gedanken an die Politik verschwendet, ist das neue Lieblingsziel der Mittelschicht. Gestört wird dieses Idyll nur durch gelegentliche wohl platzierte und kontrollierte Anschläge, die kurz aufpoppen, dank geringer Personen- und Sachschäden jedoch genauso schnell wieder verpuffen.

Auch wenn ich das Grundkonzept mit einer Agentur für Attentäter eine recht innovative Idee finde, bleibt vieles doch so abgehoben unrealistisch, dass es mir nicht authentisch genug erscheint, um mich gänzlich zu überzeugen. Vor allem die Bekämpfung des politischen Systems, an sich spannend und interessant, verliert an Brisanz durch die geringe Konkretheit der politischen Verhältnisse. Das Private der Figuren dominiert so stark, dass man sich nur schemenhaft ein Bild der Gesamtgesellschaft machen kann. Die einzelnen Aspekte sind zu vage, um wirklich eine angreifbare Vorstellung zu schaffen.

Wo das personenübergreifende, gesellschaftliche Ganze zu schemenhaft bleibt, bekommt man einen sehr intensiven Eindruck der Figuren. Diese, allen voran Britta und Janina, sind vielschichtig gezeichnet und wirken lebendig und authentisch. Für mich war Juli Zeh auch vor allem in der Eingangsszene mit dem Abendessen der befreundeten Familien am stärksten, sie ist eine begnadete Erzählerin, der es immer wieder gelingt Atmosphären zu schaffen und den Leser in die Handlung eintauchen zu lassen. Je kritischer die Situation für die Agentur wird, desto höher wird das Tempo und desto passender verlieren die Figuren ihre Selbstsicherheit und Ruhe. Das ist alles sehr stimmig, auch die Spannung steigt kontinuierlich Richtung Ende. Hier wiederum war ich etwas irritiert, so ganz passend und überzeugend war die Lösung für mich nicht. Auch waren mir die Namen eher zu platt – die Söldnerin für das Heer der Attentäter und Babak, der kleine Vater des Supercomputers – hier hätte man kreativer sein können.

Alles in allem daher eine unterhaltsame Geschichte, die zwar erzählerisch gelungen ist, bei der sich aber auch gewisse Schwächen nicht verleugnen lassen.

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Lois Lowry – The Giver

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Lois Lowry – The Giver

Jonas erwartet sehnsüchtig, aber auch mit etwas Angst seinen 12. Geburtstag. Wie alle Kinder in seiner Stadt wird auch er an diesem Tag seine zukünftige Bestimmung erfahren. Über Jahre hat der Ältestenrat sie beobachtet, ihre Stärken und Schwächen analysiert, um dann zu einem Ergebnis zu kommen. Bei der großen Zeremonie wird Jonas jedoch übergangen, Unruhe macht sich breit, so etwas gab es noch nie, doch am Ende wird klar, weshalb: Jonas wird zum Receiver of Memory, einem Hüter der Erinnerung, ernannt. Davon gibt es nur einen und er hat für die Gemeinschaft eine wichtige Funktion. Wie wichtig erfährt Jonas schon bald nachdem er seine Ausbildung begonnen hat. In einer Umgebung, die frei ist von Farbe, in der alle gleich sind, in der es weder Krankheit noch Krieg gibt, muss ein einziger Mensch alles aushalten, was die gesamte Menschheit je erlebt hat. Die neuen Erfahrungen sind faszinierend und erschreckend zugleich und bald schon stellt sich Jonas die Frage, ob der Verzicht auf Emotionen wirklich das erstrebenswerteste Ziel sein sollte.

Lois Lowry hat in ihrem dystopischen Jugendbuch die Sicht eines Kindes gewählt, um eine scheinbar perfekte Welt zu dekonstruieren. Sowohl der Beginn wie auch das Ende des Lebens werden staatlich verordnet, Familien sind nur temporäre Konstrukte, die eine gesellschaftliche Funktion erfüllen und nicht durch Zuneigung und Liebe bestehen. Außerhalb dieser kleinen Einheit läuft das Leben absolut konform. Bis hin zur Sprache ist alles vereinheitlicht, so sehr, dass die Menschen in all der Gleichheit schon gar keine Unterschiede zwischen sich mehr wahrnehmen können. Obwohl die negativen Aspekte des Lebens eliminiert sind, allen geht es gleichermaßen gut, alle scheinen mit ihrem Schicksal zufrieden, ist doch offenkundig, dass etwas fehlt, auch wenn dies zu Beginn noch nicht greifbar ist. Die Schwere des Eingriffs durch die absente Regierung wird erst durch Jonas‘ Training offenkundig, wenn er plötzlich Zugang zu Gefühlen – positiv wie negativ – erhält. Zwar leidet er nun auch, aber die Kraft dieser Schwankungen, die das Leben so viel erfüllter macht, überwältigt ihn.

The Giver kann sicherlich nicht mit den ganz großen Dystopien wie Brave New World, Fahrenheit 451 oder 1984 mithalten, dafür ist er zu wenig komplex in seiner politisch-gesellschaftlichen Ausgestaltung. Nichtsdestotrotz ist er für die junge Zielgruppe ein guter Einstieg in das Genre, da wichtige Aspekte thematisiert werden – Relevanz von Erinnerungen, Verbindung von Schmerz und Freude, Individualität vs. Gleichheit, Umgang mit Leben und Tod. Die Sprache ist ebenfalls passend gewählt, wenig Ironie, Verzicht auf sublime Anspielungen und gleichzeitig spiegelt sie auch die Vorgaben dieser gleichgeschalteten Welt wieder, die möglichst präzise und direkt sein sollte. So ist der Roman in sich stimmig und durchaus eine lohnende Lektüre.

Maja Lunde – Die Geschichte der Bienen

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Maja Lunde – Die Geschichte der Bienen

Bienen – alltägliche Insekten, wichtigste Bestäuber und somit Grundlage vieler unserer Pflanzen. Als Thema in der Literatur eher ungewöhnlich. Doch Maja Lunde hat um die kleinen Tierchen einen Roman geschaffen, der Jahrhunderte und Kontinente verbindet und womöglich ein Thema fokussiert, das wir bislang sträflich vernachlässigt haben.

Im Jahr 2098 gibt es keine Bienen mehr. Die Arbeiterin Tao muss in China die Aufgabe des Bestäubens per Hand erledigen. Ein Knochenjob, gering bezahlt und mit großem Risiko. Knapp hundert Jahre zuvor begann das Bienensterben, das auch den Imker George in Ohio im Jahr 2007 trifft und der plötzlich seine Existenzgrundlage schwinden sieht und das Erbe, das seine Familie seit Generationen weitergegeben hat, aufgeben muss. 150 Jahre zuvor wurde erstmals intensiv beobachtet, wie die Völker leben und arbeiten und der britische Biologe William entwickelte einen neuartigen Bienenstock, der die Honigernte erleichterte und den Anbau erst im großen Stile ermöglichte. Drei Jahrhunderte, drei Kontinente, drei Lebensgeschichten, die jedoch geschickt mit einander verbunden werden.

Die Schicksale von Tao, George und William werden im Wechsel erzählt. Wie sie zusammenhängen über das Phänomen der Bienen hinaus, wird erst im Laufe der Geschichte klar und ist von Maja Lunde gelungen konstruiert worden. Die Entdeckung der Funktionsweise und Relevanz der Bienen, ihr Niedergang durch Pestizide und dadurch bedingte Lebensmittelknappheit, die harte Suche nach Alternativen – die Geschichte der Bienen ist symptomatisch für den menschlichen Umgang mit der Natur. Die eigene Existenzgrundlage zerstören ohne die Folgen zu Bedenken. Momentane Gewinnmaximierung über das ökologische Gleichgewicht stellen – die Menschheit wird eines Tages den Preis für ihre Gier und Rücksichtslosigkeit bezahlen müssen. Und dieser Preis ist hoch, wie Maja Lunde ungeschönt darstellt.

Doch es sind nicht nur die Ökologie und Umweltzerstörung, die im Roman thematisiert werden. Daneben kämpfen alle drei Figuren mit den Fragen der Familienstrukturen und den Erwartungen an die nachkommende Generation. William hofft, dass sein erstgeborener Sohn in seine Fußstapfen treten wird und den Naturwissenschaften und der Forschung ein ähnliches Interesse entgegenbringt wie er selbst. Doch Edmund kann der Neugier und dem Enthusiasmus seines Vaters nicht folgen. Es ist nicht nur Desinteresse, nein, er verachtet ihn wegen des zunächst ausbleibenden Erfolges sogar. Ähnlich ergeht es George, der ganz im Imkerdasein aufgeht, dessen Sohn Tom jedoch schon früh mehr Interesse am Journalismus findet und die Arbeit mit den Bienen eher als lästige Pflicht sieht. Erst als die Familie vom Wandel hart getroffen wird, kann er wieder auf seinen Vater zugehen. Auch Tao hat große Erwartungen an ihren Sohn. Selbst konnte sie ihren Bildungseifer nicht verwirklichen, daher setzt sie alles auf den kleinen Jungen. Doch das Schicksal hat einen anderen Plan für ihn und zunächst wird auch er für große Trauer und Verzweiflung bei den Eltern sorgen.

Bibiana Beglau, Thomas M. Meinhardt und Markus Fennert leihen den drei Geschichten ihre Stimmen, was einen stetigen und lebendigen Wechsel im Hörbuch schafft und die Orientierung in Zeit und Ort erleichtert. Für mich eine echte Überraschung, ist das titelgebende Thema nun keins, das mich direkt hätte anlocken können. Aber der Autorin gelingt es, die Bienen auf eine neue Art unterhaltsam darzustellen und um sie herum drei lesenswerte und in sich völlig verschiedene Geschichten zu kreieren.

 

Margaret Atwood – The Handmaid’s Tale

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Margaret Atwood – The Handmaid’s Tale

Irgendwann in einer unbestimmten Zukunft, in der Republik Gilead. Offred kommt in das Haus des Commanders Fred und seiner Frau Serena Joy. Offred ist eine sogenannte „Handmaid“, ihre einzige Chance zu überleben nachdem ihre Hochzeit mit Luke für ungültig erklärt wurde und ihre einzige Alternative die Kolonien gewesen wären. Die Aufgaben der Handmaids sind ebenso wie die der anderen Gruppen, etwa der Marthas oder Aunts, genau definiert und ihre Kleidung lässt sie schon von weitem als zugehörig erkennen: ein roter Mantel, der alle weiblichen Formen verhüllt, dazu eine weiße Haube, die verhindert, dass man den Handmaids, die den Blick nach unten zu richten haben, ins Gesicht sehen kann. Wie ihre Namen bereits andeuten sind die Besitztum eines Kommandanten und erfüllen die wesentlichen Aufgaben, denen die Ehefrauen nicht nachkommen können oder wollen: Geliebte und Mutter der Kinder.

Die Neuverfilmung des Stoffes war Anlass nun endlich zu dem Klassiker des Dystopien zu greifen. Wie auch andere bekannte Werke des Genres, etwas George Orwells „1984“ oder Aldous Huxleys „Brave New World“ liegt über dem gesamten Roman eine bedrückende Atmosphäre, die die Verzweiflung und Aussichtslosigkeit der Menschen in diesem Staat verdeutlicht. In Gilead gibt es eine klare Rangordnung, die vorgeblich auf biblischen Grundlagen herrscht: Frauen sind Besitztum der Männer und weitgehend frei von Rechten. Wertvoll sind sie dann, wenn sie gebärfähig sind. Allen sozialen Gruppen sind Farben zugeordnet, die leicht erkennen lassen, wer zu welcher Klasse gehört. Individualität gibt es nicht mehr, viele Frauen verlieren sogar ihren Namen und werden nur noch über ihre Funktion benannt: Martha oder Of-Fred/Of-Glen, die Frau, die Fred/Glen gehört.

Die Geschichte Offreds ist geprägt auch von Rückblicken, sie kann sich noch an die Zeit vor Errichtung der Republik erinnern, als sie mit Luke verheiratete war und mit ihm auch eine Tochter hatte. Dann ihre Zeit der Umerziehung und Vorbereitung auf die Rolle der Handmaid. So kontrastiert und charakterisiert Atwood den neuen Staat, der vor allem für Frauen ein herber Rückschritt bedeutet. Viele Szenen lesen sich nur mit Schrecken, etwa Offreds erste Begegnung mit dem Commander oder die öffentlichen Hinrichtungen. Es gibt Versuche, das System zu unterwandern, diese sind jedoch gefährlich und nicht immer erfolgreich, lediglich der Epilog macht Hoffnung, spielt dieser in der Nach-Gilead Zeit, zu der die Republik offenbar schon nicht mehr existiert.

Viel kann man zu diesem Roman schreiben, viel ist geschrieben worden. Unzählige Anspielungen auf die Realität der 1980er Jahre – nicht nur in den USA, sondern auch in Ländern, in denen islamistische Herrscher die Frauen aus der Öffentlichkeit verbannten wie dem Iran – lassen sich in dem Text finden, der jedoch auch 2017 kein bisschen von seinem Schrecken verloren hat. Für mich aufgrund der spezifisch feministischen Perspektive ein besonders beachtenswerter Roman des Genres.

Omar El Akkad – American War

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Omar El Akkad – American War

Louisiana, April 2075. The Second American War is raging. Sarat Chestnut is too young to fully understand what is going on, but even at her age she understands that times are hard: half of the state is underwater, food is scarce and they are not free to move. Nevertheless, her father wants to go north, where climate is less challenging and where his family can have a future. Another attack kills this dream and Sarat has to flee with her mother, her twin sister and her elder brother to a refugee camp. In Camp Patience, some kind of normal life can be established and from just a weeks of survival become years. People organise themselves according to the new circumstances, however, the chances of enduring peace are small. And, with the time, the danger of another fierce attack grows and Sarat, now a teenager, is in a different position from when her father was killed. She has to witness the worst human behaviour imaginable and this leaves a mark on her. She is not the same person anymore and she will seek revenge for what has been done to her, her family, her people.

Set at some point in the future, Omar El Akkad’s novel is nonetheless easy to imagine. The challenges due to climate change are not that fancy that you could not easily believe them. Since mankind is more prone to securing comfort than thinking ahead for future generations, having vast spaces of land destroyed will definitely be a reality sooner or later. That this – or something completely different – might lead to a civil war even in the United States, is not that inconceivable, either. We have seen many states crumble and fall in the last few years. We can only hope that the novel is much closer to fiction than to reality.

The most striking aspect is of course the protagonist Sarat. We first meet her as a young girl, naive and unaware of most of what happens around her. She is guided by her mother who already shows how powerful women of that family can be. The older she becomes, the stronger she gets. As a teenager, we have a courageous girl who is not only unafraid, but also clever and eager to understand what is going on. This not only saves her life but also makes her the woman she will be later. What she has to witness and go through, strengthens her conviction. As a grown-up woman, especially when she is in prison, we meet an unfaltering and determined woman who cannot be destroyed. Yet, she remains human, she has not completely lost faith in mankind and still can do some good – in her very own understanding.

The experience of war and human beings losing all social behaviour and sympathy for others is what determines the characters’ actions. Sarat realised that

“the misery of war represented the world’s truly universal language” (Pos. 2985) and “The universal slogan of war, she’d learned, was simple: If it had been you, you’d have done no different.”

This dystopian view of the world is the only lesson we can learn from watching the news. In accepting the wars around us, we produce generations who are branded by the experiences and thus ready to do harm in the same way. We should not need novels to illustrate this simple calculation.

Sinclair Lewis – It Can’t Happen Here

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Sinclair Lewis – It Can’t Happen Here

1935, die USA stecken mitten in der Depression, die wirtschaftliche Lage scheint sich nach dem Börsencrash von 1929 nicht mehr erholen zu können. Dies bestimmt auch maßgeblich den Wahlkampf um das Präsidentenamt. Der charismatische Berzelius Windrip kann unerwartet die Massen begeistern. Sein 15-Punkte-Plan wird enthusiastisch aufgenommen, vor allem von denjenigen, die am schwersten unter der Krise zu leiden haben. Dass das Programm sich gegen Frauen, Schwarze und auch Juden richtet, fällt dabei nicht ins Gewicht. Doremus Jessup, angesehener Verleger des „Informer“, und seine Familie nehmen den Spuk nicht ernst, aber schon bald nach der Wahl und dem Sieg Windrips ändern sich die Zeiten und ein neuer Staat entsteht aus dem freiheitsliebenden Amerika: aus Gewaltenteilung wird zentrierte Macht, aus Freiheit des einzelnen wird Kollektivierung und die Gleichschaltung setzt alsbald auf allen Gebieten des Alltags ein. Und wer nicht mitmacht, bekommt die neue Härte des Staates zu spüren.

Sinclair Lewis‘ Roman „It Can’t Happen Here“ passend zur aktuellen Lage von Penguin neu aufgelegt liest sich im Jahr 2017 wie ein unglaublich prophetisches Werk und lässt einem zwischen ungläubigem Staunen und schierem Entsetzen zurück. Zunächst beginnt der Roman etwas langatmig mit ausufernden Beschreibungen und Details, die 80 Jahre nach der Entstehung eher mühsam als unterhaltsam sind. Aber nach dem ersten Viertel steigert sich Lewis enorm und gerade die zweite Hälfte entwickelt eine unglaubliche Kraft. Man muss sich zunächst etwas mühen, aber es lohnt sich, hier am Ball zu bleiben.

Das Jahr des Handlungsbeginns ist das Entstehungsjahr des Romans und dieser war sicherlich durch die aktuellen politischen Ereignisse beeinflusst. Was man dann jedoch liest, ist eine musterhafte Anleitung an Despoten, wie sie ein Volk überrennen und sich Untertan machen können. Vieles ist aus heutiger Sicht völlig klar, wir haben es aus den Geschichtsbüchern kennengelernt – Sinclair Lewis aber zeichnete vorweg, was in Deutschland in den 30er Jahren unter Hitler und den Nazis erst noch geschehen musste. Immer wieder muss man sich vor Augen halten, dass der Autor all dies nicht kannte, inwieweit er überhaupt über die Ereignisse in Europa en détail informiert war, ist ebenfalls zu hinterfragen. Sein dystopischer Roman indes lässt nichts aus, was wir nicht hier gesehen hätten: Konzentrationslager, willkürliche Verhaftungen und Erschießungen aller Andersdenkenden, Bücherverbrennungen, Ausschalten der Presse – you name it. Ein einziger starker Mann, der sich clever eines Teams von einsatzstarken Männern (hier: MM – does it ring a bell?) bedient, um sein Vorhaben zu realisieren.

Neben dieser historischen Lesweise bleibt unweigerlich der Blick auf die Gegenwart. Wer wollte schon ernsthaft in Betracht ziehen, dass Donald Trump zum Präsidenten gewählt wird? Wer kann sich vorstellen, dass die Türkei in einer freien Wahl eine diktatorische Ein-Mann-Staatsform bevorzugt? „It Can’t Happen Here“ – weit gefehlt. Man fühlt sich erschreckend erinnert an die Tageszeitung mit all den unglaublichen Berichten aus unterschiedlichen Ecken der Welt. Wie kann ein 80 Jahre alter Roman so passgenau die Tagespolitik wiedergeben?

All diese inhaltlich bemerkenswerten Aspekte finden sich auch wieder in Lewis‘ pointierter, mal ironisch, mal sogar sarkastischen Schreibweise. Eine kurze Rezension erlaubt es leider nicht, die wirklich treffenden Formulierungen angemessen zu würdigen, mit denen er den Handlungsverlauf darbietet. Auch kann man die Diskussion, warum dieser Roman hinter werken wie „Brave New World“ und „1984“, die zeitnah entstanden sind, so zurücksteht, nur anreißen. Seine politische Aussagekraft hat Sprengwirkung und macht ihn für mich zu einem zwingenden Werk für junge Generationen.

 

Cormac McCarthy – The Road

When a disaster has destroyed almost everything and surviving is the only things that matters – can you keep up your moral standards?

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Cormac McCarthy – The Road

The world has been devastated, what it was is not quite clear. But there are ashes everywhere and the few survivors are on their way to the south, where it is warmer. On the road are also a father and his young son. They follow the road to the sea where the father hopes that life will be better. At times, they almost starve, at others, they have to hide from raging groups who recklessly kill everybody in their way. Sometimes, they are lucky, enter houses which have not been cleared completely and where they can rest, eat and rebuild. Sometimes, they become the victim of robbers and find themselves empty-handed. The father tries to live the life of a “good guy” and keep up the ethical standards, albeit they often come across human beings who seem to have forgotten which species they once belonged to.

The focus of the post-apocalyptical story is on the father’s attempt to raise his boy under those very poor conditions and to keep up to the high moral values he had before the destructive event.  Seeing the world and the human race in decay does not make it easy for him, at times, ignoring his principles could make life a lot easier, but he wants to be a role model and live up to the boy’s expectations. Along their way, they meet different kinds of people, good ones and bad ones, some who need their help, others who try to harm them. With those encounters, the full spectrum of human emotions is portrayed by Cormac McCarthy and especially the scene in which the mother decides not to share their way is quite heart-breaking.

In 2007, the book was awarded the Pulitzer Prize for Fiction. I find it hard to classify the novel, it is neither science-fiction, nor a dystopia; some critics called it a kind of fable or even horror story. Yet, it is not really important to pigeonhole it; the novel can convince by the radical focus on the two characters and their way to an unknown future. The only interruptions of their march are the encounters which vary in their length and (emotional) significance. It does only offer one possible way for coping with an apocalypse as the one presented: go on and remain human.