Daniela Krien – Der Brand

Daniela Krien – Der Brand

Viele Jahrzehnte schon gehen Rahel und Peter gemeinsame Wege, doch nachdem die Kinder erwachsen und ausgezogen sind, haben sie immer weniger gemeinsam. Rahel hofft, im Urlaub wieder zueinander zu finden. Drei Wochen werden sie auf dem Bauernhof eines befreundeten Paares verbringen und sich dort um alles kümmern, während diese in einer Reha sind. Sie schätzen und respektieren sich, aber die Liebe, die einmal da war, scheint sich verflüchtigt zu haben, in getrennten Betten liegen sie wach, sinnieren über sich, ihr Leben, ihren jeweiligen Beruf und natürlich auch darüber, was die Pandemie so verändert. Mal scheinen sie sich anzunähern, dann jedoch driften sie so weit auseinander, dass das Hand Reichen unmöglich erscheint.

Daniela Krien greift in ihrem Roman ein schwieriges Thema auf: wie geht man nach mehreren Jahrzehnten gemeinsamem Leben mit möglichen Rissen in der Beziehung um? Kann man jenseits der Mitte des Lebens nochmal neu beginnen, allein oder zu zweit, was ist wirklich wichtig, wenn plötzlich gleich von mehreren Seiten Bedrohungen aufziehen? Rahel wie auch Peter sind reflektierte Akademiker, die sich nicht von ihren Emotionen leiten lassen, im Gegenteil, diese scheinen oftmals gar nicht zugänglich, doch nicht auf alle Fragen des Lebens gibt es rationale Antworten.

Als Leser ist man bei Rahel, die als Psychoanalytikerin täglich ihren Klientel hilft klar zu sehen, Konflikte zu erkennen und zu lösen, in ihrer eigenen Beziehung, aber auch jener zu ihrer Tochter, ebenso hilflos dasteht, wie diejenigen, die bei ihr Hilfe suchen. Sie liebt Peter immer noch, ist sicher aber unsicher, ob er das genauso empfindet. Ihr Körper sendet Signale aus, doch sie kann sie nicht lesen und so auch kaum Antworten darauf finden, wo sie selbst steht.

Der Alltag auf dem Bauernhof ist konkret, die Pflanzen müssen gegossen, die Tiere versorgt werden, so ganz anders als ihr theoretisches Dasein Zuhause. Aber der idyllische, einfache Hintergrund liefert auch Ablenkung und Flucht, so dass sie kaum dazu kommen das anzusprechen, was besprochen werden muss. Es ist ein zögerlicher Tanz, keiner von beiden will verletzen oder Grenzen übertreten, doch genau das Unausgesprochene verursache gleichermaßen Schmerz.

Die Autorin fängt die widersprüchlichen Empfindungen, die feinen Wahrnehmungen und Verletzlichkeiten der Figuren überzeugend ein. Gerade die Unfähigkeit die großen Gefühle anzusprechen setzt sie so überzeugend um. Rahel wie auch Peter wirken authentisch, ebenso ihre Konflikte. Eine detailgenaue Studie menschlicher Empfindungen an einem möglichen Wendepunkt im Leben.

Ingo Schulze – Die rechtschaffenen Mörder

Ingo Schulze – Die rechtschaffenen Mörder

Als Kind schon entdeckt Norbert Paulini die Literatur. Es ist der Nachlass seiner früh verstorbenen Mutter, die einst ein Antiquariat in Dresden eröffnete und dessen Bestände in die Hände des Jungen fielen. Er will einmal Leser werden, nicht mehr und nicht weniger und so kommt es 1977 nach einigen Umwegen zur Wiederöffnung des mütterlichen Antiquariats. Von überall aus der DDR her strömen die Menschen zu dem Sonderling, der alles über seine Schätze weiß, auch Frauen zieht er an, aber die Richtige will nicht dabei sein. Mit der Wende kommt auch für ihn ein Einschnitt und die Zeiten meinen es nicht gut mit ihm. Tapfer versucht er noch durchzuhalten oder wenigstens sein Dasein als Leser fortzuführen. Doch irgendwann wird alles zu viel.

„(…) verdienten erheblich mehr als er. Dafür war Norbert Paulini sein eigener Herr. Er lebte und handelte ausschließlich mit jenen Büchern, die ihn interessierten, und brauchte sich nicht mit Schul- und Kochbüchern, Steuerratgebern und Verkehrsatlanten herumzuschlagen. Was gingen ihn diese Dinge an? Er sah keinen Grund, von seinem Beruf Abstand zu nehmen.“

Ein Leben für die Literatur, nicht studiert und analysiert, sondern entdeckt und genossen, eigenständig durchgewühlt, sich die Welt der Autoren erarbeitet. Die Bücher als Türen zu einer anderen, größeren Welt verstehen, sich in ihnen verlieren und sie am liebsten alle behalten wollen – welcher Leser kennt nicht diese Träume? Das Dasein als Antiquar schmerzt Paulini, mitanzusehen, wie sich Menschen leichtfertig von diesen Schätzen trennen und wie auch er sie weiterverkaufen muss, wo er sie doch am liebsten alle unter seinem Dach beheimaten würde. Der Roman ist zunächst eine Hommage an die Bibliophilen, die mehr zwischen den gedruckten Seiten leben als in der Realität.

Doch die Zeichen der Zeit finden auch Eingang in die Geschichte und gänzlich kann Paulini die Welt vor seiner Tür nicht ignorieren. Der zweite und dritte Teil der Handlung schlagen daher einen gänzlich anderen Ton an, der zwar zu dem Niedergang – rein wirtschaftlich wie auch moralisch und mental – des Protagonisten passt, aber das Gesamtwerk irgendwie unfertig wirken lässt. Der Blickwinkel wird verschoben, es hat nun ein Autor namens Schultze das Wort, der über diesen Dresdner Sonderling schreibt, bevor wiederum dessen Lektorin auf Spurensuche in die Elbestadt reist.

Ich kann die Konstruktion als literarischen Kniff von Erzählung in der Erzählung und Doppelbödigkeit, um die Fiktion der Literatur nochmals zu unterstreichen, akzeptieren, aber leider wird alles für mich nicht rund, sondern wirkt holprig. Die Kapitalismuskritik ist angekommen, aber vielleicht wäre eine starke Figurenzeichnung und fiktive Biografie schlicht genug gewesen, der erhobene Zeigefinger erscheint schlicht zu sehr gewollt.

Lukas Rietzschel – Mit der Faust in die Welt schlagen

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Lukas Rietzschel – Mit der Faust in die Welt schlagen

Um die Jahrtausendwende sieht die Welt noch rosig aus, auch wenn in Neschwitz bei Dresden die blühenden Landschaften ausgeblieben sind und die Reste der DDR Industrie nach und nach abgerissen werden. Die Eltern bauen ein Haus, die Söhne Philipp und Tobias sind noch klein und haben das Leben vor sich. Dieses Leben folgt jahrein jahraus denselben Bahnen. Angriff auf das World Trade Center, Hochwasser in Dresden – woanders geschieht etwas, nicht aber in Neschwitz. Die Jungs werden älter, Philipp gerät an falsche Freunde, spielt den Halbstarken, Tobias zieht sich immer mehr zurück, bewundert ein Mädchen seiner Klasse, doch nach der Grundschule trennen sich die Wege, für Kinder wie ihn bleibt nur die Hauptschule. Die versprochenen Perspektiven bleiben aus und zunehmend lehnt sich die Jugend auf, erst gegen die Sorben, dann gegen die anderen Ausländer, die den Westen ihrer geliebten Heimat schon erobert haben. Irgendjemand muss doch etwas dagegen tun, das ist doch reine Selbstverteidigung!

Lukas Rietzschels Roman zeichnet eine Welt nach, von der man weiß, dass sie existiert, aber die man eigentlich nicht sehen will, weil man sich schämt, dass es sie gibt, weil man sie verachtet, weil man nicht weiß, was man dagegen tun soll. Aus zwei schüchternen Jungs, wohlerzogen und bescheiden, werden Mitläufer und Täter, Rassisten und gewaltbereite Kriminelle. Hätte es eine Alternative zu dieser Entwicklung geben können? Die Oma wusste schon, dass sie keine Chance bei der Lehrerin haben, die hatte die Mutter schon auf dem Kieker, da kann man sich noch so bemühen, es ist ohnehin umsonst.

„Dieses ganze System ist am Arsch“, sagte Menzel. „Diese Gesellschaft, wo niemand mehr sagen kann, was er will. Wo dir vorgeschrieben wird, was du essen, wie viel du trinken und wie schnell du fahren darfst. Du bist ein Rassist, du bist ein Sexist! Die sollen alle mal die Fresse halten!“

„Weißt du, was ich glaube?“, sagte Tobias.

„Hm?“, fragte Menzel.

„Es braucht mal wieder einen richtigen Krieg.“

Dieser kurze Dialog gegen Ende des Romans fasst zusammen, was die Figuren empfinden: sie sind abgehängt, haben keinen Einfluss, nicht einmal auf die banalsten Dinge des Alltags, keiner versteht sie, sie werden sofort abgestempelt und wissen nicht, wie sie aus der Nummer rauskommen sollen.

Rietzschel weckt kein Mitleid für seine beiden Protagonisten, er verurteilt sie auch nicht, er beschreibt neutral einen Schritt nach dem anderen, der dazu führt, dass sie da enden, wo sie schließlich sind. Eine Geschichte, wie es leider zu viele gibt. Kein schöner Roman, auch „unterhaltsam“ trifft es nicht. Brutal bildet er auf seine Weise die Realität ab und wird so zu einem Zeitzeugnis, einem, das niemand sehen will, das man aber nicht ignorieren sollte.