Emmanuel Carrère – Der Widersacher

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Emmanuel Carrère – Der Widersacher

Es ist die Geschichte einer Familientragödie. Es ist die Geschichte einer regelrechten Mordserie. Es ist die Geschichte eines Mannes, der das perfekte Doppelleben aufgebaut hatte. Jean-Claude Romand erschlägt im Januar 1993 zuerst seine Frau Florence, erschießt danach seine beiden Kinder; fährt zu seinen Eltern, die er ebenfalls tötet, genauso wie den Hund; trifft in der Nacht seine Geliebte, deren Mord scheitert, bevor er nach Hause zu den Leichen seiner Familie zurückkehrt und Feuer legt. Er überlebt wider Erwarten, doch nicht nur der erweiterte Selbstmord, sondern das unglaubliche Doppelleben, das er achtzehn Jahre aufrechterhalten hat, schockiert den kleinen Ort im Jura. Wie konnte das angesehene Mitglied der Gemeinde sie alle so täuschen und selbst guten Freunden über diesen Zeitraum etwas vormachen?

Emmanuel Carrère wird beim Prozess auf den Fall aufmerksam und nimmt Kontakt zu Romand auf. Zunächst lehnt dieser ein Gespräch ab, stimmt aber später doch zu und so zeichnet der Autor in einem non-fiktionalen Roman die Geschichte des Mannes nach. Vom Vorgehen erinnert es ein wenig an Truman Capotes Roman „In Cold Blood“, der ebenfalls auf einer wahren Geschichte basiert, Carrère verbindet aber noch stärker reale Dokumente mit dem Bericht des möglichen Hergangs. Erschienen ist der Roman bereits 1999, auf Deutsch erstmals zwei Jahre später, im vergangenen Jahr nun in einer Neuübersetzung.

Wie häufig geht von extremen Taten eine ungemeine Faszination aus, so auch von diesem Fall. Der vermeintlich liebende Familienvater und erfolgreiche Mediziner, der bei der WHO an den ganz großen Themen forscht und dem nahe Kontakte zu höchsten Politikern nachgesagt wird, hat in der Realität schon im zweiten Studienjahr die Prüfung nicht absolviert und danach sein Leben auf einem feinsäuberlich austarierten Lügengebilde aufgebaut. Es ist schier unglaublich, dass er so lange seine eigene Familie, sowohl die Eltern wie auch seine Frau und Kinder, aber auch engste Freunde täuschen konnte. Auch dass seine offenkundige Persönlichkeitsstörung bei einer derart großen Anzahl von Medizinern in seinem direkten Umfeld nie aufgefallen ist, lässt einem staunen.

Carrère erzählt nicht chronologisch die Abläufe, sondern dokumentiert eher sein Vorgehen in einer eher journalistischen Weise, so dass „Der Widersacher“ kein klassischer Roman, sondern eher eine lange Reportage wird. Daher sind es auch weniger die sprachlichen als mehr die kompositorischen Aspekte und natürlich die Person Jean-Claude Romand, die im Vordergrund stehen. In der Gesamtdarstellung für mich eine runde und gelungene Sache. Dass notwendigerweise bei einer psychologisch kaum ergründbaren Figur Fragen offen bleiben, ist verständlich, eröffnet zugleich aber auch Spielraum für Spekulation, so dass der Text auch nach dem Lesen noch nachwirkt.

Natasha Bell – Alexandra

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Natasha Bell – Alexandra

Alexandra und Marc sind mit ihren zwei Kindern eine beneidenswerte Musterfamilie. Beide lehren sie an der Uni und sind mit ihrem Leben glücklich. Bis zu dem Tag, an dem Alexandra spurlos verschwindet. Sie kommt nicht von der Arbeit nach Hause, wenige Tage später findet die Polizei ihr Fahrrad und blutverschmierte Kleidung. Wurde sie Opfer eines Gewaltverbrechens? Marc will nicht an den Tod seiner Frau glauben, er weiß, dass sie lebt, aber sie würde doch nie einfach so verschwinden und ihn und die Töchter alleine lassen? Die Polizei scheint anderer Meinung, hält sich aber zurück. Das Leben geht unaufhaltsam weiter und nach und nach tauchen Indizien auf, die Marc ins Zweifeln bringen. Und Alexandra muss all dies aus der Ferne mitansehen.

Natasha Bell hat ihren Psychothriller geschickt aufgebaut: wir erleben die Tage und Wochen nach Alexandras Verschwinden, Flashbacks erlauben einen Blick hinter die Fassade des Familienlebens vor diesem unheilvollen Tag und gleichzeitig erleben wir Alexandra, die von irgendwoher die Ereignisse verfolgen muss, ohne jedoch darauf Einfluss nehmen zu können. Sie lebt – das ist aber auch schon der einzige Informationsvorsprung, den wir vor dem Ehemann und der Polizei haben. Und die eine oder andere Randbemerkung, die stutzig macht und schon früh erkennen lässt, dass nicht alles am Familienleben so war, wie Marc glaubte und immer noch glauben machen möchte.

Ich liebe das Spiel mit unterschiedlichen Perspektiven und Andeutungen, die lange Zeit offen lassen, was wirklich geschah und so die Spannung erhalten. Was mir besonders gefallen hat, war, dass die Autorin ohne Blutvergießen und andere Grausamkeiten auskommt und dennoch die Nerven des Lesers herausfordert. Die Protagonistin ist sicherlich der interessanteste Charakter der Geschichte, vielschichtig und undurchschaubar führt sie in die Irre. Ihr Mann hingegen, bleibt etwas flach, auch seine Verzweiflung konnte mich nicht ganz überzeugen, er ist mir insgesamt etwas zu wenig emotional, obwohl er sich in einem absoluten Ausnahmezustand befinden sollte. Die Story punktet ganz klar durch den cleveren Aufbau und die sehr gut platzierten Hinweise und Andeutungen, die dazu führen, dass man, einmal begonnen, nicht mehr aufhören möchte zu lesen.

Dennis Lehane – Der Abgrund in dir

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Dennis Lehane – Der Abgrund in dir

Rachel Childs wächst mit ihrer Mutter auf, die mit Ratgebern ein Vermögen gemacht hat. Ein Vater fehlt ihr nicht wirklich, dennoch würde sie gerne wissen, wer sie Erzeugt hat. Die Mutter verspricht das Geheimnis zu lüften, schiebt dies jedoch immer weiter hinaus, bis sie schließlich bei einem Unfall. Rachel engagiert den Privatdetektiv Brian Delacroix, der auch den einen oder anderen potenziellen Kandidaten auftut, die sich jedoch alle als falsche Spur herausstellen. Nachdem ihre Karriere als Journalistin ein jähes Ende nimmt und ihre Ehe mit Sebastian geschieden wird, trifft sie nach Jahren wieder auf Brian und die beiden verlieben sich. Er scheint der Mann ihres Lebens zu sein und steht Rachel in ihren schwersten Stunden, in denen sie von Panikattacken überfallen wird, bei. Doch irgendetwas kommt ihr komisch vor, ein unbestimmtes Gefühl nagt an ihr und bald schon mehren sich die Zeichen, die darauf hindeuten, dass Brian nicht der Mann ist, den sie glaubt geheiratet zu haben.

Dennis Lehane, international ausgezeichneter Autor, der seit rund 25 Jahren eine feste Größe im Krimigenre ist. zahlreiche seiner Romane wurden verfilmt und er selbst hat auch mehrere Drehbücher für die Serie „The Wire“ geschrieben. „Der Abgrund in dir“ unterstreicht einmal mehr seinen Platz unter den ganz Großen, denn wenn dem Roman eine Sache gelingt, dann ist es immer wieder zu überraschen und Fahrt in eine völlig neue Richtung aufzunehmen.

Langsam und gemächlich beginnt die Geschichte um Rachel und ihre Suche nach dem Vater. Dies scheint das zentrale Element des Romans zu sein und mit jedem vermeintlichen Kandidaten, der sich wieder als der nicht Richtige herausstellt, steigt die Spannung auf den echten. Doch dann steht plötzlich Rachels Karriere als Journalistin und erfolgreiche Reporterin im Zentrum der Handlung. Was wird sie in dem völlig zerstörten Haiti aufdecken, in welche Gefahr begibt sie sich? Nun ja, hier endet auch schon dieses Kapitel und ihr Privatleben rückt in den Fokus. Vor allem ihre Ängste, die sie ans Haus fesseln, bestimmen wesentlich den weiteren Fortgang. Glücklicherweise findet sie in ihrem zweiten Ehemann Brian einen zugewandten und verständnisvollen Partner. Als man denkt, dass alle Kämpfe entschieden sind und Rachels Leben sich auf die Befreiung der Dämonen, die sie in Ketten legen, konzentrieren wird, packt Lehane erst richtig aus und der Roman verwandelt sich zu einem regelrechten Psychothriller, mit einem Tempo, das einem den Atem stocken lässt.

Erst wenn man den Roman ausgelesen hat, wird deutlich, wie clever dieser konstruiert ist und wie die einzelnen Teile ineinandergreifen, die zuvor mehr lose und episodenhaft nebeneinanderstanden. Vor allem Rachels Charakter und psychisches Befinden wird maßgeblich durch die Ereignisse beeinflusst und hier zeigt sie Lehanes professioneller Hintergrund als Therapeut. Man merkt auch, dass er beim Schreiben schon den Film vor Augen sieht, stark sind die Bilder, die er hervorruft und es fällt einem nicht schwer, die Handlung zu visualisieren. Eine entschlossene Frauenfigur, die auch schwach sein kann, sich immer wieder aufrafft, selbst am Schopf packt und weitergeht – nur wohin, ist noch die Frage.

Ein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Buch finden sich auf der Verlagsseite.