Gianfranco Calligarich – Der letzte Sommer in der Stadt

Gianfranco Calligarich – Der letzte Sommer in der Stadt

Leo Gazzarra verlässt seine Heimat Mailand, um in Rom ganz in das Leben einzutauchen. Die Zeitung, bei der er arbeitet, schließt jedoch schon bald, dank eines Freundes findet er jedoch einen Aushilfsjob beim „Corriere dello Sport“. So wie das Jahr seinen Lauf nimmt, spielt sich auch sein Leben ab: mal Sonne mal Regen, mal nähern er und Arianna sich an, dann wiederum stoßen sie sich ab. Die Nächte sind lang, ausgelassen und alkoholgeschwängert, die Tage verbringt Leo auf den Plätzen der Stadt, trifft Bekannte, genießt das Dolce Vita in den Restaurants. Doch mit der großen Augusthitze kippt auch das Jahr und ein Ende ist unausweichlich.

Nach seiner Veröffentlichung 1973 wurde Gianfranco Calligarichs Roman „Der letzte Sommer in der Stadt“ mit dem Premio Inedito ausgezeichnet und genauso schnell vergessen, wie er bejubelt wurde. Auch eine Wiederentdeckung und zweite Begeisterungswelle konnte die Erzählung nicht davor retten, wieder in Vergessenheit zu geraten. Nun also der dritte Aufzug für die ungewöhnliche Liebesgeschichte und Ode an die Ewige Stadt.

„Was für ein Tag“, sagte sie, „ich bin extrem spät aufgestanden, war drei Stunden im Schwimmbad und dann wieder zwei Stunden im Bett. Ich bin fix und fertig.“ Graziano schaut sei mit angehaltenem Atem an. „Ein wahnsinnig produktiver Tag“, sagte er. „Wieso“, sagte sie, „ich habe rote Blutkörperchen produziert, reicht das nicht?“

Es ist die Geschichte des süßen Müßiggangs zu Beginn der 1970er Jahre. Leo hat eigentlich nicht das Geld dafür, mäandert sich aber geschickt durch das römische Leben. An morgen verschwendet er keinen Gedanken, auch Beziehungen oder der Job sind nichts, worauf er mehr Gedanken als erforderlich verwenden würde. Auch wenn Rom voller Leben ist und immer irgendwo etwas geschieht, merkt man doch die Leere, die in seinem Leben herrscht. Er hat nichts, woran er festhalten kann, nicht einmal seine Wohnung ist die seinige, sondern genauso vorübergehend wie alles in seinem Leben.

Es ist das Bohème-Leben wie man es aus Romanen aus dem Paris der 20er und 60er Jahre kennt, hier jedoch sind weder Künstler noch eine desillusionierte Kriegsheimkehrergeneration, sondern junge Menschen ohne Ziel, die nur mit ausreichend Alkohol das Nichts aushalten, das ihr Leben ist. Sie bemühen sich jedoch auch nicht, ihr Leben mit Sinn zu füllen oder aktiv zu werden. Selbstreflexion fehlt ebenso wie ein kritischer Blick auf das Leben oder die Gesellschaft und die politische Situation, die durchaus genügen Stoff geboten hätten. Das muss man sich auch erst einmal leisten können.

Calligarich gelingt es, den emotionalen Ausnahmezustand seines Protagonisten glaubhaft zu transportieren, auch das Lebensgefühl Roms und der Takt des Jahres spiegeln sich hervorragend in der Erzählung wider. Mit großartigen Metaphern und vor allem dem Bild des Meeres als Sehnsuchtsort, Ort des Anfangs und des Endes zeigt der Autor seine sprachliche Stärke. Was mir jedoch etwas fehlte war das Identifikationspotenzial, die Figuren beobachtete ich aus der Ferne, sie blieben mir fremd und konnten mich leider nicht berühren. Für ihr weinerliches Drama vor dem Hintergrund der realen Probleme der damaligen wie der heutigen Zeit kann ich leider nur wenig Mitgefühl aufbringen.

Paul Theroux – Der Fremde im Palazzo d’Oro

Roman, Rezension, Italien, 60er
Der Maler Gilford Mariner musste 60 Jahre alt werden, um seine Geschichte erzählen zu können. Er reist zurück an den Ort, wo 1962 sein Leben eine entscheidende Wendung nahm. In Taormina auf Sizilien will er nochmals erleben, was sich damals abgespielt hat, als er als junger Student in Italien umherreiste und malte. Auf der Terrasse des Palazzo d’Oro beobachtet er ein ungleiches Paar, das auf ihn aufmerksam wird und ihn einlädt. Aus dieser kurzen Begegnung werden vier Wochen intensiven Zusammenseins, in denen Gil versucht, das Geheimnis der Gräfin und ihres Arztes Haroun zu erkunden. Vier Wochen, in denen er in eine ungleiche Affäre versinkt, die ihn anzieht und gleichzeitig abstößt. Diese reife Frau, die tagsüber so schroff und abweisend sein kann und nachts vor Sehnsucht bettelt und sich erniedrigt. Gil ist sich bewusst, dass sie ihn aushält, seinen Aufenthalt und neue Kleidung finanziert als Gegenleistung für seine Dienste und doch genießt er auch das süße Leben. Erst als er eine junge Amerikanerin trifft, gelingt es ihm, das Geheimnis der Gräfin zu lösen und sein eigenes Leben wieder zu leben.
Was sich vordergründig nach einer unzählige Male gehörten, banalen Liebesgeschichte – oder eher einer aufgrund von Macht und Geld ungleich verteilten Affäre – anhört, gewinnt durch Therouxs Schreibstil ungeahnte Tiefe. Atmosphärisch gelingt es ihm die 60er Jahre auf Sizilien vor dem inneren Auge auferstehen zu lassen; leicht reist man in diese Zeit des rauschenden Lebens in Italien zurück, dass so viele Europäer und Amerikaner angezogen hat, um auch die Kriegszeit zu vergessen und das dekadente und sinnfreie Leben zu genießen. Davon träumt auch der junge Gil, der sich vom offenkundigen Reichtum angezogen fühlt, wo er doch sonst sehr spartanisch leben, reisen und essen muss. Auch wenn er das Verhältnis von Gräfin und Arzt nicht durchschauen kann, ist er bereit sich hinzugeben und auf das Spiel einzulassen, das sie mit ihm spielen.

In ebendiesem Spiel gewinnt der Roman an Format. Zwei erwachsene Menschen, die das Leben, die Menschen und die gesellschaftlichen Mechanismen durchschaut haben und sie gnadenlos dieser bedienen, um ihre eigenen Interessen zu verfolgen. Sie spielen nicht mit Gil, sie missbrauchen ihn, nicht nur physisch, sondern schlimmer noch: psychisch. Durch ihn erhalten sie ihren Beifall und Bestätigung. Er als Person ist irrelevant, nur das, was er darstellt, ist für sie wichtig: unbeschwerte Jugend, eine Leichtigkeit und Freiheit, die ihnen abhandengekommen sind. Auch wenn sie individuelle Charaktere sind, offenbart die Gräfin am Ende dem jungen Amerikaner, dass das Leben doch zyklisch verläuft und dass das, was er gerade erlebt hat, lediglich eine Wiederholung dessen ist, was sich seit ewigen Zeiten abspielt:  der Traum von der ewigen Jugend, der Neid auf die Unbedarftheit der jungen Menschen, das, was man selbst in diesem Alter nicht schätzen konnte, weil man auf die älteren, ihre Macht und Reichtum blickte und so übersah, was man selbst hat.
Herzlichen Dank an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Titel finden sich auf der Seite der Verlagsgruppe Random House.