Nona Fernández – The Twilight Zone

Nona Fernández – The Twilight Zone

1984 ist die namenlose Erzählerin noch eine junge Schülerin, jedoch mit 13 schon alt genug, um das Ausmaß dessen zu erfassen, was die Schlagzeilen ihrer chilenischen Heimat bestimmt: Andrés Antonio Valenzuela Morales gibt in einem Interview öffentlich zu, wie er für den Diktator Augusto Pinochet Menschen entführt, gefoltert und getötet hat. Er muss anschließend untertauchen und das Land verlassen, denn nun droht im dasselbe wie anderen vermeintlichen Feinden des Generals. Die Erzählerin ist wie besessen von dem Mann und als erwachsene Filmerin versucht sie sich noch einmal mit diesem Medium der Geschichte anzunähern, die jedoch zwischen ihren eigenen Erinnerungen und den Dokumentationen immer mehr zu flirren beginnt.

Nona Fernández ist eine chilenische Schauspielerin und Autorin, die neben Theaterstücken und einer Kurzgeschichtensammlung auch sechs Romane veröffentlicht hat. Sie wurde mit dem Sor Juana Inés de la Cruz Prize, dem renommierten Preis der Internationalen Buchmesse Guadalajara für spanisch schreibende Autoren geehrt, „The Twilight Zone“ war 2021 Finalist für den National Book Award for Translated Literature. Die Autorin fängt in ihrem Roman einen Teil der chilenischen Geschichte ein, der sich nicht in den Archiven findet, sondern nur in den Köpfen derjenigen, die die Diktatur miterlebt haben und diese tagtäglich, immer wieder innerlich durchleben.

„I tortured people“ – I habe Menschen gefoltert. Dieser Satz wird zum zentralen Element in der Obsession der Erzählerin. Sie interessiert sich nicht für den Menschen Andrés Antonio Valenzuela Morales, sondern nur für das, was er getan hat. Sie recherchiert einzelne Schicksale von Opfern, die in der Grauzone verschwunden sind, von denen niemand weiß, ob sie noch leben, schon längst ermordet wurden, was man ihnen vorwirft, was mit ihnen geschehen ist. Es ist das, was nicht dokumentiert wurde, was sich aber in das kollektive Bewusstsein eingebrannt hat und dort auch nach Jahrzehnten noch lodert. Vieles fand in der Öffentlichkeit, vor aller Augen statt und selbst die Kinder waren sich der Zeit bewusst, in der sie lebten.

Lügen und Angst dominierten unter Pinochet, mit den dokumentarischen Mitteln versucht die Erzählerin sich der Wahrheit anzunähern und merkt doch schnell, wie sie scheitert. Auch ihre Erinnerungen sind nicht so klar und eindeutig, wie sie es sich wünscht, sie vermischen sich auch mit den Geschichten der populären Fernsehsendung „The Twilight Zone“ und verwischen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion.

Die Autorin versucht sich auf unterschiedlichen Wegen der Geschichte ihres Landes anzunähern. Das Bild bleibt fragmentarisch, verschwommen, und doch sind die kleinen Blitzlichter erschreckend, brennen sich ein, lassen einem erschrocken zurücktreten. Ein schwer nachvollziehbarer Horror, den die Menschen lebten und der auch in der Folge nur unzureichend aufgearbeitet und verfolgt wurde, den Nona Fernández jedoch einfängt und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich macht.

Abbas Khider – Palast der Miserablen

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Abbas Khider – Palast der Miserablen

Shams Hussein wohnt mit seinen Eltern und der älteren Schwester Qamer im Süden des Irak. Auch wenn jahrelang Krieg mit dem Nachbarn Iran herrscht, bekommen sie davon nicht viel mit; ihr kleines Dorf liegt zwar nahe der Grenze, bleibt aber von den Kriegshandlungen verschont. Auch Shams Vater hat es als Soldat gut getroffen, kann er doch täglich bei der Familie übernachten. Als die Zeiten schlechter werden, beschließt die Familie nach Bagdad zu ziehen. Sie kommen zunächst bei Verwandten unter, bevor sie sich aus dem, was andere weggeworfen haben, eine Hütte auf der Mülldeponie eröffnen. Das neu entstehende Blechviertel floriert und Shams kann auch wieder zur Schule gehen. Durch seinen Cousin entdeckt er als Jugendlicher die Literatur und die Gefahr, die von dieser ausgeht. Worte können schlimmer sein als Taten und werden ebenso hart bestraft.

Von Abbas Khider kenne ich bislang erst zwei autobiografische Bücher, „Der falsche Inder“, das seine Flucht nach Deutschland thematisiert und „Deutsch für alle“, in dem er seine Ankunft in der neuen Heimat und die Schwierigkeiten mit unserer Sprache amüsant in Anekdoten beschreibt. Mit „Palast der Miserablen“ kehrt er in seine Heimat zurück und zeigt das Land im Dauerkrieg aus der Perspektive eines Jungen, der das große Ganze nicht überblicken kann und so aus den einzelnen Mosaiksteinchen einen Sinn für sich konstruieren muss. Die Welt jenseits der Grenze seines Landes ist ihm fremd, doch plötzlich tun sich Türen auf und völlig neue Möglichkeiten scheinen sich zu eröffnen.

Es ist schwer, diesen Roman zu fassen zu bekommen. Es beginnt in langsamem Tempo, das zum Alter des Jungen Shams passt. Die Beschreibungen lassen das Leben in der abgeschiedenen Region vor dem inneren Auge erscheinen, man kann sich kaum vorstellen, dass dies die 80er Jahre gewesen sein sollen. Auch die Ankunft in Saddam City ist geradezu unwirklich aus europäischer Perspektive, aber gerade deshalb sehr spannend zu lesen. Das Leben und die Gesellschaft folgen gänzlich anderen Regeln als unser Alltag, trotz der Härte hat man jedoch nicht den Eindruck als wenn die Menschen daran verzweifeln würden. Sie haben sich arrangiert mit der Situation der Entbehrungen und der Diktatur.

Leider viel zu kurz kommen Shams literarische Initiierung und seine Treffen im „Palast der Miserablen“. Die Rolle der Literatur, auch gerade der Exilliteraten und die Unterwanderung des Regimes durch den heimlichen Verkauf von Büchern, das Erzählen von mehrdeutigen Geschichten – davon hätte ich gerne noch viel mehr gelesen. Schnell jedoch geht diese Episode zu Ende, brutal die Folter, kaum zu ertragen, auch wenn sich dies durch die Einschübe aus der Arrestzelle angekündigt hatte.

Abbas Khider steht in gewisser Weise in der Tradition der orientalischen Geschichtenerzähler. Vieles erinnert mich auch an Rafik Schami, der ebenfalls in Deutschland Zuflucht gefunden hat und doch mit seinen Romanen immer wieder nach Syrien zurückkehrt. Beide sind hervorragende Erzähler, bei denen man den Schmerz um den Verlust der Heimat in jeder Zeile spüren kann. Für mich hätte das Thema und vor allem der Protagonist des „Palast der Miserablen“ noch mehr Potenzial gehabt, das Ende kam mir zu abrupt, noch nicht alles Erzählenswerte erschien mir erzählt.

James Marrison – Stadt der Verschwundenen

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James Marrison – Stadt der Verschwundenen

Auch viele Jahre später lässt Guillermo die Erinnerung an die wenigen Tage 1981 nicht los. Hätte er etwas anders machen müssen? Hätte er sie retten können? Eine junge Frau spaziert nichts ahnend durch Buenos Aires als die Militärpolizei die Suche nach ihr startet. Weder weiß sie warum, noch nimmt sie die Sache richtig ernst. Doch Guillermo ahnt, dass dies bereits das Todesurteil sein könnte. Er macht sich auf die Suche nach Spuren und trifft auf ihre Schwester, Pilar, mit der er gemeinsam nach Soledad fahndet. Sie rekonstruieren ihre letzten Tage und stoßen auf einen seltsamen Mord an Soledads Englischlehrer. Bald schon erkennen sie, was die junge Studentin ins Fadenkreuz der militares gebracht hat. Doch dies bedeutet nur, dass sie wirklich in Lebensgefahr schwebt.

James Marrisons Thriller greift eine der dunkelsten Kapitel in der argentinischen Geschichte auf. Zwischen 1976 und 1983 verschwanden zahlreiche Menschen in Argentinien spurlos unter der Militärdiktatur. Die Madres de Plaza de Mayo, dem Platz vor dem Präsidentenpalast in Buenos Aires, trafen sich seit 1977 jeden Donnerstag dort, um stumm gegen das Regime zu protestieren und auf ihre Sorgen aufmerksam zu machen.

Ähnlich wie all diese Töchter und Söhne wird auch Soledad mitten aus dem Leben gerissen, aus einer Buchhandlung hinaus- und wegtransportiert. Die Angst vor dem unberechenbaren und brutalen Militär ist allgegenwärtig im Roman. Kaum ein Schritt können die Figuren tun, ohne überwacht zu werden oder sich unmittelbar in Gefahr zu begeben. Trauen kann man kaum jemandem, jeder könnte Feind oder Informationslieferant sein. Gründe benötigten die militares offenbar nur wenige, um Menschen verschwinden zu lassen – ein Verdacht genügte.

„Stadt der Verschwundenen“ beschreibt sehr eindrücklich das Leben unter der Militärjunta. Allerdings bleibt die Handlung weitgehend auf die Suche nach Soledad beschränkt, darüber hinaus bekommt man kaum Einblicke in das Leben in Buenos Aires der 1980er. Auch die Komplexität der Geschichte ist recht überschaubar, große Überraschung findet man ebensowenig wie verzwickte Zusammenhänge. Da nur eine kurze Zeitspanne geschildert wird, bleibt auch eine Entwicklung bei den Figuren aus. Hier hätte der Roman auf jeden Fall noch Potenzial gehabt, wäre aber etwas ganz Anderes geworden als diese sehr fokussierte und mit gut 200 Seiten auch recht knappe Erzählung. In sich ist das alles stimmig und durchaus lesenswert.