Abbas Khider – Deutsch für alle

abbas-khider-deutsch-für-alle
Abbas Khider – Deutsch für alle

Deutsche Sprache – schwere Sprache. Den Spruch kennen wir alle, als Muttersprachler kann man zwar nachvollziehen, aber wie komplex unsere Sprache als Fremdsprache zu erlernen ist, darüber macht man sich im Allgemeinen kaum Gedanken. Abbas Khider lässt anlässlich der vielen Geflüchteten der letzten Jahre seinen eigenen Lernprozess Revue passieren. Seit 20 Jahren lebt er bereits in Deutschland, hat Literatur und Philosophie studiert und beherrscht die deutsche Sprache ohne Frage. Aber es gibt nach wie vor Aspekte, die ihn in den Wahnsinn treiben und von denen er fürchtet, dass er sie nie wirklich beherrschen wird. Was ist zu tun? Ein einfacheres Deutsch muss her, ein Deutsch, das alle lernen können.

Seine Vorschläge zur Vereinfachung unserer Sprache sind nicht ganz ernstzunehmen, wenn auch nachvollziehbar. Drei Artikel, die ohne jegliche Logik verteilt und anzuwenden sind, der unsägliche Satzbau in Nebensätzen, der das Verb ans Ende schiebt oder gar auseinanderreißt, daneben die unterschiedlichen Fälle mit ihren spezifischen Deklinationen und die Umlaute erst: wie soll man zwischen Fee und Vieh oder Mönche und München denn wirklich so einfach unterscheiden kennen, wenn es nur Nuancen sind? – man will sich gar nicht vorstellen, wie lange es tatsächlich dauert all das zu beherrschen. Und tatsächlich bleibt der Sinn nachvollziehbar, wenn man so einiges wegstreicht. Die Sprache macht es aber auch nicht schöner, also ist es vielleicht doch keine so gute Idee.

Neben seinen Überlegungen zur Komplexität der deutschen Sprache lässt Khider auch viele seiner eigenen Erfahrungen einfließen, von absurd-komisch bis erschreckend sind die Begebenheiten, von denen er berichtet. Von Unterstützung und Hilfe schreibt er ebenso wie von offenem Rassismus, der ihm als Iraker entgegenschlug.

Für mich eine gelungene Mischung von linguistischer Betrachtung und Anekdoten und meines Erachtens auch ein wichtiger Beitrag in der unsäglichen Immigrationsdebatte, denn wie schwer es vielen gemacht wird, die sich hier ein Leben aufbauen wollen und hochmotiviert sind, wird leider oft vergessen und auf die Negativbeispiele fokussiert.

Rasha Abbas – Die Erfindung der deutschen Grammatik

Cover - Rasha Abbas - Die Erfindung der deutschen Grammatik
Rasha Abbas – Die Erfindung der deutschen Grammatik

Schon in ihrer syrischen Heimat hat sie sich für allerlei fremde Sprachen interessiert, dass es ausgerechnet das Deutsche werden sollte, dass sie mal irgendwann brauchen würde, ahnte Rasha Abbas damals, als die Welt noch in Ordnung war, nicht. Nach der Flucht über den Libanon landet sie letztlich in Neukölln, das irgendwie gar nicht so fremd ist, vor allem wundert es sie, dass sie quasi nie Deutsche trifft, sondern Türken, Italiener und sonstige Einwanderer. Aller Anfang ist schwer im neuen Land und mag man auch noch so integrierwillig sein, der Neustart hat seine Tücken: der Asylantrag, Weihnachten, der Sprachkurs – man ahnt ja gar nicht, woran man so alles scheitern kann.

Rasha Abbas ist syrische Journalistin und Autorin. Seit 2015 lebt sie in Deutschland, 2016 hat sie „Die Erfindung der deutschen Grammatik“ veröffentlicht, in dem sie humorvoll ihr Ankommen in Deutschland beschreibt. Es ist aber auch eine Auseinandersetzung der Autorin mit sich selbst, ihren Erwartungen an sich und dem Umgang mit Niederlagen. Sie gibt Einblick in die andere Seite der Asyldebatte ohne politische Position zu beziehen und zu werten. Mit Ironie – auch einer gehörigen Portion Selbstironie – erlaubt sie uns einen Blick in ihre Welt.

Wie der Titel schon sagt, spielt natürlich das Erlernen der deutschen Sprache eine Rolle und diese bietet so Manches, worüber man sich wundern kann:

„Wir befinden uns nun einmal in einer Zeit, in der das feministische Bewusstsein noch nicht so ausgeprägt ist. Deshalb muss ich mich so verhalten. Lass mich noch eins draufsetzen, das verwirrt die Lernenden noch mehr: Das Wort Mädchen machen wir jetzt neutral und nicht weiblich.“

„Neutral? Werden wir jetzt etwa ein drittes Geschlecht einführen? Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir uns auf so etwas geeinigt hätten. Wozu soll das bitte gut sein?“

Aber nicht nur unsere Sprache, sondern auch unsere Kultur bieten Raum für Mutmaßungen und Verwirrung: Rasha Abbas beobachtet Hamsterkäufe, Menschenmengen, die in die Städte drängen und die Läden regelrecht leerkaufen. Und plötzlich: niemand mehr, alles ist wie ausgestorben. Was sie zunächst als Vorbereitungen auf einen Krieg deutet, sind die alljährlichen Besorgungen für das Weihnachtsfest und Silvester, die traditionell zu Hause gefeiert werden und die Innenstädte vereinsamen lassen.

Es gibt aber auch Aspekte, die mir völlig neu waren, wie etwa den Status als Asylbewerber innerhalb der Community der Landsleute zu verbergen und auf Studentenvisa u.ä. zu verweisen.

Es entstand ein neues Phänomen, eine Art Wettstreit nach dem Motto: „Wer ist weniger Flüchtling als der andere?“

Zugegebenermaßen habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht, ob der Status als Flüchtling als Makel angesehen werden könnte, vor allem unter Landsleuten. Es mutet eigentlich fast absurd an, aber letztlich ist es doch nachvollziehbar, dass man dieses Etikett nicht zur Schau tragen möchte.

Die Autorin versucht schließlich auch in der neuen Heimat einen Text zu veröffentlichen, was an einem etwas wenig feinfühligen Lektor scheitert:

„Aber um Himmels Willen, natürlich, meine Liebe! Das Letzte, was ich Ihnen vermitteln wollte, ist, dass, gottbewahre, der Roman nichts als eine große Scheiße ist. Es gibt eine Sache, die ich persönlich äußerst inspirierend und anziehend fand: Ihren Mut. Sie haben einen wirklich bemerkenswerten Mut.“ (…) Ach, Sie sind mir aber auch ein putziges Mädchen. Ich meine Ihren Mut, ein dermaßen miserables Werk zu schreiben und es dann auch noch veröffentlichen zu wollen. Das ist sehr mutig.“

Ein Glück hat sie doch noch jemanden gefunden, der sie veröffentlicht, denn sonst wäre uns dieser kleine Schatz entgangen.