David Lagercrantz – Vernichtung

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David Lagercrantz – Vernichtung

Schon seit Tagen war der obdachlose Alkoholiker in Stockholm negativ aufgefallen und nun ist er tot. Seine Identität ist unbekannt, Papiere konnten nicht bei ihm gefunden werden und offenkundig war er auch eher südostasiatischer denn skandinavischer Herkunft. Einzig eine Telefonnummer hat er bei sich und die führt die untersuchende Gerichtsmedizinerin zu Mikael Blomkvist. Dessen Neugier ist geweckt, vor allem als das genetische Profil des Mannes noch interessanter zu sein scheint als gedacht. Genau das richtige Betätigungsfeld auch für Lisbeth Salander, wo auch immer sie sich aufhält und was sie sonst beschäftigt. Tatsächlich weckt dieser Fall ihre Neugier, aber zu sehr ist sie damit beschäftigt dieses Mal final Rache an ihrer Schwester Camilla zu nehmen. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, es ist nur noch eine Frage von Tagen, bis die Schwestern sich gegenüberstehen werden.

Lagercrantz ist nicht Larsson und Salander/Blomkvist gehören dem verstorbenen Journalisten – lange hielten sich die kritischen Stimmen gegenüber der Fortsetzung der Millennium Reihe. Ja, Lagercrantz ist nicht Larsson, aber bei dem nun dritten Band aus seiner Feder muss diese Diskussion nicht mehr geführt werden. Die Figuren leben weiter, der Stil ist ein anderer, aber mich begeistern Lagercrantz‘ Romane genauso wie Larsson das konnte. Er hat für mich nicht ganz den nervenaufreibenden Thrill, den die Trilogie hatte, aber dafür ist die Handlung in „Vernichtung“ komplex, der Spannungsbogen perfekt orchestriert und die bekannten Wesenszüge der Figuren werden glaubwürdig fortgeführt.

Wieder einmal verlaufen zwei Handlungsstränge parallel. Lisbeth ist auf einsamer Rachemission gegen Camilla, um sich endlich von den Kindheitsdämonen zu befreien. Nur am Rande wird sie in Mikael Blomkvists Recherchen um den Sherpa und den mit ihm verwickelten schwedischen Außenminister eingebunden. Die Geschichte um die unglücklich verlaufende Everest Expedition zehn Jahre zuvor und die Machenschaften der Geheimdienste und ihrer Doppelagenten wird häppchenweise und wohldosiert präsentiert und bleibt so durchgängig spannend. Der große Showdown am Ende passend, wenn ich persönlich auch nicht so viel Action bräuchte.

Gelungen sind die Integration von wissenschaftlichen Erkenntnisse um Genanalysen und den Informationen, die die kryptischen Buchstaben- und Zahlenkombinationen verraten, ebenso wie die in vielen westlichen Ländern befürchtete Unterwanderung von Medien und Verwaltungsapparat durch russische Hacker oder den Geheimdienst.

Auch in der sechsten Auflage beste Unterhaltung durch die beiden ungleichen Protagonisten. Ein starker Krimi, der einem sofort packt. Bleibt die Frage, welches Potenzial die Charaktere für weitere Bände haben. David Lagercrantz konnte mich als Autor fraglos überzeugen, doch dürfte es nicht einfach werden, die Geschichte weiterzuspinnen.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Buch finden sich auf der Seite der Verlagsgruppe Random House. 

David Lagercrantz – Verfolgung

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David Lagercrantz – Verfolgung

Auch wenn es Alternativen gegeben hätte, Lisbeth Salander ist stur genug, um eine Haftstrafe von acht Wochen abzusitzen. Aufgrund ihrer Vorgeschichte landet sie nicht in irgendeinem Gefängnis, sondern in Flodberga, dem Hochsicherheitstrakt für Frauen. Schnell gerät sie dort ins Visier von Benito Andersson, der heimlichen Herrscherin über den Laden. Eigentlich will Lisbeth sich von allem fernhalten, als jedoch ihre Zellennachbarin bedroht wird, mischt sie sich ein – mit entsprechenden Folgen. Dabei hat Lisbeth eigentlich gerade andere Dinge im Kopf, sie scheint der Frage, weshalb ihre Kindheit so verkorkst war, war sie nun einmal war, ein Stück näher gekommen zu sein. Doch das neu erworbene Wissen birgt Gefahren in sich, nicht nur für Lisbeth, sondern vor allem Holger Palmgren muss für Lisbeths Nachforschungen bezahlen: ihr langjähriger Mentor wird ermordet. Doch die junge Frau wäre nicht die, die sie ist, wenn sie sich von so einem Zwischenfall entmutigen lassen würde. Im Gegenteil, jetzt muss sie erst recht handeln.

Nachdem der vierte Band der Millennium Serie leider schon nicht mit den ersten drei geschrieben von Stieg Larsson mithalten konnte, setzt sich dies auch im fünften Band fort. David Lagercrantz hat ein schweres Erbe übernommen, dem er jedoch nicht gerecht werden kann. Zu seiner Verteidigung muss man jedoch sagen, dass – sofern man das erste sehr zähe Dritte überwunden hat – durchaus ein spannender und guter Krimi entstanden ist. Wenn auch keine würdige Fortsetzung.

Am meisten hat mich zu Beginn gestört, dass Lisbeth Salander so gar nicht die Figur ist, wie man sie kennt. Aus der eher zurückgezogenen, defensiven Frau macht Lagercrantz eine aktive Haudrauf-Insassin, die unüberlegt und blind agiert. Das passt in keiner Weise zu der Figur, wie man sie kennengelernt hat. Auch Mikael Blomkvist wird über lange Zeit nur als Aufreißer charakterisiert, das, was ihn eigentlich auszeichnete, kommt erst viel zu spät zum Tragen.

Tatsächlich wird man etwas entlohnt, wenn man nicht vorzeitig aufgibt – das ist aber nicht Sinn und Zweck eines Krimis. Unabhängig von der etwas verunglückten Figurenzeichnung, stehen zwei Krimifälle im Zentrum. Den um die junge Frau aus Bangladesh fand ich etwas zu oberflächlich und bemüht, um mich zu überzeugen; der zweite um Leo Mannheimer hingegen hatte nennenswert mehr Tiefgang und war für die Geschichte auch deutlich besser motiviert. Hier hätte Lagercrantz aber auch etwas mehr die Hintergründe ausbauen können, wie man es beispielsweise im ersten Teil der Millennium Serie sehen konnte.

Fazit: durchwachsen. Sehr schwacher Start, je näher man dem Ende kommt, desto besser wird der Roman allerdings, so dass es im letzten Drittel doch fast ein wenig an die echte Millennium Trilogie anknüpfen kann.