David Foenkinos – Lennon

Lennon von David Foenkinos
David Foenkinos – Lennon

John Lennon, ein Mann zwischen Genie und Wahnsinn. Als Kopf einer der erfolgreichsten Bands aller Zeiten wurde er weltberühmt, seine Musik hat Millionen von Menschen begeistert und ist heute noch genauso populär wie in den 1960ern. Aber nicht nur sein musikalisches Schaffen, sondern auch sein Privatleben fasziniert. Wer war die Frau an seiner Seite, die – so die globale Meinung – für das Ende der Beatles verantwortlich war? David Foenkinos lässt John Lennon selbst erzählen. In mehreren fiktiven Sitzungen bei einem Psychoanalytiker berichtet er von seiner Kindheit, den Anfängen der Beatles und der Faszination von Yoko Ono.

„Wir waren auch einsam. Einsam unter Millionen von Menschen. Wir lebten wie in einer Blase.“

David Foenkinos hat eine eher untypische Biographie geschrieben. Die Fakten sind recherchiert und belegt, aber die Ausgestaltung ist der Versuch sich dem Innenleben Lennons zu nähern, seine Psyche zu ergründen und vor allem die andere Seite des Stars darzustellen. Wer war der Mann, der mit „Imagine“ oder „Give Peace a Chance“ Hymnen für die Ewigkeit geschrieben hat?

Die ersten Sitzungen sind geprägt von Johns Kindheit in Liverpool. Die Mutter zu jung, der Vater auf See und damit mehr abwesend als präsent, wird er viel alleingelassen und zwischen den Erwachsenen hin und her geschoben. Erst als seine Tante Mimi dem Treiben ein Ende setzt und ihn endgültig bei sich aufnimmt, verläuft sein Leben in geregelten Bahnen. In den ersten Jahren mit der Band glaubt keiner an den großen Durchbruch, die kleinen Erfolge werden ausschweifend gefeiert und mit allerlei Drogen entfliehen sie der Realität. Dass sie plötzlich zum globalen Phänomen werden und überall hysterisch kreischende Mädchen auf sie warten, überfordert die vier Jungs vollends.  Doch so schnell wie ihr Aufstieg war, so schnell knirscht es auch zwischen ihnen und die Risse können immer weniger gekittet werden. Zunehmend entfernen sie sich voneinander und so kommt es zwangsläufig zur Auflösung.

„The guitar’s all right, John, but you’ll never make a living out of it.“

Diesen Satz hört John Lennon schon früh. Eine Karriere wie die seine ist eine Ausnahme und weder planbar noch absehbar. Foenkinos gelingt es den Menschen hinter dem Star hervorzubringen und ich fand vor allem den Fokus auf seine Herkunft und die unsäglichen Familienverhältnisse ungemein interessant. Hätte er diese Feinfühligkeit und Sensibilität entwickeln können, wenn er nicht unter diesen Umständen aufgewachsen wäre? Auch seine Faszination von Yoko Ono erklärt sich erst durch die Abwesenheit von Liebe und Verlässlichkeit in jungen Jahren. Dass Gefühl endlich nicht mehr allein zu sein auf der Welt, muss für ihn überwältigend gewesen sein.

David Foenkinos verleiht ihm einen leicht zynischen Ton, der für den erwachsenen Lennon sehr gut passt. Mit einer gewissen Bitterkeit, aus der auch viel Bedauern spricht, blickt er auf die Zeit der Beatles und das verdrießliche Ende, das die Band genommen hat. Gleichzeitig lässt er ihn aber auch reflektiert erscheinen, vor allem in Bezug auf sein Verhalten zu seinem ersten Sohn Julian und dessen Mutter Cynthia. Ob Lennon dies wirklich war, wird wohl nicht mehr geklärt werden können, aber Foenkinos Interpretation seines Charakters lässt dies durchaus möglich erscheinen.

David Foenkinos – Das geheime Leben des Monsieur Pick

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David Foenkinos – Das geheime Leben des Monsieur Pick

Im kleinen bretonischen Dorf Crozon will die Literaturagentin Delphine Despero mit ihrem Ehemann, seinerseits Autor, nur ein wenig Urlaub bei den Eltern machen. In der lokalen Bibliothek stoßen sie auf eine Kuriosität, die auf den früheren Leiter, einen gewissen Jean-Pierre Gourvec, zurückgeht: er sammelte Manuskripte abgelehnter Romane. Unter jeder Menge unbrauchbarem Text stoßen sie jedoch auf einen Schatz, der die Literaturlandschaft Frankreich verändern sollte: Henri Picks Roman „Die letzten Stunden einer großen Liebe“. Schnell machen sie auch den Autor ausfindig: der lokale Pizzabäcker, bereits seit zwei Jahren tot, hatte offenbar noch eine zweite, literarische Seite, die niemand kannte. Mit dem Erfolg des Romans steigt auch das Interesse am Autor bzw. seinen Hinterbliebenen, die gar nicht wissen, wie ihnen geschieht. Doch Erfolg ruft bekanntermaßen auch böse Geister auf den Plan, die mit daran verdienen wollen bzw. denen hauptsächlich daran gelegen ist, das Glück der anderen zu zerstören.

David Foenkinos ist bekannt für seine leichtfüßig Wohlfühl-Romane, die geschickt eben nicht seicht, sondern einfach begeisternd sind. Auch mit seinem Monsieur Pick kann er diesem Ruf wieder gerecht werden. Dieses Mal steht jedoch nicht die Liebe oder die Unmöglichkeit selbiger im Zentrum, sondern der Literaturbetrieb als solcher. Der Roman, der offenbar unheimlich gut ist – worum es geht, erfahren wir leider nie – und nicht ohne Wirkung auf die Leser bleibt, aber auch auf alle, die mit der Entstehung oder Veröffentlichung selbigen befasst sind. Bemerkenswert entwickelt sich die Geschichte um den verkannten Pizzabäcker zum Selbstläufer und kann von niemandem mehr kontrolliert werden. Ein regelrechter Medienhype entsteht. An dieser Stelle ist Foenkinos nicht nur sehr glaubwürdig und authentisch, sondern geradezu von der Realität überholt worden. Sein Satz

„Er würde (…) eine Gesellschaft kritisieren, in der alles auf eine gut verkäufliche Idee ankam und der eigentliche Text in den Hintergrund trat.“ (S. 189)

Zwingt dem Leser den Gedanken um die italienische Autorin Elena Ferrante geradezu auf (wobei die Jagd nach der Auflösung des Pseudonyms im großen Stil nach der Veröffentlichung von Foenkinos Roman aufgenommen wurde). Man hat keine Schwierigkeiten mehr sich vorzustellen, dass das Interesse an der mysteriösen Person hinter dem Roman größer ist als der literarische Wert des Werkes selbst.

Daneben spielt natürlich wieder die Liebe in all ihren positiven wie negativen Schattierungen eine Rolle. Des Autors wiederkehrendes Thema wird auch hier nicht als die rosarot verklärte Verliebtheit geschildert, sondern als komplexe Angelegenheit, die meist nicht ohne schmerzliche Erfahrungen auskommt. Alle Figuren lieben, auf ihre Weise, mal mehr, mal weniger, aber einfach ist es nie. Und doch finden sie irgendwie wieder ein bisschen Glück.

Auch wenn der Roman krimihafte Aspekte – die Suche nach dem wahren Autor – hat, stehen für mich doch eher die Figuren mit ihren unterschiedlichen Empfindlichkeiten sowie natürlich die etwas überzeichnete Darstellung des Literaturbetriebs im Vordergrund als die Auflösung des Mysteriums (das leider im deutschen Titel nicht übernommen wurde). In einem Interview mit der französischen Magazin Express sagte Foenkinos, dass er zeigen wollte, dass ein Manuskript das Leben der Menschen verändern kann, egal ob sie auf Seite der Autorenschaft oder als Leser damit in Berührung kommen. Eine Hommage an die Literatur und die Liebe habe er beabsichtigt – das ist ihm sehr überzeugend und unterhaltsam gelungen.